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Wie ich meine Ferien für die Schule geopfert habe

Deutsche Schülerakademie Wie ich meine Ferien für die Schule geopfert habe

Die deutsche Schülerakademie gilt als elitärer Streber-Club. ZiSH-Autor Jeffrey 
erzählt, warum dieses Vorurteil nicht stimmt und es richtig war, zwei Wochen seiner Sommerferien zu opfern.

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Auf die Schülerakademie gehen nur Streber? Von wegen.

Quelle: Villegas

Ich sitze im voll besetzten Computerraum und schneide meinen eigenen Kurzfilm. Am PC links von mir recherchiert jemand über die Wirtschaftsbeziehung zwischen Deutschland und China. Rechts von mir erstellt jemand mathematische Graphen.

Das klingt nach Projektwoche in der Schule, nach Arbeit und Stress. Aber eigentlich habe ich gerade frei. Es sind Sommerferien und ich bin freiwillig hier – im Camp der Deutschen Schülerakademie (DSA) für besonders begabte Schüler. Wer hier hin will, muss von einem Lehrer vorgeschlagen werden – an meiner Schule ging es dabei um den besten Notendurchschnitt.
Die Akademie klingt deswegen nach einer Elite-Veranstaltung für Streber, die auch in den Ferien nicht genug vom Büffeln bekommen können.

Vorurteil 1: Wer zur DSA geht, kann nicht genug von der Schule bekommen.

Ich war skeptisch, als mich unser Oberstufenkoordinator auf die Akademie ansprach. Wie meine Mitschüler freute ich mich auf die Ferien und hatte keinen Bock mehr auf Schule und Lernen. Ich wollte den Sommer genießen. Doch die Themen, haben mich überzeugt: Im Prospekt der Akademie, den mir mein Lehrer in die Hand drückte, standen Workshops zum autonomen Fahren, zu Strafrecht und Neuropsychologie. Alles Themen, die mich interessieren und die in der Schule wohl nie ausführlich behandelt werden. Ich entschied mich für den Workshop Filmregie – und opferte ein Drittel meiner Ferien.
Nicht sicher, was mich erwarten würde, reiste ich zum Landschulheim Grovesmühle in den Harz zur Akademie und stellte schon nach wenigen Tagen fest: Es war eine gute Entscheidung.

Vorurteil 2: Die Akademie ist doch wie Schule – nur noch schwieriger.

Natürlich gab es bei uns auch einen Theorieteil, in dem uns die Kursleiter die Wirkung von speziellen Kameraperspektiven erklärt haben. Aber die Leiter sind für uns eher Kumpels als Lehrer – obwohl die meisten in Eliteuniversitäten wie Cambridge oder Oxford studiert haben. Sie fordern, dass wir sie duzen, und das schafft tatsächlich eine vertraute Atmosphäre.
Die Herausforderungen sind auch nicht nur theoretisch: Meine Gruppe und ich sind mit Spiegelreflexkamera und Stativ auf dem Gelände herumgeirrt – immer auf der Suche nach dem besten Ort für unsere Aufnahmen. Bei einer Tour haben wir den Philosophen-Kurs getroffen, der sich mit der Frage „Was ist Wissenschaft?“ beschäftigt hat. Die sollten ihre Thesen in Snapchat-Storys darstellen. In der Schule haben wir so etwas noch nie gemacht.

Vorurteil 3: Das ist doch voll stressig!

Na klar. Es gibt auch Deadlines, an denen unsere Filme fertig sein müssen. Die Koordination läuft auch nicht immer perfekt. Mal soll das Drehbuch abgeändert werden, mal hat jemand anders die Kamera mitgenommen. Das sorgt schon für Stress. Auch die Dokumentation unserer Kursarbeit, ähnlich einer Facharbeit, ist aufwendig. Doch der Stress schweißt alle noch mehr zusammen. Da bringt man denen, die um zehn Uhr abends immer noch vor dem PC saßen, auch mal einen Kaffee vorbei.

Vorurteil 4: Auf der Akademie sind nur Nerds.

Bei der Auswahl der DSA-Teilnehmer wird sehr darauf geachtet, dass die Schüler nicht nur gut in der Schule sind, sondern viele Interessen haben – sprich keine Nerds sind. Trotzdem hatte ich Bedenken, dass sich dort alle mit ihren Zeugnisnoten duellieren. Als Konkurrent habe ich mich aber nie gefühlt. Das liegt vor allem auch an den Angeboten, die wir als Teilnehmer selber organisieren. Wir spielen Wikingerschach und sprechen die böse Stiefmutter aus Schneewittchen bei einer Strafprozess-Simulation aus Mangel an Beweisen frei.

Vorurteil 5: Die Regeln sind streng.

Die Tage sind nicht strikt durchorganisiert wie auf Klassenfahrten. Es liegt in unserer Verantwortung, wie wir den Tag gestalten. Bei so vielen Angeboten und so wenig Zeit, muss ich eben den Schlaf ein bisschen reduzieren. Die wenigsten sind vor Mitternacht im Bett, obwohl es am nächsten Tag um halb acht Frühstück gibt. Am liebsten würde ich gar nicht schlafen gehen. Doch irgendwann bin ich so müde, da muss ich nachts die Doppelkopf-Runde verlassen. Ich muss ja am nächsten Tag im Kurs wieder fit sein. Zum Glück gibt es keine Nachtruhe wie auf Klassenfahrten. So ist es oft passiert, dass mein Zimmernachbar erst zurück auf das Doppelzimmer kam, als ich schon längst eingeschlafen war. Es gab im Prinzip nur drei Regeln: Pünktlichkeit, Versammlung um halb neun und keinen Alkohol.

Vorurteil 6: Das macht doch gar keinen Spaß.

Am Ende dieser Akademie fällt uns allen der Abschied schwer. Am letzten Tag vor der Abfahrt gibt es einen Abschlussabend. Jeder, der will, darf etwas zum Programm beitragen: Sketche, Musik, Reden ... Doch so fröhlich dieser Abend war, so traurig war die Abfahrt. Bei einigen fließen sogar Tränen, während im Hintergrund traurige Abschiedsmusik läuft. Ich bleibe tapfer. Für mich stelle ich fest, dass es zu Hause auf der Couch oder faul am See sicherlich entspannter gewesen wäre. Mehr Spaß hatte ich aber an der Akademie. Von Jeffrey Ji-Peng Li

So kommt man auf die Schülerakademie

Die Förderung begabter Schüler ist das Ziel der Deutschen Schülerakademie (DSA). Jedes Jahr im Sommer findet sie an mehreren Orten in Deutschland statt. Teilnehmen können nur Schüler aus dem zehnten und elften Jahrgang (bei G8) – jeweils maximal einmal. Schulen, an denen Abi gemacht werden kann, können Schüler dafür vorschlagen. Wie sie diese auswählen, variiert. Der Notendurchschnitt ist ein wichtiger Indikator.
Wer sich selbst bewerben möchte, muss ein Motivationsschreiben, ein aktuelles Zeugnis und ein Empfehlungsschreiben des Lehrers abgeben. Ist der erste Bewerbungsschritt erfolgreich, werden die Kurse gewählt. Die Wahl ist ausschlaggebendes Kriterium: Hat man einen Kurs gewählt, der sehr beliebt ist, werden weitere Kriterien geprüft. So muss zum Beispiel das Verhältnis von Mädchen und Jungen gleich sein. Wer die DSA absolviert hat, kann bei Uni-Bewerbungen durch die Teilnahmebescheinigung Extrapunkte sammeln.

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