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Freiwilligendienst auf einer Kinderkrebsstation in Minsk

Gegen den Wahnsinn von Tschernobyl Freiwilligendienst auf einer Kinderkrebsstation in Minsk

Auch 25 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl leiden Menschen in Weißrussland unter den Folgen. Hannah Evers arbeitet als Freiwillige auf einer Kinderkrebsstation in Minsk. Für ZiSH berichtet sie von falschem Mitleid, Schweigen der Gesellschaft und Rennen mit Infusionsständern.

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Beim Basteln vergisst die vierjährige Varka ihre Krankheit.

Quelle: Hannah Evers

Ein altes, qietschendes Plastikdreirad rollt auf mich zu. Die kleine Rennfahrerin ist komplett in Rosa gekleidet, als Helm dient ihr ein lila Sommerhütchen. Sie hat keine Augen für die gemalten Seenlandschaften an den Wänden – zu sehr ist sie mit ihrem Dreirad beschäftigt. Schnell. „Privet, Chaana“, ruft sie – „Hallo, Hannah“. Der stechende Geruch des Desinfektionsmittels auf dem Linoleumboden scheint sie nicht zu stören.

Vielleicht, weil die kleine Varka jetzt einfach Spaß haben will. Vielleicht aber auch, weil Varka einen Mundschutz trägt. Denn Varka rollt nicht über die Flure eines Kindergartens. Sie fährt durch die Infektstation des weißrussischen wissenschaftlich-praktischen onko- und hematologischen Kinderzentrums, dem Kinderkrankenhaus für Krebs- und Bluterkrankungen in Barawljany, einem Vorort von Minsk, der Haupstadt Weißrusslands. In diesem Krankenhaus sind noch heute die Folgen der radioaktiven Katastrophe im nur 250 Kilometer entfernten Tschernobyl sichtbar.

Ich arbeite als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen in dem Krankenhaus, leite das Beschäftigungsprogramm für die Kinder der Infekt- und der Kleinkinderstation. Zusammen basteln wir gruselige Geistermarionetten, kleine dreidimensionale Ampeln, quatschen über Monstersammelkarten, Lady Gaga und blöde Geschwister. Sehr beliebt ist „Das verrückte Labyrinth“. Anstatt gegeneinander zu spielen, suchen die Kinder am liebsten alle zusammen den Weg für den jeweiligen Spieler. In Russisch gibt es das Spiel nicht, ich kann die Regeln also je nach Alter der Mitspieler unbemerkt anpassen.

Ich kann ganz gut mit Kindern umgehen. Alleine schon, weil ich in Deutschland eine große Familie mit vielen kleinen Cousins und Cousinen habe. Außerdem habe ich vor dem Frewilligenjahr ein Vorbereitungspraktikum im Hort gemacht. Trotzdem hatte ich große Angst, der Arbeit mit den krebskranken Kindern nicht gewachsen zu sein.

Inzwischen sind Varka, Diana, Vadim, Mascha und die anderen Kinder so etwas wie meine Familie. Sie haben schlechte Thrombozytenwerte, sie haben zu wenige der für die Blutgerinnung zuständigen Blutplättchen. Die Kinder können manchmal tage- bis wochenlang nicht aus ihren Betten aufstehen, schieben beim Laufen ständig ihre Infusionsständer mit sich herum und zeigen mir, manchmal voller Stolz, ihre neuen Operationsnarben. Manche Kinder liegen seit mehr als einem Jahr hier, Fünfjährige spielen mit rotem Bindfaden und Mullbinden „Katheter legen“. Aber es ist nicht nur die Krankheit, die das Leben der Kinder bestimmt. Sie sind phantasievoll, kuschelig, aufgekratzt, beleidigt, smart, kokett, verspielt, unglaublich witzig.

So wie Varka. Sie ist vier Jahre alt und hat Krebs. Sie macht gerade eine längere Chemotherapie, die sie aber nicht daran hindert, mich mit dem Dreirad über den Flur zu jagen oder im Fernsehzimmer mit mir herumzutollen. Ein Zustand, der sich jedoch leider schnell ändern kann. So wie bei Julia. Sie hat einen Tumor im Bein und kann nicht aufstehen.

Mit Kindern die sich frei bewegen können, tobe ich, mit den anderen mache ich manchmal Infusionsständerwettrennen über die Flure: Wer zuerst an der Tür des Schwesternzimmers vorbeirollt, gewinnt. Die Kinder haben Spaß, vergessen ihre Krankheit und das triste Krankenhausumfeld.

Anders als sie, bin ich freiwillig in dem weißrussischen Krankenhaus. Und ich bin gerne dort. „Minsk? Was willst du denn daaa?“, fragten mich fast alle Freunde und Verwandten. Um dann anzufügen:, „Wo ist das überhaupt?“ Minsk ist die Hauptstadt von Belarus, dem Land zwischen Polen, Litauen, Lettland, Russland und der Ukraine, bei dem die meisten Menschen zuerst an Tschernobyl, Diktatoren, schlechte Eurovisionbeiträge und graue Sowjetbauten denken. Es waren solche Vorurteile, die mich hierher brachten. Ich wollte nachsehen, was an ihnen dran ist und wie es wirklich ist. Und ich wollte etwas Nützliches machen, aber nicht womöglich jemandem hier einen Arbeitsplatz wegnehmen.

Und so ist Minsk seit dem vergangenen Herbst meine Heimat für ein Jahr. Ich wohne zusammen mit Johanna – sie ist wie ich eine Freiwillige. Wir teilen uns eine Mietwohnung in Minsk, nicht weit vom Zentrum entfernt. Sie ist klein, aber richtig gemütlich. Unsere Vermieterin ist eher praktisch veranlagt: Kaputter Wasserhahn? Wasserflatrate! Nur noch zwei Herdplatten funktionieren? Ihr jungen Mädchen esst doch eh nicht genug für vier Platten!

Am Anfang war alles etwas fremd. Ich konnte vor dem Auslandsjahr überhaupt kein Russisch. Nachdem die Organisation mich angenommen hatte, habe ich mir ein Selbstlernbuch gekauft und die kyrillischen Buchstaben geübt. Der erst Rundgang durch Minsk hat mich beeindruckt: Riesige Boulevards, gigantische Protzbauten, die ganze Stadt wie saubergeleckt, dazwischen so viele Parks, Grünanlagen und Alleen wie ich sie in keiner deutschen Stadt gesehen habe. Das Staatsoberhaupt Alexander Lukaschenko nennt sich Präsident, westliche Beobachter nennen ihn Diktator.

Eine freie Presse existiert kaum. Und so ist auch eine Berichterstattung über Tschernobyl, die Folgen, die heutige Lage von Betroffenen praktisch nicht zu finden. Dabei gäbe es einiges zu kritisieren. Zwar ist in Weißrussland die medizinische Versorgung für Einheimische umsonst. Und wenn ein Kind an Krebs erkrankt ist, kann sich ein Elternteil für die Dauer der Krankheit bei vollem Gehalt freistellen lassen – bis das Kind 19 wird oder, was eben auch geschieht, stirbt. Meistens sind die Mütter oder Tanten von morgens bis abends mit im Krankenhaus.

Meine Arbeit mit den Kindern bedeutet auch für sie eine Entlastung: Sie wissen ihr Kind versorgt, können mal durchatmen, sich ausruhen und eigene Besorgungen machen. Doch sind die meisten Behinderten in Heimen außerhalb der Stadt untergebracht. Sie sind nicht Teil der Gesellschaft, sondern einfach weg. Die Behinderten werden von Pädagogen betreut, die meist keine spezielle Ausbildung haben, und die sich oft um mehr als 20 Kinder kümmern müssen.

Wenn ich all das betrachte, kommt die Frage nach dem Warum. Warum gibt es hier diese vielen kranken Kinder? Noch heute, 25 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl, kämpfen Tausende mit strahlenbedingten Krankheiten. Jetzt ist das Thema wieder aktuell, denn Belarus plant, sein erstes eigenes Atomkraftwerk zu bauen. Fukushima hat daran nichts geändert. Das neue Kraftwerk wird in unmittelbarer Nähe der Tschernobyl-Umsiedlerdörfer im Norden des Landes gebaut. Dorthin wurden die Menschen gebracht, die die Reaktorkatastrophe überlebten, aber nicht in ihren Häusern in der sogenannten Todeszone bleiben konnten. Es macht mich wütend, dass ausgerechnet dort ein neues Atomkraftwerk entsteht.

Auch Maria Alexandrovna versteht das nicht. Ich besuche die 90-jährige ehemalige Zwangsarbeiterin jeden Dienstag, sie erlebte sowohl den Angriff in Minsk als auch bei Kriegsende die Angriffe der Alliierten in Deutschland mit. Bei der Aktion Sühnezeichen ist die Arbeit mit Zeitzeugen immer ein Teil des Frewilligendienstes. Maria kann seit einigen Jahren wegen Arthrose ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Deshalb erledige ich ihren Wocheneinkauf im nahen Supermarkt, bezahle bei der Bank ihre Miete und kaufe in der Apotheke ihre Medikamente. Ich lerne bei ihr, mit Geld umzugehen. Denn wegen der hohen Inflation reicht die Rente nur für das Allernötigste. Aber vor allem spreche ich mit ihr. Manchmal spricht Maria, bis sie heiser ist, drei Stunden am Stück – denn ich bin ihr einziger Besuch.

Wenn ich von meiner Arbeit im Krankenhaus erzähle, ernte ich oft Mitleid. Das verstehe ich nicht. Sicher, manchmal muss ich mir morgens mein Lächeln „anschrauben“ und kann mich abends vom Motivieren anderer Menschen selbst zu nichts mehr motivieren. Aber die meiste Zeit ist das Lächeln einfach echt. Diese Kinder geben unglaublich viel zurück. Und sie geben mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Im September komme ich zurück nach Hannover. Ich möchte mir auch in Deutschland ein Projekt suchen, in dem ich neben dem Studium helfen kann. Und vielleicht gibt es ja auch in meiner Nachbarschaft eine nette alte Dame, die Hilfe braucht.

Wer die Arbeit mit Behinderten in Weißrussland unterstützen will, kann beim Verein Kanikuli spenden. Konto: 4 018 459 600, bei der GLS Gemeinschaftsbank, Bankleitzahl: 430 609 67. Weitere Informationen über Kanikuli Internet.

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