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Wie Wissenschaftler für eine bessere Welt forschen

"Flux"-Wissenschaftstag Wie Wissenschaftler für eine bessere Welt forschen

Was können Wissenschaftler tun, um unsere Welt besser zu machen? Vor dem Forschungstag „Flux“, der am 6. Mai in Hannover stattfindet, hat ZiSH mit Forschern über ihre Arbeit gesprochen.

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Wie verändert Forschung die Welt in 20 Jahren?

Quelle: Imago (Archiv)

Wie verändert Forschung die Welt in 20 Jahren?

Wenn Professor Karsten Danzmann am Freitagmorgen den Hörsaal betritt, sitzen keine hochrangigen Weltraum-Wissenschaftler oder Journalisten aus aller Welt vor ihm – sondern normale Physikstudenten. Dabei ist der Name des Direktors des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik in Hannover seit 2016 weltbekannt. Hunderte internationale Zeitungen berichteten über den Nachweis von Gravitationswellen, deren Existenz schon Albert Einstein vermutete. Sie entstehen, wenn im Weltall viel Energie freigesetzt wird, beispielsweise bei einer Sternenexplosion. Dessen Wellen konnte der Wissenschaftler mit seinen Mitarbeitern erstmals messen.

Trotz der sensationellen Forschungsergebnisse ist Danzmann die Lehre ebenso wichtig: „Die Forschung lebt von jungen Leuten, die noch nicht viel wissen, aber alles wissen wollen. Ich lehre gern, mache sogar noch Anfängervorlesungen. So bleibt man mit beiden Beinen auf der Erde.“

Der Kontakt zu den Studenten sei ihm wichtig – weshalb sie auch bei zentralen Projekten mitarbeiten dürfen. „Wir vertrauen unseren Studenten so früh wie möglich und lassen sie im Team eigenständig arbeiten. Schon in der Bachelorarbeit können sie Teile der Forschung bearbeiten“, sagt der 62-Jährige. Geht etwas schief – halb so schlimm: „Fehler machen ist erlaubt!“

Den Alltag verändere er damit nicht. „Wir forschen nicht danach, wie man Bratpfannen herstellen sollte. Wir machen Grundlagenforschung, damit die Welt in 20 Jahren vielleicht anders ist“, so Danzmann. Deswegen seien auch nicht die großen Entdeckungen das Wichtigste im Leben eines Forschers. Die tägliche Arbeit im Labor müsse glücklich machen. „Du musst das Verlangen haben, etwas zu entdecken.“ Ein Kollege habe einmal treffend gesagt, dass man für die Forschung keine Geduld bräuchte – nur ein langes Leben, erzählt er.

Sarah Seitz

Warum fliehen Menschen aus ihrer Heimat?

Mit dem Beginn der Flüchtlingskrise hat sich die Arbeit von Sabine Hess von der Uni Göttingen verändert. Die 47-jährige Kulturanthropologin hatte schon Anfang der Nullerjahre in Südosteuropa zum Thema Migration geforscht. Mit dem Einsetzen der Flüchtlingsströme 2015 über die Balkanroute bekam ihre Forschung allerdings neue Ausmaße, als Hunderttausende Menschen über die Türkei nach Südosteuropa kamen: „2015 hat uns Aufmerksamkeit beschert“, sagt Hess.

Im vergangenen Jahr machte sie sich mit anderen Forschern aus ihrem Projektteam erneut auf den Weg, um Feldforschung zu betreiben. Ein Schwerpunktthema ist die kritische Beobachtung der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge abweisen und die Flüchtlingsströme lenken soll. „Man packt seine Sachen, sucht sich eine Unterkunft und versucht, mit allen Beteiligten zu reden“, beschreibt sie ihre Feldarbeit.

Bei der Präsentation ihrer Ergebnisse setzen Hess und ihre Kollegen nicht nur auf Forschungsberichte. „Wir arbeiten viel mit Künstlern zusammen und organisieren Ausstellungen – wir sind bei der Präsentation der Ergebnisse ziemlich frei.“ Damit die Ergebnisse auch ihren Weg in die Politik finden, organisiert sich Hess mit anderen Wissenschaftlern im bundesweiten Rat für Migration, der sich für eine weitsichtige politische Gestaltung von Migration einsetzt und Medien mit Informationen zu diesem Thema versorgt.

Denn fehlendes Expertenwissen in der Politik sei ein Problem: „Es gibt kein politisches Feld, das so wissenschaftsfern vor sich hinplätschert wie Migration“, sagt Hess. „Aber das ändert sich gerade ein bisschen.“
Besonders wichtig ist der Professorin, dass ihre Studenten lernen, praktisch zu arbeiten. Das klappt: „Im letzten Jahr sind Studentengruppen freiwillig auf die Balkanroute gefahren, um zu recherchieren“, sagt Hess. „Unsere Arbeit scheint abzufärben.“

Manuel Behrens

Wie viel Unentdecktes gibt es auf der Welt?

In einem Fingerhut Meereswasser stecken 6000 bis 10 000 verschiedene, gleich aussehende Bakterienarten. „Ihre Geheimnisse zu erforschen, herauszufinden, wie sie funktionieren und was sie sind – das ­ist faszinierend“, erzählt der Meeresbiologe Meinhard Simon. Er ist Professor für marine Mikrobiologie an der Uni Oldenburg und befasst sich mit Mikroorganismen, die in Gewässern leben. Was unspektakulär klingt, fasziniert den 63-jährigen Forscher noch immer – und wieder aufs Neue. „Wir machen viele Freiland- und Expeditionsfahrten, bei denen wir Proben und Daten beispielsweise mit Meeresbakterien nehmen“, sagt er. Die Proben werden vor allem von Doktoranden untersucht, aber auch fortgeschrittene Studierende beteiligen sich daran.

Dabei macht Simon sie immer wieder darauf aufmerksam, wie viel Unentdecktes es auf der Welt noch gibt: „Viele Studenten kommen an die Uni und wollen Biologie studieren, weil sie sich für ganz bestimmte biologische Phänomene interessieren. Da ist es unsere Aufgabe als Hochschullehrer, ihnen noch andere Spektren zu zeigen und sie für die Vielfalt zu begeistern!“ So habe er durch Zufall sogar einmal eine neue Bakteriengruppe in der Nordsee entdeckt. Nach dem Vergleich mit anderen Proben stellte sich heraus: Diese Bakterien gibt es in den Meeren der gemäßigten Zone.„Man staunt und öffnet sich innerlich für eine ganz neue Welt“, so Simon. Deshalb sollten junge Studis, die sich für die Forschung interessieren, offen für Neues sein.

Mit seiner Forschung will der Meeresbiologe das Bewusstsein für Mikroorganismen schärfen. „Diese Welt ist für den Normalbürger unbekannt, obwohl er täglich mit ihr zu tun hat.“ Kleinste Organismen sorgen nicht nur dafür, dass die Meere sauber bleiben, sondern leben auch in unseren Mägen. „Dass im Magen etwas nicht stimmt, merken wir erst, wenn es zwickt.“ Nur dass dem Meer mit Tabletten nicht geholfen ist.

Sarah Seitz

Wie gelingt Integration?

Alexander-Kenneth Nagel hat alles andere als einen Schreibtischjob an der Uni. Sein Schwerpunkt, die sozialwissenschaftliche Religionsforschung an der Uni-Göttingen, bringt den Professor aber immer wieder unter Menschen. Seine aktuelle Forschung treibt den 38-Jährigen vor allem in Flüchtlingsunterkünfte. Dort untersucht er, wie Migranten ihre Religionen ausleben können und und welche Rolle Moscheegemeinden und Religionsgemeinschaften bei der Integration spielen können.

„Seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 hat das Thema an Relevanz gewonnen.“ In seiner Arbeit geht es jedoch nicht nur um Einwanderer aus muslimischen Ländern. „Als ich noch im Ruhrgebiet geforscht habe, habe ich untersucht, welche Beziehung thailändische Buddhisten zur Gesellschaft haben. Das Ergebnis war überraschend: Die Frauen waren fast alle mit deutschen Männern zusammen und hatten deswegen keinen Bedarf an Angeboten wie Amtshilfe oder Sprachkurse."

Eine Studie zu den religiösen Hintergründen der Flüchtlingshilfe, an der Nagel zuletzt beteiligt war, sorgte für großes Aufsehen. Das Ergebnis: „Muslime engagieren sich mehr als doppelt so häufig wie Christen und Konfessionslose in der Flüchtlingshilfe. Das hatte auch politische Relevanz“, sagt der Religionsforscher. Dass viele Deutsche den Integrationswillen von Einwanderern kritisieren, kann Nagel nicht ganz nachvollziehen. „Integration ist beidseitig – Einwanderer und unsere Gesellschaft müssen sich aufeinander zubewegen.“

Außerdem stelle sich die Gegenfrage: „An was soll man sich eigentlich anpassen? Unsere Gesellschaft ist nicht homogen, sondern selbst gespalten: Es gibt regionale Unterschiede, Einkommens- und Geschlechterdifferenzen. An welche klaren Normen sollen Einwanderer sich also anpassen?“, fragt Nagel.

Manuel Behrens

15-minütige Kurzvorträge niedersächsischer Forscher sind das Herzstück des Forschungstags „Flux“, der am 6. Mai im Schloss Herrenhausen im Zeichen der Wissenschaft steht. Physiker, Soziologen und Designer stellen Schülern, Studenten und älteren Wissenschaftsinterssierten zeigen, wie ihre Forschung die Zukunft beeinflussen könnte.

Doch es geht nicht nur ums Zuhören, „Flux“ bietet die Möglichkeit, mit den Experten zu diskutieren, auszuprobieren und zu staunen. Im Anschluss an die Kurzvorträge können die Besucher die Forscher mit Fragen löchern.

Im ersten Vortrag, Beginn ist um 11.45 Uhr, geht es ums Weltall: Professor Karsten Danzmann von der Leibniz-Uni Hannover berichtet von der Entdeckung der Gravitationswellen, an der er direkt beteiligt war. Sie entstehen zum Beispiel, wenn schwarze Löcher verschmelzen. 2016 konnte er sie mit seinem Team erstmals nachweisen – 100 Jahre nachdem Albert Einstein ihre Existenz vermutet hatte.

Wie nachhaltig Mode sein kann und welche Rolle Do-it-yourself-Trends dabei spielen berichtet Martina Glomb, Professorin für Modedesign an der Hochschule Hannover.

Warum die Weltmeere als „blaue Lunge“ für die Erde überlebenswichtig sind erklärt Professor Helmut Hillebrand von der Uni Osnabrück.

Um die Selbstheilungskräfte unseres Körpers geht es bei Professor Axel Haverich von der MHH.

Neben weiteren Vorträgen gibt es auch Angebote zum Mitmachen: In einer Ausstellung präsentieren niedersächsische Hochschulen über 40 Forschungsprojekte – dabei wird es auch eine Algenverkostung geben. Um 12.15 Uhr beginnt ein Programm speziell für jüngere Besucher: Das Wolfsburger Phaeno bietet durchgängig Experimentierworkshops zum Thema erneuerbare Energien an.

Der große Science-Slam – ein Poetry-Slam über wissenschaftliche Themen – bildet ab 19 Uhr den Abschluss. „Flux“ ist ein Projekt des Niedersächsischen Wissenschaftsministeriums und der Volkswagenstiftung.
„Flux“: Sonnabend, 6. Mai, ab 11 Uhr im Schloss Herrenhausen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich. Das komplette Programm unter www.nds-forschungstag.de.

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