So schwer kann das doch nicht sein. Mit ein bisschen Anstrengung und der richtigen Einstellung lässt sich sicher ein Tag ganz ohne jeden Makel verbringen, denke ich. Am Abend vor meinem Tag des guten Willens stelle ich meinen Wecker und gehe früh ins Bett, um richtig ausgeruht zu sein. Gleich morgen will ich das vollkommene Gut-Sein in Angriff nehmen.
7 Uhr. Eiserne Disziplin
Es hilft alles nichts: Zu kurz die Nacht, zu laut das Klingeln des Weckers. Träge strecke ich die Hand aus, um noch zehn Minuten Ruhe aus dem Gerät zu kitzeln. Ich ertaste blind die Schlummertaste. Doch meine Hand zuckt zurück, denn mein Versprechen von gestern Abend fällt mir wieder ein. Ein Tag ohne Fehl und Tadel. Trägheit wäre sicher kein guter Anfang. Verstimmt zwinge ich mich zum Aufstehen. Beim ersten Klingeln schaffe ich es sonst selten. Ich bin stolz auf mich.
8 Uhr. Sünde #1: Geiz
Ein gesunder Geist steckt in einem gesunden Körper, heißt es. Ich beuge mich dem Gesundheitsdiktat, esse zum Frühstück Obst und koche einen Kaffee. Ich löffle braunes Pulver in die Maschine und freue mich auf einen Tag voller guter Taten. Beinahe fällt mir die Kaffeedose aus der Hand. Hatte ich mich nicht neulich erst vor dem Regal im Supermarkt wegen ein paar Euro Preisunterschied für die Billigmarke entschieden, statt den teuren Fair-Trade-Kaffee zu kaufen? Ich muss an ausgebeutete Plantagenarbeiter und gerodete Urwälder denken und bekomme ein schlechtes Gewissen. Und mein Obst? In meinem Kopf rauschen die unzähligen Liter kostbares Trinkwasser, die mein Pfirsich aus Spanien seinem Herkunftsland gestohlen hat. Geiz ist doch nicht so geil, wie immer alle sagen. Der fertige Kaffee schmeckt heute ganz schön bitter.
10.20 Uhr. Sünde #2: Hochmut
Die frische Morgenluft auf dem Weg in die Uni lässt mich die Verfehlung am Frühstückstisch schnell vergessen. Den Kopf brauche ich jetzt erst mal für den Lateinkurs. „Was hast du denn aus diesem Satz gemacht?“, fragt mich meine Sitznachbarin und schiebt mir ihre Übersetzung rüber. Nachbarschaftliche Hilfe zählt sicher als gute Tat. Ich hole meine eigene Hausaufgabe aus dem Rucksack. Innerlich stöhne ich. So schwer war das doch nun wirklich nicht, denke ich genervt und reiche ihr trotzdem meine Übersetzung. Wenige Minuten haben mich diese drei billigen Sätze abends gekostet. Was war daran nicht zu verstehen? In meinem Kopf höre ich eine Stimme: „Na, na, na!“, ruft sie mir zu, „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Ich verbanne das Gemecker aus meinen Gedanken. Doch die Stimme des Zweifels wird recht behalten – auch in meiner Übersetzung findet der Dozent Fehler. Im Nacken spüre ich den bösen Blick meiner Kommilitonin. Mea culpa.
12.30 Uhr. Sünde #3: Völlerei
Das Mittagessen in der Mensa war reichlich. Ob das Gemüse, das sie hier servieren, auch aus regionalem Anbau stammt oder eine 10 000 Kilometer weite Schiffsreise hinter sich hat, habe ich gar nicht erst gefragt. Meine weiße Weste hat schon genug Flecken abbekommen.
Eigentlich will ich nur noch mein letztes Seminar hinter mich bringen und nach Hause, wo es weniger moralische Stolperfallen gibt. An der Kuchentheke locken frisch gebackene, schokoladenbraune Muffins. Das Mensaessen liegt mir schon jetzt schwer im Magen. Wie ein Stein würde mich dieses Backwerk noch tiefer ins gefürchtete Mittagstief ziehen. Die Schokoglasur glänzt im Neonlicht. Zum Teufel mit der Vernunft, denke ich, zahle und beiße zu. Süße Erholung!
Doch nichts bleibt mir vergönnt und der Muffin beinahe im Halse stecken: Schon wieder bin ich in die Falle gegangen. Satt war ich schon nach einem halben Teller Nudeln, mein Schokoladenintermezzo ist pure Völlerei.
14 Uhr. Sünde #4: Neid
Die Uni ist vorbei, doch mein Tag noch lange nicht. Ich will fleißig sein und für meine vielen Klausuren lernen. Auf dem Weg nach Hause brennt mir die Sonne im Nacken. 35 Grad schreien verführerisch nach einer Erfrischung im Freibad. 400 Jahre amerikanischer Literaturgeschichte halten ungleich dagegen. Fröhlich lachend höre ich einige Kommilitonen über ihre Sommerferien reden, die für sie anscheinend schon begonnen haben. „Ich muss noch packen, eine Woche Dänemark ab morgen!“, jubelt eine. Auf mich warten meine Bücher. „Nicht fair“, grummle ich und werfe den Freizeitlern böse Blicke zu, während ich mich auf den Weg zu meinen Büchern mache. Gut, dass gerade kein Spiegel zur Hand ist. Meine neidgelbe Haut würde mich auf meinem Weg zum tadellosen Tag weit zurückwerfen.
15.20 Uhr. Sünde #5: Faulheit
Eine knappe Stunde fleißigen Lernens liegt hinter mir. Genügen wird das nicht. Stoff genug wäre da, um noch Stunden weiterzuarbeiten. Doch die Stimme in meinem Kopf hat sich zwischen den vielen auswendig gelernten Namen und Daten verloren. Sofakissen und Fernbedienung locken mit Zerstreuung. Mein Zeitplan sieht das nicht vor. Kurz wäge ich ab. Zu kurz. Fernsehen kann auch Bildung sein, flüstert die leise Stimme. Ich ergebe mich viel zu schnell der Faulenzerei und werfe die Bücher in die Ecke. Zwischen den Polstern lasse ich mich im Halbschlaf vom Fernseher berieseln. Das Geschnatter der Werbung überdeckt jegliches Schuldgefühl.
17.30 Uhr. Sünde #6: Genusssucht
Ich sündige noch immer. Der Fernseher lässt mich nicht los. Ein Bericht über Jugendliche in der Disko. Gut, dass ich mit Genusssucht so gar nichts am Hut habe, rede ich mir ein und schaue weiter amüsiert dem bunten Treiben auf der Mattscheibe zu. So ganz vergessen kann ich die drohenden Klausuren dabei nicht.
Wenn alles vorbei ist, werde ich am Wochenende endlich mal wieder feiern, nehme ich mir vor. Ein ganzes Wochenende. Ununterbrochen. Und schwimmen gehen. Und in der Sonne liegen. Und ins Kino. Und einen großen Cocktail trinken. Und weiter feiern. Aber Genusssucht ist mir wirklich fremd. Ehrlich.
23.30 Uhr. Sünde #7: Zorn
Es ist spät und ich bin demütig. Das war also mein tadelloser Tag: Geiz, Hochmut, Völlerei, Neid, Faulheit und Genusssucht. Sechs von sieben Lastern. Ganz schön schwierig, so ein Leben ohne Fehltritte. Gut, dass ich ein ausgeglichenes Gemüt habe. Wenigstens vor dem letzten Laster, dem Zorn, fühle ich mich sicher. Nervös fange ich an, meine Nase zu kratzen. Eine große Fliege hat sich in mein Zimmer verirrt und umschwirrt mich hartnäckig. „Verdammtes Biest!“, fluche ich und greife zur Fliegenklatsche. An der Wand über dem Bett erspähe ich den Quälgeist und will gerade zum Racheschlag ansetzen, als der kleine Moralapostel in meinem Kopf wieder zu jammern beginnt. „Alle sieben“, stelle ich ernüchtert fest und lege mein Mordinstrument beiseite. Ich lasse den Brummer in Frieden und gehe schlafen; meine Hand im festen Griff an die eigene Nase.
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Kommentare
Leben ohne Sünde RS – 27.07.10
Danke..ein Genuss zu lesen.Wer frei ist von Sünden, der werfe den ersten Stein
(aber bitte nicht in meine Richtung)