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Beim Auslandspraktikum über Grenzen gehen

Studentin in Polen Beim Auslandspraktikum über Grenzen gehen

Praktika sind aus den Lebensläufen von Berufseinsteigern kaum noch wegzudenken. Ins Ausland wagen sich allerdings nur die wenigsten. Doch es lohnt sich. Patrycja berichtet auf ZiSH von ihren Erfahrungen in einem Hotel an der polnischen Ostseeküste.

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Während ihres Praktikums in Polen hat Patrycja viel gearbeitet – doch Zeit für einen Strandbesuch war immer drin.

Quelle: Privat

Nachdenklich lehnt Patrycja Jaroszewski am Fensterrahmen ihres Büros und blickt auf die tosende Ostsee. Dem Meeresklima an der polnischen Küste wird eine anregende, heilende Wirkung nachgesagt. Gegen Heimweh hilft das Wasser jedoch nicht. Patrycja vermisst ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Freunde und ihren Mops Amy in Hannover.

Eigentlich müsste sie sich in Kolberg heimisch fühlen. Patrycja ist gebürtige Polin. So war auch für sie die Entscheidung, für ein Praktikum nach Polen zu gehen, schnell gefallen. Für ihren Bachelorabschluss im Fach „Internationales Medienmanagement“ an der Universität Hildesheim ist ein dreimonatiges Praktikum Pflicht. Für Patrycja bot sich so die Chance, ihre Heimat, die sie mit ihrer Familie vor 13 Jahren verließ, neu kennenzulernen. „Ich habe die Menschen in Polen immer für sehr herzlich und offen gehalten“, sagt sie. „Mich interessierte vor allem, ob sie bei der Arbeit genauso sind oder eher distanziert wie die Deutschen.“

Auch wenn Patrycja die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Polen verbrachte, sie dort die Schule besuchte und noch immer alte Freundschaften in ihrem polnischen Heimatort Piła pflegt, hat sie in den Wochen vor Reiseantritt an ihrer Entscheidung gezweifelt. Die Vorstellung, drei Monate womöglich nur mit langweiligen Kopierarbeiten betraut zu werden, bereitete ihr Kopfzerbrechen – unnötigerweise, wie sich herausstellen sollte.

Viel Vertrauen und Verantwortung

Patrycja sitzt an ihrem Schreibtisch aus hellem Holz, vor ihr steht ein Computer, daneben ein Foto von ihrem Hund Amy. Durch ein großes Fenster blickt die 23-Jährige direkt auf die Ostsee. Es ist ruhig. Nur hin und wieder dringt die freundliche Stimme der Sekretärin durch die Wand des Vorzimmers. Als Praktikantin im Hotel Verano hat Patrycja ihr eigenes Reich zum Arbeiten. „Es war schon klasse, dass mir alle gleich so viel zugetraut haben“, sagt die Studentin.

Das Hotel Verano in der Hafenstadt Kolberg, hundert Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, hat sich der Gesundheit und Entspannung seiner Gäste verschrieben und bietet Swimmingpool, zwei Tennisplätze und eine Grillstelle. Während die Gäste sich bei Wassergymnastik entspannen, ist Patrycja meist hinter den Kulissen im Einsatz. Im Marketing und Eventmanagement organisiert die 23-Jährige Mitarbeiterschulungen, Geschäftsreisen und erarbeitet eine Werbekampagne für das Frühlingsangebot des Hotels.

In der Ruhe ihres Büros brütet die Praktikantin konzentriert über den anspruchsvollen Aufgaben. Patrycja schaut auf die tosende Ostsee, ihre Gedanken kreisen um eine Rede, die sie für den Hoteldirektor schreiben soll. Er spricht auf einer nationalen Klimakonferenz, zu der sich Wissenschaftler und Mitarbeiter des polnischen Umweltministeriums im Hotel treffen. Weil ihr die meisten polnischen Fachbegriffe fehlen, sitzt sie auch nach Feierabend noch bis spät in die Nacht in ihrem Zimmer und kämpft sich durch polnische Fachliteratur. „Ich dachte wirklich, ich würde gutes Polnisch sprechen, doch die Hälfte der Wörter hatte ich noch nie gehört.“ Ganz langsam, Wort für Wort, entsteht die Rede. „Je näher der Abgabetermin rückte, desto nervöser wurde ich“, blickt Patrycja zurück. Auch ihr Chef macht Druck. „Wenn ihm mein Entwurf nicht gefiel, landete er im Müll. Dann war mir richtig zum Heulen.“

Lohn für die Mühe

Gerade in solchen Momenten vermisst Patrycja ihre Familie und ihre Freunde. Es ist das erste Mal, dass sie so lange von ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern getrennt ist. Regelmäßig skypt und telefoniert Patrycja mit Familie und Freunden. Einmal im Monat fährt sie mit dem Bus nach Hannover. Die Heimfahrten finanziert Patrycja von ihren Ersparnissen. Einen Teil ihres Lebensunterhalts übernimmt der Deutsche Akademische Austausch Dienst, denn Patrycja ist Erasmus-Stipendiatin. Sie wird mit 400 Euro jeden Monat unterstützt. Ein Praktikumsgehalt gibt es nicht. Das Hotel übernimmt nur Verpflegung und Unterkunft.

Ihr Einsatz wird anders belohnt: Auf der Klimakonferenz lobt ihr Chef sie vor allen Teilnehmern als zuverlässige und sehr engagierte Mitarbeiterin. „Ich war in diesem Moment unglaublich stolz, diese schwierige Aufgabe geschafft zu haben.“ Nach anstrengenden Tagen entspannt sich Patrycja in der Salzgrotte im Wellnessbereich des Hotels – oder sie geht am Strand laufen. „Es gab Momente, in denen ich nur beim Joggen den Kopf freibekam“, sagt sie. „Freizeit hatte ich kaum.“

Doch die Arbeit macht Patrycja Spaß. Auch das Verhältnis zu den Kollegen ist super. Von Anfang an fühlt sie sich so integriert, als hätte sie schon Jahre in dem Hotel gearbeitet. „Alle waren so warmherzig und freundlich – es war wie in einer Familie“, sagt die Studentin. Auch in Deutschland hatte sie in diversen Nebenjobs schon mit einigen Kollegen zusammengearbeitet. „Die waren zwar alle sehr nett, aber das Verhältnis war eher kühl und distanziert“, sagt Patrycja.

Kollegen wie eine Großfamilie

In dem polnischen Hotel begrüßt sie die Sekretärin dagegen morgens mit einer Umarmung und quatscht mit den Kollegen am Frühstückstisch über Krankheiten der Haustiere. Gelegentlich trifft sie sich auch zum Kinobesuch oder zum abendlichen Essen mit ihren Kollegen. „Die Leute mochten sich hier nicht nur als Mitarbeiter, sondern haben sich auch menschlich sehr geschätzt“, sagt Patrycja. In Deutschland dagegen werde Arbeit und Privates eher getrennt.

Das positive Arbeitsklima bewirkt, dass das Heimweh mit der Zeit nicht mehr so groß ist. Nur an das polnische Essen kann sich Patrycja nicht gewöhnen. Es ist ihr zu rustikal und mit zu viel Fett zubereitet. „Selbst einen Salat essen viele Polen mit einem großen Kleks Mayonnaise“, sagt sie. Patrycja isst dagegen lieber frischen Fisch, Pierogi – mit Sauerkraut gefüllte Teigtaschen – den Eintopf Barszcz und polnischen Käse, den sie schon in ihrer Kindheit gerne mochte. Doch vor allem zum Frühstück fehlt ihr das Früchtemüsli von zu Hause.

„Auch wenn ich in Polen aufgewachsen bin und ich die Mentalität der Menschen kenne, ist meine Heimat dort, wo meine Familie und meine Freunde sind“, sagt sie. Und dort will sie erst mal ihren Master machen. So viel steht fest. nach dem Studium kann sich Patrycja aber schon vorstellen, für einen festen Arbeitsplatz in ihr Geburtsland zurückzukehren. „Das Arbeiten in Polen ist sehr angenehm, und man bekommt als Berufsstarter viel Verantwortung, auch wenn das viel Anstrengung erfordert.“ Nach Kolberg wird sie jedoch nur für einen Urlaub zurückkehren. Denn beruflich möchte sie noch mehr kennenlernen als Tourismusmarketing.

ZiSH/Isabel Christian



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