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Campen mit dem Kreml

Jugend in Russland Campen mit dem Kreml

Beim „Seliger“-Camp 
treffen sich 50 000 russische Jugendliche. Offiziell soll 
die Veranstaltung ein 
unpolitischer Austausch 
sein. Doch der kritische Blick des Kremls ist ständiger Begleiter. Ein Bericht von Jessica Schober.

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Frühsport unter den Augen der Staatsführung: 50 000 Jugendliche treffen bei einem angeblich unpolitischen Jugendcamp nahe Moskau zusammen.

Quelle: Jessica Schober

Techno-Beats wummern aus riesigen Lautsprechern. Auf der Bühne tanzen junge Frauen wie in einem Aerobic-Video, die Zuschauer machen begeistert mit. Was auf den ersten Blick wie ein Musikfestival aussieht, ist das „Seliger 2009“. Bei dem Jugendcamp sind bis Mitte August insgesamt 50 000 russische Jugendliche auf einer Halbinsel am Seligersee nordwestlich von Moskau dabei. Sie können dort potenziellen Investoren und Politikern ihre Geschäftsideen und Projekte vorstellen, mit denen sie sich im Internet beworben hatten. Es soll ein offenes allrussisches Ideencamp sein, fern jeglicher Parteipolitik.

Doch tatsächlich ist der Kreml allgegenwärtig. Das Erste, was die Besucher nach der Passkontrolle auf der Halbinsel sehen, sind zwei übermächtige Porträts von Ministerpräsident Wladimir Putin und Staatspräsident Dmitri Medwedew. Über dem Eingang des Zeltlagers hängt eines von zahlreichen Bannern mit einem Ausspruch Medwedews: „Russland wird ein wohlhabendes und demokratisches Land werden – das beste Land der Welt mit talentierten, fordernden und selbstständigen Bürgern mit kritischer Meinung.“

Besonders viel Selbstständigkeit wird von den Teilnehmern nicht verlangt. Der Tag ist durchorganisiert. Um 8 Uhr werden die Jugendlichen von der russischen Nationalhymne geweckt und mit schallenden Lautsprecherdurchsagen zum Frühsport gescheucht. Beim Morgenappell geben schlanke Russinnen in knappen Oberteilen unter den Blicken der überlebensgroßen Staatsführung die Bewegungen vor: Knie beugen, Arme strecken, klatschen. Dazu schallt „Dawei, Rossija“ – „Auf geht’s, Russland“ aus den Lautsprechern.

„In Seliger haben sich nur die talentiertesten Jugendlichen des Landes versammelt“, sagt Valeri Mutko, Minister für Sport, Tourismus und Jugend, bei der Eröffnungsveranstaltung. Sein Ministerium hat gemeinsam mit der Föderalen Agentur für Jugendangelegenheiten für jeweils zehn Tage 5000 bis 7000 Jugendliche aus mehr als 50 Regionen Russlands in das Camp eingeladen. Die Kosten tragen das Ministerium und Sponsoren aus der Wirtschaft. Die insgesamt rund 50 000 jungen Russen übernachten in 2000 Zelten, die dicht an dicht im Wald aufgestellt sind. Jede Zeltgruppe hat ein eigenes Lagerfeuer, auf dem das Essen gekocht werden muss. Das ist eher spärlich, als Ausgleich werden täglich 3500 Tafeln Schokolade verteilt.

Bis 2007 galt das „Seliger“-Camp als Propagandaveranstaltung der regierungstreuen Jugendbewegung Naschi („Die Unsrigen“). Naschi wurde im März 2005 „unter dem Eindruck der bunten Revolutionen im postsowjetischen Raum ins Leben gerufen“, sagt Regina Heller vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Mithilfe der Jugend sollten so revolutionäre Massenproteste wie in der Ukraine verhindert werden. Laut Heller ist Naschi heute nicht mehr der „verlängerte Arm“ der russischen Regierung. Naschi sei bemüht, sich neue Aufgaben zu erschließen.

Doch auch auf dem „Seliger 2009“ ist Naschi vertreten. Veranstalter Wassili Jakemenko war früher der Anführer der Jugendorganisation. Heute leitet er die Föderale Agentur für Jugendangelegenheiten. Auf dem Camp wird der kleine Enddreißiger gefeiert wie ein Held, kommt sportlich in Jeans und Naschi-Pulli auf die Bühne gejoggt. Er verspricht den jungen Leuten: „Ihr werdet hier eine bestimmte Bildung erhalten, die ihr so an den Hochschulen nicht bekommen werdet.“

Was unter dieser Bildung zu verstehen ist, erklärt Jewgeni Nasonov, Sprecher des Duma-Abgeordneten Maxim Misch-tschenko, der auf dem „Seliger“ mit einem eigenen Zelt vertreten ist: „Die jungen Menschen lernen hier, wie man Projekte realisieren kann und wie man die Massenaktionen der Opposition zerstören kann.“ Sein Chef ist der Führer der regierungstreuen Jugendorganisation Rossija Molodaja („Junges Russland“), die sich selbst als patriotisch-nationalistisch bezeichnet. Sie stellt neben Naschi die größte Teilnehmergruppe am Seliger-Forum. Für Misch-tschenko gibt es „zu viel europäische Migration nach Russland“. Er begrüßt die ZiSH-Autorin auf Deutsch mit den Worten „Deutschland über alles!“

Die 19-jährige Olga Kiseleva ist mit einem besonderen Projekt dabei. An ihrem Stand wirbt sie für ihre Internetseite, auf der man T-Shirts mit den Gesichtern von Putin und Medwedew bestellen kann. Sie trägt auch ein solches T-Shirt. „Die jungen Leute haben Putin einfach im Herzen, sie finden es cool, so ein T-Shirt zu tragen“, sagt Olga. Die T-Shirts seien sogar noch beliebter als die mit den Aufdrucken des kürzlich verstorbenen Michael Jackson. Andere stellen mit Vitamin D angereicherte Milch vor, Internetportale oder Café-ketten im Stile des US-Riesen Starbucks.

Irina Petrova ist vom Camp begeistert. Die 27-Jährige aus St. Petersburg ist mit der Idee an den Seligersee gekommen, in den Vororten ihrer Heimatstadt Windkraftanlagen zu installieren. „Ich kann hier etwas Nützliches für mein Projekt erfahren“, sagt Irina. Politik interessiere sie nicht sonderlich, ihr gefalle es nur nicht, dass hier alles kontrolliert werde und man nachts nicht auf die Toilette gehen dürfe.

Die Einhaltung der Regeln wird beim „Seliger“ streng überwacht. Alkohol ist verboten, genauso wie Schimpfen. Rauchen ist nur an den Feuerstellen erlaubt. Die Teilnehmer bekommen Ausweise und dürfen das Gelände nicht mehr verlassen. Nachts wird ein Teilnehmer aus dem Zelt gezerrt. Er hatte sich mit einem Freund unterhalten, bekommt dafür gleich zwei Verwarnungen. In seinen Teilnehmerausweis werden zwei Löcher gestanzt. Beim dritten Loch muss er gehen.

Beim Camp sind nach offiziellen Angaben verschiedene Jugendgruppen vertreten. Auffallend viele Jugendliche tragen ein T-Shirt mit der Aufschrift „Naschi“ oder dem Namen der Regierungspartei „Jedinaja Rossija“. Veranstalter Jakemenko sagt: „Es gibt hier keine Organisationen, jeder kommt hier als Einzelperson her.“ Für ihn ist das Camp nicht patriotischer als jeder Hollywoodfilm, „in dem ja auch andauernd die US-amerikanische Flagge gezeigt wird“.
Dem wird beim „Seliger“ russischer Nationalstolz entgegengehalten. Elena Zelenina, Journalistikprofessorin an der Moskauer Lomonossow-Universität, spricht vom „Medienkrieg des Westens gegen Russland“ und „gezielten Falschinformationen aus dem Westen“. Ihrer Meinung nach gibt es „in Russland leider immer noch unpatriotische Journalisten, die behaupten, dass Russland in Georgien eingefallen sei und Tschetschenien ausraube“.

In den Seminaren auf dem Campgelände geht es um Unternehmensgründungen oder die Rolle des modernen Russlands in der Welt. Neben dem Bildungsprogramm gibt es zahlreiche Sportmöglichkeiten, Kletter- und Schießanlagen sowie einen Bootsverleih. Einige junge Frauen entziehen sich aber dem Zeitplan und sonnen sich gut gelaunt und leicht bekleidet am Seeufer. So freizügig geht es im Internetzelt nicht zu. Die Veranstalter haben das russische Internetnetzwerk vkontakti.ru, vergleichbar mit dem sozialen Netzwerk Facebook, für die Camp-teilnehmer gesperrt. Kontrolleure überwachen, was die Jugendlichen an den Computern tippen.

Ganz salopp verteidigt Alexander Schkolnik, Senator der Region Swerdlowsk, die Propaganda und die Einschränkungen bei dem Camp: „Das hier ist doch ein Staatslager und kein Privatlager – das ist völlig normal.“ Im kommenden Jahr sollen mehrere Tausend junge Menschen aus Europa eingeladen werden. „Sie sollen sich eine eigene Meinung über das Camp bilden“, sagt Veranstalter Jakemenko. Vielleicht bedeutet diese Öffnung ja eine wirkliche Veränderung des „Seliger“. Dann würden nicht nur kremltreue Jugendliche aus Russland angezogen.

"Soziale Lifte für junge Menschen"

Interview mit Reinhard Krumm, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau.

Warum gibt es in Russland staatliche Jugendcamps wie das „Seliger“?
Russlands Politik hat ein Nachwuchsproblem. Es fehlt an jungen, politisch interessierten Menschen, die sich früh in die Partei eingliedern wollen. Deswegen gibt es dieses Lager. So ein Lager ist der Versuch, politische Bildung von oben durchzusetzen. Die Frage ist, ob das noch politische Bildung ist oder zu Propagandazwecken missbraucht wird.

Warum interessieren sich Jugendliche in Russland für dieses Camp?
Das Camp soll ein Zeichen setzen: Die Teilnehmer fühlen sich als Elite. Denn sie mussten sich mit ihren Projektideen bewerben und wurden ausgewählt. In Russland spricht man auch von dem Versuch des Staates, jungen Menschen über politische Parteien „soziale Lifte“ zu offerieren, ihnen Karrierechancen anzubieten.

Geht von Jugendorganisationen wie Naschi eine Gefahr aus?
Es gibt in Russland starke nationalistische Töne, die teilweise durch Parteien und deren Jugendorganisationen aufgefangen werden sollen. Das ist durchaus sinnvoll. Gleichwohl besteht die Gefahr, dass das von oben gesteuert wird. Wenn dann Organisationen wie Naschi als Instrument der großen Politik eingesetzt werden, so hat das mit Jugendinteressen in der Politik nichts zu tun.

Interview: Jessica Schober

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  • Kritische Berichterstattung ist notwendig Europäer – 30.07.09 Dieser kritische Artikel ist aufmerksam recherchiert. Sicher gibt es in der russischen Pädagogik noch viel überflüssigen Autoritarismus. Ich vermisse in der HAZ nur ähnlich kritische Artikel über die Jugend der westlichen Leitnationen USA und England???
    Übrigens, ich bin gebürtiger, älterer Niedersachse.
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