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Fahrradkuriere in Hannover

Der Päckchenbringdienst


Wenn andere im Winter aufs Auto umsteigen, ziehen sich Fahrradkuriere einfach wärmer an. Denn für die Zweiradboten ist das Rad mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Ihr ganzes Leben dreht sich darum.
Schnell ans Ziel: Fahrradkurier Hannes saust auf seinem Fixie durch den Verkehr.

Schnell ans Ziel: Fahrradkurier Hannes saust auf seinem Fixie durch den Verkehr.

© Wallenwein

Der Regen prasselt auf den Asphalt. Der kalte Wind bläst Hannes Ellinger ins Gesicht. Mit zugekniffenen Augen fixiert er den Verkehr um sich herum und tritt härter in die Pedale.

Rad fahren im Winter ist hart – für Hannes aber kein Vergnügen, sondern sein Job: Er ist Fahrradkurier. Seit September führt Hannes mit drei Freunden die eigene Firma Tretwerk in der Königsworther Straße. „Ich habe mir einen Traum verwirklicht – den Traum, mit Fahrrad fahren Geld zu verdienen“, sagt sein Kollege Felix Wende. Man sei an der frischen Luft, immer in Bewegung und dazu noch umweltfreundlicher als Paketdienste, die ihre Waren mit dem Auto bringen. Alle vier fuhren vor der Gründung der eigenen Firma schon für andere Kurierdienste Päckchen und Dokumente aus. Doch irgendwann wagten sie den Schritt in die eigene Existenz.

Seitdem radeln sie alle fünf Tage die Woche von morgens bis abends durch Hannover: 70 bis 130 Kilometer kommen so am Tag pro Person zusammen. Zahnlabore, Druckereien, Grafikdesigner und Apotheken gehören zu den typischen Kunden. „Wir fahren aber auch zwischen Büros und Ämtern hin und her, damit bestimmte Dokumente gestempelt werden.“ Dass trotz E-Mails noch nicht alles digital geschickt werden kann, kommt den Fahrradkurieren zugute. Vor allem vormittags sind die Kuriere mit ihren selbst gebauten Rädern unterwegs – viele von ihnen benutzen sogenannte Fixies: Räder ohne Gangschaltung und Bremsen. (Siehe auch das Fahrradkurier-Glossar).

4,90 Euro kostet eine Fahrt ab dem ersten Kilometer – übergewichtige Päckchen, Expressfahrten oder Zwischenstopps kosten extra. „Reich wird man damit nicht, aber solange ich Leidenschaft für das Fahren habe, ist es ein guter Job“, sagt der 28-jährige Felix.

Neben Tretwerk schicken noch Radzfatz und „Der schnelle Fahrradbote“ Kuriere mit dem Rad durch die Stadt – rund 20 sind es insgesamt. Doch als Konkurrenten sehen sich die Boten nicht. „Die meisten kennen wir persönlich, mit denen hat man auch privat viel zu tun.“ So gäbe es regelmäßige Bike-Polo-Spiele und andere Events rund ums Fahrradfahren. „Einige Kollegen haben uns sogar zur Eröffnung ein Alleycat-Rennen geschenkt.“

Diese Schnitzeljagden stehen im Zentrum der Fahrradkurierszene. Seit Jahren werden die Rennen in nahezu jeder Großstadt gefahren, in der auch Fahrradkuriere arbeiten. So gibt es inzwischen auch zahlreiche Meisterschaften für die Fahrradkuriere: das „Stupor Bowl“ in den USA, die Europameisterschaft „European Cycle Messenger Championship“, die in diesem Jahr in Berlin ausgetragen wurden, und die Weltmeisterschaft, die 2009 Hunderte Fahrer nach Tokio lockte. „Im nächsten Jahr ist die Weltmeisterschaft in der Kleinstadt Panajachel in Guatemala. Da würde ich schon gerne dabei sein“, sagt Hannes.

Auch wenn die Szene im Gegensatz zum Skateboarden oder BMX-Fahren offen und heterogen ist, eint nahezu alle Fahrer der Wunsch, selbstbestimmt arbeiten zu können und dabei viel unterwegs zu sein. Der Zusammenhalt zwischen den Kollegen ist wichtig. „Wenn einem von uns das Fahrrad geklaut werden würde, würde sich das innerhalb weniger Stunden rumsprechen“, sagt Felix. Jeder andere Kurier hält dann die Augen auf. Alle Kurierräder sind Unikate. In der Szene weiß man meistens, wem welches gehört.

Viele ihrer Auftraggeber kennen Felix und Hannes persönlich. Auf Ämtern und in vielen Büros hat Felix mit seiner Fahrradkluft, seinem Vollbart und den Piercings anfangs jedoch viele Blicke auf sich gezogen. „Wir werden aber überwiegend gut aufgenommen.“ Ab und zu gäbe es auch mal Süßigkeiten. „Der Zucker bringt einen dann wieder nach vorne“, sagt Hannes.

Ansonsten helfe gegen die Kälte vor allem die richtige Kleidung: wasserdichte Socken, Skiunterwäsche, Mütze, Regenjacke und Hose. „Regnet es richtig doll, wird man trotzdem irgendwann nass.“ Dann hilft nur in Bewegung bleiben und schnell fahren, sodass man nicht auskühlt. „Ich nehme in Büros dann lieber die Treppe anstatt den Aufzug, um bloß keine Pause zu machen.“ Zwischenstopps bei Freunden oder in Cafés sind gut für die Laune. „Früher habe ich mir morgens noch den Wetterbericht angeschaut, inzwischen ist mir das aber egal“, sagt Hannes.

Ihre Aufträge kriegen die Fahrer über Funk aus dem Büro. Aber auch Baustellen, Staus oder Unfälle geben sie so an ihre Kollegen weiter. Neben dem Wetter und Verkehr haben die Fahrer aber vor allem einen Feind: den Untergrund. Kopfsteinpflaster, Straßenbahnschienen, Gullydeckel, Bordsteinkanten, Laub­berge, unter denen sich spitze Gegenstände verbergen können, und Marmorplatten, auf denen man leicht ausrutschen kann. Jeder der Fahrer hat schon diverse Unfälle hinter sich. „Man muss Respekt haben für den Untergrund, auf dem man fährt“, sagt Felix.

Auf einen Helm will er deshalb nicht verzichten, obwohl der Schutz nach stundenlangem Tragen Kopfschmerzen verursachen kann. Hannes verzichtet deshalb oft auf seinen Helm „Außerdem drückt die Tasche, wenn sie voll ist, von hinten meinen Helm über die Augen“, sagt der 27-Jährige. Hannover sei ein fahrradfreundliches Pflaster. „Nur die meisten Autofahrer können anscheinend nichts mit selbstbewussten Fahrradfahrern anfangen“, sagt Felix.

Besonders im Feierabendverkehr würden die Kuriere oft angehupt. „Ich kann die aber schon verstehen“, sagt Hannes. „Es gibt schließlich nichts Besseres, als an einer langen Schlange Autos einfach vorbeizufahren. Das ist ein super Gefühl.“ Für viele Autofahrer sind die Kuriere deshalb die Rowdys auf Rädern, doch Probleme mit der Polizei hatte bis jetzt keiner von ihnen. „Die wissen ja auch, dass unsere Kunden auf ihre Sendungen warten.“

Das Glossar der Fahrradkuriere

Alleycat: Alleycats, aus dem Englischen für streunende Katzen, sind Schnitzeljagden mit dem Fahrrad. Bei diesen Jagden wird der Alltag der Fahrradkuriere nachgestellt: So müssen Teams beispielsweise in einer bestimmten Zeit ein rohes Ei zum Ziel bringen und dabei diverse Checkpoints passieren. Die jeweiligen Regeln und das Ziel erfahren die Spieler erst kurz vor Beginn.

Bike-Polo: Anstatt auf Pferden, wird bei diesem Spiel vom Fahrradsattel aus Polo gespielt. Die Teams haben bis zu drei Spieler. Ziel ist, den Ball mit einem Stock ins Tor zu schießen. Die Dauer eines Spiels beträgt meist rund zehn Minuten. In Hannover wird bei gutem Wetter unter anderem am Küchengarten gespielt.

Fixie: Ein Fixed-Gear-Bike (Bild rechts) hat einen starren Gang und keine Schaltung. Auch einen Leerlauf gibt es bei den Rädern nicht. Gebremst wird mit den Beinen. Fahrradkuriere benutzen diese minimalistischen Räder, weil sie wendiger und schneller sind und günstiger in der Wartung.

von Constantin Alexander

Nachtrag: Die sogenannten Fixie-Fahrräder sind nach der Straßenverkehrsordnung nicht für den Verkehr zugelassen. In einzelnen Großstäden werden sie deshalb von der Polizei konfisziert.

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  • Fahrradkuriere Wilhelm – 14.12.09
    Ich verhindere als "Viel-Radfahrer" nahezu täglich, dass mich unachtsam abbiegende Autofahrer stumpf übersehen; meistens winke ich freundlich, obwohl der Stinkefinger angebracht wäre.

    Die Radfahr-Erfahrung bewirkt, dass ich als Autofahrer dementsprechend vorsichtig fahre.

    Wir brauchen mehr Rücksicht und Toleranz zwischen Rad- und Autofahrer, aber keine neuen Vorschriften, Gesetze etc.
  • Und die andere Seite der Medaille... DK – 13.12.09
    ...wäre die, sich selber mal die Statistik der Unfallforschung Hannover heranzuziehen, um zu schauen, ob und wie Kuriere an Unfällen beteiligt waren. Als aktiver, mit Freilauf fahrender Kurier und mehr als 25.000km innerhalb Hannovers in den Beinen, kann ich dem Beitrag von Herrn Heßmann beipflichten und ergänzen, dass wir nur hochkonzentriert und selbstbewußt fahren und mehr als oft für die anderen mitdenken, wenn diese ihren Sorgsamkeitspflichten nicht nachkommen.
  • Kurier auf Fixies Frank Bleßmann – 12.12.09
    Das sind aber die Leute, die ihr Fahrrad beherrschen. Von denen geht weniger Gefahr aus als von Taxifahrern, Üstra-Bussen mit eingebauter Vorfahrt, BMW-Proleten, verlangsamte Rentner oder Alkoholisierte.
  • Na ja... Hedemann – 12.12.09
    Wenn man weiß, dass die Kuriere oft mit Fahrrädern unterwegs sind, die gegen so ziemlich jede Mindestanforderung der Straßenverkehrsordnung verstoßen, dann kann einem schon Angst und Bange werden - gerade weil sich die Herrschaften ja oftmals auch rasend schnell, unversichert und unter Missachtung aller Verkehrsregeln durch die Stadt schlängeln. Aber die Bösen sind ja immer die anderen...
  • ZISH - Der Päckchenbringdienst - 11.12.2009 Costa Alexander – 11.12.09
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