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Mama und Papa allein zu Haus

Besuch in Ex-Kinderzimmern Mama und Papa allein zu Haus

Wenn junge Leute zu Hause ausziehen, lassen sie nicht nur ihre Kindheit zurück, sondern auch ihre Eltern. Vielen Müttern und Vätern fällt das anfangs schwer. Eltern berichten, wie sie mit der Leere klarkommen. Zu Besuch in zwei verwaisten Kinderzimmern.

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Bei Familie Heller in Vinnhorst wurde das Kinderzimmer bald zum Gästezimmer umgebaut.

Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Neben „Harry Potter“-Büchern stehen unzählige alte Schulordner, sogar eine Kritzelei aus der Grundschule liegt dort noch. Obendrauf: das Kinderspiel Hexentanz. Die meisten Sachen in diesem ehemaligen Kinderzimmer gehören der 23-jährigen Carolin, die schon vor vier Jahren von zu Hause ausgezogen ist. Seit ihr jüngerer Bruder Falk letztes Jahr auch weggegangen ist, um zu studieren, sammeln sich auch ein paar seiner Sachen in dem früheren Mädchenzimmer – unter anderem eine riesige Holzwand, vollgeklebt mit Postkarten. Die lehnt bisher neben dem Bett, weil Carolin nicht will, dass sie in ihrem Ex-Zimmer aufgehängt wird.

„Dabei ist Falk öfter zu Hause als Carolin“, erzählt Sybille Heller, die Mutter der beiden. Carolins Ex-Zimmer ist nun das Besuchszimmer für beide Kinder. So freuen sich die 49-Jährige und ihr Mann Jobst Heller natürlich, wenn die Kinder zu Besuch kommen. Trotzdem war klar, dass sie ausziehen. „Wir sind davon ausgegangen, dass sie nicht in Hannover bleiben“, erzählt Sybille. Sie nahm den Auszug locker auf.

Einen klaren Bruch gab es nicht

„Irgendwie war es ein fließender Übergang“, erzählt Jobst vom Auszug. Auch als der 21-jährige Falk noch zu Hause wohnte und eine Ausbildung machte, sei er viel weg gewesen. „Man hat sich nur abends mal gesehen oder auch mal ein paar Tage gar nicht“, so Jobst. Dadurch konnten sie sich nach und nach an die neue Situation gewöhnen – einen klaren Bruch gab es nicht.

Der 52-Jährige und seine Frau sehen Vorteile im Auszug: „Man muss nicht mehr mittags kochen“, scherzt Sybille. Insgesamt seien sie flexibler – und hätten mehr Zeit für ihr Hobby, das Wandern. „Wir haben oft Freunde zu Besuch“, sagt Sybille, durch den Auszug der Kinder sei es nicht viel ruhiger im Haus geworden.

Aus zwei Kinderzimmern haben die beiden eins gemacht. „Falk hat fast alle Möbel mitgenommen, den Rest haben wir in Carolins ehemaliges Zimmer gestellt“, erzählt Sybille. Aus Falks Ex-Zimmer haben Sybille und Jobst ihr neues Schlafzimmer gemacht. Ihr früheres Schlafzimmer ist jetzt ein Gästezimmer. Das war zwar eine Umgewöhnung, aber eine gute: „Man hat immer Platz für Gäste und muss nichts umräumen“, freut sich Sybille. „Wir hatten die Idee, später mal eine Alten-WG mit Freunden zu gründen“, erzählt sie von einer weiteren Verwendungsmöglichkeit für die Räume – auch wenn die noch in den Sternen steht.

Dadurch, dass die Kinder in anderen Städten leben, hätten Sybille und Jobst auch neue Städte kennengelernt. Wolfenbüttel zum Beispiel, wo Falk studiert: „Das ist eine total schöne Stadt“, findet Jobst. Sybille stimmt zu. Auch wenn sie doch ein bisschen schlucken musste, als Falk zum ersten Mal sagte, dass er jetzt nach Hause fahre – und damit seine Studenten-WG meinte.

Das sagt der Sohn: „Es ist immer schön in die gewohnte Umgebung zurück zu kommen, in der man alles kennt. Ich sage mittlerweile sowohl zu meinem Familienhaus als auch zu meiner WG ‚zu Hause‘“.

Hannah Scheiwe

Gerade sitzen Heike Scheiwe und Norbert Griesing zusammen mit ihrer Tochter Ronja auf dem Sofa. Das ist eine seltene Freude. Denn seit die 20-Jährige letztes Jahr ausgezogen ist, ist sie nur noch selten zu Hause. „Die Uni ist stressig, öfter als alle sechs Wochen schaffe ich es nicht, nach Hause zu fahren“, erzählt Ronja, die in Aachen Architektur studiert. Ihr 21-jähriger Bruder Fritjof ist bereits mit 18 Jahren ausgezogen. Er studiert jetzt in Ilmenau.

„Zuerst ist man schon ziemlich traurig“, gibt Mutter Heike zu. Doch man gewöhne sich an die Situation. Schließlich sei es etwas Gutes und Wichtiges, wenn die Kinder endlich ihre eigene Wohnung haben. So erfüllte sie neben dem Abschiedsschmerz auch der Stolz, ihre Kinder so selbstständig zu sehen. Auch Norbert sagt: „Dass die Kinder ihren eigenen Weg gefunden haben, ist toll.“ Ihm fiel der Abschied nicht so schwer.

Dass der Auszug auch Vorteile hat, merkte das Paar schnell: Schon seit Heike ein Kind war, wollte sie gern einen Hund haben. Nun konnte sie sich endlich einen anschaffen: Luna. Und Luna beansprucht ganz schön viel Zeit. Doch das ist kein Problem – denn Heike kann die Zeit, die sie sonst mit Kindern oder dem Haushalt zubrachte, jetzt mit dem Hund verbringen. Als Pastorin arbeitet sie viel zu Hause. Da ist sie oft allein, wenn ihr Mann als Lehrer arbeitet. So kommt Luna gerade recht. Wenn Heike normalerweise mit Ronja shoppen oder ins Theater gegangen wäre, geht sie heute mit Luna Gassi.

Fritjof kommt meist nur zu großen Feierlichkeiten

Dafür sei es jedes mal „ein Fest“, wenn der Nachwuchs im elterlichen Haus zu Besuch ist, so Norbert. Fritjof kommt meist nur zu großen Feierlichkeiten wie Weihnachten oder Geburtstagen. Aber das ist okay für die Eltern. Es gibt ja auch noch das Telefon, welches vor allem Mutter und Tochter etwa dreimal die Woche nutzen, um Neuigkeiten auszutauschen.

Nach dem Auszug ihres Bruders ist Ronja zunächst in dessen altes Zimmer gezogen. Ihr ehemaliges Reich wurde zum Gästezimmer umfunktioniert. Da sie in Aachen im möblierten Studentenwohnheim wohnt, konnte sie ihre Möbel in ihrem Kinderzimmer lassen. Bis heute sieht es so aus, wie sie es verlassen hat.

So schwer der Abschied den Eltern anfangs fiel, war er für die Mutter doch logische Konsequenz. „Selbst wenn die Kinder in Hannover studieren würden, wären sie in eine eigene Wohnung gezogen“, stellt sie klar. Als schöner Nebeneffekt sei das Verhältnis zu den Kindern durch den Auszug entspannter geworden, obwohl es vorher schon gut gewesen sei. So bleibt der Auszug rückblickend doch ein positives Ereignis. Denn sie wissen: Kinder muss man manchmal einfach ziehen lassen.

Das sagt die Tochter: „Wenn ich meine Eltern besuche, freue ich mich darauf, dass ich nichts im Haushalt tun muss, wie Abspülen oder Wäsche machen. Und das Essen von meinem Vater ist sowieso das Beste.“

Elena Everding

Nachgefragt bei... Bettina Teubert, Familientherapeutin (HPG) und Gründerin der Selbsthilfegruppe „Empty Nest MOMS“

Frau Teubert, was hat es mit dem „Empty Nest Syndrom“ auf sich?
Wenn Kinder ausziehen, kommen Eltern in eine Übergangsphase, die meistens von Trauer begleitet wird. Kann man sich aus dieser Trauerphase nicht befreien und dauert sie sehr lange an, spricht man von „Empty Nest Syndrom“. Allerdings wird der Ausdruck umgangssprachlich auch für die normale Traurigkeit in der Phase verwendet. Das müsste man aber eigentlich „Empty Nest Phase“ nennen.

Das klingt ja traurig. Freuen sich die Eltern denn nicht, wenn wir endlich ausziehen?
Das Markanteste daran sind die sich widersprechenden Gefühle der Eltern. Auf der einen Seite ist man traurig, dass das Kind geht. Auf der anderen Seite ist man aber auch stolz, wenn man sieht, wie das Kind jetzt sein eigenes Leben anpackt. Dieses gegensätzliche Empfinden ist äußerst verwirrend.

Eltern wissen doch, dass die Kinder eines Tages ausziehen. Warum ist es trotzdem so ein Schock für sie?
Das sind zwei verschiedene Dinge. Man weiß auch, dass seine Großeltern irgendwann sterben werden. Trotzdem trifft es einen, wenn es dann wirklich passiert. Gefühle kann man nicht vorhersehen oder ändern.

Gibt es ein solches Syndrom auch bei Kindern, die ausgezogen sind?
Nein. Die sind zwar auch traurig, aber vor allem so voll von Freude und Abenteuer, dass es da kein entsprechendes Syndrom gibt.

Interview: Maike Brülls

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