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Gott sucht Nachfolger

Bob Dylans Erben Gott sucht Nachfolger

„Gott ist tot“, sagte Nietzsche. Da auch weltliche Helden nicht unsterblich sind, sucht ZiSH lieber rechtzeitig nach den Erben Bob Dylans, der heute Abend in Hannover auftritt.

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Genie und Wahnsinn

Erben gesucht: die Folklegende Bob Dylan

Quelle: Columbia

Das Original – Bob Dylan

Knisternd setzt die Nadel des Plattenspielers auf. Einige Momente lang herrscht Stille. Dann beginnt das markanteste Orgel-Intro in der Geschichte der Rockmusik: „Like A Rolling Stone“, Bob Dylans wohl bekanntester Song, scheppert los und nimmt die Hörer mit auf eine Reise über die weiten, einsamen Straßen Amerikas. Schon 1965 elektrisierte diese bitter spottende Gesellschaftskritik Fans und Feinde des Emporkömmlings aus der New Yorker Folkszene. Der politische Troubadour und Held der Bürgerrechtsbewegung, geboren 1941 als Robert Allen Zimmerman in Minnesota, tauschte die Akustikklampfe gegen eine E-Gitarre und schockierte sein Publikum mit rumpelndem Rock ’n’ Roll.

Heute sorgen Bob Dylans Songs nicht mehr für Unruhen. In den sechziger Jahren allerdings verteufelten selbst einige seiner treuesten Fans den neu eingeschlagenen Weg als Anbiederung an die Massen. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Dylan es sich mit seinen Fans verscherzte. Auf Pressekonferenzen musste er sich von Journalisten vorhalten lassen, die Jugend mit revolutionären Ideen zu verderben, gleichzeitig verkaufte er überall auf der Welt Millionen von Platten. Für die einen war er ein Rockstar, für die anderen eine Art politischer Führer, beides wollte er wohl nie sein. Er zog sich in den Sechzigern jahrelang aus der Öffentlichkeit zurück. Gar nicht „Rock ’n’ Roll“, konvertierte er 1979 zum Christentum und bezeugte dies im gleichen Jahr auch musikalisch mit „Slow Train Coming“. Er versuchte sich als Buchautor, Regisseur und spielte eine Nebenrolle im Film „Pat Garrett jagt Billy The Kid“, für den er mit „Knockin’ on Heaven’s Door“ auch die Titelmusik lieferte.

Nicht all seine Lebensentwürfe scheinen gelungen. Doch der Mut zur Veränderung, die Rast- und Kompromisslosigkeit sind es, die Bob Dylan zu einer der interessantesten Personen der Musikgeschichte machen. Seit 1988 läuft seine „Never Ending Tour“ – und trotz Tausender Auftritte, Dutzender Alben und Hunderten von Songs weiß immer noch niemand so richtig, was für ein Mensch sich wohl hinter all den Rollen versteckt, die er früher oder später an- und ablegte. Seine Lieder faszinieren. Egal, ob pointierte Politsatire, melancholisches Liebeslied oder surreales Gesellschaftsbild: Dylans markante Stimme und seine oft kopierte Intonation verwandeln auch simpelste Stücke in berührende Kunstwerke. Nicht umsonst thront „His Bobness“ über vielen seiner Musikerkollegen wie ein König wider Willen.

Nicht, dass er Ruhm je abgelehnt hätte, doch verweigerte er sich konstant jeglicher Vereinnahmung durch die Öffentlichkeit. Bob Dylan machte sich den steten Wandel zum Lebensprinzip. Zum Leidwesen mancher Fans unterzieht er selbst seine eigenen Hits dem ständigen Wandel – und bietet sie bei jedem Konzert neu dar – teilweise fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Und selbst mehr als vierzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung klingen Songs wie das prophetische „The Times They Are A-Changin‘“ noch nach Freiheit und Umbruch. Sie sagen: „Bleib um alles in der Welt nicht stehen!“ – was auch immer das für ihre Erben heißen mag.

von Malte Mühle

Bob Dylan spielt am Dienstag, 31. März, ab 20 Uhr in der AWD-Hall, Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg 8. Es gibt noch Restkarten an der Abendkasse (59 bis 70 Euro).

Der Kauz

Will Oldham ist ein Graus für jeden Plattenboss. Der 1970 in Kentucky geborene Sänger und Songschreiber veröffentlicht im Schnitt gleich zwei Alben in zwölf Monaten. Dafür macht er aber so gut wie keine Werbung: Oldham gibt kaum Interviews und nur sehr selten Konzerte. Seine Alben veröffentlicht er mal als Palace Brothers, Palace Music, Will Oldham oder zuletzt als Bonnie Prince Billy. Verwirrender Höhepunkt war sein Werk „Bonnie Prince Billy Sings Greatest Palace Music“ aus dem Jahr 2004. So kauzig verhält sich sonst nur noch ein Künstler in diesem Business: Bob Dylan.

Gerade ist das sehr gelungene 18. Album von Will Oldham (diesmal als Bonnie Prince Billy) erschienen. Auf „Beware“ treten neben typischen Oldham-Kompositionen (Akustikgitarre, vorsichtige Perkussion und der typisch hohe, sich ab und an überschlagende Gesang) auch Streicher, Blechbläser und Flöten auf. Der große Durchbruch wird Oldham auch mit seinem neuen Werk verwehrt bleiben.

Einen treuen Fan verlor er 2003 mit dem Tod des großen Country-Sängers Johnny Cash. Der „Man in Black“ war von Oldhams „I See A Darkness“ so begeistert, dass er ihn zu einer gemeinsamen Neuauflage einfliegen ließ. Das Duett ist eines der schönsten Stücke auf Cashs drittem Comeback-Album und erinnert entfernt an eine andere Kooperation: an seinen Gastauftritt bei „Girl From The North Country“ auf Dylans Album „Nashville Skyline“.

von Tobias Morchner

Anspieltipp: „My Life’s Work“ vom Album „Beware“

Der Traurige

Es gibt drei Sachen, die man über Conor Oberst wissen sollte: Seine ersten Aufnahmen machte er mit einem Kinderkassettenrekorder im Alter von 13 Jahren. Er kommt aus der amerikanischen Provinz. Und fast jede Besprechung seiner Alben preist ihn als den nächsten Bob Dylan an.

Nun ist es natürlich großer Blödsinn, einem 28-jährigen Folksänger eine solche Karriere zu unterstellen. Dennoch, hier fünf Argumente für einen anmaßenden Vergleich. Erstens: Wie einst Dylan wechselt Oberst elegant zwischen Folk, Blues, Independent und Rock – egal, was die Fans sagen. Zweitens: Ob mit seiner Band Bright Eyes oder allein mit seiner Gitarre, Conor-Oberst-Songs erkennt man sofort am – sagen wir originellen – Gesang. Drittens: Oberst singt nicht nur über Liebe, sondern erzählt lebensnahe Geschichten über Politik und den US-Alltag – genau darin ist Folkprediger Dylan ein Meister. Viertens: Oberst hat schon heute mehr als 30 Einträge in seiner Diskografie. Auch Dylan hat in seinen (vielen) guten Jahren zwei Alben pro Jahr aufgenommen. Und das vielleicht Wichtigste: Oberst hat den Blues, dieses traurige, mal wütende Gefühl, ohne das man unmöglich der nächste Bob Dylan werden kann.

von Dirk Schmaler
Anspieltipp: „Waste of Paint“ vom Bright-Eyes-Album „Lifted“

Der Kopierer

Das Covern von Songs ist für Neulinge im Musikzirkus meist Pflicht – zumindest, wenn das Repertoire an eigenen Werken noch nicht für ein abendfüllendes Programm reicht. Für den Altmeister Bob Dylan und all die Künstler, die längst niemandem mehr etwas zu beweisen haben, ist es jedoch die Kür, einem alten Hit die eigene Note zu verleihen.

Für José González ist das Covern der Grund seines Erfolges. Ganz leise, ohne viel Aufregung, zupft der schwedische Singer-Songwriter seine Gitarre und singt dabei mit sanfter Stimme Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“ oder Massive Attacks „Teardrop“. Selbst aus Pop-Vorlagen wie Kylie Minogues „Hand On Your Heart“ macht der junge Mann aus Göteborg eine gelungene Akustikversion. Mit dem zauberhaften „Heartbeat“, im Original von dem schwedischen Elektro-Indie-Pop-Duo The Knife, hat Sony sogar für einen Bildschirm geworben. Doch auch die eigenen Kompositionen auf dem aktuellen Album „In Our Nature“ können sich hören lassen. Zarte Stimme und leicht angeschlagene Gitarre machen González zu einem stillen Vertreter der Klampferzunft.

von Hannah Suppa

Anspieltipp: „Heartbeats“ vom Album „Veneer“

Der Sohn

Jakob Dylan ist der rechtmäßige Nachfolger von Bob. Zumindest genetisch gesehen. Durch seinen berühmten Vater hat der 39-jährige Singer-Songwriter allen anderen potenziellen Fußstapfentretern gegenüber einige Vorteile: Er trägt den Namen des großen Vorbilds, er sieht ihm – besonders mit Hut und Sonnenbrille – zum Verwechseln ähnlich, und er macht gute Musik. Erst als Gitarrist und Sänger der Band „The Wallflowers“, inklusive Grammy-Awards und kommerziellem Erfolg, und seit dem Jahr 2007 auch als Solokünstler.

Er näselt zwar nicht so stark wie sein alter Herr, doch trotzdem ist die Stimmverwandtschaft der beiden nicht zu überhören. Musikalisch ist er Bob gefühlt sogar überlegen: Auf seinem Soloalbum spielt er sämtliche Instrumente selbst und ist dank zahlreicher Pickings auch einen Tick virtuoser. Textlich hebt sich Jakob zwar wohltuend von der breiten Masse ab, die Brillanz seines Vaters erreicht er aber nicht. Es ist nicht einfach, im großen Schatten von Bob Dylan Musiker zu sein. Daher kämpft Jakob stets darum, als eigenständiger Künstler wahrgenommen zu werden.

von Jan Henrik Flecke

Anspieltipp: „Everybody Pays As They Go“ vom Album „Seeing Things“

Der Rastlose

Selbst Blut kann ihn nicht stoppen: Als sich während seines Auftritts beim Austin City Limits Music Festival im Sommer 2006 plötzlich Gesicht und Gitarre rot färben, spielt er weiter – mit einem Tampon in der Nase, zugeworfen von einer fürsorglichen Zuhörerin. Der 27-jährige Texaner mit Kindsgesicht und Wischmoppfrisur steht nie still, zumindest musikalisch. Ähnlich wie Folklegende Bob Dylan schafft es Ben Kweller, in verschiedenen Genres zu überzeugen. So kombiniert er Folk, Indiepop, Punkrock, Balladen und selbst Country, ohne sie zu verkleben.

Diesen Klangregenbogen begründet er mit den gegenläufigen Musikrichtungen, die ihn als Nirvana hörenden Countryboy prägten. Als Siebenjähriger sitzt er am Schlagzeug, ein Jahr später trommelt er auch auf Klaviertasten, Mundharmonika und Gitarre kommen bald darauf dazu. Mit zwölf gründet er seine erste Band Radish. Fast 40 Jahre nach Dylan versucht Kweller ab 1999 als Solokünstler sein Glück in New York. Drei Alben und zahlreiche Gigs später zieht er zurück in seine texanische Heimat, weil ihm das weite, offene Land fehlt. So viel Talent braucht eben Platz.

von Nicole Wehr

Anspieltipp: „On My Way“ vom gleichnamigen Album

Der Deutsche

Tobias Kuhn ist gerne Einzelkämpfer. Zwar begann der gebürtige Würzburger seine Karriere mit der Indierock-Band Miles. Seit deren bis heute andauernder Kreativpause ist Kuhn jedoch als Ein-Mann-Projekt Monta unterwegs. Das viel beachtete Debütalbum „Where Circles Begin“ war ganz anders als der vorpreschende Gitarrensound von Miles. Sanfte Klavieranschläge, ein paar Streicher und Kuhns plötzlich hauchzarte Stimme machten ihn zu einem ernst genommenen Singer-Songwriter. Kuhn spielte die Instrumente selbst ein, nur auf Tour holte er sich Gastmusiker an die Seite.

Mit seinem Zweitwerk „The Brilliant Masses“ ging er dann noch einen Schritt weiter. Er gründete sein eigenes Label, produzierte die elf Songs auf dem Album in Eigenregie. „Wenn ich alles selbst mache und es geht etwas schief, dann liegt es an mir“, sagt der Alleinunterhalter Kuhn. Bislang hat er alles richtig gemacht. Seine Texte sind von Schwermut getränkt, ohne in den Kitsch abzugleiten. Sollte Kuhn irgendwann auch die politische Tiefe von Bob Dylan erreichen, kann man über den Erbanteil für den deutschen Einzelkämpfer noch einmal reden.

von Gerd Schild

Anspieltipp: „Everything“ vom Album „The Brilliant Masses“

Der Alltagspoet

Pelle Carlberg hat es nicht leicht: Erst verreißt eine humorlose Kritikerin das neue Album, dann streikt das Auto ausgerechnet beim Tourauftakt, und schließlich weigert sich die Flugbegleiterin einer Billigairline auch noch, das Tamburin als Handgepäck durchgehen zu lassen. Carlberg mag deshalb manchmal verspätet auf die Bühne kommen, für Fans des Schweden sind diese Ereignisse dennoch Glücksfälle: Aus dem abrupt endenden Telefonat mit der kritischen Musikjournalistin macht Carlberg ebenso ein vierminütiges Kleinod wie aus Motor- und darauf folgendem Beziehungsschaden oder der Handgepäcksposse.

Dass der Geschichtenerzähler auf der Gitarre dazu – wie Bob Dylan – liebend gerne leise Töne anschlägt, macht die Sache besonders reizvoll. „Fly Me To The Moon“ etwa, die sarkastische Suade auf die unfreundliche Flugbegleiterin, beginnt mit gut gelauntem Pfeifen, ehe sich Carlberg zu munter-unschuldigen Dur-Akkorden an der Airline abarbeitet. In diesen Momenten klingt der 39-Jährige wie der böse Bruder der schottischen Indiepopikonen Belle and Sebastian – zumal auch bei Carlbergs Alltagpoesie viel Selbstironie und feine Melancholie mitschwingen. Live präsentiert der Anglist aus Uppsala die Songs seiner drei Alben charmant minimalistisch: Nur Multiinstrumentalist Henrik Nillson begleitet Carlberg dann auf Bass, Kofferschlagzeug und Keyboard. Ein tolles Erlebnis – auch wenn es vielleicht nicht immer pünktlich beginnt.

von Karsten Röhrbein

Anspieltipp: „Go To Hell, Miss Rydell“ vom Album „Everything. Now!”

Der Magier

New York war schon immer eine zentrale Anlaufstelle für junge Folkmusiker. Bob Dylan erspielte sich in den Bars der US-Metropole seinen ersten Plattenvertrag. Songwriter Sufjan Stevens zog es aus einer Kleinstadt in Michigan an die Ostküste. Dabei galt das künstlerische Interesse des Multiinstrumentalisten nicht ausschließlich dem Stadtleben, sondern ganz Amerika. Die Alben „Greetings from Michigan“ und „Illinoise“ markieren den Anfang eines wahrhaft großspurig angelegten musikalischen Projekts. Angeblich möchte der vor allem für sein Banjo bekannte, religiös geprägte Stevens ein Album für jeden US-Bundesstaat veröffentlichen. Ob das Projekt je vollendet wird, ist fraglich.

Das Arbeitstempo des 33-Jährigen spricht für ihn. Sechs Soloalben und eine fünfteilige Weihnachts-CD-Box veröffentlichte er zwischen 2000 und 2006. Ähnlich wie Dylan lotet Sufjan Stevens die Grenzen der Folkmusik aus. Sein Album „Enjoy Your Rabbit“, ein Konzeptalbum über chinesische Tierkreiszeichen, ist stark von elektronischen Klängen beeinflusst. Dylan und Stevens teilen auch das Interesse an der Momentaufnahme. Im Studio spielte Dylan oft unvermittelt los und wiederholte das Lied danach nie wieder auf die gleiche Weise. Sufjan Stevens arbeitet ähnlich. Wenn ihm eine Idee für einen Song kommt, wird dieser sofort aufgenommen. Immer wieder spürt man diese besondere Magie des flüchtigen Augenblicks.

von Malte Mühle

Anspieltipp: „Casimir Pulaski Day“ vom Album „Illinoise“

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