Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Warum Liebeskummer so schrecklich ist

Beziehungen Warum Liebeskummer so schrecklich ist

Kaum etwas ist so schmerzhaft wie Liebeskummer nach einer Beziehung.
 Zwei ZiSH-Autoren erzählen von enttäuschten Erwartungen und wie es ist, wenn zerbrochene Liebe wütend macht.

Voriger Artikel
„Kneipen gehören zum Leben dazu“
Nächster Artikel
Goodbye Deutschland!

Bei Liebeskummer hilft: ein großer Berg Taschentücher

Quelle: Surrey

Vergiss Gerechtigkeit!

Es gibt unzählige Lieder über Liebeskummer. Es ist ein tröstliches Gefühl, sich nach einer Trennung in all diesen Songs wiederzufinden und verstanden zu fühlen. Allerdings ist es ein Privileg, das ich gerade nicht besitze. Denn ich bin derjenige, der Schluss gemacht hat. Ich bin der Böse in diesen Songs.

Im Februar habe ich mich von meiner Freundin Lea, die nicht wirklich so heißt, getrennt. Laut einer Umfrage der Datingagentur Elitepartner mit 4,3 Millionen Mitgliedern zählten für die 10 000 Befragten zu den zwingenden Trennungsgründen Untreue (72 Prozent), Unehrlichkeit (71 Prozent), emotionale Verarmung (51 Prozent), häufiger Streit und fehlende Unterstützung (jeweils 50 Prozent). Ich machte nicht nur aus einem dieser Gründe Schluss – sondern aus allen. Zugegeben, von einigen Dingen erfuhr ich erst später.

In den ersten Tagen nach der Trennung isolierte ich mich. Ich wollte lieber allein sein, vermisste Lea trotzdem und war gleichzeitig so wütend auf sie, dass ich sie nie wieder sehen wollte – Gefühle, die mich überforderten. Ich wollte mich nicht mit der Realität befassen, sondern mich in andere Welten verlieren. Also saß ich in meiner Wohnung, schaute Serien und levelte meinen Krieger in dem Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ bis zum Maximum hoch.

Lea und ich hatten acht Monate zusammen gewohnt. Ihre Sachen standen noch in meiner Wohnung. Als ich einen guten Tag hatte, ging ich in ihr Zimmer, um Wäsche aufzuhängen. Auf dem Schreibtisch sah ich ein Würfelspiel, das ich ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Es war mein erstes richtiges Weihnachtsfest seit Jahren gewesen. Sie hatte Deko gekauft und ein Advents­gesteck gebastelt. Dann hatten wir uns gestritten und das Gesteck war in den Fernseher geflogen. Bittere Erinnerungen. Die Waschmaschine blieb in den nächsten Tagen aus.

Nach einer Woche in Isolation fing ich an, mir selbst mit meinem Selbstmitleid auf die Nerven zu gehen. Gleichzeitig bekam ich mit, dass Lea sich bereits an den nächsten Mann gehangen hatte. Ich war wütend. Dabei hatte ich doch die Beziehung beendet. Aber es wäre einfach schöner gewesen, zu sehen, dass man vermisst wird.

Stattdessen wurde es hässlich: Im Internet verkündete sie öffentlich, dass sie mich nicht mehr vermissen würde und schon jemand anderes in Aussicht hätte. Ich drohte ihr mit einem Sperrmülltermin, wenn sie ihre Sachen nicht endlich abholt. Es war kindisch. Natürlich hatte sie mir viele Gründe gegeben, sauer zu sein und auszurasten. Es hätte sich gerecht angefühlt. Aber was brachte mir das schon? Sie würde sich nicht entschuldigen. Und überhaupt: Wie soll man einen unreifen Trennungskrieg wiedergutmachen?

Seitdem konzentriere ich mich auf die Dinge, die ich in der Beziehung vernachlässigt habe: Ich lese mich durch mein Bücherregal, schreibe Geschichten und spiele Gitarre. So zufrieden mit mir selbst war ich in der Beziehung schon seit Monaten nicht mehr gewesen. Natürlich bin ich manchmal noch ein bisschen wütend oder verletzt. Aber das gehört bei Trennungen eben dazu.

Lea und ich hatten in unserem Wohnzimmer zwei lederne Zweisitzer-Sofas stehen. Man konnte nie gemütlich zusammen darauf kuscheln, aber wir hatten kein Geld für etwas Neues. Kurz nach der Trennung zog eine Bekannte um und vermachte mir ihre Couchgarnitur. Die ist groß genug, dass man es sich ohne Probleme zu zweit darauf gemütlich machen könnte – alleine ist es aber auch ganz schön.

Lorenz Lauermann

Auf der Flucht nach vorne

Ich musste mir unbedingt „Forrest Gump“ angucken, ich konnte nicht anders. Denn das war Victors (Name geändert) Lieblingsfilm. Wir wollten ihn eigentlich zusammen gucken. Doch dazu ist es nie gekommen. So wie es auch nicht dazu gekommen war, dass ich Victor mein Lieblingsrestaurant zeigte oder er mir das Longboardfahren beibrachte. Weil der Typ, in den ich mich verliebt hatte, kein Interesse an einer Beziehung mit mir hatte.

Also wollte ich mir wenigstens beim „Forrest Gump“ gucken vorstellen, wie es mit ihm zusammen wäre. Nein, um ehrlich zu sein hoffte ich, dadurch noch mal einen Grund zu haben, ihn anzuschreiben. „Du hattest recht, echt guter Film“, oder so. Bescheuert. Das mit dem Anschreiben ließ ich zum Glück sein. Den Film zu gucken war trotzdem eine doofe Idee. Nach zwei Stunden hatte ich gerade mal 30 Minuten des Films gesehen. Ich war total verheult und machte „Forrest Gump“ schließlich aus.

Wenn ich Liebeskummer habe, komme ich auf solche oder ähnlich blöde Ideen. Damit scheine ich nicht die Einzige zu sein: Bei meinen Freundinnen ist das oft genauso. Und ich habe häufiger mal Liebeskummer. Das liegt daran, dass ich mich schnell verliebe. Ein paar Dates – schon bin ich hin und weg. Ich stelle mir gleich vor, wie wir zusammen Urlaub machen oder ich ihn meinen Freunden vorstelle. Dabei habe ich mal in einem Interview mit einem PsychologieProfessor gelesen, dass Frauen sich langsamer verlieben als Männer. Das kann ich nicht bestätigen.

So schnell, wie ich mich verliebe, so heftig trauere ich auch, wenn es aus ist. „Du hast was Besseres verdient“, sagen meine Freunde dann. Oder: „Der könnte froh sein, eine wie dich abzukriegen.“ Leider bringen diese Sprüche nichts: Am Ende heule ich doch.

Dabei heule ich vor allem Typen nach, mit denen ich gar nicht erst zusammengekommen bin. Wahrscheinlich weil ich da noch in der „Alles ist rosarot“-Phase bin und nicht im „Das klappt doch sowieso nicht“-Modus, wie wenn ich mich von meinem festen Freund trenne. Dem ersten festen Freund habe ich zumindest noch eine Woche nachgeheult, beim nächsten nur fünf Minuten.

Dafür schossen mir direkt die Tränen in die Augen, als ich Till (Name geändert), den ich einen Monat lang gedatet hatte, einen Monat später zufällig an der Uni traf. Dabei dachte ich eigentlich, ich wäre schon über ihn hinweg. Ein anderes Mal reichte schon der Billardtisch im Urlaub mit meinen Eltern, der ungewollt Erinnerungen weckte: daran, wie ich ein paar Wochen zuvor mit Victor Billard gespielt und wir uns danach zum ersten Mal geküsst hatten. Irgendwie mag ich Billard jetzt nicht mehr.

Deshalb habe ich mir eine Liebeskummer-Strategie angeeignet: Ich versuche, die Konfrontation, im echten Leben und online, zu vermeiden – natürlich erst, nachdem ich mich richtig ausgeheult und mit meiner besten Freundin jede Situation totanalysiert habe. Ganz nach dem Motto „Lauf, Forrest, lauf“ ergreife ich die Flucht nach vorn. So wie Forrest im Film. Es war also doch nicht völlig sinnlos , ihn zu gucken. Ich lösche Victor bei Whatsapp und schaffe es sogar, mir die Nummer anschließend nicht wieder zu besorgen oder ihn bei Facebook zu stalken. Ich lösche ihn aus meinem Leben. Ihm wird es egal sein – schließlich wollte er mich nie in seinem Leben.

ZiSH

Fünf Lieder gegen Liebeskummer

Liebeskummer wird in fünf Phasen eingeteilt, bei denen man die gesamte Gefühlspalette durchlebt: Von Hoffnung bis Wut ist alles dabei. Gut, dass es genug Songs gibt, die einem durch die verschiedenen Phasen helfen.

Phase 1: Erste Vorahnungen
Wenn sich das ungute Gefühl einschleicht, dass etwas nicht stimmt, ist das ein schlechtes Zeichen. Trotzdem ist für die erste Phase typisch, sich stets Hoffnung zu machen, dass sich alles zum Guten wendet. Treffend beschrieben wird das in „Wenn du schläfst“ vom Singer-Songwriter-Duo Max und Johann.

Phase 2: Erstarrung
Jetzt ist es passiert, die Beziehung ist aus. Der innere Antrieb ist weg, und man fühlt sich wie gelähmt. Auf den Punkt getroffen von Rapper Prinz Pi in „Im Jetzt ist das Chaos (Funkeln)“.

Phase 3: Blinder Aktionismus
Nach dem ersten Schock versuchen Betroffene oft mit aller Macht, die Beziehung zu retten. Ein wunderschöner Song über die besseren Zeiten der Beziehung ist Baroness mit „If I Have to Wake Up“ gelungen.

Phase 4: Eingeständnis und Wut
„Ex’s & Oh’s“ von Elle King: Die US-Amerikanerin hat eine dermaßen trotzige Stimme, dass es ansteckend ist. Vor allem in schweren Zeiten auch mal sagen zu können „Mir doch egal!“ ist gut.

Phase 5: Akzeptanz

Man findet sich mit der Situation ab und zieht ein Fazit der vergangenen Zeit. Erschreckend ehrlich ist das der Hardcore-Band Fjort in „Lichterloh“ gelungen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr