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Ein langer Abschied von der Schule

Leb los, Trauerkloß! Ein langer Abschied von der Schule

Mit der letzten Abi-Prüfung ist noch lange nicht alles überstanden. Ein Abschied jagt den nächsten. Bis der große Abi-Kater kommt. ZiSH-Autorinnen beschreiben ihren Abschied von der Schule in fünf Trauerphasen. Eine teilnehmende 
Beobachtung. Und ein Trost.

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Zum Verhandeln greift der Abiturient zum Telefon.

Quelle: Illustration: Stefan Hoch

Phase 1: Verdrängung

Zwei kurze Sätze, dann ist alles vorbei: „Die Zeit ist um. Gebt bitte ab, ihr könnt gehen.“ Was der Lehrerin so einfach über die Lippen kommt, besiegelt für uns das Ende einer Ära. Die letzten Klausuren sind geschrieben, die mündliche Prüfung ist geschafft. Die Hürde Abi ist genommen. Zwar haben wir das Zeugnis noch nicht in der Tasche, aber vorbei ist es doch irgendwie.

Alle sagen, nach dem Abi falle man in ein tiefes Loch. Stimmt gar nicht. Die Stimmung ist ziemlich gut. Wir genießen unsere neu gewonnene Freiheit und kosten das Leben in vollen Zügen aus. Schließlich heißt keine Schule ja nicht keine Freunde. Zur neuen Freiheit gehört auch, die zu kurzen Nächte aus 13 Jahren nachzuholen und erst einmal lange auszuschlafen. Doch was dann? Was wird der Tag bringen? So viel freie Zeit ist ungewohnt und das Alleinsein bereitet Unbehagen. Doch wir wissen uns zu helfen. Wie auch all die Jahre zuvor schnappen wir unsere Taschen, und radeln den gewohnten Weg zur Schule.

Herrlich! Ein Stück Alltag kehrt zurück. Der einzige Unterschied: Wir machen es gerne, denn nun ist es keine Pflicht mehr. In der Pausenhalle angekommen fallen wir unseren Mitschülern in die Arme, als hätten wir uns jahrelang nicht gesehen. Noch gibt es genug Schulisches zu organisieren. Die Entlassungsfeier muss vorbereitet, der Abi-Ball geplant und die Abi-Bücher gedruckt werden. Unser Arbeitswille ist kaum zu bändigen. Mit neidischen Blicken beäugen uns die Jüngeren, als sie nach dem Pausengong in ihre Klassenräume trotten. Wir ertappen uns dabei, wie wir ihnen mit einem sehnsüchtigen Blick antworten. Aber für Wehmut ist es noch zu früh. Schließlich ist noch lange nicht alles vorbei. Wir engagieren uns in so vielen Abi-Komitees, wie möglich. Den ganzen Tag Gruppenarbeit – fast ein bisschen wie in der Schule. Das Gefühl, eine Aufgabe zu haben, tut gut. Nach der Arbeit kommt das Vergnügen und alle verabreden sich Tag für Tag zum gemeinsamen Feiern. Geteilte Freude verdrängt den Abschiedsschmerz. Auf Abi-Partys treffen wir den ganzen Jahrgang und wiegen uns im Frohsinn. Ganz nach dem Motto „zusammen ist man weniger allein“ entstehen dabei sogar neue Freundschaften und alte Feindseligkeiten rücken in den Schatten.

Phase 2: Wut

Zu Hause liegt der Schulrucksack seit Tagen in der Ecke. Er ist vollgepackt mit dem Lernstoff der vergangenen Jahre. Wir trauen uns nicht so recht heran, aufräumen würde schließlich heißen, die Schule zu den Akten zu legen. Nachdem wir nachts über das schwere Gepäck stolpern, fassen wir endlich einen Entschluss: Jetzt wird ausgemistet. Und zwar richtig!

Angefangen bei der Grundschulzeit blättern wir durch erste Schreibversuche und winzige Handabdrücke. Erst jetzt wird uns bewusst, dass nun ein ganzer Lebensabschnitt zu Ende geht. Wir sind jetzt erwachsen. Die Zukunft wartet.
Die Mappen voller Diagramme und Hausaufgaben aus den vergangenen Jahren kommen in einen großen Müllsack. Über den abiturrelevanten Stoff wissen wir schließlich bestens Bescheid, können die pq-Formel im Schlaf aufsagen und die Daten zur DDR hoch- und runterbeten. Doch wie das Leben nun weitergeht, wie wir uns an einer Uni einschreiben oder eine Wohnung mieten, hat uns keiner beigebracht!

In unseren Ohren dröhnen die Fragen der Familie: „Was hast du denn nun mit deinem Leben vor? Wo soll’s denn hingehen?“ Woher sollen wir das denn wissen? Im Biologiebuch steht darauf jedenfalls keine Antwort. Die letzten Jahre haben wir damit verbracht, uns den vorgegebenen Stoff ins Hirn zu matern. Da blieb nun wirklich keine Zeit, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Jahrelang hat sich unser Leben an einem Stundenplan orientiert. Nun sind wir selbst für uns verantwortlich. Freiheit ist ja schön und gut, aber sie überfordert uns auch. Die Schuld für schlechte Noten können wir jetzt nicht mehr den Lehrern in die Schuhe schieben.

Aufgebracht über so viel Hilflosigkeit fragen wir uns, wozu wir überhaupt gelernt haben, ein Gedicht zu interpretieren. Im Alltag eines Erwachsenen spielt das doch wohl keine Rolle. Wir sind wütend über so viel verlorene Zeit, wollen die ganze Arbeit mit einem lauten Schrei im nächstgelegenen See versenken. Oder ein Feuerzeug nehmen und ein Lagerfeuer daraus machen. Irgendwie muss die Wut jedenfalls raus!

Der Scheiterhaufen ist schon gebaut, da entscheiden wir uns doch um. Manche Stunde war ja schließlich ganz interessant. Und die Mikroskopzeichnungen aus dem Biounterricht sehen auch schöner aus, als wir sie in Erinnerung hatten. Wir schließen einen Kompromiss: Ausgemistet wird später. Jetzt wandern 13 Jahre Schule erst einmal in einem großen Karton auf den Dachboden.

Phase 3: Verhandeln

Ist jetzt alles vorbei? Muss es denn vorbei sein? Ein Mitschüler eröffnet bei Facebook eine Gruppe für unseren Jahrgang. Wir schreiben uns Sätze wie „Ich werde euch nie vergessen“. Uns gefällt das, schließlich wollen wir die schöne Zeit nicht enden lassen. Wir tun alles, um die gemeinsamen Momente auszureizen, in die Länge zu ziehen, die gemeinsame Zukunft zu planen. Im Freibad liegen wir in der Sonne und träumen von gemeinsamen Auslandsaufenthalten, vom gemeinsamen Studium, von einer gemeinsamen Wohnung vielleicht. Zumindest aber auf einen Kaffee wollen wir uns später einmal in der Woche treffen. Versprochen.

Weil wir ja nun so viel freie Zeit haben, fangen wir damit gleich schon einmal an und verbringen ständig Zeit miteinander: im Café, beim Kartenspielen wie früher in der Mensa oder bei einem kleinen Ausflug zur alten Schule, um den Vertretungsplan anzuschauen. Während wir den vertrauten Schulgeruch einsaugen, grüßen wir selbst Lehrer, die wir zu Schulzeiten nicht ausstehen konnten, um sie auf einen kleinen Schwatz anzuhalten. Es war doch so schön.

Auf der Abi-Fahrt wird aus dem Jahrgang eine Schicksalsgemeinschaft zwischen „All Inclusive“ und Sonnenbrand. Je später der Abend, desto öfter fangen unsere Sätze mit „Weißt du noch...“ an. Die gute alte Zeit! Torschlusspanik liegt in der spanischen Luft. Arno, unser Schwarm, den wir seit zwei Jahren beobachten, will im Herbst wegziehen. So darf es doch nicht enden! Wir geben alles, um auf der Rückfahrt nicht allein im Bus zu sitzen. Vielleicht kann ja eine Beziehung ein bisschen vom Abi-Gefühl in die Zukunft retten?

Es hat geklappt. Die wöchentlichen Abende in den Klubs der Innenstadt verbringen wir nun zu zweit. Gemeinsam tanzen wir dem Morgengrauen entgegen. Auf dem Heimweg zwitschern meist schon die Vögel. Halb neidisch, halb belustigt beobachten wir Kinder mit ihren Schulranzen. Sie erwartet ein neuer Schultag, wir hingegen versinken in unseren Betten um bald wieder fit zu sein für den nächsten Abend.

Phase 4: Depression

Der Schulleiter lächelt, als er uns das Zeugnis in die Hand drückt. Wir lächeln auch. Nun ist es amtlich: Schwarz auf weiß bestätigt das Zeugnis, dass wir das Abitur erreicht haben. Ein großartiges Gefühl. Stolz sehen sich Eltern und Großeltern das so bedeutende Stück Papier an und freuen sich mit uns. Doch was ist es wirklich wert? Steht uns die Welt damit wirklich so offen, wie es der Schulleiter in seiner Abschiedsrede prophezeit? Mit Ernüchterung blicken wir auf den Numerus Clausus, der uns nicht nur in Fächern wie Psychologie oder Medizin schockt. Da kann eine Drei in Mathe schon mal den Traumberuf zunichte machen. „Danke, Doppeljahrgang“, seufzen wir und heften das Zeugnis ab.

Dann steht der Abi-Ball an, die letzte große Party unserer Schullaufbahn. ,Let’s do it tonight“, dröhnen uns vom DJ-Pult die Black Eyed Peas entgegen. Auf jeder Abi-Party ist dieses Lied gelaufen – und trotzdem fehlt das Abi-Feeling der letzten Wochen. Irgendwo zwischen all den Umarmungen und all den Beteuerungen, wir würden „immer Freunde bleiben“, ist es wohl verloren gegangen. Wir haben Abi-Kater.

Im Foyer rollen spätnachts die Abschiedstränen. Die Ersten ziehen in den folgenden Tagen und Wochen in andere Städte, machen ein Auslandsjahr, beginnen ein duales Studium. Wenn wir gefragt werden, was wir machen wollen, entgegnen wir genervt: „Schlafen.“ Inzwischen werden wir Ahnungslosen sogar von manchen Mitschülern komisch beäugt. Fast alle haben inzwischen einen Plan, nur wir sind noch unsicher. Viel zu viele Studienfächer, viel zu viele Alternativen! Da ziehen wir uns lieber gleich einen Monat lang die Decke über den Kopf. Die Zukunft kommt schließlich auch von allein.

Phase 5: Akzeptanz

Wir sitzen zusammen im Garten und essen typisches australisches Thunfischsteak. Die Tischdekoration leuchtet blau, rot und weiß mit Sternchen: Die Farben der australischen Flagge. Blöde Kängurus, blöde Abschiedsfeier. Sie ist nur eine von vielen. Ständig ist unser Kreis in den letzten Wochen kleiner geworden. Julian geht nach Heidelberg und Arno will in Stuttgart studieren. Er ist sogar schon umgezogen. Und jetzt geht Max nach Australien. Wir bleiben hier, in Hannover. Die Zeit mit Arno war schön, viele Tage im Freibad und viel Nichtstun. Manchmal schickt er eine SMS aus Stuttgart, er vermisse uns. In letzter Zeit haben wir immer seltener Lust, zu antworten. Schließlich wird sich auch unser Leben bald verändern: Der Umzugswagen ist bestellt. Und mit jeder neuen Aufgabe werden auch die quengelnden Fragen der Eltern weniger. Es geht voran.

Die Jungs aus der neuen WG sind schon drei Semester an der Uni. Beim Umzug wollen sie auch mitanpacken, danach vielleicht ein Bier trinken. Bald geht dann sicher auch der Vorbereitungskurs an der Uni los und die Campus-Rallye nehmen wir natürlich auch mit. Noch mehr Bier trinken, fast wie nach dem Abitur. Es kommt uns vor, als wäre die letzte Klausur schon ewig her. Unser Sitznachbar Max wird bald auf der Suche nach einem schlecht bezahlten Job durch Melbourne irren. Insgeheim freuen wir uns auf das erste Telefonat mit Klagen über krebsroten Sonnenbrand, während wir von wilden Erstsemesterpartys schwärmen werden. Die Lücken, die die alten Freunde hinterlassen, schaffen Platz für neue Bekanntschaften. Neue Freiheiten. Neue Möglichkeiten.

Laura Kiefer, Isabell Rollenhagen, Marina Uelsmann, Isabella Ayuto und Alisa Schellenberg

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