Gunnar Geßner kann die Ereignisse vom vergangenen Freitag immer noch nicht fassen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Iyabo Kaczmarek hatte er zu einer „Club am Pool“-Party ins Volksbad Limmer eingeladen. Veranstalter und Gäste freuten sich, dass sie nun – trotz Lärmbeschwerde – doch noch feiern durften. Fünf Jahre lang haben sie nur gute Erfahrung mit der Partyreihe in dem Freibad gemacht. Die Stimmung war immer friedlich, die Atmosphäre entspannt, die Leute locker. Niemanden interessierte es, wenn Frauen nur in Bikinis tanzten oder manch einer ganz nackt baden ging. Selten gab es Probleme mit Drogen oder Alkohol.
Am vergangenen Freitag war das anders: Der Ansturm war groß, das Freibad schnell gefüllt. Bereits ab 1 Uhr gab es einen Einlassstopp. Feierwütige versuchten, über den Zaun zu klettern. Mehrfach kam es vor und auf dem Gelände zu Handgreiflichkeiten. Gegen 2 Uhr geschah das bis dahin Unvorstellbare: Ein unbekannter Partygast überraschte ein 20-jähriges Mädchen im Gebüsch und versuchte, sie brutal zu vergewaltigen. Glücklicherweise wurde er gestört. Doch die Party war zu Ende, für immer.
Wie es zu dieser Situation, aber auch zu den anderen Gewalttätigkeiten an diesem Abend kommen konnte, kann Gunnar eine knappe Woche nach dem Vorfall immer noch nicht verstehen. „Wir wissen bis heute nicht, warum an dem Abend auf einmal so viele schräge Leute auf der Party waren. Solch marodierende Horden haben wir noch nie vorher erlebt. Denen fehlte vollkommen die Vorstellung, wie man sich auf einer Party zu verhalten hat.“
Auch wenn es das nicht besser macht: Natürlich kommt es im Umfeld von Partys immer wieder zu Gewalt. Menschen betrinken sich. Mit dem Kontrollverlust kommt oftmals der Ärger. Da reicht manchmal schon ein Anrempeln oder ein Missverständnis, und schon fliegen Fäuste. Solche Szenen kennt jeder, der schon einmal in der Innenstadt oder auf Großevents wie Maschseefest oder Schützenfest unterwegs war. Für die ehemals alternativen Klubs in Linden, Nordstadt und Calenberger Neustadt ist es dennoch eine neue Erfahrung, dass es auch bei ihnen in jüngster Zeit immer wieder zu Schubsereien, Schlägereien und sogar sexuellen Übergriffen kommt. Trotz einer leichten Verlagerung der Partyszene weg von der Innenstadt, funktionieren Klubs wie Glocksee, Faust oder Béi Chéz Heinz immer noch über die Eigeninitiative junger Menschen. DJs und Veranstalter verdienen weit weniger Geld als am Raschplatz oder am Steintor. Eine Weile funktionierte das gut.
Doch in den vergangenen Jahren hat es sich herumgesprochen, wie gut und günstig man außerhalb der Innenstadt feiern kann. Die Grenzen zwischen Subkultur und Mainstream sind verwischt, und 1000 und mehr Gäste in Läden, wo vor zehn Jahren nur Punks, Rocker, Hip-Hopper oder Gruftis getanzt haben, sind nichts Besonderes mehr. Die Nischengänger, die „ihren Klub“ lieben und sich schon deshalb benehmen, sind nicht mehr unter sich.
„Die alternativen Klubs haben in den vergangenen Jahren vielleicht zu gut gearbeitet“, sagt Benjamin Voelksen, Veranstalter in der Faust und selbst als DJ unterwegs. Ehemals kleine Partyreihen, am Anfang eher nur von Freunden und Bekannten besucht, würden inzwischen große Hallen füllen. Vor allem Elektro- und Technopartys zögen nicht mehr nur Studenten oder Leute aus der Nachbarschaft an, sondern viele Menschen aus anderen Bereichen.
DJ Cesar, der in den vergangenen 14 Jahren in nahezu jedem hannoverschen Klub aufgelegt hat, sieht das ähnlich: „Die alternativen Läden und Partyreihen sind einfach Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Wenn Partyreihen oder Klubs erfolgreich und voller werden, dann ändert sich natürlich auch das Publikum.“ Dort, wo viele Menschen feiern, steige auch die Zahl derer, die Stress machen, vielleicht sogar suchen.
In der Faust kann Benjamin Voelksen das vor allem an einem anderen Miteinander der Gäste festmachen: „Der Ton ist härter geworden. Viele Partygäste sind unfreundlicher und respektloser als früher. Schon wenn es an der Garderobe mal nicht so schnell geht, wird das sofort unnötig blöd kommentiert.“ „In den vergangenen Jahren gab es eine krasse Veränderung der Partyatmosphäre“, sagt DJ Rowe, der unter anderem bei „Maximal“ auflegt. „Viele Partygäste kommen nur noch, um sich zu betrinken und die Sau raus zu lassen.“ Das, was eigentlich eine Party ausmache – gemeinsam mit den unterschiedlichsten Menschen eine tolle Zeit zu haben – gerate so in den Hintergrund.
Und dass es oft nicht nur beim rauen Ton bleibt, kann Polizeisprecher Stefan Wittke bestätigen. „Die Anzahl der Gewalttaten im Nachtleben ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen.“ Körperverletzung, Raub, Sachbeschädigung und Nötigung – vor allem Alkoholmissbrauch habe die Gewaltbereitschaft steigen lassen. „2009 hatten wir 10 528 Anzeigen wegen Körperverletzungen – allein in der Innenstadt. 2005 lag diese Zahl noch bei 963.“
Die Polizei versuche deshalb, mit umstrittenen Aktionen wie Alkoholkontrollen, mit Klubs abgesprochenen Hausverboten und Aufenthaltsverboten die Lage zu entspannen. Doch die Aufenthaltsverbote gelten nur für die Innenstadt. Die Klubs außerhalb des Cityrings bekommen nicht mit, wer sich bereits daneben benommen hat. Und wegen ihrer alternativen Tradition wollen die wenigsten ihre liberale Türpolitik ändern und Leute vor dem Klub ohne Verdacht aussortieren. „Unser Ansatz ist es, dass sich im Nachtleben Menschen aus verschiedenen Bereichen kennenlernen“, sagt David Lampe vom Béi Chéz Heinz. „Da bringt es nichts, jemanden an der Tür auszugrenzen oder abzuweisen, nur weil er nicht so aussieht wie die meisten unserer Stammgäste.“
Auch von mehr Sicherheitsleuten halten die Veranstalter nichts. „Den meisten Stress gibt es ja auch nicht in den Läden, sondern im Umfeld, auf der Straße“, sagt Benjamin Voelksen. Dort, wo die Straßenpartys passieren, wie Polizeisprecher Wittke sie nennen würde. Das Vorglühen. Aber auch dort, wo Menschen nach Hause gehen, die sich kein Taxi leisten können.
Dass es im Nachtleben ein Problem mit Alkoholmissbrauch gibt, kann keiner übersehen. Doch die meiste Gewalt, da sind sich alle einig, kommt von denen, die sonst nirgendwo hereingelassen werden. Die bereits Hausverbote gesammelt und andere Gewalttaten begangen haben. Denen der Respekt vor ihren Mitmenschen auch unter der Woche und nüchtern fehlt. „Aggressionen und Missbrauch haben nichts mit Feierngehen zu tun“, sagt Benjamin Voelksen. „Menschen, die so etwas machen, haben ernsthafte Probleme.“
Doch wie sorgt man dafür, dass man erfolgreiche Partys macht und trotzdem die Sicherheit und gute Stimmung bewahrt? „Wir verzichten bewusst auf bestimmte Veranstaltungen, damit wir nicht bei denen wahrgenommen werden, die auf einer Party nur Remmidemmi machen wollen“, sagt David vom Béi Chéz Heinz. Das heißt: keine großen Elektropartys, keine Plakatwerbung an bestimmten Stellen in der Stadt und Absagen an viele Veranstalter, die den Kellerklub gerne mieten würden. „Natürlich laufen wir dadurch Gefahr, vor allem bei den jüngeren Feierwütigen nicht attraktiv zu sein und öfters mal Veranstaltungen zu machen, die auch voller sein könnten.“
Gunnar Geßner sieht nur eine Möglichkeit für entspannte Partys: „Wenig Werbung, nur Mund-zu-Mund-Propaganda, persönliche Einladungen. Und wieder klein anfangen.“
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