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Beim Auslandssemester zwischen Welten studieren

Als Student in China Beim Auslandssemester zwischen Welten studieren

Mike mag Asien. Deswegen geht der Student für fünf Monate nach Hongkong. Dort lebt und lernt er in einer Welt der Gegensätze – auf dem Campus, der eine Stadt in der Stadt ist. Doch der größte Kulturschock ist sein holländischer Mitbewohner. Der letzte Teil der ZiSH-Auslandsserie.

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Quelle: Privat

Mehr als sieben Millionen Einwohner. Der teuerste Wohnraum der Welt. Die dichteste Besiedlung der Welt. Hongkong ist eine besondere Stadt.

Mittendrin Mike Dahlmeier. Seine Kommilitonen rufen ihn zur Wasserschlacht, der Willkommenstradition für neue Studenten. Er hat seinen ersten Tag an der Chinese University of Hongkong und steht mit feuchtem T-Shirt auf dem Basketballplatz seiner Uni. Die Studenten spritzen sich mit Wasser aus Eimern und Wasserpistolen nass. 40 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit – Mike verbringt seinen ersten Tag in Hongkong durchnässt, ob mit Wasserschlacht oder ohne.

16 000 Euro zahlen die Studenten 
in Hongkong – pro Jahr

Der 27-Jährige studiert in Hannover Maschinenbau im neunten Semester. Für fünf Monate war er Anfang des Jahres Gast an der Chinese University of Hongkong. Die Uni gehört laut Hochschulrankings zu den besten fünf Universitäten in Asien. „Die Qualität der Lehre und die Ausstattung sind sehr hoch“, sagt Mike. Einer seiner Dozenten ist ein Physik-Nobelpreisträger. Die Institute sind bestens ausgestattet. Mike war besonders von den vielen Bibliotheken begeistert. Doch das hat alles seinen Preis. Chinesische Studenten zahlen 16 000 Euro pro Jahr. „Einige haben ein Stipendium“, sagt Mike. Andere haben reiche Eltern. Der Rest verschuldet sich mitsamt der Familie für die Ausbildung. Mike muss keine Studiengebühren zahlen, die Uni Hannover hat ein Partnerschaftsprogramm mit der chinesischen Uni. Außerdem bekommt er ein Stipendium der Ulderup-Stiftung, die Maschinenbaustudenten fördert und auch seine Flüge gezahlt hat. In Deutschland unterstützen ihn seine Eltern, zudem arbeitet er als Hiwi am Institut für Werkstoffkunde, ist Squash-Trainer beim Hochschulsport und jobbt als Barkeeper auf Messen.
20 000 junge Menschen studieren allein an der Chinese University of Hongkong – so viele wie insgesamt in Hannover. Doch die Uni ist nur eine von elf Hochschulen in der Metropole Hongkong.
Hongkongs Cage People gelangten zu traurigem Ruhm. Heute gibt es nach offiziellen Angaben 100 000 Cage People, die in winzigen, ja, Käfigen schlafen, zu immer noch horrenden Preisen von bis zu 150 Euro Miete. Mike hatte mehr Platz. Und zahlt weniger Miete. Ihm wurde ein Zimmer auf dem Campus zugeteilt. Zwölf Quadratmeter, und zwar zu zweit. „Das war schon eine Umstellung“, sagt Mike, der in Hannover in einer WG wohnt. Er lebte mit einem Holländer zusammen – Amar. Die Unterschiede zu dem Hobby-DJ empfand Mike größer als zu den asiatischen Studenten. „Der war einfach immer gut drauf, immer“, sagt er. „selbst, als er sich beim Uni-Sport den Arm gebrochen hat.“ Das gemeinsame Zimmer war karg möbliert, Bett, Tisch, Schrank. Und kalt. Denn die Fenster waren nicht isoliert, eine Heizung gab es erst gar nicht. Mit 23 anderen teilte er sich die acht Duschen und acht Toiletten auf dem Gang. Immerhin, er zahlte nur 100 Euro im Monat.
Mike findet das Studium in Hongkong verschulter als in Hannover. Es wird mehr vorgegeben, es gibt auch mehr Hausaufgaben. „Man muss zwar im Semester mehr tun und wird öfter geprüft, so ist aber das Risiko durchzufallen geringer.“ Dafür waren die Kurse mit maximal 25 Studenten viel kleiner als die meisten in Hannover.
Der Campus ist ein weit von der Innenstadt entferntes, in sich geschlossenes System, in dem fast alle Studenten wohnen. Es ist eine Stadt für sich, mit eigenem Bussystem, Restaurants, Supermarkt, Friseuren, Schwimmbad und natürlich Bibliotheken. „Man muss da gar nicht raus“, sagt Mike. Viele asiatische Studenten machen das auch gar nicht. „Die extrem hohen Studiengebühren disziplinieren“, sagt Mike. Er hat von vielen Kommilitonen gehört, bei denen die gesamte Hoffnung der Eltern auf dem Kind liegt, das sie nach vielen Entbehrungen zur Uni geschickt haben. „Versagt das Kind, versagt die ganze Familie“, sagt Mike.
Auch das gehört zum Gemeinsinn, wie es Mike nennt. Dessen positive Seite hat er in China schätzen gelernt. „Einmal in der Mensa ist mir ein richtiger Fauxpas unterlaufen. Ich habe mein Tablett selbst weggeräumt“ – wie er das in der Mensa in Hannover immer macht. Später erfuhr er, dass das als respektlos angesehen wird. Er würde so den Angestellten, die die Tabletts wegräumen, den Job wegnehmen.

Vergiss Facebook – Sport ist die beste Kontaktbörse

Auch wenn er schon mehrfach in Asien war – diese besondere Stadt war auch für ihn komplett neu. Mike versuchte sich schnell in das Leben in der Stadt und der Uni einzuleben. Er wollte nicht nur mit anderen ausländischen Studenten rumhängen. Also suchte er den Kontakt zu den Einheimischen. Er trug sich für die Uni-Mannschaften Squash und Basketball ein, eine ideale, nicht zu aufdringliche Annährung. „Meine asiatischen Kommilitonen interessierten sich zwar sehr für Ausländer und waren sehr höflich, aber auch sehr zurückhaltend“, sagt der 27-Jährige. Der Sport war ein gemeinsames Thema und Ausgangspunkt, sich auch mal nachmittags anzurufen und etwas zu unternehmen oder gemeinsam zu lernen.
Sport, Prüfungen, Kinofilme – viele Gespräche sind dieselben wie mit seinen Studienkollegen in Hannover. Doch gibt es auch einige Unterschiede: „Dass dich da einer zur Begrüßung umarmt, ist unvorstellbar“, sagt Mike. Auch unter jungen Leuten gibt man sich die Hand oder winkt – auch unter guten Freunden. Die Uni bietet sehr viele Kurse auf Englisch an – kein Standard mehr an den Hochschulen der Stadt, die bis 1997 britische Kolonie war und seitdem als Sonderverwaltungszone zu China gehört. Mit fast alle Kommilitonen konnte Mike sich auf Englisch unterhalten.

Hunde kommen nicht auf den Teller

Mike liebt das asiatische Essen, besonders die Garküchen und Dim Sum, ein Gericht mit gedämpften Teigtaschen, das zum Tee serviert wird. „Aber für eine Scheibe Brot mit Frischkäse wär’ ich gestorben“, sagt er. Den Ekel, der aus manchen Vorurteilen über die chinesische Küche spricht, kann er nicht verstehen: „Hund oder Maus wird dort nicht gegessen.“
Neben dem Sport und den Uni-Kursen mochte Mike besonders Ausflüge in die Stadt. „Die Skyline ist irre, oft bin ich einfach nur in die Stadt gefahren, um mir die Lichter anzuschauen“, sagt er. Auf den Märkten in der Stadt fühlte er sich nach einiger Zeit schon wie ein Einheimischer und feilschte: „Oft stehen gar keine Preise an den Waren, alles ist frei verhandelbar“, sagt er.

Mike hat nicht nur die Zeit in Hongkong genossen. „Das Beste an meinem Austauschsemester war, dass ich von Hongkong aus günstig nach ganz Asien fliegen konnte“, sagt er. Nach den Prüfungen reiste er durch Vietnam, Kambodscha, Thailand und Korea. Aber nicht nur Hongkong als Tor nach Asien hat ihm gefallen. Mike kann sich vorstellen, nach dem Studium in Hongkong zu leben. Vielleicht wird aus dem Reisedrehkreuz irgendwann seine Heimat.

Sabrina Mazzola

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