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Plötzlich Lehrer

Die Schulpraktikums-Probe Plötzlich Lehrer

Im Schulpraktikum werden Lehramtsstudenten zum ersten Mal ins kalte Wasser geworfen. Unser Autor Ansgar Nehls erzählt von seiner ersten Stunde und dem Gefühl, nicht zu wissen, wo man seine Hände lassen soll.

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Alle Augen nach vorne: Während seines Schulpraktikums hat Lehramtsstudent Ansgar Nehls gelernt, dass Schweigen schlimmer ist als lärmende Klassenkasper.

Quelle: Foto: Wallmüller, Illustration: Hoch (2)

Hannover. Stille kann grausam sein. Für mein erstes Schulpraktikum im Lehramtsstudium hatte ich mir vieles vorher ausgemalt: eine durcheinanderredende Klasse mit rebellierenden Schülern und kaum zu bändigenden Klassenkaspern. Ich hatte mit der Schülervorhölle gerechnet, aber nicht mit dieser nervenzerreißenden Stille.

Zum ersten Mal stehe ich als Lehrer vor einer Klasse, schreibe große deutsche Romantiker an die Tafel – und kann mich partout nicht erinnern, wie man Eichendorffs Vornamen schreibt. War es jetzt Joseph oder Josef? Ich habe das Gefühl, als wenn sich die 18 Augenpaare in meinen Rücken bohren, während ich in meinem Kopf eine Münze werfe. Ich entscheide mich für Joseph und niemand protestiert – Glück gehabt.

Als Schüler habe ich unsichere Lehrer nicht leiden können. Ich habe mich immer gefragt, warum sich jemand freiwillig vor eine Klasse stellt, der nicht genügend Selbstvertrauen dafür hat. Als Lehrer kann ich diese Unsicherheit auf einmal nachvollziehen. Obwohl es mir eigentlich nie schwergefallen ist, vor größeren Gruppen zu sprechen, bin ich furchtbar aufgeregt. Bei einem Referat in der Uni bin ich die Ruhe in Person – jetzt weiß ich nicht einmal mehr, wohin ich mit meinen Händen soll. Ich greife mir ein Stück Kreide und spiele nervös damit herum, während ich Fragen zu Caspar David Friedrichs Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ in die Runde stelle.

Nach zwei Sekunden meldet sich ein erster, dann ein zweiter Schüler. Ich erinnere mich an mein Vorbereitungsseminar an der Uni und warte trotzdem noch, bevor ich jemanden drannehme. Viele Schüler brauchen ein bisschen mehr Zeit, bis sie sich sicher sind und ihre Hand heben, hat uns unser Dozent erzählt. Davon, wie unerträglich lang die Stille während des Wartens sein kann, hat er nichts gesagt. Doch mein Ausharren lohnt sich und nach ein paar Augenblicken melden sich schon sechs Schüler.

Ich rufe Louis auf und beginne mein Multitasking: Während der Schüler mir erzählt, was die Rücken-Perspektive auf Friedrichs Bild bedeuten könnte, höre ich ihm zu und versuche seinen Beitrag für den Tafelanschrieb einzuordnen. Ich lege mir zurecht, wie ich zur anschließenden Frage überleiten kann und habe gleichzeitig noch den geplanten nächsten Arbeitsschritt im Kopf.

Dabei weder den Faden, noch den Überblick zu verlieren, bleibt für mich während jeder Stunde, die ich in meinem Praktikum an der IGS Linden geben darf, die schwierigste Übung. Zum Glück habe ich hier, wie jeder Praktikant, einen Lehrer als Mentor an die Seite gestellt bekommen. Er ist Stammlehrer des Kurses, den ich unterrichte, und setzt sich im Anschluss mit mir hin, um mir Tipps zu geben. So lerne ich, was ich in der Uni bislang kaum mit auf den Weg gegeben bekommen habe: Zum Beispiel, dass es wirksamer ist, leiser statt lauter zu sprechen, wenn die Klasse unruhig ist.

Das meiste nehme ich aber ganz von alleine aus dem Praktikum mit. Ich merke, wie viel Arbeit in jeder Schulstunde steckt, wenn ich bis tief in die Nacht über meiner Unterrichtsplanung sitze oder die Berge an Klassenarbeiten sehe, die meine Kollegen ins Lehrerzimmer schleppen.

Ich merke auch, wie unterschiedlich verschiedene Klassenstufen zu unterrichten sind. Denn der Deutschkurs im 12. Jahrgang, den ich unterrichten durfte, ist zwar fachlich anspruchsvoller als eine 5. oder 9. Klasse. Dafür kann ich mich aber fast ausschließlich auf meinen Unterricht konzentrieren und muss nicht gleichzeitig im Blick behalten, dass alle Schüler auf ihren Stühlen sitzen bleiben.

Vor allem aber habe ich gemerkt, wie viel Spaß es macht, mit den Schülern Themen zu erarbeiten und wie gerne ich ihnen erklärt habe, dass der „Wanderer über dem Nebelmeer“ dem Betrachter den Rücken zuwendet, um so sein Gesicht und seine Emotionen vor dem Betrachter zu verbergen.

Dabei habe ich vor meinem Studium lange gezögert, mich für Lehramt einzuschreiben. Jetzt weiß ich, dass es nicht immer so glatt laufen wird wie in meiner 12. Klasse. Aber ich weiß auch, dass Lehrer der richtige Beruf für mich ist. Dafür habe ich das Praktikum zu sehr genossen und in meinen ersten vier Wochen als Lehrer mehr über mich und meinen zukünftigen Job gelernt als in vielen Uni-Seminaren.

Ansgar Nehls

10 Dinge, die uns an Lehrern nerven

Technik-Neandertaler: Die Leinwand bleibt weiß und der Ton aus. Ratlos blickt der Lehrer zum Beamer, bis ihm schließlich ein Schüler hilft, das Gerät zu bedienen. Einziger Vorteil: Bis dahin sind schon 15 Minuten Unterricht vorbei. 


Materialrecycling: Mit ihren Resourcen müssen auch Lehrer haushalten. Warum also nicht bewährte alte Arbeitsblätter kopieren. Wenn die Schüler im Erdkundeunterricht aber skeptisch fragen, welche Grenze denn da bitte durch Deutschland verläuft, wird’s peinlich.


Methoden-Overkill: Expertengruppen, Stationen-Lernen und Gruppenpuzzle sind sicherlich sinnvoll. Wenn aber alle Methoden in 45 Minuten zum Einsatz kommen, ist der Lernerfolg gleich null. 


Alibi-Fragen: „Das habt ihr jetzt alle verstanden. Oder?“ Auch wenn der Lehrer bei so einer Frage in 20 verwirrte Augenpaare blickt – Meldungen ignoriert er. Denn eigentlich will er nur hören, wie toll er erklären kann.

Bummel-Korrigierer: Als die Deutschklausur geschrieben wurde, lag Schnee. Jetzt sitzen alle mit Flip-Flops an ihren Tischen. Die Klassenarbeit hat der Lehrer aber noch nicht dabei. Dafür aber nächste Woche. Ganz sicher. 


Der Swagger: Seine Hose hängt in den Kniekehlen und seine Schüler begrüßt er mit: „Was geht?“ Bei ihm läuft’s – ganz gewaltig schief. 


Makellose Mappen: Sie braucht ein Inhaltsverzeichnis, muss blau sein, und die Blätter dürfen selbstverständlich keine Eselsohren haben. Manchen Lehrern scheint es wichtiger zu sein, die Mappen und nicht die Schülerköpfe mit erstklassigem Inhalt zu füllen. 


Kurze Pause: Egal ob die Klasse quatscht oder er die Zeit falsch eingeteilt hat, den Fehler sieht der Lehrer nicht bei sich. „Das geht alles von eurer Pause ab“, ist sein Lieblingsspruch. Sympathiepunkte sammelt er so nicht. 


Herr Professor: Eigentlich wollte er nie Lehrer werden, aber eine Stelle in der Forschung hat er nicht bekommen. Also hält er seinen Schülern Vorträge. Ahnung hat er ja von seinem Fach. Ihn versteht nur niemand.

Der Tyrann: Jede Stunde muss ein Schüler an die Tafel und eine komplizierte Aufgabe lösen. Egal, ob er den Stoff kann oder nicht, der Lehrer lässt ihn dort stehen. Den Pädagogik-Kurs hat er wohl geschwänzt.

Mitarbeit: Sarah Franke, Lea Köster, Kira von der Brelie, Julia Nikoleit, Dora Volke

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