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Die europäische Revolution beginnt mit der Jugend

Viva la revolución? Die europäische Revolution beginnt mit der Jugend

Sonntag beginnt die europäische Revolution – das planen zumindest die Demonstranten in Spanien, deren Protestcamps dann aufgelöst werden sollen. ZiSH berichtet über die Empörung der abgehängten Jugend, eine wankende Weltordnung und die Überraschung der übersättigten Alten.

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Protestierende auf der Puerta del Sol in Madrid.

Quelle: dpa

Die Jugendlichen Europas sind wütend, sie gehen auf die Straße. In Spanien, in Griechenland, in Italien und in Frankreich. Und am kommenden Sonntag vielleicht in ganz Europa. Denn dann soll die Europäische Revolution starten. Um 18 Uhr, in allen Städten des Kontinents. Ihr Ziel: Arbeitsplätze, bessere Löhne, ein gerechteres Wahlrecht, bezahlbare Wohnungen und eine strenge Kontrolle der Banken – kurz: eine bessere Gesellschaft.

Marta Esteban wirkt resigniert: „Wir haben keinen Job, wir haben keine Zukunft, wir haben keine Würde.“ Die 27-jährige Lehrerin aus Madrid steht auf der Puerta del Sol, da, wo alles anfing, auf diesem bunten, großen Platz in Spaniens Hauptstadt. Der Platz ist das Zentrum des Protests der Bewegung 15. Mai. An diesem Tag gingen in zahlreichen Städten Spaniens Zehntausende überwiegend junge Menschen auf die Straße, um für echte Demokratie zu kämpfen. Seitdem ist der Platz ständig gefüllt, überall diskutieren die Protestierenden, erstellen Pläne und Programme, kochen gemeinsam und schlafen auf Matratzen unter Plastikplanen, die an Laternen und Mauern befestigt sind.

Am Sonntag soll das Camp aufgelöst werden. Ähnlich schnell wie diese Meldung verbreitete sich auch der Aufruf, am Sonntag die europäische Revolution zu starten. Die Bewegung, die national begann, hat längst die Ländergrenzen übersprungen. Denn in allen Ländern Europas gibt es viele junge Arbeitslose, frustrierte Studenten, überarbeitete Berufseinsteiger. So wie Marta. Die 27-Jährige ist enttäuscht. „Und ich bin müde“, sagt sie. Müde von einem Job als Lehrerin, von dem sie gerade so leben kann. Müde von Politikern, die Menschen als Konsumenten sehen und nicht als Bürger mit Rechten, Wünschen und Träumen. Doch sie spürt auch, dass in Spanien, und vielleicht bald in ganz Europa gerade etwas passiert. „Deshalb gehe ich auf die Straße“, sagt sie.

„Empört euch“ – Gründe gibt es

Marta, die von sich sagt, dass sie eigentlich gar nicht politisch aktiv ist, gehört dennoch zu den „Los Indignados“ – Den Empörten – wie sich die Protestierenden um die Gruppe „Democracia Real Ya (DRY) nennen. Der Name ist dem Essay „Empört euch“ des französischen Autors Stéphane Hessel entlehnt. Darin fordert der 93-Jährige: „Seht euch um, dann werdet ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt.“

Ein Großteil von Spaniens Jugend ist empört. Und dafür mussten die Jugendlichen gar nicht lange suchen. Die Arbeitslosigkeit spanischer Jugendlicher zwischen 15 und 24 Jahren liegt bei deutlich über 40 Prozent – der höchste Wert in ganz Europa. Fast jeder zweite Jugendliche hat also keine Arbeit. Vielleicht hatte Kanzlerin Angela Merkel ja diese Zahlen im Blick, als sie die südeuropäischen Länder aufforderte, doch bitte etwas mehr zu arbeiten. Doch ganz so einfach ist es nicht. In Spanien finden selbst gut ausgebildete Akademiker kaum Jobs. Bezahlbare Mietwohnungen sind selten in einem Land, in dem Immobilien in der Regel gekauft und nicht gemietet werden. Also bleiben viele bei den Eltern wohnen, bleiben abhängig. Das Zweiparteiensystem Spaniens steht sinnbildlich für den gesellschaftlichen Stillstand – ein Schritt nach links, ein Schritt nach rechts, kein Schritt nach vorne. Korruption ist nur ein weiteres Problem von vielen, die dieses Land lähmen. Jugend- und Globalisierungsforscher Dirk Villányi sagt, dass es den „saturierten Alten“, also den übersättigten Wohlstandsbürgern, scheinbar gleichgültig sei, was nach ihnen kommt. Der Protest in Spanien ist also womöglich nur ein Anfang. „Wenn die Gesellschaften Europas nicht deutlich mehr in ihre Jugend investieren, dann werden wir die Folgen in nächster Zeit noch deutlicher zu spüren bekommen“, sagt der Forscher, der sich schon beim G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm mit neuen Protestbewegungen beschäftigte.

Die Stimmung auf der Puerta del Sol ist friedlich. Die Proteste in Spanien sind nicht vergleichbar mit den Aufständen in Tunesien und Ägypten. Doch sie zeigen: Besonders die Jugend ist unzufrieden. Villányi fordert mehr Offenheit von den Mächtigen in Europa. Denn: „Die Karten werden neu gemischt.“ Man müsse den Menschen deutlich machen, dass die Globalisierung die Welt als Ganzes neu ordne. Die Grenzen von Arm und Reich, von Partizipation und Nichtteilhabe verlaufen nun quer durch nationale Gesellschaften des Nordens und Südens.“ Es gibt also nicht mehr den reichen Norden und den armen Süden, sondern Reichtum und Armut im Norden und im Süden. Der Wohlstand, den sich die westlichen Industriestaaten in der Vergangenheit sichern konnten, sei in Gefahr. „Das spürt auch die Jugend – denn die ist der Seismograph der Gesellschaft“.

Die alte Weltordnung wankt

Der Internationale Währungsfonds (IWF) nennt diese jungen Menschen wie Marta, die jetzt zu Tausenden auf die Straße gehen und für eine bessere Gesellschaft und, ja, auch für ihre eigene Zukunft kämpfen, die „verlorene Generation“. Das kann man zynisch nennen, gehören doch zu den IWF-Vorgaben an finanzschwache Länder wie Griechenland auch starke Haushaltseinschnitte – Kürzungen im Bildungsetat inklusive. Diese drohen auch Spanien, sollte das Land unter den sogenannten Euro-Rettungsschirm schlüpfen müssen. Sicher kein Gewinn für diese Generation.
„Ni-Ni-Generation“ ist eine Zuschreibung in Spanien, die einen Großteil der Jugend verhöhnt. „Ni-Ni“ bedeutet weder-noch, die Jugendlichen wollten schlicht weder arbeiten noch sich weiterbilden. Für einige mag das vielleicht gelten; als ungelernte Arbeiter konnten sie in Spaniens gigantischem Bausektor lange gutes Geld verdienen – dann brach der Markt ein. Die Chance, in guten Zeiten in Bildung und Forschung zu investieren, war verpasst.

Wie jeder Versuch, mehrere Millionen Menschen unter einem Sammelbegriff vereinen zu wollen, muss auch Zuschreibung der „Ni-Ni-Generation“ scheitern. Einer der führenden Köpfe der spanischen Protestbewegung, der die Initiative über soziale Netzwerke gestartet hat, ist dafür ein Beispiel: Fabio Gándara hat Jura und Politik studiert, zusätzlich einen Master-Abschluss gemacht und spricht drei Sprachen – dennoch gehört der 26-Jährige zu den knapp fünf Millionen Arbeitslosen im Land. Die anderen Organisatoren der ersten Proteste hat er erst unmittelbar vor dem 15. Mai überhaupt kennengelernt. Schnell werden Bewegungen dieser Zeit zu „Facebook-Revolutionen“ erklärt. Die Proteste in Spanien mögen (noch) keine Revolution sein – ohne das Internet wären sie undenkbar.

Das Internet ist wichtig für solche Bewegungen, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Doch sei es schwer, daraus eine dauerhafte Bewegung zu machen. Hurrelmann: „Der Protest fließt nicht in die politischen Strukturen ein – wie in Nordafrika. Potenzial für eine neue politische Kraft wäre vorhanden. Denn die spanischen Parteien hätten jahrzehntelang die Jugend vernachlässigt. „Die Jugend protestiert, aber die Politik verändert sich nicht“, sagt Hurrelmann.

Die Protestierenden hoffen, dass ihre Bewegung wächst. Auf der Plaza del Sol sind sie online, haben Internet-Plätze aufgestellt und sind mit Smartphones im Netz, schreiben auf Facebook oder dem spanischen Pendant Tuenti sowie Twitter, äußern sich in Hunderten Blogs, die auch zentrale Forderungen aus dem „Manifiesto“ verbreiten. Das Camp am Plaza del Sol in Madrid hat sogar einen eigenen Internet-TV-Kanal, der bislang mehr als elf Millionen mal angeklickt wurde.

Nicht alle Jugendlichen protestieren, doch auch andere zeigen ihr mangelndes Vertrauen in den spanischen Staat. Jugendforscher Villányi: „Das geschieht still, beinahe unbemerkt.“ So entscheiden sich junge Menschen bewusst gegen Kinder, weil die Infrastruktur wie Kitas fehlen, oder junge, hochqualifizierte Menschen wandern aus und gehen der Gesellschaft verloren. Dieser „brain drain“ schade der Gesellschaft nachhaltig, sagt Villányi. Und hilft anderen Gesellschaften, die um gut ausgebildete Kräfte werben. Auch Deutschland wirbt mit. Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit organisiert im kommenden Monat „Job-Börsen“ für Ingenieure in Madrid und Barcelona. Interessierte Spanier können dort mit deutschen Arbeitgebern in Kontakt treten.

Iván Á. Santorio ist aus Spanien weggegangen, gut ausgebildet mit einem Abschluss in Philosophie und einem Master in Pädagogik. Seit zwei Jahren wohnt er in Hannover, arbeitet hier als Sprachlehrer und nebenbei in einem Irish Pub. Mit seinen deutschen Freunden hat er das Thema nicht groß diskutiert. Für den 27-Jährigen ist es klar, er wird wohl erst in seiner Heimat zurückkehren, wenn sich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage verbessert hat.

Kommt der grenzenlose Protest?

Wie geht es weiter mit den Protesten? Ist gar eine Revolution, eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft, möglich – auch in Deutschland? Jugendforscher Hurrelmann hält die jugendliche Unzufriedenheit noch für zu klein. Es gebe sie, für einen großen Protest müssten noch mehr jungen Menschen der Berufseinstieg verwehrt werden; etwa, wenn durch doppelten Abiturjahrgang zu wenig Studienplätze zur Verfügung stünden. Schon dann wären, wie in Spanien, auch die besser Gebildeten betroffen – und eine Voraussetzung für eine große Protestbewegung. Schon bei den Atomprotesten hätte sich eine große Protestbewegung bilden können – „hätte sich die schwarz-gelbe Regierung nicht um 180 Grad gewendet.“

Spaniens Politiker wurden von den Protesten der Jugend überrascht. „Wo soziale Ungleichheit und Unsicherheit wächst, da wächst auch das Konfliktpotenzial“, sagt Jugendfroscher Dirk Villányi. „Wer das nicht erkennt, läuft nicht wirklich mit offenen Augen durch diese, seine Welt.“ Es muss etwas getan werden, weiß auch Marta in Madrid: „Sonst verlieren wir alle unsere Würde.“

Noch kann niemand sagen, wie viele Menschen am Sonntag auf die Straße gehen. Aber vielleicht werden ja wieder ein paar gesättigte Alte überrascht sein.

Gerd Schild

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