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Die wollen doch nur feiern!

Ärger um die Freiluftpartys Die wollen doch nur feiern!

Tanz-Flashmob, Wiesen-Rave, Teichparty – ein Aufruf im Internet genügt, um spontane Feiern zu organisieren. Doch was Tausenden Jugendlichen Spaß macht, ist Eltern, Politik und Polizei ein Dorn im Auge. ZiSH berichtet über die umstrittene Partykultur.

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Spontan zum Feiern verabreden: In Frankreich, wie hier in Rennes im März 2010, heißen solche Partys „Apéro géant“, in Spanien Botellón, und in Deutschland werden sie „Rave im Park“ oder „Nacht am See“ genannt.

Quelle: afp

Eigentlich wollte Jonas am vergangenen Sonnabend nur mit ein paar Freunden am Altwarmbüchener See feiern – so wie viele andere Jugendliche auch, die sich an Seen und auf Wiesen treffen, wenn es draußen langsam wärmer wird. Dass aber so viele Jugendliche zur „Nacht am See“ kommen würden, hätte der Schüler aus Hannover nicht erwartet, als sein Freund, passend zur Party, eine Gruppe bei der Internetplattform SchülerVZ gegründet hatte. 200 junge Menschen fanden sich am Strand des Sees zusammen, nach rund einer Stunde beendete die Polizei die Party und erteilte Platzverweise.

Das Internet hat in den vergangenen Jahren nicht nur die Kommunikation zwischen Menschen verändert. „Auch spontane Treffen werden auf SchülerVZ, StudiVZ, Facebook oder über Twitter organisiert und schnell verbreitet“, sagt der Historiker Aiko Wulff, der in Leipzig zum Thema Flashmobs forscht.

Mit den gleichen Mitteln, mit denen im vergangenen Jahr die Opposition im Iran ihre Proteste organisiert hat, werden in Deutschland Partys und Flashmobs geplant. Der Aufwand ist gering: Es reicht, eine Gruppe für eine Feier oder Gemeinschaftsaktion zu gründen – die Veranstaltung wird dann von Fans freiwillig weiterempfohlen. Dank des Schneeballsystems wird die Gruppe so immer größer – bis selbst die Veranstalter nicht mehr überblicken können, wie viele am Ende kommen werden. So wie im vergangenen Jahr, als ein Jugendlicher eine Party auf Sylt ankündigte, zu der 4500 Menschen kamen – und einen Haufen Müll hinterließen. Oder wie bei der Gemüseschlacht, bei der jeden September Nordstädter gegen Lindener auf der Dornröschenbrücke mit verfaultem Gemüse und Wasserbomben gegeneinander kämpften. Oder aber beim Picknick vor dem Braunschweiger Schloss im vergangenen Sommer, das die Stadt wegen „Gefährdung öffentlichen Eigentums“ verbot.

Denn auch wenn sich viele Jugendliche und jung Gebliebene für diese Umsonst-und-draußen-Aktionen begeistern, so ganz geheuer sind sie den Politikern und der Polizei nicht. Zwar können Polizei und Ordnungsamt rechtlich nichts machen, wenn die Versammelten nicht die öffentliche Sicherheit gefährden, Müll hinterlassen oder etwas zerstören. In Altwarmbüchen verbot die Polizei die Party, bevor sie überhaupt richtig begann, weil sie fürchtete, bei der Masse an Besuchern würde genau so etwas passieren.

„Generell muss man zwischen einem privaten Treffen und einer Versammlung unterscheiden“, sagt Kay Waechter, Juraprofessor an der Universität Hannover und Experte für Polizeirecht. Eine Versammlung sei immer von einem Beitrag zur Meinungsbildung getragen. Das heißt durch Reden, Konzerte oder Demonstrationen, die eine bestimmte Meinung demonstrieren. „Seifenblasen pusten oder Tanzen gehören nicht dazu.“ Die Polizei sei also nicht befugt, Platzverweise auszusprechen, nur weil irgendwo eine Gruppe tanzen würde. „Es ist dabei unerheblich, ob sich fünf oder 2000 Menschen zum Feiern verabreden“, sagt Waechter.

Während in Altwarmbüchen 200 Feiernde zusammenkamen, waren es in französischen Großstädten wie Lille oder Nantes Tausende. In Nantes waren sogar mehr als 10.000 Jugendliche dabei, als ein betrunkener 21-Jähriger von einer Brücke stürzte. Frankreich war geschockt. Vor allem, weil die „Apéro géant“ (Riesenumtrunk) genannten Veranstaltungen mittlerweile im ganzen Land populär sind und teilweise sogar zeitgleich in verschiedenen Städten veranstaltet werden.

Seit dem Todesfall in Nantes geht die französische Polizei strikter gegen die Treffen vor. Viele wurden seitdem abgesagt. Ob die bisher größte Feier, die für kommenden Sonntag unter dem Eiffelturm in Paris angekündigt ist, abgesagt wird, ist noch unklar. Ginge es nach Polizei, Elternvertretungen und Politikern sollen die 50.000 Jugendlichen, die ihr Kommen in der entsprechenden Facebook-Gruppe angekündigt haben, aber zu Hause bleiben.

In Hannover ist es bis jetzt glücklicherweise noch nicht zu solchen Szenen gekommen. Aber Partys umsonst und draußen zu veranstalten, ist inzwischen ein wichtiger Teil der Alternativkultur geworden. „Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als im Sommer auf einer Wiese zu sitzen und zu feiern“, sagt der 24-jährige Bastian*, der immer im Internet nach neuen Partys sucht. Im Sommer vergeht beinahe kein Wochenende, an dem nicht an Seen, in Parks, in Tunneln oder auch spontan auf Plätzen gefeiert wird. Gruppen wie „Treff.Komm“ veranstalten Raves im Grünen, „Lebendiges Linden“ lädt zu Botellón-Treffen genannten Freiluftpartys ein.

Meist braucht es dazu nicht mehr als einen Ghettoblaster. Gefeiert wird nicht nur draußen, sondern auch in verlassenen Kellern oder auch mal in Vorräumen von Bankfilialen. Doch auch wenn sich die meisten Veranstalter solcher Feiern immer darum bemühen, den Müll aufzusammeln und keine Anwohner zu belästigen, sind Platzverweise der Polizei an der Tagesordnung.

„Wenn man draußen eine Party macht, denken viele in Hannover sofort an die Chaostage“, sagt Christian*, der sich über das Internet mit seinen Freunden zu Goa-Partys verabredet. Dabei seien die meisten Feiern unpolitisch. „Unter freiem Himmel eine unkommerzielle Party zu besuchen scheint für Politiker und Polizisten aber schon einer Revolution gleichzukommen.“

Auch die Gruppe „Hedonistische Internationale“ hat solche Erfahrungen gemacht: Im März 2008 wurde sie von Hundertschaften der Polizei verfolgt, als sie zu einer spontanen Feier in Zügen, Bussen und Straßenbahnen einlud. Nachdem sich beide Seiten über Stunden eine wilde Verfolgungsjagd durch die Stadt geliefert hatten, gelang es der Polizei, den Festzug aufzuhalten und Feiernde festzunehmen. Sie nannte den Rave später „Punkertreffen“.

Die erste Party der Hedonisten im September 2007 war noch friedlich verlaufen. Damals zogen mehr als hundert friedlich Feiernde mit einem mobilen Soundsystem über die Limmerstraße – einer alternativen „Loveparade“ ähnlich. „Uns ging es immer darum, unkommerzielle Partys an ungewöhnlichen Orten zu machen“, sagt einer der Hedonisten. Er möchte seinen richtigen Namen nicht nennen, betont aber, dass es nie darum gegangen sei, etwas kaputt zu machen oder gewalttätig zu sein. „Mit der Polizei sprechen wir unsere Aktionen trotzdem nicht ab, die haben wir bisher nur als Spaßverderber kennengelernt.“

Denn auch wenn es sich bei möglichen Verstößen um Aktionen Einzelner handelt: Beendet die Polizei eine Party, hört der Spaß für alle auf. Diese Kollektivhaftung ist nach Meinung von Kay Waechter jedoch nicht im Polizeigesetz verankert. „Man muss den Platzverweis zwar zunächst einmal befolgen. Später kann man dann aber zum Gericht gehen oder eine Dienstaufsichtsbeschwerde einlegen.“ Doch von den Feiernden, denen sonnabends eine Party beendet wird, gehen wohl die wenigsten montags zum Gericht, um sich zu beschweren.

Auch die Gäste der „Nacht am See“-Party haben sich nicht beschwert, sondern sind nach dem Platzverweis einfach zum Maschpark weitergezogen. Dort, und nicht am Altwarmbüchener See, soll auch die nächste Feier stattfinden. Nicht aus Angst vor der Polizei haben sie den Treffpunkt gewechselt, sondern weil der Maschpark einfach besser mit der Bahn zu erreichen ist.

Aus den Ereignissen des vergangenen Wochenendes haben sie gelernt: Im Internet bitten sie jetzt ihre Gäste, Beutel mitzubringen, um leere Flaschen und Müll alleine zu entsorgen, und distanzieren sich ausdrücklich von möglichen Straftaten ihrer Gäste.

Ob die Jugendlichen sich daran halten, wird sich zeigen. In der Gruppe, die zur Party aufruft, sind schon jetzt mehr als 1200 Mitglieder, und der Sommer hat noch gar nicht richtig angefangen.

Felix Klabe und Constantin Alexander

* Namen von der Redaktion geändert.

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