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Eine Familie - zwei Welten

Abgeschoben Eine Familie - zwei Welten

Enisa hat eine nahezu 
unbeschwerte Jugend. Ihre Brüder nicht. Während das Mädchen in Deutschland aufwächst, kämpft ihre Familie in Montenegro ums Überleben – 2004 wurde sie abgeschoben. ZiSH berichtet, wie eine Adoption Enisa vor dem gleichen Schicksal rettete.

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Enisa und ihre Brüder im Herbst 2009 vor der Hütte der Familie in Montenegro. Gemeinsam träumen sie von einem Leben zusammen in Deutschland.

Quelle: Privat

Herzlich umarmt Enisa ihre Brüder. Dicke Tränen kullern die Wangen herunter, vor Freude wird laut geweint. Fünf Jahre konnte Enisa ihre Mutter nicht in den Arm schließen, mit ihren Brüdern rumalbern. Während Enisa in Deutschland lebt, ist ihre Familie in Montenegro – sie wurde abgeschoben.

An den Tag, an dem ihre Familie auseinandergerissen wurde, erinnert sich Enisa noch genau. Sie saß beim Frühstück, als der Anruf kam. Ihre Familie müsse das Land verlassen. Zehn Minuten hätten sie, um ihre Sachen zu packen, dann würden sie von der Polizei zum Flugzeug nach Montenegro gebracht – Enisas Eltern und die vier Brüder sollten abgeschoben werden. Obwohl die Anträge auf ein Bleiberecht noch liefen, wies Deutschland die Familie aus. Das war am 27. Oktober 2004, Enisa war damals elf Jahre alt.

Fünf Jahre sollte es dauern, bis Enisa ihre Familie wiedersehen würde. Sie selbst durfte bleiben, weil sie Jahre zuvor von einem deutschen Ehepaar aus Nordhorn adoptiert worden war. Heidi und Dieter Kunert wollten sie vor der Abschiebung schützen. „Meine Familie hatte immer im Hinterkopf, dass sie abgeschoben werden könnten“, sagt die 16-Jährige heute. „Durch meine Adoption hatte ich immer die Sicherheit. Ich hatte alles, und meine Brüder hatten nichts.“

1991 war Familie Hajrusi nach Deutschland geflüchtet. Ihre Heimat zerbrach während des Jugoslawienkrieges, und während sich Bosnier, Serben und Kroaten bekämpften, wurde das Leben für Minderheiten wie Juden, Albaner, Sinti oder Roma gefährlich. Bleiben bedeutete für die Roma-Familie Hajrusi Lebensgefahr.

1993 lernte sie Heidi Kunert von der Flüchtlingshilfe kennen. „Zwei Kinder hatten starkes Asthma, einer Neurodermitis. Mutter Fetija, gerade erst 23 Jahre alt, war schwer depressiv und mit der Versorgung ihrer Familie überfordert“, beschreibt Heidi ihren ersten Eindruck. Schnell wurde sie zur Pflegemutter, kümmerte sich darum, dass die Kinder in die Schule und den Kindergarten gingen, dass sie Hausaufgaben machten und etwas zum Spielen hatten. „Das Erste, was ich tat, war die fünf von einem Arzt untersuchen und impfen zu lassen.“ Außerdem vertrat sie die Interessen der Familie beim Ausländeramt und half bei Behördengängen. Jeden Tag kümmert sich Heidi stundenlang um Enisa und ihre Brüder Ferid, Fuad, Ferdi und Edin. Die Kinder wuchsen ihr ans Herz, sie betrachtet sie fast als ihre eigenen. „Schon mit drei Jahren verbrachte Enisa mehr Zeit bei uns, als bei ihrer Familie“, erzählt Heidi. Das Jugendamt übertrug ihr eine Pflegeschaft, das Ehepaar Kunert nahm das kleine Mädchen mit in den Urlaub – das erste Mal in ihrem Leben. Die Kunerts adoptierten Enisa. Mit sechs Jahren hatte sie zwei Familien: eine deutsche, die ihr Sicherheit bot und ihre leibliche, deren Abschiebung immer wahrscheinlicher wurde.

Einen Asylantrag stellten die Hajrusis nicht mehr – zu gering schien die Chance, dass dieser bewilligt werden würde. Vielmehr versuchten sie die Abschiebung aufgrund des schlechten gesundheitlichen Zustandes von Enisas Mutter zu verhindern. In Deutschland bekam Fetija wegen ihrer Depression und posttraumatischen Störung stationäre Hilfe, in Montenegro hätte sie sich noch nicht einmal den Arztbesuch leisten können. Heidi schaltete einen Anwalt ein, wollte die Akte der Familie einsehen – ohne Erfolg.

2003 gab Serbien auf Druck der Europäischen Union den Weg Montenegros in die Unabhängigkeit frei. Deutschland sah keinen Grund mehr, Flüchtlingen aus diesem Gebiet weiter Asyl zu gewähren – der Frieden sei wiederhergestellt, der Aufbau des Landes zeige Fortschritte.

Für Familie Hajrusi rückte so die Abschiebung immer näher. Auch wenn sie Deutschland inzwischen als ihre Heimat betrachten. Die Söhne gingen zur Schule und strebten Ausbildungen an. Sie hatten Freundeskreise und Ziele. In Deutschland bleiben dürfen sie nicht. Die Familie weigert sich, freiwillig zurückzukehren. Die Situation der Roma in Südosteuropa hat sich, trotz des Friedens, nicht verbessert. „Die Roma gelten in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens immer noch zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen“, sagt Hans-Georg Hoffmeister vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat. „Sie sind dort bedroht von Diskriminierung, und auch körperliche Übergriffe kommen vor.“ Die meisten Roma sind nicht registriert, haben niemals eine Schule besucht – für die Staaten existieren sie nicht. Sie wohnen in slumartigen Siedlungen, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Ohne gepflasterte Wege oder Beleuchtung, ohne die Chance auf Ausbildung oder richtige Arbeit. Dagegen demonstrieren die Roma, wie gestern beim Internationalen Tag der Roma.

Deshalb wollte Familie Hajrusi nicht nach Montenegro zurückkehren. Da sie sich weigerte, freiwillig zu gehen, wurde ihr die Wiedereinreise nach Deutschland verboten, bis sie die Kosten für die Abschiebung bezahlt hat – 1400 Euro pro Person. Ein Einspruch gegen die Abschiebung ist unmöglich: Der Bescheid mit der Ablehnung des Bleiberechts kam erst, als die Familie bereits im Auto zum Flughafen saß.

Für Enisa war die Situation schwer nachvollziehbar. Es dauerte lange, bis die Elfjährige richtig verstand, dass ihre Familie wahrscheinlich für immer fort sein wird. „Nach der Abschiebung war ich sehr traurig, habe aber noch nicht verstanden, warum sie wegmussten“, sagt Enisa. „Auch meine Freunde und die Freunde meiner Brüder wussten damals nicht, was das bedeuten sollte.“ Noch heute fällt es der braunhaarigen jungen Frau schwer, ihre Gefühle der Einsamkeit und Trauer in Worte fassen. Das Leben ihrer leiblichen Familie ist für sie unvorstellbar weit weg. Telefonieren mit ihnen möchte sie nicht. Nur über E-Mails, die ihre Brüder im Internetcafé lesen, halten sie Kontakt.

Die Adoption ermöglichte ihr ein nahezu unbeschwertes Teenagerleben in Deutschland. Sie geht weiter zur Schule, nimmt Klavierunterricht, verbringt Nachmittage beim Spielen oder im Schwimmbad, während ihre Brüder für rund sieben Euro pro Tag auf einer Müllhalde Metallschrott sammeln, um zu überleben. Enisa hat ein eigenes Zimmer und lebt in einem Haus mit Strom, fließendem Wasser und Toiletten, während sich ihre Familie eine kleine Baracke mit Ratten teilen muss – mit Pappwänden, undichtem Dach und ohne Heizung.

Dass ihr „Mutter und Vater“, wie sie Heidi und Dieter inzwischen nennt, eine Ausbildung, ein Studium, ein eigenständiges Leben ermöglichen, ist Enisa die ganze Zeit bewusst. In Montenegro wäre sie in ihrem Alter höchstwahrscheinlich bereits verheiratet und Mutter. „Ich bin froh, dass ich die Chance habe, hier in Ruhe erwachsen zu werden.“ Sie macht ihr Abitur auf einer Fachoberschule und möchte später Pädagogik oder Psychologie studieren. Nebenbei macht sie Praktika in der Behindertenpflege und engagiert sich im örtlichen Jugendzentrum. Es scheint, als versuche sie irgendwie anderen Menschen zu helfen, mit den Mitteln, die sie hat.

Ihrer eigenen Familie will sie später einen Teil des eigenen Gehalts zuschicken, ihr aus der Ferne weiterhelfen. Vielleicht sucht sie auch einen Weg, das schlechte Gewissen zu beruhigen. „Solche Gedanken kann man nicht abstellen.“ Neben Besuchen wie im Herbst 2009, hilft da nur Chatten mit den Brüder. Dann suchen sie gemeinsam eine Normalität von Geschwistern, die ihnen geraubt wurde. Sie erzählen sich Witze, reden über ihre Hobbys, über Musik. Für wenige Momente ist sie dann die kleine Schwester – so wie früher.

Am 18. April läuft um 15.15 Uhr auf N3 der Film „Enisas Sehnsucht“, der das Wiedersehen mit der Familie nach fünf Jahren dokumentiert. Der Film ist zudem in der NDR-Mediathek.

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