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Beziehungsunfähig? Von wegen!

Pro und Contra Beziehungsunfähig? Von wegen!

Sind wir wirklich beziehungsunfähig? Zwei Kommentare von ZiSH-Autoren - die sich auf Michael Nasts These aus seinem gerade veröffentlichten Buch "Generation Beziehungsunfähig" beziehen.

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Die Maße müssen stimmen: Unsere Generation ist sehr anspruchsvoll, wenn es darum geht, sich auf einen Partner festzulegen.

Quelle: Schaarschmidt

Kommentar: Nast gießt Öl ins Feuer

ZiSH-Autorin Dora Volke findet: Nast übertreibt. Sie kennt viele junge Pärchen, die schon lange zusammen sind.

Klar, nach einer Trennung hat man das Gefühl: Oh Gott! Ich bekomme keinen ab! Ich bin beziehungsunfähig! In solchen Momenten wollen wir uns in Selbstmitleid baden. Und Michael Nast gießt mit seinen Texten pures Öl ins Feuer. Er beschreibt diesen Zustand und behauptet, der gilt für eine ganze Generation. Damit gibt er uns eine praktische Ausrede, nach einer Trennung einfach in dieser Phase zu bleiben. Nach dem Motto: Ich bin doch sowieso beziehungsunfähig. Wozu mir also die Mühe einer neuen Beziehung machen – und im Zweifelsfall wieder verletzt werden?

So wie Michael Nast die Männer beschreibt, vergeht einem als Frau direkt die Lust, überhaupt noch zu daten. Die wollen sich ja eh alle nicht festlegen. Dabei ist es doch gar nicht so dramatisch und hoffnungslos. Ich kenne viele Paare zwischen 20 und 30, die schon jahrelang glücklich zusammen sind. Immer mehr junge Leute entscheiden sich früh für eine Hochzeit. Jung heiraten gilt heute auch nicht als altbacken; jeder entwirft sich eben sein eigenes Beziehungsmodell. Und ich würde niemanden von meinen Freunden als beziehungsunfähig bezeichnen. Die Singles unter ihnen haben einfach noch nicht den Richtigen gefunden. Oder sie entscheiden sich bewusst für ein Singledasein. Einfach weil sie das gerade so wollen.

Und das finde ich auch richtig: Die Prioritäten unserer Generation sind eben nicht dieselben wie die unserer Eltern. Wir haben so viele Möglichkeiten, können die Welt entdecken. Deshalb binden wir uns tendenziell später. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht fähig sind, Beziehungen zu führen. Manche Paare erkunden dann eben gemeinsam die Welt. Zum Teil sogar mit Kind. Die meisten Paare, die ich kenne, sind auch keine Wir-Pärchen, die es nur im Doppelpack gibt. Jeder bleibt er selbst, nur eben zu zweit, ohne Anspruch der Perfektion. Also, lassen wir uns nicht verrückt machen. Weder von Michael Nast noch von allen anderen, die uns erzählen wollen, wie denn unsere Generation so tickt. Die brauchen wir nicht, um zu wissen, wer wir sind.

Dora Volke

Kommentar: Nast bringt es auf den Punkt

Doch, Nast hat schon irgendwie Recht - so die Meinung von ZiSH-Autorin Sophie Leyh. Unsere Erwartungen sind viel zu hoch.

In meinem Freundeskreis ist kürzlich die zweite Beziehung via Tinder entstanden. Bevor ich diese lebenden Beweise glücklicher Paare nicht mit eigenen Augen gesehen habe, wäre meine Einstellung ausnahmslos die der Öffentlichkeit: Dating-Apps sind für die Tonne, weil sich dort nur Verzweifelte und Leute auf der Suche nach dem nächsten kurzen Abenteuer die Finger wund „swipen“. Natürlich ist das Kennenlernen so bequem und unverbindlich. Trotzdem erscheint mir diese aktive Suche nach dem perfekten Gegenstück viel zu geplant. Außerdem unromantisch, hastig und verkopft. Inzwischen haben zu viele Menschen Mitte 20 zu genaue Vorstellungen davon, wie der oder die Zukünftige sein sollte. Nein, sein muss! Als wäre das Leben ein Casting: Wer durchs Raster fällt, ist raus. Dabei kennt man sich selbst in diesem Alter noch nicht mal richtig.

Durch das Verlernen, Kompromisse einzugehen, befinden wir uns auf dem Egotrip des Jahrzehnts. Gleichzeitig schrumpft unser sozialer Horizont. Mit dem Typen reden, der etwas schüchtern auf einer WG-Party rumsteht? Verschwendete Zeit, es gibt doch noch so viele bessere Optionen, die unserem Temperament gewachsen sind. Ähnliches passiert mit unserer Konfliktfähigkeit. Wenn in frischen Beziehungen Diskussionen mal in einen heftigen Streit ausarten, ist die Trennung schon in Sicht. Die wird dann ohne großen Knall, sondern ganz leise vollzogen. Der neueste Trend, dieses „ghosting“ – man meldet sich einfach nicht mehr.

Michael Nast bringt es auf den Punkt: In unserem Streben nach universeller Selbstverwirklichung wollen wir uns bloß nicht eingeengt fühlen. Alle Störfaktoren unseres beruflichen oder privaten Aufstiegs werden von Bord geworfen wie Sandsäcke vom Heißluftballon. Wir müssen unsere Erwartungen endlich runterfahren. Das Tempo unserer Eltern oder Großeltern, die mit Mitte 20 schon Kinder im Grundschulalter hatten, ist nun mal nicht mehr der Standard. Jeden Aspekt unseres Daseins verbissen zu perfektionieren ist eindeutig der falsche Weg. Unser Leben ist nämlich kein Trophäenschrank.

Sophie Leyh

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