Hannover. Jörg Sievers, Carsten Linke und Gerald Asamoah waren Götter für mich, Fußballgötter meiner Kindheit. Genau wie sie wollte ich für Hannover 96 in die Arena einlaufen, die damals noch Niedersachsenstadion hieß, durch den alten Plexiglasgang, der die Spieler am Tribünenrand entlang hinunter auf den Rasen führte. Doch irgendwann begriff ich, dass ich als Mädchen nie für die „Roten“ spielen könnte. Und mein Traum, Profifußballerin zu werden, war vorbei. Denn Frauenfußball gab es ja praktisch nicht. Ich wusste nichts darüber. Woher denn auch? Frauenfußball existierte Mitte der Neunziger weder in den Medien noch in den Köpfen der Menschen.
Spätestens seit dem vergangenen Jahr ist das anders. Bei der WM gingen auch Männer in die ausverkauften Stadien, die die Namen der Profispielerinnen auf ihren Trikots trugen. Mehr als 17 Millionen Menschen verfolgten das Ausscheiden der DFB-Elf im Viertelfinale – das war das meistgeschaute Sportereignis des Jahres in Deutschland. 2011 war das Jahr des Frauenfußballs – und 2011 war auch mein Jahr. Denn ich war mittendrin im WM-Hype und pendelte zwischen Stadien, Pressekonferenzen, Medienterminen und unserer Redaktion. Statt einer Profifußballerin bin ich Profibeobachterin geworden. Und so schreibe ich heute für „11Freundinnen“, das einzige deutsche Magazin für Frauenfußball.
Die Praktikantin als Expertin
Im September 2009 brachte das Fußballkulturmagazin „11Freunde“ die Frauenfußballbeilage erstmals auf den Markt, ich war von Anfang an dabei. Zunächst als Praktikantin, später als freie Mitarbeiterin und dann als Volontärin, also Redakteurin in Ausbildung. Und so klingelten bald die TV- und Rundfunk-Anstalten aus dem In- und Ausland an: Sie suchten Experten zum Thema Frauenfußball.
Die „11Freundinnen“-Redaktion besteht aus meinem Chef, Jens Kirschneck, mir und einer Praktikantin. Weil die Medien gerne mit einer Frau sprechen wollten, wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Mein erstes Radiointerview gab ich noch als Praktikantin, live im WDR-Radio. 2011 wurde ich dann Expertin. Mein Gesicht flimmerte über die Mattscheiben von ARD und ZDF. Mitten in der Nacht erklärte ich in einem Telefoninterview den Hörern von CNN, warum die US-amerikanische Nationalmannschaft um Torhüterin Hope Solo sich in die Herzen der Deutschen gespielt hatte. Am nächsten Morgen rief der Deutschlandfunk an, zu einem Doppelinterview mit Rainer Holzschuh, dem langjährigen Chefredakteur und heutigen Herausgeber des Sportmagazins „Kicker“. Eine Koryphäe der Sportberichterstattung. Mein erster Gedanke: auflegen. Doch hier ging es um Frauenfußball, das war mein Gebiet. Der „Kicker“ und damit auch Holzschuh haben Frauenfußball lange gar nicht wahrgenommen, heute nehmen sie ihn nicht ernst. Die Berichterstattung ist halbherzig, die WM 2011 eben eine Pflicht, mehr nicht, denke ich.
Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem Fußball der Männer und dem der Frauen. Bei den Profis sind die Frauen im Durchschnitt kleiner, langsamer, haben weniger Muskelmasse. Das Spiel ist langsamer. Aber das ist auch ein Entwicklungsproblem. Denn: Auch Franz Beckenbauer würde heute einem Christiano Ronaldo nur hinterherlaufen – da würde auch sein kaiserliches Stellungsspiel nichts nützen. Der Frauenfußball wurde jahrzehntelang klein gehalten, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hob erst 1970 ein Verbot des Frauenfußballs aus den 50er Jahren auf. Erst 1993 durften Frauen dann auch zweimal 45 Minuten Spielen. 1993! Vorher galten sie beim DFB als zu schwach.
Was Holzschuh und Co nicht sahen, waren die anderen Unterschiede. Frauenfußball ist fairer. Es wird mehr Wert auf die taktische Ausrichtung gelegt, es wird weniger gemäkelt, weniger geschauspielert, weniger diskutiert, weniger gespuckt. Der Frauenfußball in 40 Jahren wird auch wenig mit dem Frauenfußball von heute zu tun haben.
Zur Weltmeisterschaft gaben wir mit den „11Freundinnen“ ein Sonderheft heraus, in Berlin hatten wir auch ein offizielles WM-Quartier eröffnet. Das reguläre Heft wird mit einer Auflage von mit einer Auflage von 200 000 Stück viermal im Jahr dem monatlich erscheinenden Männerheft beigelegt. Das mögen nicht alle Fußballfans. Die erste Ausgabe schickte uns ein Leser zerschnipselt in unzählige Einzelteile zurück – er wollte sein Abo kündigen, sollte es weitere Exemplare geben. Andere schrieben die Foren mit Beleidigungen voll oder Leserbriefe. Einer bedankte sich sogar für die Beilage. Aber: „Mein Klopapier kaufe ich mir doch lieber selber.“
Solche Aktionen amüsieren mich eher, als dass sie mich schocken. Auf dem Bolzplatz haben mir Jungs früher absichtlich in den Bauch geschossen, um zu testen, ob das Mädchen etwas abkann. Heute spiele ich Rugby, vermeintlich der Männersport schlechthin. Dumme Sprüche bin ich gewohnt, und Männer, die sich damit profilieren müssen, haben meiner Meinung nach Probleme mit ihrer eigenen Rolle.
Fußballspielen geht auch ohne Penis
Die Beschwerden von Männern gegen die Frauenfußballbeilage wurden mit der Zeit weniger. Heute setzen sich in unserem Forum einige User für den Frauenfußball ein, die vor zwei Jahren noch darüber Witze gemacht haben. Vielleicht habe ich mit meinen Artikeln dazu beigetragen. Aber ich sehe mich nicht als Missionarin. Es ist nicht meine Aufgabe, die Leute zu Frauenfußball-Fans zu machen. Ich verstehe nur nicht ganz, wie Männer noch im 21. Jahrhundert glauben können, dass ein Penis einen besseren Fußballspieler oder gar ein besseres Fußballspiel macht. Gerade die Profis scheinen nicht zu wissen, was sie mit abfälligen Äußerungen anrichten. Sie entmutigen vielleicht Mädchen, die eigentlich großes Talent haben.
Sportjournalismus ist noch immer eine Männerdomäne. Es ist noch immer so wie früher auf dem Bolzplatz: Damit ich ernst genommen werde, habe ich das Gefühl, besser sein zu müssen als die männlichen Mitstreiter, frecher oder eben ein kleines bisschen mehr zu wissen. In meiner Redaktion wurde nie angezweifelt, dass eine Frau genauso gut über Fußball schreiben kann wie ein Mann. Skurril war hingegen, als mich die deutsche Bundestrainerin Silvia Neid bei einem Pressetermin vor einigen Wochen fragte, ob ich die Praktikantin eines männlichen Kollegen sei, der zufällig zeitgleich mit mir den Raum betrat.
Und dann sind da noch die Äußerlichkeiten. Während Spieler wie Mesut Özil und Lionel Messi nicht per se als Bademodenmodels verpflichtet werden würden, wegen ihrer Leistung auf dem Platz aber zu bestbezahlten Werbeträgern werden, ist es bei den Frauen oft noch anders. Die US-Torhüterin Hope Solo tanzte in der US-B-Promi-Show „Let’s Dance“ und lächelt auch in vielen deutschen Sportbekleidungsabteilungen von übergroßen Werbeplakaten. Und da ist die Krux. Da weiß ich manchmal auch nicht, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite fördert auch solche Berichterstattung die Bekanntheit des Sports – und junge Mädchen schauen gerne zu guten und ja, auch hübschen Spielerinnen auf. Auf der anderen Seite schwingt da Sexismus mit, der eigentlich überwunden werden sollte. Dass deutsche Spielerinnen für den „Playboy“ posieren – völlig okay. Aber warum muss es bei jedem zweiten Bild eine angedeutete lesbische Kussszene geben? Das entkräftet nicht gerade das Bild, der Frauenfußball sei voller Kampflesben.
Der Kontakt mit der jungen Spielerinnengeneration, mit Kim Kulig, Alex Popp oder Lira Bajramaj macht Spaß. Sie sind Vorbilder, weil sie cool und sympathisch sind und ihre Rolle in den Medien gut ausfüllen. Sie twittern, nutzen Facebook und scheuen die Fotografen nicht. Und sie wissen, dass sie ein Leben nach dem Fußball haben, noch nicht finanziell ausgesorgt haben. Das macht ein Gespräch manchmal netter, es geht nicht nur um Fußball.
Das Jahr 2011 hat viel für den Frauenfußball gebracht. Trotzdem berichten wir mit „11Freundinnen“ ein halbes Jahr nach all dem Medien-Wirbel um die WM nun wieder fast von dieser Sportart. Manager, Spielerinnen und Trainer atmen wieder freier, seitdem die WM vorbei ist. Auch wenn es schade ist, dass die Olympischen Spiele – bei den Frauen sportlich reizvoller als bei den Männern – ohne das deutsche Team ausgetragen werden. Für die Journalisten, die dabei geblieben sind, macht es die Arbeit leichter. Die Spielerinnen empfinden Pressetermine nicht mehr als Pflicht, sondern als Chance.
Für mich war das Jahr 2011 ein Traum im Traum. Ein paar Monate lang stand der Frauenfußball im Scheinwerferlicht, und ich war mittendrin. Und im Juni stand ich sogar in Neuseeland. Dort begleitete ich Rebecca Smith, Kapitänin der neuseeländischen Nationalmannschaft und Spielerin vom VfL Wolfsburg, durch ihre wunderschöne Heimat. Nebenbei konnte ich da sogar segeln und einen Fallschirmsprung machen. Ich werde wohl nicht für immer im Sportjournalismus bleiben. An die vergangenen zwei Jahre werde ich aber gerne zurückdenken. Es war wie früher auf dem Bolzplatz, als Mädchen zwischen vielen Jungen: Es hat mir Spaß gemacht. Und es hat mich abgehärtet.
Maike Schulz
HAZ.de Anmeldung