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Die Rückkehr ins Jugendzimmer

Willkommen zu Hause? Die Rückkehr ins Jugendzimmer

Die Schule ist vorbei, die Uni macht Pause: Ferienzeit ist Zeit zum Bettenwechsel. Die einen verlassen zum ersten Mal ihr Jugendzimmer,
um in eine eigene Wohnung zu ziehen. Die anderen kommen zum Heimaturlaub zurück. Vier Geschichten von der Rückkehr ins eigene Reich.

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Kein Zimmer frei: Wer auszieht, überlässt das Jugendzimmer meist den Launen der Eltern.

Quelle: Martin Steiner

Das Jugendzimmer gehört der Schwester: weggegangen, Zimmer vergangen
Wo ist mein Zimmer? Ich komme nach Hause, genauer in mein altes Zuhause, das Haus meiner Eltern. Ich gehe in mein altes Jugendzimmer und merke: Das ist nicht mein Zimmer. Meine Schwester ist eingezogen. Heimlich. Und unheimlich für mich. Es war ein einsamer Abschied, als ich das Zimmer vor einem Jahr verließ und mit zwei Mitbewohnern in eine WG in Linden zog. Meine Eltern waren im Sommerurlaub, also musste ich alleine die Umzugskartons packen. Zeugnisse, Briefe, Andenken: Ich hatte das Gefühl, einen Großteil meiner Jugend abzuheften.

Die Möbel ließ ich zurück. Das orange-rote Bett, das Billy-Regal und auch den Kleiderschrank aus Buche Furnier mit blauen Türen und dem braunen Window-Color-Schäfchen, das auf dem Schrankspiegel klebt. Ein letztes Überbleibsel meiner alten Jugendzimmereinrichtung, die ich mir mit elf Jahren stolz aus dem Möbelhauskatalog ausgesucht hatte. Auch die Poster ließ ich an den Wänden – Urlaubsbilder aus Spanien, ein Poster vom „Melt!“-Festival und die großartige, großformatige Audrey Hepburn. Ein bisschen heimelig wollte ich mich bei Besuchen ja doch fühlen.

Nach meinem Auszug wirkte der Raum etwas trostlos, eine Mischung aus meinem Zimmer und Abstellkammer. Auf einem Korbstuhl lagen Klamotten meiner Mutter, an der Seite ein zusammengerollter Teppich und als Farbtupfer ein türkiser Gymnastikball. Dann kam meine Schwester. Wo vorher mein Hepburn-Poster gehangen hatte, war jetzt ein weißer Fleck auf der Tapete. Die wenigen Briefe, CDs und meinen Plattenspieler hatte sie in eine kleine Ecke verdrängt. Mein Bett hatte sie in den Sperrmüll gegeben und durch eine Matratze auf dem Boden ersetzt. Eine Blumenampel, eine Schmuckecke und der Parfümduft meiner Schwester hauchten dem Zimmer neues, persönliches Leben ein. Schön für sie. Aber ich schlafe jetzt im Gästezimmer. Ein kleiner Trost: Im neuen Zimmer meiner Schwester klebt immer noch das Window-Color-Schäfchen am Schrank.

Leonie Reckewerth

Das Jugendzimemr ist unverändert: Rolle rückwärts

Das blaue Sofa von Ikea. Ich wollte es – u-n-b-e-d-i-n-g-t. Mein Vater lud es in den Kombi, Rücksitze umklappen, Beifahrersitz nach vorn: Es passte gerade so. Für mich aber war kein Platz mehr. Ich war 17, das Sofa kostete nur 60 Euro, und ich musste es haben. So fuhr mein Vater mit dem Sofa im Auto weg und ließ mich auf dem Parkplatz stehen. Egal, dann musste mein Freund mich eben abholen. Ich freute mich riesig über das Sofa, denn meine anderen Möbel lernten mich schon kennen, als ich gerade laufen konnte. Damals hatten mir meine Eltern ein typisches Jugendzimmer aus fünf Teilen in Birke Furnier gekauft. Die Möbel stehen immer noch in meinem Zimmer. Obwohl ich vor fünf Jahren im Alter von 21 ausgezogen bin. Sie werden wohl auch noch da sein, wenn ich 42 bin. Das finde ich schön, denn ich mag meine Möbel.

Der Bettkasten war mein erster heimlicher Freund. In ihm deponierte ich Dinge, die meine Eltern nicht sehen sollten: Das erste „Bravo Girl“-Heft mit den nackten Jungs und die Stullen vom Abendbrot, die ich offiziell in meinem Zimmer gegessen habe. Am Kleiderschrank klebt noch heute ein roter Aufkleber von meiner ersten Levi’s für 99 D-Mark. Am Schrank sind auch noch mit Bleistift gekritzelte Sprüche – etwa „Ich liebe dich“ in Dutzenden Sprachen – und die Radiergummireste, mit denen ich „Green Day“ beseitigt habe, nachdem ich ihre Musik einfach nicht mehr mochte. Am Schreibtischschrank klebt der „Bravo“-Aufkleber „Keep cool und get lässig“, dessen Motto ich auch heute nicht falsch finde und natürlich meine Tierposter von Löwen und Delfinen. Meine Pinnwand-of-fame macht mich immer noch glücklich: Fotos von Freunden, Konzerten und Kinokarten mit meinen ersten Praktikumszeugnissen drum rum. Eine Jugend im Zeitraffer.

Nach zwei Umzügen meiner Eltern sind die Möbel heute so wackelig, dass sie an der Wand festgeschraubt werden mussten. Und auch ich bin immer wieder festgemacht, wenn ich in mein Zimmer zurückkehre: in meiner alten Rolle als Tochter.

Sabrina Mazzola

Das Jugendzimmer ist Mutters Hobbyraum: Gästezimmer im Hotel Mama
Die Tapete ist ab, Schrank, Bett, Schreibtisch – alles weg. Viel erinnert heute nicht mehr daran, dass ich zehn Jahre lang in diesem Zimmer gewohnt habe. Eine kleine Kommode aus hellem Holz ist das letzte Überbleibsel. Und trotzdem gehe ich jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuche, als Erstes in das Zimmer, in dem ich meine Jugend verbracht habe. Hauptsächlich wegen der Post.Ich ziehe die oberste Schublade der Kommode auf. Ein Brief von der Deutschen Bahn, der Telekom und Infopost der Stadt Hannover warten darauf, von mir geöffnet zu werden. In der Schublade darunter lagen früher meine 96-Autogrammkarten. Von fast allen Spielern hatte ich die Unterschrift gesammelt. Besonders stolz war ich auf die Karten von Pokalheld Jörg Sievers und dem jungen Gerald Asamoah.

Ich öffne die Werbepost der Bahn und setze mich im Schneidersitz auf den dunkelgrauen Teppich. Es ist nicht mehr der alte türkisfarbene. Den haben meine Eltern rausgerissen. Nur verständlich, wenn ich an den handflächengroßen Fleck zurückdenke, den ich bei einem Kleberdesaster verursacht hatte. Während ich die Post durchblättere, fällt mir auf, dass das Zimmer viel kleiner wirkt als früher. Vor 15 Jahren konnte sich der Raum in eine Zirkusmanege, Theaterbühne, ein Fußballfeld oder einen Tennisplatz verwandeln. Vor acht Jahren war es mein Rückzugsraum, als ich im Abistress war. Heute ist es der Hobbyraum meiner Mutter. Farbdöschen und Schablonen ersetzen meinen gesammelten Krimskrams.

Kinderbücher, Lego-Steine und Puppen sind nun im Keller und auf dem Dachboden verteilt. Statt in meinem alten Bett schlafe ich im Gästezimmer – das mal das Jugendzimmer meiner großen Schwester war. Ich öffne den letzten Brief, gucke auf die Birke vor dem Fenster. Dabei denke ich an meine Schulzeit zurück. Es macht keinen Unterschied, ob ich auf einem dunkelgrauen oder türkisfarbigen Teppich sitze. Ich bin zu Hause, und allein das zählt.

Maike Schulz

Das Jugendzimmer ist mitgewachsen: Rundreise durch die Vergangenheit

Mein „Vulkan“-Zimmer liegt am Ende eines dunklen, schmalen Flures. Es leuchtet mir schon aus zehn Metern Entfernung entgegen – immer noch. Der rot-gelb-weiße Schwammtechnikanstrich ist noch genauso farbintensiv wie vor acht Jahren, als ich die Wände bemalt habe. Es hat etwas von einem Magma speienden Vulkan. Es ist das Zimmer, in dem ich zuletzt in der Wohnung meiner Eltern gelebt habe. Vorher hatte ich bereits drei andere Räume ausgetestet. Noch immer kommt mir alles vertraut und bekannt vor. Aber viel hat sich verändert.Das „Vulkan“-Zimmer ist jetzt das Arbeitszimmer meiner Mutter. Früher fand sie den grellen Anstrich unausstehlich. Inzwischen hat sie sich offenbar an das bunte Wirrwarr gewöhnt. In diesem Zimmer habe ich tagelang an meinem Schreibtisch gesessen und meine Facharbeit für die Schule geschrieben. Hier habe ich mit meinem ersten Freund gesessen. Doch das ist alles längst Vergangenheit, abgeschlossen.

Die Erinnerungen an das Zimmer links nebenan reichen noch weiter in die Vergangenheit zurück: Dort wurde ich geboren. Später habe ich den ganzen Boden mit Spielzeug bedeckt und in meinem ersten Hochbett geschlafen. Als ich in mein nächstes Zimmer zog, habe ich noch mit Playmobil gespielt. Kurz nach dem ersten Umzug verschwanden die bunten Figuren, und ich hängte Backstreet-Boys- und Moffatts-Poster an die Wände, die mittlerweile zum Arbeitszimmer meines Vaters gehören. Auch die heutige Bibliothek war einmal mein Zimmer. Hier vermischen sich meine Erinnerungen mit denen meiner beiden Brüder, die in diesem Raum auch einmal gelebt haben.

Wenn ich jetzt bei meinen Eltern bin, schlafe ich unter dem Dach. Die Wohnung, das Haus, Gerüche, Farben – alles ist wie früher. Und jedes meiner ehemaligen Zimmer nimmt mich mit in eine andere Episode meines Lebens, mit ihren eigenen Erinnerungen.

Julika Mücke

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