15°/ 9° wolkig

Navigation:
Abo bestellen HAZ-Shop HAZ Media Store AboPlus HAZ Service
„Auch unsere Fans werden bedroht“
Mehr aus ZiSH

Feine Sahne Fischfilet im Interview „Auch unsere Fans werden bedroht“

Die Punkband Feine Sahne Fischfilet engagiert sich in der ostdeutschen Provinz gegen Neonazis und 
Faschismus. Nicht ohne Konsequenzen: Für ihren Aktivismus werden sie von Rechtsradikalen bedroht und vom Verfassungsschutz beobachtet. ZiSH hat mit Sänger Monchi über das Aufwachsen auf dem Land und Alltagsrassismus
gesprochen.

Voriger Artikel
Mit ZiSH zu Me and My Drummer
Nächster Artikel
Rainers Schwaben-Pop

Keine Kunst, sondern Mittel zum Zweck – Feine Sahne Fischfilet sehen sich als „Antifaschisten, die Musik machen“ und setzen sich gegen Rechtsextreme ein. So hat die Band aus Rostock und Greifswald, die sich 2007 gegründet hat, weniger mit ihrem dritten Album „Scheitern und Verstehen“ für Aufsehen gesorgt als mit ihrem Verhältnis zum Verfassungsschutz in Schwerin: Die Band wurde im Verfassungsschutzbericht 2011 auf zwei Seiten erwähnt, unter anderem wegen einer „explizit antistaatlichen Haltung“. Für die Aufmerksamkeit der Medien bedankte sich die Band um Sänger Monchi mit einem spontanen Besuch beim Verfassungsschutz und einem Präsentkorb. Doch ganz so locker sehen Feine Sahne Fischfilet die Angelegenheit nicht: Eine Klage, durch die sie die Streichung aus dem Bericht erreichen wollen, läuft. Am 8. Februar spielt die Band im Indiego Glocksee, Glockseestraße 35. Der Eintritt kostet 10 Euro. ZiSH verlost zweimal zwei Karten. Einfach am Dienstag, 22. Januar um 15 Uhr unter (05 11) 5 18 18 07 anrufen und mit etwas Glück gewinnen.

Quelle: Ole Olè

Eure Single „Komplett im Arsch“ handelt von schlechten Zukunftsaussichten und Hoffnungslosigkeit. Das Musikvideo dazu zeigt das Leben in der Provinz: zwischen Langeweile und dem Abhängen mit Freunden. Wünschst du dir manchmal, nicht im mecklenburgischen Hinterland aufgewachsen zu sein oder die Provinz zu verlassen?

Auf den Dörfern und in der Provinz herrscht unseres Erachtens nach viel Tristesse. Der einzige Jugendklub ist die Bushaltestelle, und in der näheren Umgebung gibt es nur die immer gleiche Dorfdisko.Das heißt jedoch nicht, dass wir jeden Tag geheult haben, weil wir alles doof fanden.Man musste sich selbst Alternativen schaffen. So feiert man dann Mal eine Goa-Party auf einem Acker. Momentan könnten wir es uns jedoch nicht mehr vorstellen, auf den Dörfern zu wohnen. Da fühlt man sich in Städten wie Greifswald und Rostock schon wohler.

Bekannt geworden seid ihr mit eurem Engagement gegen Nazis und Rechte, die in eurer Region sehr präsent sind und viel Einfluss haben. Wie sieht das im Alltag in der Provinz aus?

Die Nazis und ihre Ideologie sind hier fest verankert: Etwa 40 000 Menschen haben bei der letzten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern die NPD gewählt und Alltagsrassismus ist weitverbreitet – die Wahrnehmung vom „bösen Nazi“ gibt es oftmals in dieser Form nicht. Natürlich ist hier nicht jeder ein Nazi, aber die Ignoranz und Gleichgültigkeit der Bürger macht es den Rechten leicht.

Gilt das auch für junge Menschen? Wie positionieren sich Jugendliche?

Wer sich deutlich gegen die Rechten positioniert, gerät in den Fokus – da gibt es regelmäßig aufs Maul. Gerade die Angst vor Übergriffen führt dazu, dass viele junge Menschen sich nicht trauen, gegen Neonazis Stellung zu beziehen.

Kann man einen Nazi überhaupt noch erkennen?

Nein, in Springerstiefeln und Bomberjacke, wie in den Neunzigern, laufen nur wenige herum. Natürlich gibt es einschlägige Modemarken wie „Thor Steinar“. Einen Nazi erkennt man am Denken. Wenn man sich mit solchen Leuten unterhält, wird ziemlich schnell klar, wo sie stehen.

Viele Punkbands setzen sich gegen Rassismus und Faschismus ein. Man könnte den Eindruck haben, dass viele sich positionieren, um ein Publikum in linken Kreisen anzusprechen. Unterscheidet euch etwas von diesen Bands?

Ich kenne das Problem. Parolen zu dreschen scheint in der Szene Standard zu sein. Das wird aber schnell peinlich, wenn in der eigenen Stadt ein Nazi-Aufmarsch stattfindet und die Band, die eben noch große Töne gespuckt hat, zu Hause bleibt.

Meinst du, dass bekannte Bands mit linken Wurzeln, wie zum Beispiel Die Ärzte oder Die Toten Hosen, sich ausreichend gegen rechts engagieren?

Diese Bands haben einen Status erreicht, bei dem sie das Privileg und den Luxus haben, sich vor einer breiten Öffentlichkeit zu positionieren. Klar würde ich mir da mehr Statements, zum Beispiel gegen umstrittene Bands wie Frei.Wild wünschen. Diese Bands könnten viel Arbeit leisten, wenn sie über ihren Tellerrand schauen und auch mal in der Provinz Konzerte spielen würden, wo es eben Probleme mit Nazis gibt. Deswegen haben wir unser letztes
 Releasekonzert auch nicht in einer großen Halle in Rostock gespielt, sondern vor ein paar Hundert Leuten auf dem Land. Es gab Vorträge gegen rechts. Das ist Arbeit, die sinnvoll ist und geleistet werden muss.

Wie ihr zu den Rechten steht, scheint deutlich. Wie reagieren die Nazis auf euch? Gibt es Konfrontationen?

Es kommt regelmäßig zu Aufeinandertreffen. Nicht nur wir werden bedroht, sondern auch unsere Fans. Deswegen lassen wir auf Konzertfotos die Gesichter des Publikums verpixeln – Selbstschutz ist wichtig. Unser Bandbus wurde schon öfter angegriffen. Einmal haben Nazis Buttersäure in den Konzertsaal gekippt, um die Show zu verhindern. Rechte Gruppen haben Tausende Sticker mit meinem gespaltenen Kopf im ganzen Bundesland verteilt.

Auch ihr seid nicht unumstritten: Wegen eurer angeblich „explizit antistaatlichen Haltung“ werdet ihr im Bericht des Verfassungsschutzes von Mecklenburg-Vorpommern erwähnt. Wie habt ihr davon erfahren?

Freunde von uns haben den Bericht gelesen, um herauszufinden, inwiefern die Morde der rechten Terrorgruppe NSU aufgeklärt wurden. Dabei sind sie auf zwei Seiten im Bericht gestoßen, auf denen es um uns geht.

Wie habt ihr reagiert?

Zuerst haben wir es nicht geglaubt. Es ist einfach lächerlich, dass für uns zwei Seiten verwendet wurden und die rechten Bands aus der Umgebung auf einer halben Seite abgehandelt werden. Wir haben Klage eingereicht, um die Passage aus dem Bericht entfernen zu lassen.

Klingt nicht, als wenn ihr euch in der Schuld seht. Euch wird aber Landfriedensbruch und Einschränkung der freien Meinungsäußerung auf Nazi-Demos vorgeworfen. Wie steht ihr zum Thema Gewalt?

Wir sind Antifaschisten, und man muss den Nazis entgegentreten. Da hilft es nicht, ein „Bratwurst essen gegen rechts“ zu veranstalten. Blockaden gegen Nazi-Aufmärsche finden wir unterstützenswert.

Welche Rolle spielt Gewalt bei eurem Engagement?

Ich werde nicht in Tränen ausbrechen, wenn ein Mensch, der sich bewusst für so eine menschenverachtende Ideologie entschieden hat, eine aufs Maul bekommen hat. Ich will aber auch klarstellen, dass wir nicht durch die Gegend laufen, auf der Suche nach Streit, Gewalt oder einer Schlägerei. Wer hier aufgewachsen ist und sich positioniert, muss sich wehren können. Das tue ich, und ich habe schon oft auf die Fresse gekriegt.

Sieht das die ganz Band so? Wie entstehen eure Texte?

Wir sind alle Antifaschisten, da sind wir klar auf einer Linie. Bei uns schreiben immer mehrere Leute die Texte. Wenn jemand eine Idee hat, diskutieren wir darüber – da passiert nichts im Alleingang.

Ihr wart nicht immer die politische Band, die ihr heute seid – in älteren Songs geht es mehr um „Saufen, Ficken und Spaß“.

Für viele der alten Songs schämen wir uns. Einiges davon ist sexistisch und schwulenfeindlich. Wenn das erste Album nicht ausverkauft wäre, würden wir es sicher nicht mehr anbieten. Es ist natürlich auch wichtig, seine eigenen Fehler zu sehen und gegebenenfalls neue Wege zu gehen.

Gab es einen Schlüsselmoment, an dem ihr entschieden habt, politisch zu werden?

Eigentlich war es mehr ein Prozess: Die Band hat sich entwickelt, wir haben die Phrasen, die wir gedroschen haben, hinterfragt und eigene Standpunkte gebildet. So wurden wir politisiert. Aber es gab auch solche Schlüsselmomente: Ein Freund von uns wurde in Berlin von Nazis ins Koma geprügelt. Das sind Situationen, die einen schockieren und wo man sich bewusst wird, dass es wichtig ist, gegen die Faschisten vorzugehen.

Nervt es, als „linke Punkband“ wahrgenommen zu werden oder den Leuten immer wieder euren Standpunkt zu erklären?

Wir vertreten unseren Standpunkt gerne, und es sollte mehr Bands geben, die politisch aktiv werden. Ich will aber nicht nur darüber definiert werden, denn wir haben uns auch musikalisch weiterentwickelt.

In einem Interview hast du gesagt: „Wenn es nach mir geht, könnten wir die nächste Party auch in einem Jacuzzi feiern.“ Du scheinst kein Problem mit dem Reichwerden zu haben. Wie lange sind Mainstream und „Reichtum“ mit Aktikvismus und Punkideologie vereinbar?

So habe ich das nicht gemeint. Ich habe nichts gegen Partys oder einen Jacuzzi. Solange die Menschen sich nicht komplett verändern, freue ich mich für Personen, die von dem leben können, was ihnen Spaß macht.

Interview: Manuel Behrens

Lebenszeichen vom Land

Als erste Punkband haben es Feine Sahne Fischfilet auf das Hamburger Elektro-Label Audiolith geschafft. Die raue Produktion ihres dritten Albums „Scheitern und Verstehen“ passt zu Sänger Monchis Reibeisenstimme, Gitarrist und Sänger „Tscherni“ trifft nicht immer den Ton, und an einigen Stellen rumpelt es mächtig. Bläsermelodien geben den Songs die nötige Abwechslung. „Scheitern und Verstehen“ ist ein Album, das wie gemacht ist für das autonome Jugendzentrum, in dem Zeilen wie „Komplett im Arsch“ mitgegrölt werden. Textlich zeigen sich Feine Sahne Fischfilet als Beobachter ihrer Lebenswelt: Um die Tristesse der Provinz auszuhalten („Geschichten aus Jarmen“), braucht man gute Freunde („Mit dir“). Politische Songs wie „Riot in My Heart“ erzählen Geschichten aus einer Gegend, in der Faschismus nicht nur ein Kapitel im Schulbuch ist, sondern auch als Parole an Häuserwände geschmiert wird.

Manuel Behrens

Voriger Artikel Voriger Artikel
Nächster Artikel Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
„Frei.Wild“ im Capitol
Foto: Die Band „Frei.Wild“ demonstriert am 21.03.2013 in Berlin vor dem Veranstaltungsort der Echo-Gala.

Das geplante Konzert der umstrittenen Band „Frei.Wild“ im Capitol wird nun auch vom Bezirksrat Linden-Limmer verurteilt. „Frei.Wild“ schüre in ihren Texten Vorurteile gegenüber Andersdenkenden und betreibe Geschichtsrevisionismus, heißt es in einer Resolution.

mehr
Anzeige