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Warum hat niemand Lust auf diese Jobs?

Unbeliebte Ausbildungsberufe Warum hat niemand Lust auf diese Jobs?

Klempner, Metzger, Restaurantfachkraft und Bäcker gehören zu den unbeliebtesten Ausbildungsberufen in Deutschland - viele Stellen sind frei, Nachwuchs ist schwer zu finden. Warum eigentlich? ZiSH hat Azubis gefragt.

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Auf ihre Ausbildungen haben die meisten jungen Erwachsenen keine Lust: Sanitärtechniker Dennis Michel (27), Restaurantfachfrauen Johanna Hess (18) und Marlies Dehmel (22), Bäckerin Laura Alberts (21) und Metzgerin Marina Hoppe (21).

Quelle: Körner, Eberstein, Franson, Schaarschmidt

Bäcker: Arbeiten, wenn andere feiern gehen

Hannover. Es ist 24 Uhr. Wie viele ihrer Freunde macht sich die 21-jährige Laura Alberts fertig für die Nacht. Allerdings schlüpft sie nicht in ein Partyoutfit, sondern in ihre Arbeitskleidung: schwarz-weiß karierte Hose und weißes T-Shirt. Die braunen Haare versteckt sie unter einer weißen Kappe. Laura macht eine Ausbildung zur Bäckerin in der Gehrdener Bäckerei Weiß und hat darin ihren Traumberuf gefunden.

„Ich mag es, etwas mit den Händen zu machen, und es ist jedes Mal ein tolles Gefühl, vor dem Feierabend die gut gefüllte Theke zu sehen“, sagt sie. Feierabend ist für Laura um 7 Uhr morgens. Dann, wenn ihre Freunde in den Tag starten. „Unter der Woche ist ein Treffen deswegen schwierig, aber zum Glück ist meine beste Freundin auch Bäckerin und hat die gleichen Arbeitszeiten“, erzählt sie.

Viele ihrer Freunde fänden ihren Job aber cool, sagt die Bäckerin. Der Grund dafür sind möglicherweise die selbst gemachten Torten aus der Backstube, die Laura zu Geburtstagen kreiert. Wie man riesige Torten backt, hat sie auch bei einem dreiwöchigen Praktikum im Londoner Nobelkaufhaus Harrods gelernt. „Vielleicht kann ich nach meiner Ausbildung sogar dorthin zurückgehen, denn deutsches Bäckerhandwerk ist im Ausland sehr beliebt“, erzählt sie.

Die Ausbildungsstelle hat Laura durch Zufall gefunden: Eigentlich war sie gerade dabei, ihr Fachabitur zu machen, als sie auf die Stellenanzeige aufmerksam wurde. Nach zwei Nächten Probearbeiten war ihr klar: Sie bricht die Schule ab und wird Bäckerin. Und das bedeutet eben auch, einen anderen Tagesrhythmus zu haben: Um 18 Uhr geht Laura schlafen, um fit zu sein für eine neue Nacht in der warmen, nach Kuchen duftenden Backstube.

Anna Beckmann

Klempner, Metzger, Restaurantfachkraft und Bäcker gehören zu den unbeliebtesten Ausbildungsberufen in Deutschland - diese Azubis sind trotzdem glücklich mit ihren Ausbildungen.

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Fleischer: Hier geht’s um die Wurst

Für Marina Hoppe fängt die Woche bereits montagmorgens um 5 Uhr an. Nachdem sie sich ihre weißen Gummistiefel, die Kappe und die Arbeitskleidung angezogen hat, geht sie durch die Hygieneschleuse in den Schlachtraum – ein Anblick, den nicht jeder am frühen Montagmorgen verträgt. Die 21-Jährige ist im dritten Lehrjahr der Fleischerei-Ausbildung.

Um für ihre praktische Prüfung im Juni zu üben, arbeitet sie gerade bei allen Stationen mit: betäuben, ausbluten, ausnehmen, sortieren. Marina, hat die Ausbildung nach dem Abitur 2014 angefangen. Dafür, dass die Schweine hier im traditionellen Betrieb ihrer Eltern in Hänigsen nicht unnötig leiden müssen, würde sie ihre Hand ins Feuer legen. Hier wird jedes Schwein einzeln mit zwei Elektroschocks betäubt, bevor es getötet wird. Mit der CO2-Begasungsmethode zu arbeiten, die sie in Massenschlachtereien kennengelernt hat, kann sich Marina nicht vorstellen.

Nach dem Schlachten am Montag wird dann die ganze Woche produziert: Würste, Schinken und andere Fleischprodukte. Marina macht es stolz, dass sie selbst herstellen kann, was sie gern isst. „Viele denken über den Fleischer-Beruf, dass er sehr blutig, brutal und eintönig sei. So ist es aber gar nicht“, erzählt sie. Ihr gefällt vor allem, dass man eigene Produkte kreieren kann.

Zusammen mit ihrem Meister hat sie eine Pulled-Pork-Bratwurst entwickelt. „Fleischer zu werden kann ich jedem empfehlen, der Fleisch zu schätzen weiß – und sich dafür interessiert, wie Lebensmittel hergestellt werden“, sagt Marina. Sie möchte später im Geschäft ihrer Eltern einsteigen und die Meisterschule absolvieren.

Jacqueline Niewolik

Restaurantfachfrau: Theke, Teller, Trinkgeld

Die Tische sind eingedeckt und alle Vorbereitungen abgeschlossen. Die 18-jährige Johanna Hess (links im Bild) und die 22-jährige Marlies Dehmel stehen entspannt hinter der Theke im Restaurant Gondel des GOP Varieté und unterhalten sich. Als der erste Gast durch die Tür kommt, geht Marlies zielstrebig auf ihn zu. Als auszubildende Restaurantfachfrauen im ersten Lehrjahr gehört es zu den Aufgaben der beiden, die Gäste zu begrüßen, ihnen die Garderobe ab- und Bestellungen aufzunehmen sowie Getränke und Essen an die Tische zu bringen.

Während der Ausbildung durchlaufen sie alle Stationen von der Garderobe bis zur Küche. Die späten Arbeitszeiten sehen sie nicht als Problem. „Meine Freunde meinen immer, ich würde arbeiten, wenn sie feiern gehen“, sagt Marlies. „Das stimmt aber nicht: Wenn ich Feierabend habe, gehen sie meist gerade erst los.“ Beide Mädchen haben sich für die Ausbildung entschieden, weil sie gerne mit Menschen arbeiten wollten. Im Varieté lernen sie neben den verschiedensten Künstlern auch ältere Gäste kennen, die das GOP seit über 50 Jahren kennen. Deren Geschichten hören sie sich gern an. „Am meisten Spaß macht es, wenn viele Gäste da sind“, findet Johanna. „Da wird es nie langweilig. Und das Trinkgeld ist auch besser“.

Greta Friedrich

Anlagenmechaniker: Von wegen „Kackjob“

Eingehüllt in Staub sitzt Dennis Michel zwischen zahlreichen Werkzeugkoffern und schneidet Kupferrohre zu. Er ist im dritten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, was den meisten auch als Klempner bekannt ist.

Diese Bezeichnung mag der 27-Jährige allerdings nicht. „Viele verbinden mit einem Klempner übelriechende Rohre. Damit habe ich nicht viel zu tun“, erklärt er. Deshalb glaubt Dennis auch, dass der Beruf des Anlagemechanikers bei vielen so unbeliebt ist: Die meisten Menschen denken, er würde den ganzen Tag lang überlaufende Toiletten reparieren.

Dagegen ist sein Berufsalltag in der Mellendorfer Firma Dolgner GmbH wesentlich ausgewogener: Heizungen, Abgasleitungen, Solaranlagen und neue Bäder werden von ihm neu angebracht oder repariert.

Vor allem die Dankbarkeit der Kunden gibt Dennis Motivation und Spaß an seinem Beruf. Wer durch eine kaputte Heizung im Winter friert oder mehrere Tage auf die Wasserversorgung verzichten muss, freut sich über seine Arbeit umso mehr. Schmutzige Arbeitskleidung und harte körperliche Arbeit nimmt er dafür gern in Kauf.

Nina Hoffmann

In diesen Jobs fehlen Azubis

Es gibt Berufe, die es bei den angehenden Azubis schwer haben. Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) vom April 2016 haben Firmen vor allem in den Bereichen Gastronomie und Handwerk große Probleme, Azubis zu finden. So konnten bei den Restaurantfachkräften im Jahr 2015 über 35 Prozent der deutschlandweit angebotenen Ausbildungsplätze nicht besetzt werden.

Auch Ausbildungsbetriebe für Fleischer, Klempner, Fachleute für Systemgastronomie, Bäcker, Gerüstbauer, Gebäudereiniger und Köche konnten etwa ein Drittel ihrer Plätze nicht loswerden. Damit liegen diese Berufe weit über dem Durchschnitt: Insgesamt konnten in Deutschland 2015 nur 7,5 Prozent aller Ausbildungsplätze nicht besetzt werden.

Auch in der Region Hannover sind zurzeit Tausende Plätze unbesetzt: Laut Handwerkskammer sind es aktuell 8000. Der Nachwuchs fehlt vor allem bei Bäckern und Fleischern. Mangel gäbe es jedoch in fast allen Berufen. Einzige Ausnahme: Kfz-Mechatroniker.

Greta Friedrich

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