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Aline Westphals Leidenschaft ist die Luftgitarre

Musik liegt in der Luft Aline Westphals Leidenschaft ist die Luftgitarre

Aline Westphal ist deutsche Luftgitarrenmeisterin, und wenn sie spielt, schütteln Zuschauer die Köpfe – vor Entsetzen oder vor Begeisterung. ZiSH erklärt sie, warum das Spielen ohne Instrument eine Wissenschaft ist.

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Auf dem Sprung: In zwölf Tagen fährt Aline Westphal zu den Luftgitarrenweltmeisterschaften nach Finnland.

Quelle: Nico Herzog

Wenn Aline Westphal mit rotem Haar, künstlichen Wimpern, dunkel geschminkten Augen und Netzhandschuhen vor ihrem Publikum steht, scheint sie alles um sich herum zu vergessen: Sie geht in die Knie, reißt die Arme vor ihr Gesicht und schneidet Grimassen. Während andere Musiker sich an ihre Instrumente klammern, hat Aline nichts in der Hand, wenn sie auf der Bühne steht. Sie spielt Luftgitarre. Und das ziemlich gut. Die Burgwedelerin wurde im vergangenen Monat in Koblenz sogar deutsche Meisterin. Was viele nur als spontanen Spaß von Festivals oder Rockkonzerten kennen, hat die 26-Jährige an der Universität in Hildesheim ganz ernsthaft studiert.

„Medienästhetische Überlegungen zur Luftgitarre“ hieß das Seminar. Um es zu bestehen, musste Aline nicht nur den Ursprung der Luftgitarre analysieren, sondern es auch selbst ausprobieren. Die Teilnahme an der deutschen Luftgitarrenmeisterschaft war Pflicht. Mit Bravour kam sie durch die Qualifikation, in der Endrunde landete sie sogar auf dem vierten Platz. Das ist zwei Jahre her. Seitdem ist die unsichtbare Gitarre aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. Schuld daran ist Mathias Mertens.

Der gebürtige Hamelner ist Privatdozent an der Universität Hildesheim, wo er im Vorstand des Instituts für Medien und Theater sitzt. Mertens beschäftigt sich seit Jahren mit popkulturellen Erscheinungen, die auf den ersten Blick ein wenig abseitig erscheinen und im Universitätsalltag oft wenig Beachtung finden. Er ist Gründer und Organisator des Brickfilmfestivals „Steinerei“, bei dem Amateurfilmer Szenen mit Legomännchen stellen, fotografieren und zu kleinen Filmen zusammensetzen. Zu diesen „Stop-Motion“-Filmen lehrte Mertens an der Uni. Auch das Weiterschreiben von bekannten Romanen wie „Harry Potter“ untersuchte der Dozent.

Luftgitarre – ein popkulturelles Phänomen

Aline wählte sein Luftgitarrenseminar, weil sie den Eindruck hatte, dass die Themen an der Uni sich immer wieder glichen, nur anders aufbereitet seien. Zu diesem Zeitpunkt kannte sie die Luftgitarre nur von Konzerten und Festivals – eben von „irgendwelchen langhaarigen Metal-Typen, die noch nie eine Freundin hatten“.

Aber für Aline ist die Luftgitarre mehr – viel mehr. Ein popkulturelles Phänomen. Es hat seinen Ursprung in der Zeit der Elektrifizierung der Gitarre, sagt Mertens. Einige sagen, dass Joe Cocker bei seinem Auftritt in Woodstock 1969 das erste Mal Luftgitarre gespielt habe. Jedoch gäbe es auch Videos, die das Luftgitarrenspiel schon Jahre früher zeigten. „Die Luftgitarre entwickelte sich aus der Qualität der E-Gitarre“, erklärt der Dozent. Mit der Elektrifizierung der Gitarre wurde die akustische Gitarre, die eher als Rhythmusinstrument taugte, in den Hintergrund gedrängt. Die E-Gitarre wurde dominanter – und mit dem Instrument auch der Musiker. Das gefiel dem Publikum so sehr, dass es Bewegungen der Gitarristen übernahm und nicht länger nur Zuhörer war. Die Musiker wiederum fanden Bestätigung in ihren Nachahmern und trauten sich an der Gitarre immer mehr – sie wurden exzessiver. Die Grenze zwischen Band und Publikum verwischte. Fans trugen die Bewegungen, die sie live sahen, aus den Hallen. Luftgitarrenspieler imitieren die rausgestreckte Zunge von Kiss und spielen die Gitarre auf dem Rücken oder mit der Zunge wie Jimi Hendrix.

Die Gitarre so gut zu spielen wie Jimmy Hendrix ist gar nicht nötig, vielleicht eher hinderlich, sagt Mertens. Man müsse Musik darstellen können. Das kann Aline, auch wenn sie nur mäßig Gitarre spielt. Ein Luftgitarrenauftritt erzähle immer eine Geschichte, und eine Geschichte brauche immer eine Rolle, sagt Mertens. Und Aline spielt ihre Rolle „The Devil’s Niece“, die Nichte des Teufels, sehr überzeugend. Sich einen Charakter auszudenken sei für das Luftgitarrespielen sehr wichtig, sagt Mertens. „Als reale Person denkt man auf der Bühne zu viel darüber nach, was man tut und ist nicht mehr authentisch.“ Bei den Übungen zum Seminar überwandt Aline schnell ihre Scham. „Sie rockt, ohne zu ironisieren“, sagt Mertens.

Bei der Meisterschaft ist die Studentin besser als ihr Dozent

In der Uni setzen sie sich zusammen, schauten Videos und erstellten Checklisten. Wodurch zeichnet sich ein Gitarrist aus, was sind seine Merkmale? Sicherlich wirkte es schon ein wenig albern, was Gitarristen mit dem Instrument – oder auch ohne – da taten. „Wir haben es nicht nur als Blödsinn gesehen, aber eben auch nicht nur als eine hochwissenschaftliche Arbeit. Es ist die Mischung aus beidem.“

Der Dozent wollte den Studenten in seinem Kurs eine Lernumgebung zum Üben schaffen. „Ich verstehe mich nicht als Lehrer“, sagt er. Und den Umstand, dass er bei der diesjährigen deutschen Meisterschaft auch teilnahm und sich mit dem vierten Platz hinter Aline geschlagen geben musste, sieht er gelassen: „Ich bin eher stolz.“ Warum auch er Luftgitarre spielt, liege für ihn auf der Hand: „Ich bin Kultur- und Medienwissenschaftler, und es ist für mich selbstverständlich, dass ich meine Aussagen aus der Kenntnis heraus treffe.“

Nach der Teilnahme an der Meisterschaft 2009 kam den Studenten die Idee, eine Rockoper zu schreiben. Mertens spielt den Bösewicht „God of Hellfire“, der vier Luftgitarristen in die Hölle entführt. Damit tritt die Gruppe regelmäßig auf. „Wenn das Publikum die Anspielungen auf Rockgruppen und Lieder versteht, macht es ihnen richtig Spaß“ sagt Aline.

Die Freunde schämen sich, wenn Aline die Luftgitarre auspackt

Alines Freunde finden ihr Hobby mittlerweile spannend. Das war aber nicht immer so: „Weißt du Aline, ich studiere Medizin, und du machst so einen Blödsinn“, hieß es in ihrem Freundeskreis. Doch als die Freunde merkten, dass das Thema für Aline immer wichtiger wurde, stieg das Interesse. Dennoch schämen sie sich immer noch ein wenig, wenn sie gemeinsam auf dem Faust-Gelände in Linden-Nord feiern gehen und Aline die Gitarre auspackt.

Ihre Mutter konnte Aline noch nicht überzeugen. „Sie findet das total schräg, obwohl sie sonst sehr tolerant ist“, erklärt die Studentin. Sie fände es vermutlich schöner, wenn „The Devil’s Niece“ Ballett tanzen würde. Fotos, auf denen sie ihre Zunge rausstreckt, wie die Band Kiss es tut, mag ihre Mutter nicht.

Für Aline, die schon seit ihrer Jugend Theater spielt, bietet Luftgitarrespielen auch die Möglichkeit zur Entspannung. „Ich drifte total ab, wenn ich spiele. Das ist wie abspacken, aber auf hohem Niveau und mit Begründung. Ich darf das eben.“ Diese Freiheit genießt die 26-Jährige.

In der Diplomarbeit ist die Luftgitarre Thema

Gerade sitzt Aline noch an ihrer Diplomarbeit. Auch darin ist die Luftgitarre Thema. Durch Recherchen für ihre Abschlussarbeit kennt Alina nicht nur Ursprung der Luftgitarre, sondern kennt auch die internationale Szene. „Das ist nicht immer nützlich, denn ich weiß, was auf mich zukommt,“ sagt sie. In zwölf Tagen beginnt das internationale Kräftemessen im finnischen Oulu. Es wird vier Tage dauern, und Aline richtet sich auf viel Feierei ein, denn ihre Luftgitarrenkollegen werden mit nach Skandinavien fahren. Zum Finale sollen mehr als 7000 Zuschauer kommen. Bei der deutschen Meisterschaft in Koblenz waren es deutlich weniger.

Auch Mathias Mertens begleitet sie nach Oulu. Er hält sich mit Prognosen zurück. „Anders als beim Eiskunstlaufen, wo gewisse Standards hohe Punkte bringen, ist das Luftgitarrespielen eher geschmacksabhängig und orientiert sich an Trends“, sagt er. Aber weil der Gewinner der zwei vergangenen Jahre, Sylvain „Gunther Love“ Quimene aus Frankreich, eher experimentell auftrat und Aline eher klassisch spiele, seien ihre Chancen vielleicht ganz gut. Aber dennoch sei es schwer zu sagen, ob ihre Show erfolgreich sein wird – schließlich sei so eine Luftgitarrenweltmeisterschaft eine ziemlich schräge Veranstaltung.

Joss Doebler, Friederike Vogel und Felix Klabe

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