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Die Reifeprüfung

Das U18-Studium Die Reifeprüfung

Studium heißt Freiheit leben. Wirklich? Für minderjährige Studienanfänger ist der Start ins Uni-Leben mitunter kompliziert: Wie reagieren ältere Kommilitonen? Wer unterschreibt den Mietvertrag? Und wer schmuggelt die Turbo-Abiturienten an den Türstehern der Ersie-Partys vorbei?

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Schlüsselübergabe: Lisa bekommt den Schlüssel zu ihrer ersten eigenen Wohnung von ihrem Vater überreicht.

Quelle: Insa Catherine Hagemann

Hannover. Hast du auch das Gefühl, dass die „Ersies“ immer kleiner werden?“ Jedes Jahr stellen sich viele ältere Semester diese immer gleiche Frage. Doch in diesem Jahr wird sie zum ersten Mal zu Recht gestellt. Denn in diesem Wintersemester sind manche der Erstsemesterstudenten wirklich „kleiner“ als in den vergangenen Jahren. Allein an der Leibniz-Uni Hannover sind 35 neue Studierende erst 17 Jahre alt, vier sind sogar erst 16.

Lisa Iglseder gehört zu der kleinen Gruppe minderjähriger Studenten, die dank verkürzter Schulzeit schon im Hörsaal sitzen dürfen. Seit einer Woche studiert die 17-Jährige Architektur in Hannover. Trotz ihres Alters hat sie einen der begehrten Studienplätze bekommen. 4000 Interessenten haben sich auf die rund 120 Plätze beworben. Es ist voll im Hörsaal, viel voller, als sie es von der Schule kennt. Immerhin hat sie einen Sitzplatz ergattert, wenn auch in der letzten Reihe. Andere müssen auf dem Fußboden sitzen.

Lisa war sich zunächst nicht sicher, ob sie Architektin werden wollte. Kein Wunder, quälen sich doch auch wesentlich ältere Abiturienten mit der Wahl des richtigen Studienganges. „Ich wusste, dass ich etwas Kreatives machen will“, sagt Lisa. „Produktdesign hätte mich auch interessiert, aber die Anmeldefristen waren abgelaufen, noch bevor ich mir Gedanken gemacht habe.“

Die meisten ihrer Kommilitonen sind 21 Jahre alt. Doch für Lisa kam eine Auszeit nach der Schule nicht infrage: „Ins Ausland kann ich nicht gehen. Wenn ich als Au-pair arbeiten oder mit Work and Travel durch die Welt ziehen will, muss ich mindestens 18 sein.“ Zwischen ihren älteren Kommilitonen fühlt sie sich zwar nicht unwohl, viele merken gar nicht, wie jung sie noch ist, Lisa fürchtet aber dennoch, mit ihren 17 Jahren noch nicht genug Erfahrungen gesammelt zu haben und deshalb nicht folgen zu können. Für ihre ersten Semesterferien hat sie sich daher Praktika vorgenommen.

Lisas Eltern haben Verständnis für die Sorgen ihrer Tochter. Sie geben ihr die Möglichkeit, sich erst einmal ein Jahr auszuprobieren, und begleiten sie auf ihrem Weg ins fast schon erwachsene Uni-Leben. Die Eltern mussten sogar die Immatrikulationspapiere für sie unterschreiben. „Das ist schon ein bisschen komisch, denn es ist ja meine Entscheidung und mein Leben“, sagt Lisa.

Ein bisschen Selbstständigkeit will Lisa trotzdem üben. Am Wochenende ist sie in eine kleine Zweizimmerwohnung in Bothfeld gezogen. Sie freut sich darauf, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können. „Meine Mutter wollte keine Haustiere. Jetzt kann ich so etwas allein entscheiden“, sagt Lisa. Um in der neuen Wohnung nicht so allein zu sein, hat sie eine Katze aus dem Tierheim zu sich geholt. Ihre Eltern blicken der jungen Studentin etwas wehmütig, aber auch mit Stolz hinterher. Und so ganz endgültig ist die Trennung auch noch nicht: „Ich habe mich bewusst für Hannover entschieden, um in der Nähe meiner Familie und Freunde zu bleiben, so kann ich jederzeit nach Hause“, sagt Lisa.

Nach ihrer ersten Nacht in der eigenen Wohnung muss Lisa zugeben: „Ein bisschen komisch ist das schon, sich den Gutenachtgruß per Telefon abzuholen.“ Der Mietvertrag ihres eigenen kleinen Reiches muss über Lisas Eltern laufen. Viele Vermieter zögern, Minderjährige allein in einer Wohnung leben zu lassen. Sie haben Angst vor Verantwortungslosigkeit und Krach. Lisa muss ihren Eltern Bescheid sagen, wenn sie jemanden zum Übernachten mitbringt. „Es soll ja keine Partybude werden“, sagt sie.

Dieses Problem kennt auch die 17-jährige Mandy Malon. Sie kommt aus Hannover und studiert seit einer Woche populäre Musik und Medien in Paderborn. Doch dorthin ziehen kann sie nicht. Die Wohnheime sind voll, die Wartelisten zu lang, und außerdem möchte ihre Mutter nicht, dass die Studentin schon auszieht, weil sie sich Sorgen um ihre Tochter machen würde. Deshalb steht Mandy jeden Tag um 4.30 Uhr auf, um mit dem Zug zur Uni zu fahren.

Durch das neue Umfeld und eine neue Stadt fühlt sie sich zwar ein bisschen erwachsener, doch sie findet es sehr anstrengend, bei den Vorlesungen mitzukommen und alles mitzuschreiben. Der Kontakt zu den Dozenten ist auch nicht mehr so eng wie früher in der Schule. Das sind Probleme, die sie mit ihren älteren Kommilitonen teilt. Sie hofft, dass die ihr gar nicht ansehen, dass sie erst 17 ist. Doch einige reduzieren sie nur auf ihr Alter, halten sie entweder für kindisch oder für eine hochintelligente Streberin. „Beides trifft nicht zu“, sagt Mandy lächelnd. Wichtiger als das Alter seien für die Kontakte in der ersten Woche auch ganz andere Dinge. Mandy hat schnell einige Kommilitonen gefunden, die genau wie sie Metal hören. Mit denen verstand sie sich sofort gut.

Nicht nur an den Wartelisten der Paderborner Wohnheime ist die große Zahl der neuen Studenten abzulesen. Auch im Uni-Alltag ist die Studienplatzknappheit spürbar. Mandys Dozenten beschweren sich über die Studentenflut und fragen gleich mehrmals, wer denn wirklich mitmachen wolle. Dabei seien doch am Anfang des Semesters alle Studierenden motiviert und sollten nicht gleich aussortiert werden, findet Mandy.

Auch an der Uni Hannover sind es im Vergleich zum vergangen Wintersemester 1300 neue Studierende mehr. Andrea Wiese, Pressereferentin der Leibniz Universität, beteuert, dass es keine überfüllten Räume geben wird. Der AStA befürchtet dennoch, dass es in der Praxis zu Engpässen und überfüllten Hörsälen kommen wird, wie auch Lisa sie schon in ihrer ersten Woche an der Uni erlebt hat. Sie fürchtet, dass es in dieser Woche mit der Enge noch schlimmer wird. Schließlich stoßen dann auch die höheren Semester in den Vorlesungen dazu.

In der Einführungswoche haben viele von Lisas und Mandys Kommilitonen alerdings ganz andere Sorgen. Einige, so hat Mandy beobachtet, sind mit einem Kater in den Hörsaal gekommen. Große Sonnenbrillen kaschieren dunkle Augenringe, viele klammern sich übermüdet an ihre Becher mit Kaffee. Die Einführungswoche ist traditionell eine Woche, in der viel gefeiert wird. Lisa und Mandy sind da außen vor. Sie hatten bei all dem Trubel um das erste Semester, ihren Auszug von zu Hause und dem vielen Zugfahren gar keine Zeit, um ans Feiern zu denken. Und selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht. Denn viele Partys, zumindest in den Klubs der Stadt, sind erst ab 18. So ist zum Beispiel die „Mensa Night“, eine der größten Studentenpartys, die das neue Semester einläutet, bei der Einlasskontrolle sehr streng. „Das werden wir auch nicht ändern“, betont Philipp Polley, einer der Organisatoren der „Mensa Night“. „Wir haben uns aber schon überlegt, wegen des Doppeljahrgangs auch eine Partyreihe einzurichten, zu der dann auch 17-jährige Studenten kommen können.“

Mandy hat noch ein ganz anderes Problem, wenn sie mit ihren neuen Kommilitonen feiern möchte. Der letzte Zug von Paderborn nach Hannover fährt um 21.15 Uhr – Zeit zum Feiern hat sie also kaum. Denn wenn der erste Zug erst wieder um 5 Uhr morgens fährt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: die Nacht durchmachen oder eine Übernachtungsmöglichkeit finden. Zwar hat Mandy in ihrem neuen Umfeld schon jemanden gefunden, der ihr seine Couch überlassen würde, doch ihrer Mutter behagt das nicht. Die würde ihr zwar nicht verbieten, bei Kommilitonen zu übernachten, doch mahnt sie ihre Tochter immer wieder zur Vorsicht. Trotzdem will Mandy sich diesen Teil ihres neuen Studentenlebens nicht entgehen lassen und plant schon, wie sie auf eine der Studentenpartys kommen kann. „Mit einem Erziehungsauftrag sollte das doch irgendwie machbar sein.“

Trotz dieser Schwierigkeiten auf dem Weg in ihr „erwachsenes“ Studentenleben sind Lisa und Mandy zufrieden mit ihrem Uni-Start. Wenn Lisa in drei Jahren mit ihrem Bachelor fertig ist, wird sie so alt sein wie die Kommilitonen, die jetzt mit ihr anfangen zu studieren. „Zur Not kann ich dann immer noch etwas völlig anderes studieren“, sagt sie. Auch Mandy will ihr Studium schnell durchziehen. Gehetzt fühlt sie sich nicht, doch sie hat einen Traum, der auf sie wartet: eine Weltreise. Dafür ist sie dann endlich alt genug, nach dem Studium.

Isabell Rollenhagen, Marie Rode und Marina Uelsmann

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