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Der Heimkehrer-Blues

Fernweh Der Heimkehrer-Blues

Wie ist es, nach einem Erasmussemester oder Auslandsjahr wieder nach Hause zu kommen? Unsere Autoren erzählen, wie es ist, sich wieder einzuleben – und warum das gar nicht so einfach ist.

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Zurück nach einem Jahr Abenteuer: Jacqueline musste nach ihrer Rückkehr aus Frankreich gleich zum Schwimmwettkampf ihres Bruders. Wie sehr sie sich verändert hatte, schien niemand zu merken.

Quelle: von Ditfurth

Zurück in die Normalität

Ich sitze auf dem Rücksitz und starre aus dem Fenster. Nach drei Monaten Schüleraustausch in Frankreich haben mich meine Eltern gerade vom Bahnhof abgeholt. Ich bin enttäuscht, denn ich stehe kürzer im Mittelpunkt als erwartet. Am liebsten würde ich den ganzen Tag Fotos zeigen und Geschichten erzählen, aber wir fahren jetzt erst einmal zum Schwimmwettkampf meines Bruders, und in die Schule muss ich am übernächsten Tag auch schon wieder.

Es verwirrt mich, so von einem Tag auf den anderen wieder in mein altes Leben zurückgeworfen zu sein. Alles scheint gleich geblieben zu sein, während mit mir so viel passiert ist. Am schlimmsten ist, dass niemand wahrzunehmen scheint, wie sehr ich mich verändert habe. Das Geschirr habe ich zwar vorher schon eingeräumt, aber zumindest, dass ich für den Salat jetzt immer meine französische Spezialvinaigrette mache, könnten meine Eltern schon würdigen. Aber niemand merkt, dass ich viel selbstständiger und reifer geworden bin.

Drei Jahre später komme ich von einem dreimonatigen Auslandspraktikum in Schottland und erlebe das Gleiche noch einmal. Ich strotze vor Selbstvertrauen und bin mir sicher, viel offener auf Menschen zugehen zu können. Blöd nur, dass das von meinen Freunden niemand merkt, denen muss ich mich ja nicht mehr vorstellen. Das kränkt mich. Doch für mich steht fest: Drei Monate Frankreich mit 16 Jahren und drei Monate Großbritannien mit 19 Jahren haben mich gefühlt um mehrere Leben reifer gemacht.

Die vielen Begegnungen mit interessanten Menschen und die Zeit alleine haben mich geprägt. Zumindest kommt es mir so vor, wenn ich am Flughafen in die Arme genommen werde. Aber langsam muss ich wohl einsehen, dass sich die Welt nicht nur um mich dreht und man Veränderungen bei sich selbst einfach stärker wahrnimmt als bei anderen. Am ersten Tag meines neuen Studiums betrete ich schüchtern und aufgeregt den Hörsaal und merke, dass ich mich im Grunde doch nicht so stark verändert habe.

Jacqueline Niewolik

Ernüchternd: Wie sich Jacqueline verändert hat, merkte daheim niemand.

Die zweite Heimat

Als ich nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Nizza im Flugzeug zurück nach Hannover saß, wurde mir flau im Magen. Nicht, weil ich Flugangst hätte, sondern weil ich unsicher war, was mich zu Hause erwartete. Ich war viel emotionaler als zehn Monate zuvor, als ich aus Hannover an die französische Mittelmeerküste aufgebrochen war. In der kurzen Zeit war Nizza zu meinem Zuhause geworden. Täglich bin ich mit Freunden die Strandpromenade entlanggeschlendert, habe tagsüber in der Sonne gelegen und abends französischen Weißwein getrunken. Leben wie Gott in Frankreich – zumindest neben der Arbeit.

Der Weg zurück in den Alltag in Deutschland, zurück zu den gewohnten Orten und Abläufen, war nicht leicht. In den ersten Wochen hatte ich häufig das Gefühl, nicht so richtig dazuzugehören, wenn ich die altbekannten Straßen entlangging oder meine Freunde traf. Um einfach so weiterzumachen, dafür war die Zeit im Ausland viel zu intensiv gewesen. Gerade weil ich nur für einen begrenzten Zeitraum in Frankreich war, wollte ich möglichst viel erleben und ausprobieren. Ich habe ganz untouristische Seiten von Nizza entdeckt und war immer wieder überwältigt von der Schönheit von Stadt und Landschaft. Dagegen kam mir das niedersächsische Flachland dann ganz schön öde vor – wie so viele Dinge, die ich nach meiner Rückkehr nicht mehr aufregend fand. Seitdem packt mich regelmäßig das Fernweh.

Für mich war die Zeit im Ausland auch Anlass, über mein Leben zu Hause nachzudenken. Ich stellte Dinge infrage, die vorher selbstverständlich waren. Dazu kam eine gescheiterte Fernbeziehung. Vorher hatte ich meinen Alltag mit meinem Freund geteilt, nun musste ich mir jemanden suchen, der mit ins Kino ging.

Zurzeit bin ich erneut im Ausland, in Barcelona – und diesmal klappt es mit der Fernbeziehung. Daher hoffe ich, dass mir das Wiedereingewöhnen in Deutschland leichter fällt. Allerdings empfinde ich meine Probleme vom letzten Mal im Nachhinein als gar nicht so schlimm. Immerhin zeigen sie, wie intensiv die Auslandsmonate waren.

Dora Volke

Doras Jahr in Nizza war viel zu intensiv, um einfach so weiterzumachen.

Ein Stück Lettland für zu Hause

Acht Monate ist es her, dass ich bei eisigen -25 Grad im lettischen Riga durch den Schnee gestapft bin. Doch seit ich von meinem Erasmussemester zurück in Hannover bin, blieb mir keine Zeit, in den Heimkehrer-Blues zu verfallen. Während ich in der Conti-Bibliothek an zwei Hausarbeiten arbeitete, wünschte ich mir manchmal das entspannte Leben als Erasmusstudent zurück – zu Dozenten, die Abgabetermine locker sehen und zu meinen Freunden, die jetzt wieder über ganz Europa verstreut sind. Es brauchte trotzdem ein paar Wochen, sich an den heimischen Alltag zu gewöhnen.

Stattdessen habe ich versucht, mir ein Stück Lettland auch zu Hause zu bewahren: Ab und an koche ich Gerichte nach, die mir meine Freunde aus aller Welt gezeigt haben. Statt regelmäßig Einheitskost in der hannoversche Mensa zu verspeisen, koche ich lettische Rote-Beete-Suppe, auch wenn sie mir immer noch nicht so recht gelingen will. Viel besser schmeckt die spanische Paella. Im Hintergrund laufen dazu Songs auf Sprachen, von denen ich kein Wort verstehe, aber trotzdem laut mitsinge. Meinen Arm ziert jetzt ein Tattoo der Statue Milda, einem lettischen Wahrzeichen. Auf Partys bringe ich „Rigas Melnais balzams“ mit, ein schwarzer, lettischer Kräuterschnaps. Das hilft, um dem heimischen Hamsterrad ab und an zu entkommen.

Ich habe es genossen, in einer fremden Sprache zu studieren und Lettland kennenzulernen. Vor allem aber hatte ich Spaß: Ich habe neue Freunde gefunden, viele Partys gefeiert und bin gereist. Jeder Tag war ein Abenteuer.

Ich habe das Gefühl, das Auslandssemester hat meine Welt größer gemacht. Das bleibt mir. Das Semester selbst war aber nur ein Abschnitt. Nach der Rückkehr habe ich mich auf die Dinge konzentriert, die vor mir liegen: ein Praktikum und mein Abschluss. Und im August reise ich nach Spanien, um Freunde aus dem Auslandssemester zu besuchen – und die Erinnerungen wieder aufleben zu lassen.

Marieke Einbrodt

Marieke war in Riga und hat ein Tattoo aus 
Lettland mitgebracht.

Erasmus in Zahlen

  • 5221 Erasmusstudenten waren 2015 in Spanien, dem beliebtesten Zielland.
  • 27 738 Studenten sind im letzten Jahr mit Erasmus ins Ausland gegangen – Rekord.
  • 1988 war das erste Erasmusjahr. Damals nahmen 657 Studenten teil.
  • 42 Prozent – so stark stieg 2015 im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Studenten, die nach Finnland wollten.
  • 28 Prozent aller deutschen Erasmusstudis studieren Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften.
  • 144 Studenten aus Hannover gingen 2015 für ein Praktikum ins Ausland – Platz zwei in Deutschland.
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