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"Punkrock ist Revolutionsmusik"

Interview mit Billy Talent "Punkrock ist Revolutionsmusik"

Billy Talent ist eine der bekanntesten Bands der internationalen Punkrock-Szene. Im ZiSH-Interview spricht Gitarrist Ian D'Sa über ihr neues Album "Afraid of Heights", seine Ängste und Donald Trump.

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Gitarrist Ian D'Sa (Zweiter von links) und seine kanadischen Bandkollegen Aaron Solowoniuk (von links), Jordan Hastings, Ben Kowalewizc und Jonathan Gallant kommen morgen nach Hannover.

Quelle: Warner Music

Ian, eure neue Platte heißt „Afraid of Heights“. Wovor hast du wirklich Angst?
Vor den meisten Dingen eigentlich nicht, vielleicht ein wenig vor Spinnen. Aber nur vor den wirklich großen. „Afraid of Heights“ ist eher eine Metapher für die Angst vor Fortschritt und Veränderung.

„Afraid of Heights“ ist eurer fünftes Studio-Album.Wie lange hat es gedauert, die Songs zu schreiben und welcher Song dauerte am längsten?
Den Titeltrack „Afraid of Heights“ zu schreiben hat wahrscheinlich am längsten gedauert. Er hat das Thema der Platte bestimmt. Als wir die anderen Songs geschrieben haben, hat der Song immer eine Art Schatten auf sie geworfen.

Inwiefern denkst du, dass ihr reifer geworden seid seit eurem ersten Album von 2003?
Wir sind inzwischen alle 40 Jahre alt. Die Art, wie man Musik macht, ist ganz anders als die Musik, die man mit 20 Jahren macht. Wir sind uns natürlich grundsätzlich treu geblieben, aber unsere Botschaft ist erwachsener geworden. Früher ging es eher darum, dass deine Freundin dir das Herz gebrochen hat. Wenn man älter wird, die Welt bereist und tolle Leute trifft, beeinflusst das, worüber du schreiben willst. Wenn man älter wird, wird der Einfluss globaler. Die Idee hinter „Afraid of Heights“ hat mehr von diesem globalen Gefühl. Gerade passiert einfach eine Menge in der Welt: Sei es Brexit oder dass Donald Trump die Wahl gewonnen hat. Das sind die Dinge, die uns beunruhigen und über die wir auf der Platte sprechen.

Beunruhigt dich die Wahl von Donald Trump am meisten, obwohl ihr aus Kanada kommt?
Auf jeden Fall! Ich habe Angst vor dem, was er alles tun könnte. Nicht nur mit den USA, sondern mit der ganzen Welt. Er wird ein gefährlicher Präsident sein und ein gefährliches Beispiel für Kinder. Ich meine, dieser Kerl ist bekannt als Rassist und homophob. Kein gutes Idol für die zukünftige Generation. Aber die Leute haben eine Wahl getroffen. Niemand weiß, was er tun wird, aber er hat die Macht, viele unmenschliche Dinge zu tun.

Was glaubst du, wieso haben die 
US-Amerikaner Trump gewählt?
Ich weiß es nicht. Kanada ist sehr anders als die USA. Was nicht heißt, dass wir in einem perfekten Land leben. Aber ich denke die Mehrheit der Kanadier wäre nicht einverstanden mit Donald Trump als nächstem US-Präsidenten. Die USA haben keine Lust mehr auf Korruption auf Regierungsebene und nun haben sie eine Wahl getroffen.

Was denkst du über den Einfluss von Punkrock auf Politik? Wie wichtig ist er?
Sehr wichtig – extrem wichtig! Und das ist nicht nur auf Punkrock beschränkt. Viele gute Rockbands haben wichtige Dinge zu sagen in der Musik und es ist ein Teil von was wir sind: Punkrock ist Revolutionsmusik.

Sollten wir alle politischer sein?
Ich denke, gerade jetzt sollte jeder aufmerksamer sein. Zeiten wie diese erfordern Aufmerksamkeit – dahingehend haben wir auch unsere Platte gemacht. Im Radio höre ich keine Lieder darüber, was wirklich in der Welt passiert, sondern über Leute, die einfach nur ein Leben voller Luxus leben wollen. Das ist auch die Aufgabe von Kunst, anzusprechen, was gerade in der Welt los ist. Denn es ist sehr ernst und die Leute sollten ihre Aufmerksamkeit genau darauf richten.

Auch ihr habt viele politische Songs. Zum Beispiel „This Is Our War“ von eurem neuen Album. Kannst du erzählen, wie ihr darauf gekommen seid?
Der Song war eine Reaktion auf das Trayvon-Martin-Shooting (Ein 17-jähriger Afro-Amerikaner wurde 2012 von einem weißen Mitglied einer Nachbarschaftswache erschossen – vermeintlich aus Notwehr. Der Fall löste Diskussionen über Rassismus aus. Anmerkung d. Red.) Ich arbeite schon seit ein paar Jahren daran. Es geht darum, wie Menschen andere erschießen, die noch nicht mal eine Waffe haben, und das ist auch noch gesichert durch das Recht in Amerika. Dieses Lied handelt genau davon. Selbst von unseren Nachbarn können wir uns extrem trennen. Dieses Lied thematisiert die Haltung, die hinter solchen Beobachtungen steht. Der Song hat also auch viel mit Rassismus zu tun.

Das ist die Band

Schon zu Highschool-Zeiten haben sich Ben Kowalewizc, Jonathan Gallant, Ian D’Sa und Aaron Solowoniuk kennengelernt und als Teenager ihre erste Band gegründet. Pezz hieß der Vorgänger von Billy Talent. Aber auch wenn einige Gitarrenriffs schon an den heutigen Klang der Band erinnern, hatte Pezz noch wenig gemein mit dem Alternative-Punk-Sound von Billy Talent.
1999 folgte der Namenswechsel in Billy Talent, eine Figur aus dem Punk-Film „Hard Core Logo“, und wenig später der Plattenvertrag. Mit ihrem zweiten Album „Billy Talent II“ und Hits wie „Red Flag“ wurden die Kanadier 2006 bekannt.
Ihre fünfte Platte, „Afraid of Heights“, veröffentlichten sie dieses Jahr. Drummer Solowoniuk, der seit Jahren an der Nervenkrankheit Multiple Sklerose leidet, konnte nicht mitspielen. Jordan Hastings von der Post-Punk-Band Alexisonfire ersetzt ihn. Heute spielen Billy Talent in der Swiss-Life-Hall, das Konzert ist ausverkauft.

Klingt wie eine schlechte Prophezeiung …
Ja, das klingt verrückt. Der Song wurde bereits vor einigen Jahren geschrieben und nun passiert es noch offensichtlicher und deutlicher. Das ist vier Jahre her.

Auch im Song „Big Red Gun“ geht es um Waffengewalt. Wie ist er gemeint?
Den Song haben wir aus der Perspektive einer amerikanischen Waffe geschrieben. Die Amerikaner sind rechtlich abgesichert, wenn es um Waffenbesitz geht. Aber ihnen geht es nicht mehr um Schutz, es geht nur noch um die Glorifizierung. Es ist eine Ego-Kultur, in der es nur um die Waffe geht. Darüber wollten wir ein Lied schreiben. Es gibt fast jede Woche Schießereien, das ist schrecklich! Weltweit ist die Mordrate sehr hoch, das hat auch etwas mit dem Waffenkult hier zu tun. Das macht alles noch viel schlimmer.

Fast auf den Tag genau wurde vor 40 Jahren mit der Veröffentlichung der ersten Single der Sex Pistols Punkrock geboren. Was bedeutet Punk für dich?
Ich denke Punk sein bedeutet, das Richtige zu tun. Ich bewundere Bands wie The Clash, Bad Religion und Rage Against the Machine. Sie singen alle darüber, Menschen zusammenzubringen und sie zu vereinen. Das ist, was Punk für mich bedeutet: Es ist der Versuch, Dinge positiv zu sehen und eine Welt zu erschaffen, in der alle gleich sind und in der wir alle zusammen leben können.

Wann hast du beschlossen, Punkrocker zu werden – oder warst du’s schon immer?
Ich denke das kommt aus der Highschool: Man will nicht das machen, was die Eltern tun und dann gründet man eine Rockband. Ein bisschen Teenager-Rebellion. Bands wie Bad Religion oder Rage Against the Machine haben uns stark inspiriert und beeinflusst in dem, was wir sagen. Das hat uns das Gefühl gegeben, etwas Richtiges zu tun. Es hat nichts zu tun damit, was dir die Gesellschaft vorschreibt, was gut ist: Zur Uni gehen, einen Job bekommen und nichts zu sagen haben. Unsere Vorbilder haben einen großen Einfluss auf uns gehabt.

Ihr spielt regelmäßig in Deutschland und am Freitag zum zweiten Mal in Hannover.Was magst du an Deutschland?
Ich mag die Leute. Und ich denke, dass Deutschland gerade das fortschrittlichste Land der Welt ist. Außerdem mag ich die Art und Weise, wie Angela Merkel das Land regiert. Deutschland und Kanada haben vieles gemeinsam.

Interview: Kira von der Brelie

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