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Fortsetzung folgt

ZiSH hat mit Fanfiction-Autoren gesprochen Fortsetzung folgt

Der Film ist aus und die letzte Seite vom Buch ist gelesen. Und nun? Autoren von Fanfiction warten nicht auf Nachschub – sie schreiben „Star Wars“ oder „Herr der Ringe“ selbst weiter. Zum Teil mit skurrilen Wendungen. ZiSH hat mit Autoren gesprochen.

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„Humor bringt Menschen zusammen“

Will eines Tages von Fanfiction leben: Wenn Julia Hinrichsen aus Seelze nicht in der Schule ist, schreibt sie Fortsetzungen zu „Star Wars“. 

Quelle: Foto: von Ditfurth, Collage: Stefan Hoch

Hannover. Anakin sprang plötzlich auf und griff nach seinem Laserschwert. „Hast du das gehört?“ „Vielleicht sind es Meister Kenobi und Meister Yoda!“ „Obi-Wan, Meister Yoda, wir sind hier!“, schrie Anakin.

Obi-Wan Kenobi, Meister Yoda, Anakin Skywalker – sie alle sind bekannte Charaktere aus den „Star Wars“-Filmen. Doch diese Passage stammt nicht von „Star Wars“-Macher George Lucas, sondern von der 17-jährigen Julia Hinrichsen aus Seelze. Sie schreibt Fanfiction, also eigene Geschichten, die in der Welt eines Buches, Filmes oder Comics eines anderen Autors spielen. Damit hat sie schon früh angefangen. „Im Kindergarten wurden uns oft Geschichten vorgelesen“, erzählt sie. „Wenn die mir nicht gefallen haben, habe ich sie neu gemalt.“ Sie lächelt hinter ihren langen blonden Haaren hervor. Kurz sieht man ihre silberne Zahnspange aufblitzen. „Als ich dann schreiben konnte, habe ich die Geschichten mit Worten weitererzählt. Malen konnte ich eh nie gut.“

Menschen erzählen Geschichten schon so lange weiter, wie sie sich welche ausdenken. Nämlich schon immer. Deswegen ist es schwer, zu bestimmen, seit wann es Fanfiction gibt. Man kann auch die Fortführung von Sagen wie dem Artus-Stoff als eine solche verstehen. Fanfiction wird, wie der Name schon sagt, von Fans geschrieben. Das Genre entwickelte sich in den Sechzigerjahren um „Star Trek“. „Damals haben sich Fans ihre Geschichten per Post zugeschickt“, sagt Christian Huck, Professor für Kultur- und Medienwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. „Die Texte wurden dann vom Empfänger gelesen, korrigiert und zurückgeschickt.“

Diese Praktik ist auch heute noch Teil von Fanfiction. Doch sie findet mittlerweile im Internet statt. Auf Plattformen wie Fanfiktion.de, Animexx.de oder Archiveofourown.org können Nutzer eigene Geschichten hochladen, andere Texte lesen und Reviews geben. Unter vielen Geschichten finden sich lange Kommentare. Manche loben, dass der Schreibstil dicht am Original ist oder die Geschichte sich spannend liest. Andere kritisieren, dass ein Charakter falsch dargestellt wird.

Ist Fanfiction legal?

Zu lesen gibt es genug. Rund 323 000 Geschichten sind auf Fanfiktion.de hochgeladen. Das ist viel – besonders, weil eseinige Geschichten gar nicht geben dürfte. Denn das Veröffentlichen von Werken, die stark an einem anderen Werk orientiert sind, ist aufgrund des Urheberrechtes verboten. „Ein Internetforum ist öffentlich. Texte, die dort gepostet werden und keine freie Benutzung sind, können Urheberrechtsverletzungen darstellen“, sagt Juristin Claudia Summerer, die über das Thema Fanart und Urheberrecht promoviert hat. Freie Benutzung bedeutet, dass Teile der Vorlage im neuen Werk erkennbar sind, es aber eigene Ideen enthält. Das ist in Ordnung. Wird Fanfiction veröffentlicht, die nah am Ausgangswerk ist, bräuchte man das Einverständnis des Urhebers.

Trotzdem werden die Fanfiction-Autoren nicht abgemahnt. Die Urheber stören sich nicht daran – im Gegenteil. 
Fanfiction hält das Interesse an ihrem Werk am Leben und stärkt die Fangemeinschaft. Und die ist groß. 166 000 User sind momentan auf Fanfiktion.de registriert. Trotzdem ist Julia in ihrer Klasse die einzige, die Fanfics schreibt. „Wenn ich davon erzähle, werde ich schon oft komisch angeguckt. Als sei ich ein Freak oder ein Nerd oder so“, erzählt sie.

"Das Schreiben wird als Kinderkram abgestempelt."

Fan von Animes und "Herr der Ringe"-Autor Tolkien: Fanfiction-Autorin Ann-Christin Bühne aus Bissendorf. ( Foto: Wallmüller)

Das kennt auch Ann-Christin Bühne, Fanfiction-Autorin aus Bissendorf. „Gerade wenn man zu Animes schreibt, wird das Schreiben als Kinderkram abgestempelt“, sagt die 23-Jährige aus der Wedemark. „Dabei ist es – wie jedes andere Verfassen von Geschichten auch – kreatives Schreiben.“ Ann-Christin verfasst Geschichten zu Charakteren aus Animes wie „Kuroko no Basuke“ und Werken von „Herr der Ringe“-Autor Tolkien. „Wenn ich zu Tolkien schreibe, habe ich einen hohen Anspruch an mich selbst“, sagt sie. Sie hält kurz inne und zupft an ihren roten Haaren. „Das ist auch eine krasse Vorlage. An sein Level heranzukommen ist schwer.“
Die Autoren setzen sich aber nicht nur intensiv mit Literatur auseinander. „Fanfiction traut sich viele Dinge“, sagt Professor Huck. „Auch solche, die in regulären Medien erst sehr viel später aufgenommen werden.“
Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Bestseller „50 Shades of Grey“ von E. L. James. Er setzt sich mit dem Tabuthema BDSM auseinander, war ursprünglich aber ein Fanfic zu der „Biss“-Reihe von Stephenie Meyer. Bis James die Namen der Protagonisten änderte, und die Geschichte verkaufte.

Auch Julia wünscht sich, eines Tages mit ihren Texten ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Für Ann-Christin ist das kein Ziel. Ihren ersten Roman „Burning the Skies“ hat sie deswegen bei Fanfiktion.de hochgeladen. Da kann ihn jeder lesen. Denn um Geld geht es Ann-Christin nicht. Sondern um das Schreiben.

Maike Brülls

Wer die Fanfiction von Julia Hinrichsen lesen möchte, findet sie hier.
Die Geschichten von Ann-Christin Brühe gibt es hier, sowie ihr Buch "Burnig the Skies"

Das Fanfiction-Glossar

In der Fanfiction-Sprache tummeln sich etliche Begriffe, mit denen Autoren die verschiedenen Genres beschreiben, Hinweise an den Leser geben oder Personen charakterisieren. Wir erklären die wichtigsten:
Badfic: Meint eine inhaltlich und/oder erzählerisch sehr schlechte Geschichte – was vom Autor jedoch genau so gewollt ist.

  • Canon: Damit ist der offizielle Hintergrund der Fanfiction-Geschichte gemeint. Zum Beispiel, wenn Geschichten auf den Comics zu „The Walking Dead“ basieren.
  • Curtain-Flic: Indiana Jones saugt Staub, der Terminator putzt Fenster und Sherlock Holmes kocht Marmelade ein – bei Curtain-Flics geht es darum, dass Charaktere, die ein actionreiches Leben führen, sesshaft werden.
  • OC: Steht für „Original Character“ und bedeutet, dass ein Autor eine eigene neue Figur für bestehende Geschichten wie „Star Wars“ oder „Game of Thrones“ erfindet.
  • R & R: Ist die Abkürzung für „Read and Review“ – und eine Aufforderung an den Leser, die Geschichte zu lesen und dem Autor seine Meinung mitzuteilen.
  • Slash: Sind Geschichten, in denen Homosexualität thematisiert wird. Dies kann am Rande vorkommen, aber auch Dreh- und Angelpunkt der Story sein.

Fanfiction - was ist erlaubt?

(Claudia Summerer / Foto: privat)

Die Juristin Claudia Summerer (28), hat zum Thema Fan-Art und Urheberrecht promoviert.

Wo ist Fanfiction rechtlich einzuordnen?
Es kommt darauf an, wie sie gestaltet ist. 1999 gab es eine Entscheidung vom Bundesgerichtshof, in der es um den Roman „Laras Tochter“ ging, eine Weiterführung von „Dr. Schiwago“. Dort wurde entschieden, dass es sich – wenn eine Fortsetzung nahtlos an die Geschichte anknüpft, also auch Charaktere und Handlungsstränge übernimmt – um eine unfreie Bearbeitung handelt, man also die Einwilligung des Urhebers bräuchte, um diese zu veröffentlichen.

Wo genau liegt der Unterschied zwischen freier Benutzung und unfreier Bearbeitung?
Nach traditioneller Auslegung liegt eine freie Benutzung vor, wenn ein neues Werk entsteht, das einen inneren Abstand zur Vorlage einhält. Das heißt, die Vorlage kann zwar in Teilen noch erkennbar sein, wie es zum Beispiel bei der Parodie der Fall ist, das nachschaffende Werk enthält aber so viele neue Eigenanteile, dass die besonderen Merkmale der Vorlage demgegenüber zurücktreten. Eine freie Benutzung ist zulässig. Ein Beispiel dafür wäre der Roman „50 Shades of Grey“, der ursprünglich als Fanfiction zur „Twilight“-Trilogie geschrieben wurde. Im Falle der unfreien Bearbeitung gelingt es nicht, einen ausreichenden Abstand zur Vorlage einzuhalten.

Was ist erlaubt?
Grundsätzlich ist es erlaubt, für den rein privaten Gebrauch Fanfiction zu schreiben, da es einer Einwilligung des Urhebers nur für die Veröffentlichung und Verwertung bedarf. Und – wie gesagt – ist Fanfiction zulässig, die eine freie Benutzung darstellt, das heißt (der tradionellen Auslegung folgend) so viele kreative Eigenanteile enthält, dass ein hinreichender Abstand zum Ursprungswerk eingehalten wird. Es muss zumindest eine neue kreative Leistung vorliegen.

Was ist verboten?
Die Veröffentlichung und Verwertung von Werken, die stark an einem anderen Werk orientiert sind und kaum neue kreative Eigenanteile enthalten. Dies bedeutet, dass es hinsichtlich der Werke in Foren darauf ankommt, wie diese gestaltet sind. Auch Fanfiction, die bekannte Charaktere aus anderen Werken erkennbar übernimmt, kann nach meiner Auffassung noch eine freie Benutzung sein, wenn sie diese in einen völlig neuen Kontext setzt. Fanfiction, die zusätzlich die Charaktereigenschaften von den übernommenen Charakteren verändert, kann in vielen Fällen eine freie Benutzung darstellen (zum Beispiel Slash-Fiction). Problematisch ist Fanfiction, die sowohl Charaktere als auch Handlungsstränge vollständig übernimmt und lediglich geradlinig fortführt, also die wesentlichen Elemente einfach übernimmt, ohne einen eigenen kreativen Beitrag zu leisten. Dies leuchtet auch ein, da der ursprüngliche Urheber grundsätzlich ein Interesse daran hat, über „seine“ kreativen Erzeugnisse zu bestimmen oder sogar an möglichen Profiten beteiligt zu werden.

Braucht man die Einverständnis des Urhebers?
Sofern Fanficiton veröffentlicht wird und keine freie Benutzung darstellt – ja.

Inwiefern hat der Fanfiction-Autor Rechte über seine Texte?
Ein Fanfiction-Autor kann auch Urheberrechte an seinen Texten haben, da auch unfreie Bearbeitungen urheberrechtlich schutzfähig sind.

Inwiefern ist es legal, Beiträge auf Seiten wie Fanfiktion.de zu veröffentlichen? Für sich selbst, also im privaten Bereich, darf man jederzeit schreiben. Ein Forum ist mit seinen vielen Mitgliedern öffentlich und meine Intention, wenn ich einen Text dort poste, keine private mehr. Ich möchte den Text einer Vielzahl von Menschen zugänglich machen. Texte, die dort gepostet werden und keine freie Benutzung darstellen, können Urheberrechtsverletzungen sein. Gegebenenfalls kann ich als Fan dann zum Beispiel abgemahnt werden.

Warum passiert das nicht?
Das ist eine gute Frage. Zum einen, weil viele Urheber die Geschichten als Werbung sehen. Und weil sie ihre Fans nicht vergraulen wollen.
Viele Fans verweisen auch deutlich auf den Ursprungsurheber, zum Beispiel, indem sie ihn in Disclaimern zu ihren Texten kenntlich machen, damit es nicht zur Verwechslung kommen kann und weil sie hoffen, dann nicht abgemahnt zu werden.

Was für Maßnahmen können ergriffen werden?
Maßnahmen können sein, dass man von dem Urheber oder dem Rechteinhaber, zum Beispiel einem Verlag abgemahnt wird. Man bekommt dann ein Schreiben, in dem man dazu aufgefordert wird, eine sogenannte „strafbewährte Unterlassungserklärung“ abzugeben. Strafbewährt deshalb, weil sie eine Vertragsstrafe enthält. Das heißt, man legt eine Art verbindliches Versprechen ab, es zukünftig zu unterlassen, erneut gegen Rechte des Urhebers zu verstoßen und bei Zuwiderhandlung einen gewissen Betrag zu zahlen. Zudem fallen Anwaltskosten an, die durch die Abmahnung entstanden sind. Wenn man sich nicht an die Unterlassungserklärung hält, wird die Vertragsstrafe fällig. Eine weitere Maßnahme ist schließlich die Klage auf Unterlassung, Beseitigung oder Schadensersatz.
Schadensersatz bedeutet, dass meistens eine fiktive Lizenzgebühr verlangt wird, also die Lizenzgebühr, die man hätte zahlen müssen, um die Rechte an dem Werk zu bekommen. Es kann auch bedeuten, dass Gewinne, die mit der Fanfiction erwirtschaftet wurden, abgeschöpft werden. Dies ist allerdings gerade im Bereich der Fanfiction ein eher seltener Fall, da hiermit meist keine beachtenswerten Gewinne erzielt werden.

Darf man mit Fanfiction Geld verdienen?
Ja, wenn es sich um eine freie Benutzung handelt. Die Frage kommerziell – nichtkommerziell spielt im Fall Fanfiction dagegen im deutschen Urheberrecht keine Rolle, anders als es vielfach von Fans vermutet wird. Hierin unterscheidet sich das Urheberrecht vom amerikanischen Copyright, wo es auf die Art der Verwendung (kommerziell oder nichtkommerziell) ankommen kann.

Muss man von seinem an Fanfiction verdienten Geld etwas an den Urheber abgeben?
Im Urheberrecht gilt der Grundsatz, dass der Urheber an der Nutzung seines Werkes angemessen zu beteiligen ist. Im Fall der Fanficiton kommt es vor allem darauf an, ob es sich überhaupt noch um ein Werk des Urhebers handelt. Wenn die Fanfiction keine freie Benutzung darstellt, hätte man zuvor die Einwilligung des Urhebers einholen und sehr wahrscheinlich Lizenzgebühren zahlen müssen. Im Falle einer freien Benutzung sind die Eigentumsinteressen des Urhebers nicht mehr betroffen, weil ein völlig neues Werk entstanden ist. Dann muss man auch, wenn man Geld mit seiner Fanfiction verdient, nichts an den Urheber abgeben.

Wie viel wird denn tatsächlich abgemahnt?
Derzeit sind mir zumindest im deutschen Raum keine konkreten Fälle bekannt.

Interview: Maike Brülls

Kurioses über Fanfiction

  • Was hat „Fifty Shades of Grey“ mit „Twilight“ zu tun? Die Autorin E. L. James veröffentlichte den Roman als Fortsetzung zu „Twilight“ im Internet. Statt Edward und Bella nannte sie die Figuren Christian und Anastasia. Allerdings gefiel dies den Fans der „Twilight“-Saga nicht. Daher änderte sie die Namen ihres späteren Bestsellers, veröffentlichte die Trilogie als E-Book und später im Verlag – „Fifty Shades“ wurde das meistverkaufte Taschenbuch der Welt.
  • Stars wie Mario Götze, Marco Reus und René Adler haben es verbieten lassen, kuriose Fanfiction über sie zu veröffentlichen. Über sie darf man zwar schreiben, sie müssen aber so dargestellt werden, wie sie im echten Leben auch tatsächlich wirken. Also bitte keine Sex-Geschichten.
  • Die Texanerin Anna Todd veröffentlicht seit Anfang 2015 eine Fanfiction-Buchreihe über das Liebesleben von One-Direction-Mitglied Harry 
Styles. Inzwischen wird sogar über eine Verfilmung spekuliert. Man darf gespannt sein.
  • Die beliebtesten Vorlagen für Fanfiction in Deutschland sind vor allem „Twilight“, „Die Chroniken von Narnia“ und „Harry Potter“. Das kann sich schnell ändern. Denn je älter eine Geschichte ist, desto weniger wird dazu neu erfunden.

Sarah Seitz und Sophie Leyh

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