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Das gesprochene Wort: hannoversche Poetry Slammer im ZiSH-Interview

Die deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaft in Hamburg Das gesprochene Wort: hannoversche Poetry Slammer im ZiSH-Interview

Vom kommenden Dienstag bis Sonnabend treffen sich in Hamburg mehr als 300 Poetry-Slammer zu der größten Dichterschlacht, die es in Deutschland je 
 gegeben hat. Auch drei Teilnehmer aus Hannover treten mit ihren Texten vor das Publikum. ZiSH hat mit ihnen gesprochen.

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Sie dichten bei der Poetry-Slam-Meisterschaft in Hamburg: Alex Meyer, Klaus Urban und Tobias Kunze.

Quelle: Frauke Zelmer

In der kommenden Woche findet in Hamburg das Finale der 15. deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft vor mehreren Tausend Zuschauern statt. Früher standen sich Poeten in kleinen Kneipen und Kulturvereinen gegenüber. Findet ihr das gut?

Tobias: Ich finde beides gut. Natürlich ist es schön, im kleinen Kreis zu lesen und die volle Aufmerksamkeit des Publikums zu bekommen. Früher war das anstrengender, da musste man gegen ein paar Biertrinker an der Theke anlesen. Es ist auch cool, vor vielen Leuten zu stehen. Zumal man bei größeren Slams auch Gage erhält.

Klaus: Poetry Slam ist eine Kunstform – und Menschen mit Kunst in Berührung zu bringen ist wichtig. Häufig spielt Kreativität keine Rolle in unserem Leben, und auch in der Schule. Je mehr Leute daran teilhaben, desto besser.

Beim Poetry Slam spielt auch das Publikum eine wichtige Rolle – es entscheidet über Sieg und Niederlage. Geht bei den großen Veranstaltu ngen nicht die Vertrautheit zwischen Poet und Publikum verloren?

Alex: Das Wichtige daran ist, dass diese Kneipenatmosphäre trotz Kommerzialisierung nicht verloren geht. Das kann passieren, wenn die Szene die Slams aus der Hand gibt, Geld ins Spiel kommt und das der einzige Anreiz für die Poeten wird. Das würde ich negativ empfinden. Doch bisher ist mir diese Entwicklung noch nicht aufgefallen.

Ändert sich mit der Größe eines Wettstreits auch das Publikum?

Tobias: Wenn Slams groß werden, werden sie zu einer Massenunterhaltung. Je mehr Zuschauer im Publikum sitzen, desto größer die Dynamik und die Forderung nach Spaß.

Soll das heißen, dass Slams zu Spaßveranstaltungen werden – und Poeten zu Clowns?

Tobias: Die Zuschauer wollen unterhalten werden und sind auf eine schnelle Pointe aus. Ich habe den Eindruck, dass viele ungeduldig und weniger konzentriert sind. Trotzdem kann ein gut gemachter ruhiger Text viel Zuspruch bekommen. Früher waren Slams einfach interaktiver, da haben sich Leute aus dem Publikum mehr getraut, dazwischenzurufen und hinterher mit den Slammern zu diskutieren und die Texte interessant zu finden.

Klaus: Es gibt schon eine Reihe von Kollegen, die sehr stark auf Comedy-Elemente setzen, aber was mich besonders begeistert, ist, dass das Publikum auch ganz ernste, philosophische und kritische Texte schätzt und hoch bewertet. Würde es nur in Comedy abgleiten, wäre ich auch nicht länger dabei.

Tobias: Die Vortragsformen beim Slam sind mittlerweile verschmolzen. Comedy gab es schon immer auf Slam-Bühnen – oder nennen wir es: gut pointierte Prosa. Früher waren sie eindeutiger getrennt. Da gab es die Lyrikfraktion, die Reimdichter, die Rappoeten, dann gab es die Abstrakten, sozusagen Laut-Poeten, die Prosapoeten, die Geschichten erzählt haben.

Ist Poetry Slam heute noch immer so vielseitig wie vor zehn Jahren?

Klaus: Ja, und das muss auch so bleiben. Clowneske Geschichten wird es immer geben, sie haben genauso ihre Berechtigung wie tiefe schwere Texte. Doch gerade bei jungen Slammern ist viel poetisches Potenzial zu erkennen. Bei vielen von ihnen bleibt Poetry noch Poetry. Darauf legen sie viel Wert.

Tobias: Es gibt auch Workshops, bei denen junge Slammer nicht nur das Handwerk lernen, sondern auch die verschiedenen Vortragsformen. Ebenso Aufbau, Stilmittel, Timing und welche Pointe zu welchem Zeitpunkt gut zündet und welcher Effekt das Publikum begeistert, werden den Teilnehmern gezeigt.

Das klingt ein wenig wie Poesie nach Plan. Macht es den Beitrag für Teilnehmer und Zuschauer nicht langweilig?

Tobias: Nicht langweilig, aber ein wenig vorhersehbar. Klar schauen sich viele Workshop-Teilnehmer einen gewissen Duktus ab. Andererseits ist es so, dass manche jungen Slammer schon sehr gut und eigen sind. Sie wissen, wie man raffiniert Pointen setzt, wie man unerwartete Wendungen und Brüche einbaut. Viele haben phantastische Gedanken und überraschend viel zu sagen, sodass man auf dem Heimweg noch über deren Geschichten nachdenkt.

Wie entstehen eure Geschichten?

Klaus: Ich habe die besten Einfälle in der Sauna. Fast alle meiner Limericks sind dort entstanden. Gerade erst habe ich eine Geschichte geschrieben, die von einem privaten Erlebnis berichtet. Häufig kommen mir Ideen ganz spontan.

Alex: Ich schreibe sehr gerne nachts, und dazu bin ich oft im Auto unterwegs. Meine Einfälle spreche ich auf ein Diktiergerät.

Worum geht es in euren Slam-Texten?

Klaus: Mir ist Sprache sehr wichtig. Nicht nur, weil der Vortrag auf der Bühne gesprochen ist, sondern weil Sprache auch Thema ist. Meine Texte verbindet das Spiel mit der Sprache.

Alex: Ich schreibe über alles, was sich bewegt. Das kann in Gesellschaftskritik enden, kann romantisch werden, das kann lustig oder ernst sein.

Tobias: In vielen meiner Texte geht es um das Leben in der Stadt, und um die kleinen Pointen. Ich schreibe immer auf, was ich sehe oder was mir selbst passiert. Das ergibt oft aberwitzige Geschichten.

Was fasziniert euch, wenn ihr auf der Bühne steht?

Klaus: Ich möchte die Leute nicht belehren, ich will sie in ihren Emotionen und ihrem Denken aufgreifen und fesseln. Und sie an meinen Gedanken beteiligen. Wenn ich dann merke, mein Text packt die Leute, dann habe ich ein gutes Gefühl.

Tobias: Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich etwas zu sagen, und dann zu sehen, wie das Publikum reagiert, ist spannend. Ob es überrascht ist oder verwundert oder vielleicht sogar traurig wird. Das Spiel mit den Gefühlen beeindruckt mich.

Alex: Die Mischbarkeit von Schauspiel und Literatur mag ich sehr gerne. Mein Anreiz ist das Publikum. Man hat kaum anders die Möglichkeit, so direkt Feedback zu bekommen. So direkt angenommen oder auch abgelehnt zu werden, und das ist die Verbindung, Publikum-Künstler, die mir am Poetry Slam sehr gut gefällt.

Unterscheidet ihr zwischen Slam-Texten und anderen Texten, die ihr schreibt?

Klaus: Auf der Bühne hat niemand mehr als sieben Minuten Zeit. Da muss der Poet geschickt herausspitzen, anspitzen und pointieren. Man muss gleich voll da sein.

Poetry Slam hat eine große Popularität erreicht. Bleiben die Slams weiterhin offen für jeden?

Alex: Das muss so bleiben. Poetry Slam ist Sprachrohr für alles und jeden.

Klaus: Die Szene wächst, an vielen Orten entstehen weitere Slams. Somit ist auch mehr Platz für neue Leute.

Ihr bereitet euch zu Hause vor und fahrt für sieben Minuten Poesie auf der Bühne quer durch Deutschland. Lohnt sich das?

Tobias: Nein, es lohnt sich nicht. Für ein paar Minuten Hunderte Kilometer zu fahren ist großer Quatsch. Aber ich mache es gelegentlich, weil es mir immer noch Spaß macht. Das machen vor allem die, die Zeit haben. Anders ist es, wenn man eine CD oder ein Buch veröffentlicht hat, die man dann bei der Veranstaltung verkaufen kann. Aber viel Geld kann man mit Slammen allein nicht verdienen – nur einen höheren Bekanntheitsgrad erreichen.

Klaus: Poeten werden vom Publikum nicht nur akzeptiert, sondern auch gefeiert. Das sind wunderschöne Momente. Rational kann man das natürlich nicht fassen.

Reicht die Bekanntheit mancher Poeten über die Szene hinaus?

Alex: Sebastian 23 ist da zu nennen, der unter anderem auch die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam gewonnen hat. Er ist auch als Comedian unterwegs. Im „Quatsch Comedy Club“ oder „Nightwash“ ist er bereits aufgetreten. Bis es ein Poet dahin schafft, muss er viel Arbeit und Zeit investiert haben. Für mich ist Poetry Slam kein Sprungbrett, es ist die Kunstform, die zu mir passt.

Wisst ihr schon, welche Texte ihr in Hamburg bei der Poetry Slam Meisterschaft vortragt, oder ist das geheim?

Klaus: Die, mit denen man bisher am erfolgreichsten war. Aber ich weiß es noch nicht. Wenn man als Erster oder Zweiter dran ist, ist ein anderer Text wahrscheinlich strategisch sinnvoller, als wenn man als Achter oder Neunter beginnt. Das Publikum ist wohlwollender, wenn in den Reihen der Alkoholkonsum gewachsen ist. Ich entscheide das spontan.

Tobias: Weder noch. Ich weiß es einfach nicht. Ich hab’ noch nichts Fertiges. Das ist jetzt meine achte nationale Meisterschaft, an der ich teilnehme. Bei den vorherigen bin ich – damals noch ungewöhnlich – immer mit anderen Texten angetreten. Seit einem Jahr haben die Veranstalter die Regel eingeführt, dass man die Texte, die man in den Vorrunden des vorherigen Jahres vorgetragen hat, nicht mehr nutzen darf. Insofern habe ich mein bestes Pulver in den acht Jahren verschossen und muss zusehen, dass ich noch etwas Neues schreibe. Immerhin, an Ideen mangelt es nicht.

Interview: Marina Uelsmann 
und Friederike Vogel

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