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Alltags-Apps im Praxistest

Tages-App-Läufe Alltags-Apps im Praxistest

Sanfter Weckruf, perfektes Frühstücksei, nie mehr verlaufen und immer informiert sein – das Smartphone als optimaler Freund und Helfer in allen Alltagsfragen? ZiSH-Autorin Isabell Korth hat sich einen Tag lang von Apps steuern lassen, Alisa Schellenberg ist offline geblieben. Ein Vergleich.

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Gar nicht mal so schlau: die Wecker-App „Smart Alarm Clock“.

Quelle: Steiner

Der digitale Tag: Schlaues Spielzeug für große Kinder

Um 9 Uhr wache ich auf. Neben mir im Bett liegt mein Smartphone, die „Smart Alarm Clock“ ist aktiviert, aber meine innere Uhr hat mich früher geweckt als die App. Mein digitaler Tag beginnt erfolglos.

Das Leben mit Smartphone ist mir neu. Normalerweise reicht mir mein sechs Jahre altes Handy, mit dem ich telefonieren, SMS schreiben und fotografieren kann. Aber heute teste ich, wie mir Apps den Alltag versüßen können. Bei der „Smart Alarm Clock“ legt man das Smartphone ins Bett, anhand der Bewegungen des Körpers soll es die Schlafphasen analysieren und beim optimalen Weckpunkt Alarm schlagen. Klingt ein wenig nach Hokuspokus. Als das Smartphone zehn Minuten später im Bett klingelt, bin ich längst aufgestanden.

Beim Frühstück gebe ich dem Super-Handy eine neue Chance und teste die App „Mein perfektes Ei“. Ich ermittle mit einem Maßband den Eidurchmesser, prüfe die Temperatur des Kühlschranks und tippe die gewünschte Eihärte ein. Das Smartphone zeigt einen Countdown an. Als ich mein „Medium“-Ei bei „Fertig“ vom Herd nehme und köpfe, ist es allerdings noch viel zu weich.

Das Frühstück mit Smartphone geht kompliziert weiter. Die App „CaloryGuard“ ist unübersichtlich, ich brauche eine Weile, um mich in dem Programm zurechtzufinden. Immerhin erfahre ich nicht nur, wie viele Kalorien mein misslungenes Frühstücksei hat, sondern bekomme automatisch ausgerechnet, wie viel ich bei meinem Körpergewicht und meiner Größe heute essen darf.

Die nächste App bringt die bisher größte Überraschung. Nur ein paar Sekunden halte ich das Smartphone vor das Radio, und obwohl der Moderator dazwischenbrabbelt, zeigt mir die App „Shazam“ sofort Künstler, Titel, Album und Links zu CD-Onlineverkauf und Bandwebsite an.

Zeit zum Morgensport. Laut der App „Rainy Days“ kommen Regenschauer auf mich zu, aber vor dem Fenster sehe ich kaum Wolken. Bevor ich losjogge, lege ich den Finger auf die Handykamera und messe per „Instant Heart Rate“ meinen Puls. Nach einigem Hin- und Herschwanken zeigt die App 72 an. Faszinierend. Nach ein paar Hundert Metern liegt mein Puls bei 142. Ruhepuls und Aktivpuls kann man dann abspeichern und beim nächsten Joggen vergleichen oder an Freunde schicken – falls sie das interessiert.

Sport macht Hunger. Über die Facebook-App verabrede ich mich mit einem Freund, das dauert nur wenige Sekunden. Wir treffen uns in der Nähe des Maschsees. Mit der App „Qype“ und dem GPS des Smartphones finde ich Restaurants in meiner Nähe. Wir suchen uns die „Bar Seña“ aus. In der Userbewertung hat sie vier von fünf Sternen abgestaubt – genauso viele wie die kulinarischen Größen McDonald’s und Burger King, was mich misstrauisch macht. In der „Bar Seña“ ist aber wie versprochen die Bedienung nett und das Essen lecker und recht preiswert. Ich bin zufrieden und verzeihe Qype das McDonald’s-Manko. Beim Essen geht das Kalorienzählen weiter. Die Mengen muss ich raten, dafür kennt „CaloryGuard“ sogar Chorizo, eine spanische Paprikawurst. Mein Gegenüber toleriert mein Herumgetippe gelassen. Alle paar Minuten das Handy zu zücken scheint inzwischen ganz normal zu sein.

Mal schauen, ob mir das Smartphone auch beim Einkaufen helfen kann. Ich teste den „Bar-code Scanner“ und scanne eine Dose Ravioli. Die App erkennt die Dose zwar schnell, vergleicht den Preis allerdings nur mit Produkten im Internet statt mit denen anderer Supermarktketten. Mageres Fazit: Meine Laden-Ravioli sind günstiger als die im Onlineshop.

Jetzt will ich ausprobieren, wie zuverlässig mich Google Earth durch die Stadt navigieren kann. Die Teststrecke soll vom Raschplatz zum Clementinenhaus und zur Haltestelle Werderstraße führen. Das GPS ortet mich zwischendurch auf Hausdächern und lässt mich einige Umwege laufen, die ich mir durch Umschauen und etwas menschlichem Orientierungssinn gespart hätte. In einer halben Stunde bin ich am Krankenhaus. Dort gibt der am Tag zuvor aufgeladene Smartphone-Akku auf, und ich bin auf mich allein gestellt. Den Weg zur Werderstraße finde ich so nur mühsam.

Als ich nach Hause komme, ist es schon dunkel. Ich lade den Akku auf, klicke mich zur App „Google Sky Map“ und starre auf einen digitalen Sternenhimmel. Die App versorgt mich zwar mit detaillierten Infos über Orion und Co., aber die romantische Stimmung bleibt aus. Und das am ersten Tag, an dem draußen tatsächlich mal wieder Sterne zu sehen sind. Trotz vieler amüsanter Apps freue ich mich darauf, mich ganz analog schlafen zu legen.

Isabell Korth

Der analoge Tag: Mit Notizblock und Stadtplan

Mein Wecker schrillt mit erbarmungslos penetrantem Klingelton. Ich drücke zum zweiten Mal auf die Snooze-Taste. Gestern Abend habe ich mir an den Fingern abgezählt, dass mein Handywecker nach acht Stunden erholsamen Schlafes um 9 Uhr klingeln darf. Dann war der Krimi zu spannend – nun habe ich höchstens sechs Stunden geschlafen und möchte mich noch einmal auf die andere Seite drehen. Dass ich mit dem Sleep Timer ausgeschlafener in den Tag gestartet wäre, glaube ich nicht. Keine App kann ahnen, wie lange ich nachts lese.

Bevor ich mich an den Frühstückstisch setze, aktiviere ich die Küchenwaage. Auf der Packung steht, dass die empfohlenen 30 Gramm Cornflakes mit 125 Milliliter fettarmer Milch 185 Kalorien haben. Die Milch in unserem Kühlschrank hat 3,5 Prozent Fett. Ich runde auf und notiere 250 Kalorien auf meinem Notizzettel. Während meiner Lebensmittelkontrolle hat meine Schwester genervt das Gesicht verzogen und sich hinter der Zeitung versteckt. Als ich beginne, mein abgewogenes Frühstück zu essen, ist sie schon fast fertig. Zu einem Frühstücksei kann ich sie trotzdem überreden. Für ein perfektes hart gekochtes Ei braucht unser Herd genau neun Minuten, das weiß ich aus dem Kopf. Wie viele Kalorien so ein Frühstücksei hat, weiß ich nicht. Auf meinem Kalorienzettel notiere ich einfach ein dickes Plus hinter den Cornflakes.

Wir hören NDR 2. Inzwischen ist es 10.50 Uhr, den Song im Radio kenne ich nicht. Ich schnappe mir das Telefonbuch. Beim Norddeutschen Rundfunk wird mir sofort weitergeholfen: „Dancehall Days“ von Vang Chung. Davor lief „Behind Blue Eyes“ von Limp Bizkit. Das hätte mir ein Smartphone nicht mitteilen können.

Die Zeitung prophezeit für heute Temperaturschwankungen im Bereich von 14 bis 22 Grad – warm genug für eine Laufrunde in kurzer Hose. Mein Smartphone vermisse ich dabei nicht. Fitness-Apps verlassen sich auf Algorithmen, kennen meine Launen und den linken Fußknöchel nicht, den ich mir vor ein paar Monaten verstaucht habe. Nach einer Runde um den Maschsee beschließe ich, dass es reicht.

Zurück zu Hause schreibe ich an Merle. Die SMS kostet mich 11 Cent. Die Investition hat sich gelohnt, Merle hat Zeit für ein gemeinsames Mittagessen. Für den zweiten Anruf nutze ich die Festnetz-Flatrate, meine Freundin Nantke ist auch dabei.

Wir treffen uns am Küchengarten. Die Mittagstische in Linden haben wir bereits häufiger erprobt, Preise und Qualität des Essens haben wir ungefähr im Kopf. Entspannt in der Sonne zu sitzen ist uns heute wichtiger als eine kulinarische Spezialität. Nach kurzem Abwägen entscheiden wir uns für das Centrum am Lindener Marktplatz. Ich bestelle einen Schafskäsesalat und eine Rhabarbersaftschorle. Der Kalorienzettel ist so tief in meiner Tasche versteckt, dass ich ihn nicht mehr ertasten kann.

Natürlich ist das eine Ausrede. Ich überlege, ob es unhöflicher ist, beim Essen mit dem Smartphone zu spielen oder mit Bleistift und Notizzettel Kalorienrechnungen anzustellen. Dass ich einen Salat gegessen habe, kann ich mir schließlich auch im Kopf merken.

Später kaufe ich ein, im Kühlschrank fehlt Milch. Beim Discounter kostet ein Liter Biomilch 95 Cent. Da ich keine Barcode-App habe, laufe ich zur Konkurrenz und stelle den Preisvergleich persönlich an: ebenfalls 95 Cent. Vielleicht lohnt sich so ein Preisvergleich zu Fuß erst bei größeren Anschaffungen. Zwischen Kühlregal und Kasse verliere ich meine Einkaufs- und Kalorienliste.

Ich stehe am Raschplatz. Den Weg zum Clementinenhaus ohne Smartphone-Navi zu finden, dürfte kein Problem sein, denke ich mir. Nach zwei Stationen mit der Stadtbahn steige ich an der Lister Meile aus und laufe zielstrebig zum Haupteingang der kleinen Klinik in der List. Aber der schnellste Weg von hier zur Haltestelle Werderstraße? Vielleicht war ich zu großspurig. Mein Hannover-Stadtplan ist ein vergilbtes Papier, vielleicht aus den Achtzigern, und hilft mir auch nicht weiter. Die kleinen Straßen sind nicht eingezeichnet, und ich laufe einmal unnötig um den Block.

Am Abend sitze ich mit Freunden auf einem Steg am Maschsee, wir wollen Sternbilder bestimmen. Es ist bewölkt, aber nach einer Weile erspähe ich den Großen Wagen. Die anderen Sternbilder, die mein Naturkundebuch aus der Grundschule in Augustnächten prophezeit, haben sich versteckt. Noch wahrscheinlicher ist, dass ich die Karte falsch lese.Also klappe ich das Buch zu und genieße einfach den milden Abend.


Alisa Schellenberg

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