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Briefe an den Exlehrer

Nachhaltiger Einfluss Briefe an den Exlehrer

Mitreißend, ungerecht oder einfach langweilig: Lehrer können ihre Schüler für ihr Fach begeistern – oder es ihnen total vermiesen. ZiSH-Autoren schreiben im Brief an ihre Exlehrer, wie Berge von Arbeitsblättern ihnen noch heute im Studium helfen und warum sie das Mittel gegen Krebs nie finden werden.

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Lehrer bringen ihren Schülern Algebra und Gedichtinterpretation bei – und prägen ganz nebenbei die Zukunftspläne ihrer Zöglinge.

Quelle: Stefan Hoch

Lieber Herr E.

Der Regenwald stirbt. Und Sie sind daran wohl nicht ganz unschuldig. Meine Arbeitsmaterialien aus dem Politik-Leistungskurs füllen immerhin zwei dicke Ordner mit Tausenden Kopien aus dem „Spiegel“ oder pädagogisch wertvoller Fachliteratur.

Fünf Jahre lang durfte ich Ihren Politikunterricht genießen und habe Ihren immer gleichen, aber sehr bewährten Unterrichtsablauf in- und auswendig gelernt. Zuerst wurde der Overheadprojektor angeschmissen und eine Karikatur zum Thema der Stunde aufgelegt. Die haben wir beschrieben und gedeutet, bis das Gerät heiß lief. Mit Ihrer netten Art und den lockeren Sprüchen zwischendurch haben Sie uns zu lebhaften und kritischen Diskussionen angeregt, langweilig wurde es nie. Im Anschluss an die Debatte gab es unzählige Texte, die wir in Gruppenarbeit gelesen und bearbeitet haben. Am Ende der Stunde erstellten Sie mit uns ein zusammenfassendes Tafelbild. In „Schrift und Form“ sind Sie aber kläglich durchgefallen. Nach der 13. Klasse war ich nicht nur perfekt für die Abiturprüfung vorbereitet, sondern habe mir fortgeschrittene Kenntnisse im Hieroglyphendeuten angeeignet.

Mein politisches Interesse wurde in der Schulzeit immer größer. Ich begann, den Politikteil der Zeitung intensiver zu lesen, politische Debatten im Fernsehen zu schauen und mir eine eigene Meinung zu bilden. Und weil der Unterricht bei Ihnen so viel Spaß gemacht hat und ich mich inhaltlich so gut vorbereitet fühlte, studiere ich jetzt Politik. Die beiden dicken Ordner aus der Schulzeit stehen immer noch in meinem Regal und helfen ab und zu sogar im Studium. Das nenne ich nachhaltigen Unterricht.

iro

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Lieber Herr P.

Wussten Sie eigentlich, dass ich zu meinem zehnten Geburtstag einen C1000 bekommen habe – den Grundlagen-Chemie-Baukasten von Kosmos? Ich habe eine Ecke meines Zimmers mit Papier abgedeckt und durfte in meinem „Labor“ mit Chemikalien hantieren. Ich wusste, dass Phenolphthalein und Natriumcarbonat Wasser rot färben, wie Kaliumpermanganat unter dem Mikroskop aussieht und hatte mehr Chemie- als Karl-May-Bücher in meinem Regal stehen. Und ich wollte Wissenschaftler werden – mit keinem geringeren Ziel, als das Mittel gegen Krebs zu finden.

Voller Vorfreude stürzte ich mich in der 8. Klasse in den Chemieunterricht. Und dann kamen Sie. Mein Vorwissen brachte mir nichts, denn Sie haben den Unterricht so gestaltet, als wären keine Schüler da: ein Experiment, keine Fragen, wenige Antworten. Der immer gleiche Ablauf, Ihre Ungeduld, Ihre Launen und Ihre Lustlosigkeit sorgten dafür, dass ich bei Ihnen nicht nur nichts gelernt, sondern auch das Interesse am Fach verloren habe. In meiner ersten Klausur hatte ich noch eine Eins. Zwei Jahre später hatte ich in meiner letzten eine Fünf. Chemie war das erste Fach, das ich abgewählt habe.

Ich weiß, dass ich auch schuld an dieser Entwicklung bin. Aber Lehrer sollen die Schüler doch fördern, oder? Ich werde es wohl bald herausfinden – denn statt Chemie habe ich Geschichte und Deutsch auf Lehramt studiert. Wie man es nicht macht, weiß ich immerhin schon.

jhf

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Liebe Frau B.

Haben Sie sich eigentlich einmal gefragt, was aus mir geworden ist? Sie erinnern sich bestimmt an mich. Ich war der Junge, der rechts von ihnen saß. Sie waren meine Musik- und Politiklehrerin, wollten mir beibringen, wie gerecht das deutsche Rechtssystem ist. Ich gebe zu, sich zu erinnern ist keine leichte Aufgabe – immerhin haben Sie schon Hunderte Schüler unterrichtet. Aber schwierige Aufgaben gehören ja zu Ihrem Beruf, schließlich müssen Sie nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Kinder und Jugendliche überzeugen, dass Schule etwas Gutes ist.

Ich helfe Ihnen gern: Es muss vor etwa 13 Jahren gewesen sein. Sie waren motiviert zu zeigen, dass Drogenkonsum schlecht ist. Sie luden eine Expertin ein. Zusammen waren Sie sensibel für die Gespräche Ihrer Schüler und waren plötzlich fest davon überzeugt, dass ich Mitschülern Drogen verkaufen würde. Verstanden habe ich das bis heute nicht. Lag es an der Baseballmütze oder der tiefer sitzenden Hose? Sie hätten mich ruhig darauf ansprechen dürfen, bevor Sie zu Klassenlehrer und Schulleitung liefen. Vielleicht hätte ich Ihnen auch ans Herz gelegt, diejenigen zu fragen, die direkt vor Ihnen unterm Tisch Marihuana in den Tabak mischten. Die haben sich amüsiert über Ihre Blindheit. Mich schauten Lehrer ermahnend in der Pausenhalle an.

Ihren Unterricht habe ich boykottiert. Sie konnten es nicht verstehen. Eine schlechte Note gab es dafür nie. Komisch. Vielleicht hatten Sie ein schlechtes Gewissen, dass Ihnen der Mut fehlte, Ihren Fehler einzusehen. Mir hat es geholfen zu sehen, dass meine Eltern, Freunde, Schulkameraden Ihnen kein Wort glaubten. Die Schulzeit ging vorbei, die Erkenntnis blieb, dass manche Lehrer nicht am Stoff scheitern, sondern an der Menschlichkeit.

kla

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Lieber Herr H.

Schillers Balladen rezitierten Sie gern mit schmetternder Stimme und knallten dazu auch mal die Faust auf den Tisch. Dann war die 8. Klasse vor Ihnen so mucksmäuschenstill, wie es sich Ihre Kollegen nur erträumen konnten. Anstatt uns unter langweiligen Arbeitsblättern zur Textanalyse zu begraben, haben Sie mit uns Homer und Goethe diskutiert. Sie konnten nicht nur Konzessivsätze samt Konjunktionen erklären, sondern auch zuhören. Und dieses Engagement war mit der Pausenklingel nicht vorbei. Sie waren unser informeller Vertrauenslehrer, zu dem wir kamen, wenn wir Quatsch gemacht hatten oder Rat brauchten.

So waren Sie auch der einzige Erwachsene, bei dem ich mich traute, mein 100-seitiges Manuskript einer unfertigen Fantasy-Geschichte vorzuzeigen. Als 14-Jährige schämte ich mich dafür, gern und freiwillig zu schreiben. Sie haben sich durch den Papierstoß gelesen, mich ernst genommen und ermutigt. Statt Tipps, wie ich Textpassagen umschreiben oder an der Handlung schleifen solle, bekam ich ein knappes „Das ist gut, schreib das fertig“. Das gab mir mehr Antrieb als alle Rotstiftkritzeleien aus zwölf Schuljahren. Mein Interesse am Schreiben hätte ich sonst wohl zusammen mit dem Manuskript in einer Schublade eingemottet. So aber konnte ich ein Jahr später mein eigenes, in einem kleinen Verlag erschienenes Buch in den Händen halten.

Meine Begeisterung fürs Schreiben hat selbst die härtesten Klausurenzeiten während der Abiturprüfungen überlebt. Und meine liebste Freizeitbeschäftigung ist mir jetzt auch nicht mehr peinlich. Stattdessen lese ich selbst manchmal Texte vor Publikum. Dabei die Faust einzusetzen bleibt aber Ihr Privileg.

edu

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Lieber Herr W.

Auswendig gelernte, frei vorgetragene Gedichte, Geschichten in verteilten Rollen und menschliche Standbilder waren Dauergäste in Ihrem Deutschunterricht. Doch in Ihrem Aktionismus machten Sie nicht nur unseren muffigen Klassenraum zur Bühne, sondern brachten uns auch regelmäßig raus in die Theater Hannovers. Und endlich habe ich verstanden, dass Theater nicht nur etwas für Senioren ist. Das motivierte mich nicht nur, mir auch freiwillig Goethes „Faust“ und Shakespeares „Romeo und Julia“ anzusehen, sondern auch meine eigene Bühnenpräsenz zu erproben.

Begeistert folgte ich Ihnen in den Theaterkurs. Ich bekam eine halbe Rolle als Hofdame des Prinzen in „Der Streit“. Der Name des Stückes war bezeichnend für das, was danach kam: Mit Ihrer Herrschsucht auf der Bühne, über die Sie Ihren pädagogischen Auftrag vergessen haben, haben Sie mir die Lust am Theater fast wieder vergehen lassen. Herumkommandieren und manipulieren lassen wollte ich mich nicht. Als Regisseur am Theater verschmäht, ließen Sie Ihren überquellenden kreativen Eifer an uns Schülern aus. Damit haben Sie mir bewiesen, dass darstellerische Fähigkeiten nicht über menschliche Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen können.

Und so haben Sie es geschafft, mich von der Bühne zu vergraulen. Für Sie die Aula aufzuräumen und den leibeigenen Laufboten zu spielen, das hatte ich mir unter Theaterspielen nicht vorgestellt. Vorbei waren der Spaß und meine Schauspielkarriere. Ins Theater gehe ich noch immer regelmäßig, und im Studium der Theaterwissenschaften will ich mehr über die Schauspielwelt lernen. Was hinter der Bühne schieflaufen kann, haben Sie mir schon demonstriert.

vog

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