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ZiSH-Autoren auf Kuschelkurs Drück mich!

Am 21. Januar war Weltkuscheltag. Doch nicht immer ist es angenehm, in den Arm genommen zu werden. ZiSH hat Umarmungen auf der Straße verteilt und geschaut, wie wildfremde Leute reagieren.


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Auf Kuschelkurs: Die ZiSH-Autorinnen Laura (links) und Sina am Kröpke.

Quelle: Eberstein (3)

Im Augenwinkel sehe ich einen Mann im schwarzen Mantel an mir vorbeihetzen. Unter seinen Arm hat er eine Ledertasche geklemmt. „Darf ich Sie mal in den Arm nehmen?“, frage ich ihn. Ich kassiere einen grimmigen Blick: „Um Gottes willen, bloß nicht!“ Er eilt weiter. Ich fühle mich etwas verachtet und frage mich, warum er wohl so genervt reagiert. Ich wollte ihm doch nur eine Freude machen.

Ein paar Meter von mir entfernt steht Sina. Auch sie geht auf Fremde zu und fragt, ob sie in den Arm genommen werden wollen. Zusammen verschenken wir heute Umarmungen in der Stadt. Neu ist die Idee nicht. 2004 stellte sich der 25-jährige Juan Mann zum ersten Mal mit einem Free-Hugs-Schild auf eine Straße in Sydney. Auf die Idee kam er nach seiner Heimkehr von einer Europareise. Am Flughafen beobachtete er Familien, die Familienmitglieder empfingen und freudig umarmten. Er fühlte sich einsam, weil er niemanden hatte, der ihn bei seiner Ankunft umarmte.

Zum Weltkuscheltag wollen Sina und ich herausfinden, wie es ist, fremde Menschen zu umarmen. Und ob fremde Menschen überhaupt von uns umarmt werden wollen. Scheinbar nicht: Denn irgendwie laufen alle mit erschrockenen Blicken davon. Etwas ratlos stehen wir nun auf dem Platz vor der Kröpcke-Uhr, während unsere selbstgebastelten Free- Hugs-Schilder vom Wind um unsere Köpfe geweht werden. Das haben wir uns einfacher vorgestellt. Denn eigentlich ist Umarmen doch was Schönes.

Die Polizei in Sydney sah das 2004 anders: Sie stoppten Juan bei seinen Umarmaktionen mit der Begründung, dass er keine Versicherung für mögliche Schäden an den Umarmten habe. Darum startete er eine Unterschriftenaktion mit der es ihm gelang, die Free Hugs zu legalisieren. Inzwischen gibt es viele Flashmobs, die seiner Idee nachkommen. Über Facebook werden mittlerweile auch Flashmobs in Städten wie München, Frankfurt oder Berlin organisiert.

Eine Frau mit Rollator kommt auf Sina zu und spricht sie an. Die Dame kann kein Englisch und will wissen, was auf unseren Schildern steht. Sina erklärt, dass wir kostenlose Umarmungen verteilen. Sie schaut verwundert. Trotzdem umarmen sich die beiden. Die Dame hebt einen Arm, mit dem anderen stützt sie sich auf ihrer Gehhilfe ab. Sina bückt sich, um mit ihr auf eine Höhe zu kommen. Dann drückt die Dame Sina an sich und sagt: „Ach, wie schön.“ Die Umarmung dauert nur wenige Sekunden, sieht aber trotzdem sehr herzlich aus.

Umarmungen sind etwas Intimes und werden im Alltag eher mit guten Freunden und der Familie ausgetauscht. Das macht Umarmungen zu einem Symbol für Freundschaft, Liebe und Zusammenhalt. Diese Intimität nun auch bei Fremden zuzulassen, kommt uns anfangs etwas komisch vor. Deshalb mustere ich die Menschen um mich herum erst mal, bevor ich auf sie zugehe. Ich möchte schließlich auch nicht jeden umarmen. Wer gepflegt aussieht oder mir freundlich erscheint, hat bessere Chancen auf eine Gratis-Umarmung. Ich selbst kann mir als Frau mehr Erfolg bei den Männern vorstellen. Da meine Umarmung aber nicht wie ein Anmachversuch rüberkommen soll, spreche ich zunächst mal eine modern gekleidete Frau mittleren Alters an. Ich erzähle ihr, dass ich heute Umarmungen verschenke. Sie zögert erst. Dann legt sie schließlich doch halbherzig einen Arm um mich. Die Umarmung fällt eher kurz und vorsichtig aus. Ich habe das Gefühl, dass sich die Unsicherheit der Frau auf mich überträgt und fühle mich bei so einer laschen Umarmung selbst nicht ganz wohl.

Kuschel-Facts

Den Weltkuscheltag gibt es seit dem 21. Januar 1986. Das Datum hat der Initiator Kevin Zaborney bewusst gewählt: Auch zwischen Weihnachten und dem Valentinstag am 14. Februar soll man zeigen, dass man sich mag.

24 Stunden und 44 Minuten lang umarmten sich im Januar 2012 vier Paare in London – Weltrekord! Dabei mussten sie die ganze Zeit stehen. Im Liegen wäre das Dauerkuscheln wohl bequemer gewesen.
Es gibt sogar ein eigenes Kuschelhormon . Oxytocin fördert laut Matt Hertenstein von der DePauw University in Indiana „Gefühle wie Hingabe, Vertrauen und Bindung“. Gleichzeitig mindern Kuschelsessions die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol.

Auch in sozialen Netzwerken kann gekuschelt werden. Im weitestgehend verwaisten Studi-VZ wurde noch „gegruschelt“ . Bei Facebook, Twitter und Instagram wird dagegen geliket und kommentiert – nur wenige nutzen noch die Anstupsfunktion bei Facebook.
Über die App Cuddlr lassen sich potenzielle Kuschelpartner in der Nähe aufstöbern. Damit funktioniert die App so ähnlich wie Tinder – allerdings geht es bei Cuddlr um Kuscheleinheiten statt ums Kennenlernen.
Für Leute mit akutem Kuschelbedarf gibt es in Japan ein Kuschelcafé . Das besuchte Musiker und Entertainer Olli Schulz in seiner TV-Show „Schulz in the Box“ – und zeigte dabei, wie unangenehm Kuscheln mit Fremden sein kann.
Martin Wiens

Professor Markus Tidemann (44) vom Institut für vergleichende Ethik an der Freien Universität Berlin erklärt, dass sich positive Gefühle mit Free Hugs nicht einfach auf den anderen übertragen lassen. „Die Umarmung selbst ist der Ausdruck eines Gefühlszustandes und löst diesen nicht unbedingt bei anderen aus. Deswegen lehnen viele ab.“ Unsere Umarmungen mit den Fremden sind also im Gegensatz zu denen, die man gern mit Freunden austauscht, eher eine erzwungene Tat. Wahrscheinlich hat deshalb auch der Mann mit dem schwarzen Mantel abgelehnt.

Angenehmer als bei den gehetzten Leuten zuvor ist mir das Umarmen bei einer Gruppe junger Mädchen, die überhaupt kein Problem damit haben. Ich muss sie nicht mal ansprechen, weil sie von allein auf mich zukommen. Sie finden es klasse, dass sie Sina und mich umarmen dürfen. Alle umschließen mich fest mit ihren Armen und nehmen sich auch mehr Zeit dafür. Sie sind mir sofort vertraut und wir unterhalten uns sogar noch kurz. Weil mir die Mädchen so offen und freundlich begegnen, finde ich es plötzlich gar nicht mehr komisch, fremde Menschen zu umarmen. Vielleicht liegt es auch am gleichen Alter.

Nachdem ich schon einige Fremde umarmt habe, werfe ich einen Blick zu Sina. Sie bekommt gerade eine lange Umarmung von einer jungen, blonden Frau. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich die beiden für gute Freundinnen gehalten. Danach scheint die Hemmschwelle bei Sina durchbrochen.

Allmählich merke ich, wie ich mir die Leute nicht mehr nach ihrem Äußeren aussuche, sondern einfach auf alle zugehe, die meinen Weg kreuzen. Es fällt mir gar nicht mehr schwer, Unbekannten meine Umarmung anzubieten. Ich bin neugierig, ob ich vielleicht auch von Personen, die mir zunächst unsympathisch erscheinen, mit einer Umarmung überrascht werde. Inzwischen ist es mir egal, wenn ich einen Korb kassiere. Irgendwie macht mir die Sache sogar Spaß.

Ich versuche mein Glück noch mal bei einem älteren Paar. Beide wollen erst keine Umarmung. Der Mann umarmt mich nach kurzem Zögern doch. Und dann will plötzlich auch seine Frau von mir in den Arm genommen werden. Als sie weggeht, lächelt sie sogar.

Laura Pape und Sina Sommerfeld

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