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Berliner Bier für einen guten Zweck

"Das ist unser Bier" Berliner Bier für einen guten Zweck

Sie trinken gern Bier und sind sozial engagiert. „Warum nicht beides kombinieren?“, denken sich ein paar Freunde aus Berlin und erfinden das 
„Quartiermeister-Bier“. Jeder verkaufte Kasten bringt Geld für soziale Projekte. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Geschäftsidee.

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Zum Wohle: Inga und Sebastian (links) unterstützen mit anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern des Quartiermeister-Teams Projekte in ihrem Kiez.

Quelle: Anna Schroll

Berlin-Neukölln. Inga Pontow und Sebastian Jakob sitzen an einem grünen Holztisch draußen vor einer Kneipe und prosten sich zu. Die Szene wirkt zunächst nicht außergewöhnlich. Die urige Kneipe erinnert an die, die es auch in Hannovers Nordstadt gibt. Doch das Bier, das gibt es nur in Berlin. Es ist das Quartiermeister-Bier. Es soll Neukölln verbessern. Es soll die Welt verbessern. Und: Es ist das Bier von Sebastian und Inga.

Inga und Sebastian sind zwei von 15 jungen Menschen, die hinter dem Quartiermeister-Bier stecken.

Bier trinken für eine bessere Welt?

Das Prinzip: Das Bier wird lokal vor den Toren Berlins mit Zutaten aus dem nahen Sachsen-Anhalt gebraut, dann lokal in Berlin konsumiert und der Gewinn im gleichen Stadtteil auch wieder angelegt. Sieben Euro kostet der Kasten im Einkauf, für zehn Euro geht er an die etwa 30 Kneipen und vier Getränkeläden. Von den Einnahmen zahlt der Verein seine Organisationskosten, und knapp drei Euro fließen in soziale Stadtteilinitiativen – immer in den Stadtteil, in dem ein Kasten geleert wurde. Global denken, lokal trinken. „Quartiermeister ist ein soziales Bier“, sagt Inga.

„Durch nachhaltige Produkte wie Quartiermeister können Menschen anders konsumieren und etwas für die Gesellschaft tun. Das ist wichtig, und das ist cool“, sagt Sebastian. Ob man mit Konsum die Welt retten kann, ist eine strittige Frage. Dass die Einnahmen von Quartiermeister dem Stadtteil zugutekommen, steht allerdings fest. „Es fließt kein Gewinn in die Taschen von Konzernen, sondern in Kassen von sozialen und kulturellen Initiativen im Stadtteil“, sagt Inga.

Die Idee für das soziale Bier hatte Sebastian beim Lernen für das erste Staatsexamen in Jura. „Bier trinken macht Spaß, etwas Soziales tun macht Spaß, beides passt also gut zusammen und spricht sich rum“, sagt der 31-Jährige. Sebastian entwickelte die Idee weiter, machte Bierproben mit seinen Freunden und entwarf ein Logo. Schließlich fragte er bei der inhabergeführten Garley-Brauerei in Gardelegen bei Stendal an, ob sie ihr Bier nicht auch mit Quartiermeister-Etikett anbieten könnten. Die Brauerei fand die Idee gut, und nach einigen Verhandlungen willigte sie ein.

Seitdem braut sie 500 Kästen Quartiermeister-Bier pro Monat. Sebastian fand einen Berliner Getränkehändler als Vertriebspartner und erste Kneipen, die das Bier auf ihre Getränkekarte setzten.

Als Startkapital organisierte Sebastian sich einen Mikrokredit aus dem Europäischen Sozialfonds im vierstelligen Bereich. Damit finanzierte er die Kosten für die Gewerbegründung, Logodesign und den Aufbau der Website. Als das Projekt im Herbst vergangenen Jahres dann losging und die ersten Kästen Quartiermeister verkauft wurden, war bald klar: Sebastian braucht Unterstützung. Und so stieß Inga im vergangenen Herbst als eine der ersten Helfer dazu.

Inga steht mit ihrem Handy am Ohr auf dem Balkon ihrer WG im neunten Stock in Berlin-Kreuzberg. Hinter ihr zeigt sich ein strahlend blauer Himmel mit ein paar weißen Wölkchen. Von ihrem Balkon blickt Inga über die ganze Stadt. „Ein Bier ist kein Bier, wir sehen uns um sieben“, scherzt Inga und beendet das Gespräch. Das war nicht das erste Telefonat, das sie heute wegen Quartiermeister geführt hat. Etwa acht Stunden pro Woche engagiert sie sich neben ihrem Studium für Quartiermeister. Die gebürtige Hannoveranerin ist im Vorstand des Vereins, der das Quartiermeister-Gewerbe kontrolliert. Das Gewerbe nimmt zwar die Gewinne ein, ist aber dazu verpflichtet, dem Verein alle Gewinne auszuschütten.

Neben ihr gibt es noch etwa 15 andere engagierte Menschen zwischen 25 und 31 Jahren, die die Idee von Quartiermeister vorantreiben wollen. In verschiedenen Arbeitsgruppen kümmern sie sich um die Auswahl von Projekten, pflegen die Homepage oder kümmern sich um neue Bars und Kneipen, die das Bier verkaufen. Alle arbeiten ehrenamtlich. „Mir macht die Arbeit bei Quartiermeister unglaublich viel Spaß. Ich lerne nette Leute und Projekte hier in Berlin kennen, die sich engagieren und alle coole Sachen machen“, sagt Inga, die im vierten Semester Psychologie studiert.

Quartiermeister hat seit September acht Projekte in Berlin unterstützt. Ein für seine Integrationsarbeit ausgezeichneter Neuköllner Fußballverein kann mit dem Geld der Bierbrauer bald sein Klubheim renovieren, einem Floßkinoprojekt sponserten sie einen Dieselgenerator, und ein Schülerhilfe-Projekt konnte mit 600 Euro von Quartiermeister einen Teil seiner laufenden Kosten decken. Derzeit fließen etwa 1500 Euro aus dem Verkauf von etwa 500 Kästen im Monat in soziale Initiativen vor allem in Kreuzberg und Neukölln. Die Projekte können sich mit einem konkreten Förderungswunsch bei Quartiermeister bewerben. Zwischen drei und fünf Anfragen bekommt der Verein monatlich. Die Mitgliederversammlung entscheidet dann, welches Projekt gefördert wird. „Wir wollen, dass Quartiermeister möglichst vielen Menschen zugutekommt“, sagt Inga. Außerdem sollten auch möglichst unterschiedliche Menschen Quartiermeister trinken: „Wir wollen kein Oberschichten-Müsli-Bier!“

Kein Ersatz für Kulturförderung

Berlin ist arm, aber sexy. Das sagt der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, das steht auf T-Shirts. Viele Fördergelder für kulturelle und soziale Projekte wurden in den vergangenen Jahren gekürzt. Als Ersatz für öffentliche Mittel sieht Inga Projekte wie Quartiermeister aber nicht: „Wir wollen keine Aufgaben staatlicher Kulturförderung ersetzen“, sagt sie. Das steht auch in den Förderrichtlinien. Lokalpolitiker freuen sich dennoch über den Einsatz. „Wir finden vor allem den Kiez-Bezug gut und setzen Quartiermeister deshalb bei allen unseren Veranstaltungen ein“, sagt Frank Vollmert vom SPD-Bürgerbüro Friedrichshain-Kreuzberg.

Manchmal gibt es Kritik am Projekt. Warum es denn ausgerechnet Bier sein müsse, wird dann gefragt. „Die Quartiermeister-Idee funktioniert natürlich auch mit Schokoriegeln“, sagt Sebastian. Für den Anfang sei Bier aber einfach ein gutes Produkt, damit sich die Idee schnell herumspreche – die Idee, mit Konsum Gutes zu tun.

Und der Verein möchte diese Idee verbreiten. Es gibt bereits einen Vereinsableger in Frankfurt. Weitere Gespräche in anderen Städten laufen derzeit. Jakob und seine Mitstreiter wollen viele Quartiermeister-Zellen in ganz Deutschland schaffen. „Die sollen von unten heraus Geld erwirtschaften, das für sinnvolle soziale Aktivitäten eingesetzt werden kann.“ Vielleicht gibt es die Flasche mit dem großen Q ja auch bald in Hannover. Hier gibt es mit dem „Bum-Bier“ bislang nur eine Initiative, die auch einen Lokalgedanken trägt. Auf den Etiketten des lokalen Bieres wird für Konzerte von hannoverschen Bands geworben. Gewinnorientiert wirtschaftet aber auch dieses Bier.

Mindestens zwei Abende die Woche hat Inga für Quartiermeister-Treffen reserviert. Oft diskutieren Sebastian, Inga und die anderen bis spät in die Nacht. Was ist eigentlich soziales Wirtschaften? Was ist überhaupt sozial? Soll es irgendwann bezahlte Stellen bei Quartiermeister geben? Wie lässt sich das mit dem Gedanken des Ehrenamts vereinbaren?
Der heutige Quartiermeister-Abend ist früh zu Ende. Gerade ist Klausurenphase. Inga muss morgen wieder lernen, und auch Sebastian büffelt morgen für das zweite Staatsexamen. Manchmal bleibt es dann doch bei nur einem Bier.

Julika Mücke

Wer mehr über das Bier und die Projekte wissen will oder sogar Quartiermeister nach Hannover bringen will, findet alle Infos und Kontakte im Internet unter www.quartiermeister.org.

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