Berlin, Hauptstadt, Fashion Week. Modejournalisten, Fotografen, Designer, Agenten und andere Mode-interessierte schauen auf Models und Mode. Zwischen ihnen läuft Nam Nguyen hin und her. Er hat eine Mappe mit Bildern seiner eigenen Modedesigns unter den Arm geklemmt und ist auf der Suche nach Menschen, die er auf sich aufmerksam machen kann. „Gerade habe ich Annette Weber getroffen, die Chefredakteurin der „InStyle“. Ich hab ihr meine Mappe gezeigt, und sie war total begeistert“, sagt der 17-jährige Jungdesigner aus Benthe bei Hannover. Kontakte knüpfen für die Modekarriere ist wichtig – denn Nam will groß rauskommen.
Wenige Wochen zuvor: Nam bereitet im Kunstverein in Hannover das Shooting für seine erste Kollektion vor. Als Models hat er seine Freundinnen Isabelle und Johanna engagiert. Er verteilt eine große Portion Wachs in Isabelles Haaren und zupft ein paar Strähnchen hin und her. Die 17-Jährige posiert in einem weit geschnittenen weißen Oberteil und bodenlangem grauen Rock mit dünnem Gürtel vor der Kamera. „Die Stoffe sind toll verarbeitet“, sagt sie. Nams Lächeln wird breiter. Er ist stolz und hofft, mit diesen Stücken den ersten Schritt seiner Modekarriere zu gehen.
„Die Situation im Modegeschäft ist nicht einfach“, sagt Martina Glomb, Professorin an der Fachhochschule Hannover. „Wir bekommen sehr viele nicht ernst zu nehmende Bewerbungen.“ Wer einen der begehrten Studienplätze bekommen will, muss eine künstlerische Eignungsprüfung bestehen. „Talent zum Zeichnen und Abstraktionsvermögen müssen da sein, vor allem aber Ideen und Kreativität“, sagt Glomb. Wer an solch einer Hochschule angenommen wird, macht nur den ersten Schritt eines langen Weges. Nicht alle Absolventen werden später große Modedesigner. „Einige arbeiten auch als Stylisten oder Modejournalisten“, sagt Glomb. Traumjobs bei den Großen der Szene sind selten. „Sehr viele talentierte junge Modedesigner gründen ihre eigenen Labels“, sagt die Professorin.
Zwei Absolventinnen des vergangenen Jahres sind Astrid Großer und Gerti Heinrich. Sie präsentieren gerade die zweite Kollektion ihres Labels „Großer Heinrich“ auf der Berlin Fashion Week. „Die Konkurrenz ist groß“, sagt die 25-jährige Astrid. „Wer vom Modedesign leben will, braucht viel Motivation, Disziplin und Ausdauer.“ Ihre erste Kollektion, die sie gemeinsam mit Gerti entwarf, war gleichzeitig ihre Diplomarbeit. Danach wagten sie gemeinsam den Start des eigenen Labels. „Es ist sehr schwierig, bezahlte Jobs zu finden“, sagt Astrid. Ihre Kleidung verkaufen die beiden Designerinnen noch nicht. „Im Moment sind wir in der Testphase. Wir machen bei Wettbewerben mit und schauen, wie unsere Arbeit angenommen wird.“ Im Frühjahr gewannen sie den Baltic Fashion Award 2010 auf Usedom – und ein Preisgeld von 7500 Euro. Auf der Berlin Fashion Week teilen sie sich mit anderen Künstlern Ausstellungsräume im Stadtbad Berlin-Wedding. „Bei der Eröffnung am Dienstag haben wir sehr gutes Feedback von den Besuchern bekommen“, sagt Astrid. „Viele Leute haben gefragt, wo man unsere Sachen kaufen kann.“ Dafür müssen die beiden zuerst Läden finden, die ihre Kollektion anbieten möchten. „Es dauert lange, sich in der Modewelt eine Existenz aufzubauen“, sagt Astrid.
Nam ist noch weiter davon entfernt, von Mode leben zu können. Seit einem Jahr besucht er die Multimedia BBS Gestaltung in Hannover, die er nächstes Frühjahr mit dem Fachabitur beenden möchte. Danach soll es in Berlin weitergehen, an der Kunsthochschule Weißensee oder der Akademie der Künste. So richtig begann alles in Vietnam, der Heimat seiner Eltern. Vor einem Jahr machte Nam in der Schneiderei eines Nachbarn eine kleine Lehre. Der Nachbar brachte Nam das Grundhandwerk an der Nähmaschine bei. „Das waren die härtesten fünf Wochen meines Lebens“, sagt Nam über die Zeit, in denen er Grundschnitte für Hemden, Hosen und Kleider lernte. „Die Hitze in dem kleinen Raum war anstrengend, aber dafür habe ich viel gelernt“. Später machte Nam Praktika bei der Modedesignschule Fahmoda und der Damenschneiderin Rasa Duong. Seine „Chefin“, wie er die Schneiderin nennt, hilft ihm noch heute. Wenn Nam mal nicht weiß, wie er seine Ideen umsetzen soll, gibt sie ihm Tipps.
Als Nam begann, Frauenkleidung zu entwerfen, waren viele Freunde erst einmal verdutzt. „Bei Frauen ist ein Kleid selten zu auffällig oder eine Hose zu extravagant“, erklärt Nam. „Männer wollen es schlichter.“ Ab und zu entwirft er trotzdem Männermode: Klassenkameraden schenkt er zum Geburtstag selbst entworfene T-Shirts. Manchmal entwirft er auch einfach nur für sich. „Aber es ist zu teuer und zeitaufwendig, mir meine komplette Garderobe selbst zu schneidern.“ So trägt er Sachen von Zara, H&M, Weekday und seinem Lieblingslabel Cos.
Stoffe, Nähgarn und andere Utensilien bezahlt Nam von seinem Nebenjob als Kellner. Neben Schule, Nebenjob und Modedesign bleibt nicht viel Zeit für andere Hobbys, Sport oder Partys. Wenn er ausgeht, tanzt Nam am liebsten zu Elektromusik in der Faust oder in der Glocksee.
Im Januar begann Nam, seine Kollektion an seiner Modellpuppe und mit Bleistift und Papier zu entwerfen, ab März schneiderte er an den Kleidern. In Hannover findet er selten Stoffe, die für seine Kleider passen: „Das ist hier alles etwas omahaft.“ Stoffe im Internet will er nicht bestellen, denn er muss die Textilien selbst sehen und fühlen, bevor er weiß, ob er sie verwenden kann. Vieles findet er auf dem Stoffmarkt in Hamburg. Auf seinem Modeblog www.louisaetnam.blogspot.com veröffentlicht Nam mit Freundin Louisa Fotos von den Kollektionen bekannter Designer, Inspirationen und eigene Trendvorhersagen. Fast täglich berichtet einer der beiden über Neuigkeiten aus der Modewelt. „Meine Kleidung würde ich nicht an jeden verkaufen“, sagt Nam, „wenn jemand sie anders trägt, als ich es gedacht hatte, würde das meiner Vorstellung widersprechen.“ Auch seien die Desginerstücke nicht für den Alltag gedacht. Die sogenannte „High Fashion“ soll vielmehr zeigen, was er als Designer kann. Ein Lieblingsstück hat Nam nicht. „Die Outfits sind zwar verschieden aufwendig, aber eben alle gleich gut“, sagt der junge Mann, dem es an Selbstbewusstsein nicht fehlt.
Bis zum Wochenende ist Nam mit Bloggerfreunden bei der Fashion Week in Berlin. „Wir sind die Kinder im Zelt, viel jünger und vielleicht auch lustiger als die anderen“, sagt er. Seine Kollektion darf er hier noch nicht vorstellen, aber Freundinnen tragen seine Kleider – Werbung auf zwei Beinen. „Ich möchte Meinungen hören und herausfinden: Bin ich überhaupt auf dem richtigen Weg?“, sagt Nam.
„Eine Karriere als Modedesigner ist ein langer, anstrengender Prozess“, sagt Martina Glomb von der FH. „Und es gibt unzählige Möglichkeiten. Ein neues Label kann nach zwei Jahren pleite sein, dafür hat der Designer in dieser Zeit Kontakte geknüpft und Chancen auf eine Festanstellung.“ Der 17-jährige Nam träumt davon, in Berlin, Mailand oder London für berühmte Modelabels zu arbeiten. Wenn er nicht gleich in einer der großen Modeschulen angenommen wird, möchte er nicht aufgeben. „Dann arbeite ich erst einmal als Assistent, um dazuzulernen, und probiere es in einem Jahr noch mal.“
Rebecca Gerigk, Alisa Schellenberg, Friederike Vogel, Mareike Zoege
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