Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Dabei sein ist nicht alles

Warum Wettkampf nervt Dabei sein ist nicht alles

Ab heute bekämpfen sich bei den Olympischen Spielen Sportler aus aller Welt in Disziplinen wie Speerwerfen und Rugby. Doch muss es immer so archaisch sein? Zwei ZiSH-Autorinnen streiten darüber, warum einfach dabei zu sein nicht reicht.

Voriger Artikel
Nicht alles besprechen
Nächster Artikel
Bei diesen Sportarten gewinnen alle

Kein Spaß für Unsportliche: Dem Konkurrenzdruck in Sport und Gesellschaft kann und will nicht jeder standhalten, meint ZiSH-Autorin Klara.

Quelle: Kathrin Kutter

Die Angst vor dem Scheitern

Es geht darum, Dinge gerne zu machen – und nicht perfekt, meint Klara.

Es geht darum, Dinge gerne zu machen – und nicht perfekt, meint Klara.

Quelle: Kathrin Kutter

In meiner Kindheit bin ich oft umgezogen. Mit jeder neuen Schule kam erneut die Angst. Jedes Mal machte ich mir Sorgen, ob ich dort auch respektiert werde. Die Anerkennung seiner Mitschüler bekommt man nämlich nicht nur beim Toben auf dem Pausenhof, sondern auch im Unterricht – vor allem im Sport. Dort war ich besonders aufgeregt. Schließlich möchte niemand derjenige sein, der einen Ball kaum geradeaus werfen kann oder nach zwei Laufrunden durch die Halle keuchend zusammenbricht.

Natürlich ist Sport nicht das Wichtigste. Doch auf der Suche nach Anerkennung entscheidet sich dabei schon, welche Stelle in der Pausenhofhierarchie man einnimmt – ob man der „Sportfreak“ oder das „Pummelchen“ ist. Der Konkurrenzkampf beginnt nicht erst im Job, sondern auf dem Schulhof: Ein Gewinner ist in unserer Gesellschaft schließlich, wer etwas am besten kann und im Optimalfall noch einen Rekord dabei aufstellt. Die Leistung zählt. Sei es beim Völkerball in der Schule oder bei den Olympischen Spielen.

Dabei waren die ursprünglich nicht als epischer Wettkampf gedacht: Eigentlich sollten Sport und Völkerverständigung gefeiert werden. Doch der Leistungsdruck scheint heute stärker zu sein als je zuvor. Jahrelang malochen Athleten mit Extremtraining und Diäten – und manchmal reicht selbst das nicht: Immer wieder glauben einige, dass sie dem Druck nur gerecht werden können, wenn sie dopen – wie sich kürzlich wieder am Beispiel russischer Sportler zeigte.

Doch warum ist es so wichtig, zu gewinnen und der Beste zu sein? Der Sport ist nur ein Abbild unserer Gesellschaft: In der Schule und bei der Jobsuche herrscht harter Konkurrenzkampf. Die dauernden Wettkämpfe und der Leistungsdruck nehmen so manchem das kleine Stückchen Selbstbewusstsein, das er noch hat.

Belohnt wird, wer die härtesten Ellenbogen und den stärksten Willen hat – Talente sind da oft zweitrangig. Dabei ist egal, dass es per Definition unmöglich ist, dass jeder der Beste ist. Man muss Leistung bringen und zu den Starken gehören. Sonst, so geht es einem dann durch den Kopf, ist man unbrauchbar – wie damals, als man in der Sporthalle mit großem Abstand als Letzter durchs Ziel gelaufen ist und jeder die Schweißflecken und den roten Kopf sehen konnte. Insgeheim hofft jeder, dass es solche Mitkonkurrenten gibt, die schlechter sind als man selbst – nur um besser dazustehen.

Ich würde mich nicht als unsportlich bezeichnen. Die Bundesjugendspiele haben mir trotzdem jedes Jahr wieder meine vermeintliche Unsportlichkeit bescheinigt – auf der Teilnehmerurkunde. Denn um etwa Hochsprung oder Weitwurf gut zu bewältigen, muss man auch die richtige Technik beherrschen. Die hatten wir im Sportunterricht aber vorher – wenn überhaupt – kaum geübt. Im Vorteil waren stets die, die eh schon im Schwimm- oder Fußballverein waren. Wettkämpfe, egal in welcher Form, machen den Starken Spaß, nicht den Schwächeren. Die Angst, zu verlieren, kann jedes Talent ersticken: Dem Druck, eine perfekte Leistung abzugeben, möchte und kann nicht jeder standhalten.

Vielleicht wird es Zeit, dass wir uns den ursprünglichen olympischen Gedanken zu Herzen nehmen, im Sport und darüber hinaus – und Dinge einfach gerne statt perfekt machen.

Von Klara Stolz

Bei diesen Sportarten gewinnen alle

ZiSH stellt vier Sportarten vor, bei denen Menschen sich die Hand reichen, statt den Ellenbogen in die Seite zu rammen.

Konkurrenz erzeugt Ehrgeiz

Gewinnen ist ein tolles 
Gefühl, sagt Mareke.

Gewinnen ist ein tolles 
Gefühl, sagt Mareke.

Quelle: Kathrin Kutter

Ich war immer die Beste – mit Abstand. In der Schulzeit war Hochsprung genau mein Ding. Das lag daran, dass ich dreimal die Woche zum Leichtathletik-Training ging. Meine Mitschüler nicht. Ich hatte einen enormen Vorteil, weil ich die Technik schon beherrschte, und war trotzdem stolz darauf. Mein Können machte mich in meiner Klasse besonders. Anfangs war ich noch verlegen, irgendwann trat ich aber selbstbewusst vor die Klasse und brachte meinen Mitschülern die Techniken bei.

In Rio präsentieren sich Sportler aus 206 Nationen, die sich permanent in einer Wettkampfsituation befinden. In ihren Karrieren haben sie oft bewiesen, dass sie in ihrer Disziplin besser sind als andere. Sie wollen Medaillen sammeln und Rekorde brechen. Die Konkurrenz spornt sie an – anders als beim Schulsport sind sie und ihre Mitstreiter alle auf dem gleichen Leistungsniveau.

Sind alle gleich stark, ist die Sache nämlich schon schwieriger. Auf Leichtathletik-Wettkämpfen stach ich nicht mehr heraus wie in der Schule, sondern war nur durchschnittlich. Aber das hat mir die Motivation nicht genommen. Es hat mich ermutigt, mich noch mehr anzustrengen, denn ich wollte unbedingt mit den anderen mithalten – also beim Hochsprung nicht als Erste rausfliegen, weil ich eine Höhe nicht mehr überspringen konnte. Diesen Ehrgeiz haben auch die Teilnehmer in Rio. Die Zwillinge Anna und Lisa Hahner aus Fulda spornt es an, dass sie miteinander im Marathon konkurrieren, wie sie in einem Interview erzählt haben. Anna hat sich mit dem Hannover-Marathon die Qualifikation für Rio quasi auf den letzten Metern erlaufen, während ihre Schwester die Teilnahme schon sicher hatte.

Es ist ein tolles Gefühl, zu gewinnen – man fühlt sich stark und stolz. Andere bringen einem Respekt für die Leistung entgegen und freuen sich mit. Oder sie sind neidisch. Meine Hochsprung-Fähigkeiten reichten zwar nicht mal für einen Landestitel. Aber trotzdem fühlte ich mich nie schlecht, weil andere besser waren als ich. Für mich zählte dann der olympische Gedanke: Dabei sein ist alles.

Von Mareke Heyken

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr