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Dürfen wir die Beziehung zu unseren Eltern beenden?

Pro und Contra Dürfen wir die Beziehung zu unseren Eltern beenden?

Die Beziehung zu unseren Eltern prägt uns unser Leben lang - auch wenn wir schon längst nicht mehr bei ihnen wohnen. Aber darf man sie auch beenden? Zwei Autoren erzählen von schwierigen Entscheidungen.

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Soll ich oder lieber nicht? Den Kontakt zu einem Elternteil abzubrechen fällt oft schwer.

Quelle: fotolia

Pro: Warum es besser ist, keinen Kontakt mehr zu haben

Wenn Gefühle ein bunter Farbkasten sind, malte mein Vater nur mit Schwarz und Weiß: Liebe und Hass. Seine Liebe drückte er oft aus, indem er spendabel war – wenn er gut drauf war. Schlechte Laune bedeutete Streit. Laut, maßlos, unberechenbar. Der Auslöser konnte eine schlechte Zensur oder ein unaufgeräumtes Zimmer sein. Dann erzählte er mir etwa, dass meine Zeugung nur ein Unfall gewesen sei. Ein anderes Mal äußerte ich während eines Streits Selbstmordgedanken. Er bot mir an, mich zum Bahnhof zu fahren, damit ich vor einen Zug springen kann. In seltenen Fällen schlug er zu. Selbst dann stellte er mich stets als den Schuldigen dar.

Schon in meiner Jugend kämpfte ich gegen Ängste und Depressionen. Um ihnen zu entfliehen, trank ich Alkohol und nahm Drogen. Ich wurde süchtig. Mit 23 Jahren machte ich einen Entzug und wohnte nach Jahren der Unabhängigkeit wieder bei meinen Eltern. Eines Tages musste ich wegen Kreislaufproblemen aus dem Büro abgeholt werden. Das Abendessen verzögerte sich – und mein Vater war wütend. Es war unser letzter Streit. Danach gab ich ihn auf. Er würde sich ja doch nie ändern.

"Ihn nicht mehr in meinem Leben zu haben, gibt mir die nötige Distanz"

Ich glaube, dass jeder Mensch die Verantwortung für sein Handeln tragen und mit den Konsequenzen leben muss. Sein Handeln hatte als Konsequenz, dass ich ihn zurücklassen musste, um Frieden mit mir selbst zu finden. Seitdem war ich mehrfach in psychiatrischer Behandlung. Noch heute, knapp vier Jahre später, arbeite ich die Vergangenheit auf. Ihn nicht mehr in meinem Leben zu haben, gibt mir die nötige Distanz.

Aber natürlich fehlt auch etwas. Weihnachten ist nur noch ein Kurzbesuch meiner Mutter und meiner Schwester – meine gesamte gefühlte Familie. Im vergangenen Jahr verbrachte ich die Festtage mit der Großfamilie meiner Freundin und wurde mit offenen Armen empfangen. Diese Menschen kannten mich teilweise nicht einmal. Trotzdem zeigten sie mir, wie bedingungsloser familiärer Zusammenhalt aussieht. Etwas, das ich in meiner Familie, wo vermeintliches Fehlverhalten von meinem Vater mit kaltem Hass bestraft wurde, nie kennengelernt habe.

Heute verstehe ich, dass mein Vater mich trotz allem geliebt hat. Er tat diese Dinge, weil er hilflos war – angesichts seiner eigenen Probleme. Und ich weiß auch, dass ich ihm irgendwann vergeben werde, um damit abzuschließen. Dass ich dann wieder Kontakt haben will, halte ich für unwahrscheinlich. Manche Dinge kann man nur durch einen Schlussstrich hinter sich lassen.

Lorenz Lauermann     

Contra: Warum ich den Kontakt zu meinem Vater halte

Papa – die meisten Menschen empfinden bei diesem Wort Liebe und Geborgenheit. In mir kocht stattdessen die Wut hoch. Denn bei meinem Papa empfinde ich diese Gefühle nicht. Das macht mich traurig – so sollte niemand über seinen Vater denken müssen.

Schon als Kind merkte ich, dass bei uns etwas nicht stimmt. Mit fünf Jahren hörte ich Mama auf dem Dachboden weinen, während Papa drei Meter weiter desinteressiert auf dem Sofa lag und fernsah. Ich verstand nicht, warum sie so oft traurig war. Aber ich wusste, dass es ein Problem mit Papa gab.

Mein Vater ist spielsüchtig. Sobald sein Gehalt kam, verspielte er es an blinkenden Automaten in der Spielhalle. Wenn sein Konto leer war, klaute er Mamas Bargeld aus ihrer Börse und aus ihren Verstecken. Als ich fünf Jahre alt war, trennten sie sich. Ab da besuchten mein kleiner Bruder und ich ihn jeden zweiten Sonntag. Wir fuhren in Kinderparks und er fuhr mit uns Wasserbahn, so oft wir wollten. Außerdem durften wir mit ihm auf dem Jahrmarkt Daddelspiele spielen – was Mama immer verboten hat. Doch irgendwann saßen wir nur noch im verqualmten Wohnzimmer und sahen fern, während er Computer spielte. Ich langweilte mich, wollte lieber draußen Fußball spielen. Papa hatte keine Lust und ich konnte ihn nicht alleine lassen. Schließlich hatte er uns nur an diesen Sonntagen.

"Eigentlich sind Eltern für ihre Kinder da. Ich bin für meinen Vater da"

Heute sind meine Besuche bei ihm unregelmäßiger. Statt mich zu fragen, wie es in der Uni läuft, erzählt er mir von seinen Geldsorgen. Schuld sind immer sein Chef oder der Staat. Ich will ihn dann am liebsten schütteln und anschreien. Und ihm sagen, dass ich sein Auto dauernd vor der Flippothek sehe. Aber er redet einfach weiter. Ich will mit ihm zum Sozialamt fahren oder bei der Krankenkasse seine Karte erneuern lassen. Aber er will keine Hilfe. Dann resigniere ich.

Einmal drückte er mir 50 Euro in die Hand. Ich lehnte ab, er brauche es mehr. Nein, bei ihm sei es gleich wieder weg. In diesen Momenten keimt in mir Hoffnung auf: Versteht er endlich, was er sich und uns mit seiner Sucht antut? Aber auf die Idee, sich Hilfe zu suchen, kommt er nicht. Die Sucht ist sein Lebensinhalt – nicht seine Familie. Eigentlich sind Eltern für ihre Kinder da. Ich bin für meinen Vater da, weil er sonst niemanden mehr hat. Für sein Verhalten fallen mir viele Ausreden ein. Schließlich ist Spielsucht eine Krankheit. Doch seine wechselnden Hoch- und Tiefphasen zermürben mich. Wenn ich den Kontakt abbrechen würde, hätte ich ständig den Gedanken, als Tochter nicht alles versucht zu haben. Das wäre noch viel schlimmer für mich.

ZiSH     

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