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Das bildet nicht

Jugend streikt Das bildet nicht

Unsozial, ungerecht, veraltet: Aus Protest gegen das Bildungssystem sind Tausende auf die Straße gegangen. Was läuft falsch beim
Lernen in Deutschland? Sieben Schüler und Studenten berichten vom Leiden in Schule und Uni.

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Für mehr Bildung: Schüler und Studenten demonstrieren in Hannover

Quelle: Frank Wilde

Bildung für alle: Die Forderungen der Streikenden

Ein anderes Bildungssystem ist möglich. Dieses Motto – abgeleitet vom zentralen Slogan der Kritiker der neoliberalen Globalisierung – steht im Mittelpunkt des sogenannten Bildungsstreiks 2009. Eine deutschlandweite Projektgruppe, in der Verbände, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten, hat in dieser Woche in vielen Städten Workshops, Kundgebungen und Aktionen zur Bildung abgehalten.
Bei den zentralen Demonstrationen am Mittwoch gingen mehr als 100 000 Menschen auf die Straße, in Hannover waren es mehr als 10 000 Teilnehmer. Das Aktionsbündnis fordert viel: ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ohne Leistungsdruck, freien Bildungszugang und Abschaffung sämtlicher Bildungsgebühren und stärkere Mitbestimmung junger Menschen am Bildungsangebot. Im Einzelnen wollen sie beispielsweise die die Studiengebühren abschaffen, mehr Lehrer und Dozenten einstellen und das Bachelor-/Mastersystem abschaffen.
Studierende in Hannover besetzen seit Montag das Institutsgebäude für Politische Wissenschaft am Schneiderberg. Sie wollen über konkrete Verbesserungsmöglichkeiten informieren.

Studiengebühren: Verschuldet

Es ist erst der 15. des Monats, doch auf meinem Konto klafft bereits eine Disposchlucht. Das war nicht immer so: Vor meinem Studium hatte ich eine Vollzeitstelle und genug Geld für Fixkosten und kleine Extrawünsche. Krankenversicherung, Wohnung, Strom, Gas, Telefon, Fashiontrends, Studienmaterialien und Studiengebühren: im Monat sind das mehr als 1000 Euro. Meine Eltern unterstützen mich nicht. Obwohl ich in einem Modegeschäft und am Wochenende hinterm Tresen eines Musikklubs arbeite, musste ich einen Studienkredit aufnehmen. In vier Jahren werde ich neben meinem Masterabschluss etwa 35 000 Euro Schulden haben. Zum Glück sind die Chancen auf eine gut bezahlte Stelle für Medienmanager recht hoch. Alternativ müsste ich mir einen Medienmogul zwecks Eheschließung suchen.
Aida Kamenkova, 25, studiert im 2. Semester Medienmanagement am IJK Hannover

Selektion: Zu früh sortiert

Ich finde es verantwortungslos, Kinder schon nach der Grundschule zu separieren und nach ihren „Fähigkeiten“ zu unterrichten. Sie werden zu früh auf die Schienen gestellt, die ihren Bildungsweg darstellen sollen. Einen Gleiswechsel schaffen nicht viele.
Für „Spätzünder“ wie mich, der erst in der 8. Klasse Lust auf Lernen bekommen hat, verringert sich so die Chance auf einen höherwertigen Abschluss. Ich habe die Hürde des Schulwechsels genommen und steuere nun auf mein Abitur zu. Jugendliche entwickeln sich unterschiedlich schnell, deswegen brauchen wir mehr Durchlässigkeit im Schulsystem. Ziel ist doch, dass alle die bestmöglichste Schulbildung erhalten und dass dieser Weg so lange wie möglich offen gehalten werden muss. Ich bezweifele, dass dieses Ziel so erreicht wird.
Christos Savvopoulos, 17 Jahre, 11. Klasse, IGS Garbsen

Lehrermangel: Zwangsfreiheit

Montagmorgen, acht Uhr, ein ernüchternder Blick auf den Vertretungsplan: Die nächsten zwei Stunden fallen aus. Wir haben zu wenig Lehrer und dadurch zu wenig Unterricht. Mit dem Lernstoff kommen wir nicht gut voran. Lust auf Schule macht das nicht. Gerade die Schüler, die zur 11. Klasse von einer Realschule auf die Oberstufe gewechselt sind, müssten noch mehr gefördert werden. Das funktioniert nicht, wenn Lehrer ihren Unterricht durch Überlastung nicht mehr individuell vorbereiten können. Dabei finde ich es sehr wichtig, dass alle Schüler auf denselben Stand gebracht werden, um mit gleichen Chancen ins Abitur zu gehen. Natürlich finde ich es schön, ab und zu mehr Freizeit wegen entfallender Stunden zu haben, aber ich habe immer im Hinterkopf, dass wir in dieser Zeit in der Schule sitzen sollten.
Nantke Hinrichs, 17 Jahre, 11. Klasse, IGS Linden

Nutzung der Studiengebühren: Falsch verwendet

Ich verstehe nicht, dass das von Studenten hart erarbeitete Geld nicht wenigstens für mehr Professuren und Lehrpersonal eingesetzt wird. Ich saß zum Beispiel mit 120 Kommilitonen in einem Seminar – vernünftiges Studieren ist so kaum möglich. Nebenbei arbeite ich als wissenschaftliche Hilfskraft, um die Studiengebühren zahlen zu können. Und dann muss ich sehen, wie das Geld für teils sinnlose Dinge ausgegeben wird. Ohne Nebenjob könnte ich mich verstärkt auf das Studium konzentrieren. Es passt nicht zusammen, die Studienbedingungen durch die Verkürzung der Studienzeit und den Prüfungsstress zu verschärfen und für den heißen Stuhl, auf dem man dabei sitzt, noch Geld zu verlangen. Mit gleichen Chancen hat das nichts zu tun!
Andreas Ulrich, 24 Jahre, studiert im 8. Semester Deutsch und Politik

Bachelor-System: Ziel verfehlt

Wenn ich morgens aufstehe, diktiert der Bachelor meinen Tag. Die Studenten in den alten Studiengängen konnten noch viele Kurse nach ihrem Interesse wählen. Bei mir ist vieles vorgegeben – das macht mich wirklich unzufrieden. Denn ich bin motiviert, will vieles machen, aber ich würde gerne mein Studium selbst organisieren und gestalten. Und auch sonst bringt der verschulte Studienplan Probleme: Ich möchte ein Semester in Südamerika studieren, doch das ist zeitlich kaum möglich. Außerdem muss ich meine ehrenamtliche Arbeit bei Greenpeace und in der Fachschaft zurückschrauben. Die Studenten werden darauf gedrängt, nur noch die benötigten Credit-Points anzuhäufen. Dass dabei so viel auf der Strecke bleibt, ist schade.
Svea Blieffert, 20 Jahre, studiert im 2. Semester Umweltwissenschaften in Lüneburg

Turboabi: Arbeit, Arbeit, Arbeit

Der Schulgong kreischt, ich schrecke hoch: Es ist Montag, 15.50 Uhr. Ein Neunstundentag liegt hinter mir. Die Warnung „Ihr habt nur zwölf Jahre Zeit. Strengt euch an, ihr liegt zurück!“ habe ich heute mehrfach von meinen Lehrern gehört, motivierter bin ich deswegen nicht. Ich fühle mich müde, überfordert. Wenn ich nach Hause komme, erwartet mich ein Berg an Hausaufgaben. Die mache ich oft erst abends, weil ich trotz 34-Stundenwoche nicht auf mein Hobby Reiten verzichten will. Bei vielen meiner Freunde ist das anders. Weil sie im Unterricht nicht mitkommen, müssen sie Nachhilfe nehmen. Zeit, sich zu treffen, bleibt da nur am Wochenende. Ich bin zwar ein Jahr früher fertig, aber dann heißt es doch auch wieder: Arbeit, Arbeit, Arbeit!
Fleming Heine, 16 Jahre, 10. Klasse, Gymnasium Mellendorf

IGS-Abi: Sinnlos

Das Turboabi ist eine Schnapsidee der Politik. Viele meiner Freunde am Gymnasium machen schlechte Erfahrungen damit. Nicht nur sie, auch die Lehrer sind gestresst. Vieles läuft noch chaotisch. Ich bin dagegen, dass das Turboabi auch an den IGSen eingeführt wird. Das verkürzte Abitur ist freiwillig an einer IGS längst möglich. Ich bin dafür ein gutes Beispiel: Ich überspringe die 10. Klasse. Ich stehe deswegen aber nicht unter Druck, sondern belege speziell angebotene Crashkurse, um die Inhalte des ausgelassenen Schuljahres im Voraus zu lernen. Man kann auch in jedem anderen Schuljahr springen, wenn es die Leistungen hergeben. Ich habe es bereits in der 5. Klasse getan. So wie ich stehen viele dem Turbo-Abi gegenüber: Kein Pflicht-Turboabi an Gesamtschulen!
Sina John, 12 Jahre, 9. Klasse, IGS Garbsen

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