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Eine Klasse für sich

Abitur auf dem Abendgymnasium Eine Klasse für sich

Wenn die Schulkinder mit dem Bus nach Hause fahren, fängt ihr Unterricht erst an: Am Abendgymnasium tauschen angehende Absolventen ihr Sofa gegen die Schulbank ein – und holen nach Feierabend ihr Abitur nach. Ein Blick ins Klassenzimmer.

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Zweiter Anlauf zum krönenden Abschluss: Michael Vogt und Nicole Sirotsina holen am Abendgymnasium ihr Abitur nach.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Das Schulgebäude in der Turnithistraße riecht nach Linoleum und Kreide. Es sieht aus wie in jeder anderen Schule: hohe Decken, Bilder an den Wänden und Fotos der letzten Abschlussjahrgänge. Doch etwas passt nicht recht ins Bild: Draußen taucht die Abendsonne gerade den Schulhof in warmes Licht, als im Gebäude der Schultag beginnt. Vor Französischvokabeln und dem Satz des Pythagoras hat hier auch niemand Angst. Im Klassenzimmer sitzen Menschen, die schon lange volljährig sind, und pauken mal motiviert, mal müde – aber immer freiwillig.

Auf dem Abendgymnasium holen derzeit insgesamt 168 Erwachsene den Abschluss nach, den sie auf dem ersten Bildungsweg nicht geschafft haben: ihr Abitur. Mindestens drei Jahre lang sitzen die Schüler dafür 22 Stunden pro Woche hier. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Da sitzt etwa Claudia Plenz. Die 35-Jährige hat sich in ihrer ersten Schulzeit das Abitur nicht zugetraut und wurde dann Altenpflegerin. Jetzt, nach vielen Jahren schwerer Arbeit, will sie sich noch mal neu orientieren. „Wenn ich das Abi schaffe, dann kann ich danach alles schaffen“, erklärt sie zuversichtlich. „Aber es werden arbeitsreiche Jahre.“

Wege zum späten Abschluss

Abendgymnasium: Hier können Menschen ab 19 Jahren das Abitur oder die Fachhochschulreife nachholen, die gleichzeitig einen Voll- oder Teilzeitjob haben oder arbeitslos gemeldet sind. Drei- bis viermal in der Woche geht’s nach der Arbeit auf die Schulbank.


Kolleg: Auch hier kann man Abitur und Fachhochschulreife nachholen. Allerdings ist der Unterricht tagsüber, nebenbei in Vollzeit arbeiten geht nicht.


Berufsoberschule (BOS): Innerhalb von zwei Jahren kann man an der BOS die allgemeine Hochschulreife erwerben. Dabei wählt man einen thematischen Schwerpunkt, beispielsweise Wirtschaft und Verwaltung oder Technik.


Fachoberschule (FOS): An einer FOS kann man nur die Fachhochschulreife bekommen. Zu einem Jahr Schulunterricht kommt ein praktischer Teil. Das kann etwa eine abgeschlossene Ausbildung, ein einjähriges fachbezogenes Praktikum oder ein soziales Jahr sein.


Nichtschülerprüfung: Wer im Alleingang büffeln will, kann sich auch zur Nichtschülerprüfung anmelden. Dabei steht es dem Schüler frei, ob er sich in Eigenarbeit oder etwa mit einem Fernkurs auf den Abschluss vorbereitet.
Von Sarah Seitz

Neben Claudia sitzt Michael Vogt. Der bärtige gelernte Drucker im orangefarbenen Shirt hat es sogar bis zum Abteilungsleiter in seinem letzten Beruf gebracht. Mit einem Abitur könne er aber mehr anfangen, sagt er, etwa Maschinenbau studieren. Dass dem 33-Jährigen dazu bis jetzt die Hochschulzugangsberechtigung fehlt, liegt an seinem ungewöhnlichen Lebenslauf: Als Michael 15 Jahre alt war, wanderten seine Eltern mit ihm nach Südafrika aus. Englisch spricht er seitdem fließend, aber sein College-Abschluss wurde ihm hier nach seiner Rückkehr nach Deutschland nur als Realschulabschluss anerkannt.

Schulgebühren gibt es am Abendgymnasium nicht – es ist eine staatliche Einrichtung. Trotzdem stellt der Schulbesuch für viele eine finanzielle Herausforderung dar: Ihren Lebensunterhalt müssen die Schüler sich weiterhin selbst verdienen. Früher haben das vielleicht noch die Eltern übernommen. Man bekam Taschengeld. Doch die meisten der Abendgymnasiasten sind auf sich allein gestellt, müssen oftmals noch weiter arbeiten. In den ersten eineinhalb Jahren gibt es kein Bafög für die erwachsenen Schüler, weil sie nicht hauptberuflich zur Schule gehen. Claudia steht etwa morgens um 
5 Uhr auf und arbeitet weiterhin in Vollzeit als Pflegerin. Müde sieht sie trotzdem nicht aus, wenn sie dann um 17.40 Uhr im Klassenraum sitzt. Das liegt am Glücksgefühl, sagt sie: „Ich freue mich den ganzen Tag auf den Unterricht.“

Promi-Nachzügler

Zu erfolgreich, um zur Schule zu gehen war Bill Kaulitz mit der Band Tokio Hotel. Weil zwischen Konzerten, Studioaufnahmen und Fans kein Platz mehr für einen geordneten Unterrichtsbesuch war, brach Bill 2006 die Schule ab. Den Realschulabschluss holte er gemeinsam mit seinem Bruder Tom zwei Jahre später per Fernkurs nach.

Schon mit 14 Jahren holte Schwimmerin Franziska van Almsick Medaillen bei Olympischen Spielen. Nach dem Abschluss ihrer Sportler-Karriere begann sie, ihr Abitur per Fernstudium nachzuholen.

Seine Söhne Jimi Blue und Wilson Gonzalez machten als „Die Wilden Kerle“ Schauspielkarriere, Uwe Ochsenknecht dagegen wurde als junger Mann erst einmal der Schule verwiesen: Er war am Gymnasium dreimal sitzen geblieben. Später holte er seinen Hauptschulabschluss an der Abendschule nach, bevor er an einer Schauspielschule aufgenommen wurde.

Im vergangenen Schuljahr haben landesweit 105 Abendgymnasiasten ihr Abitur gemacht. Die größte Herausforderung dabei ist die Doppelbelastung. Viele melden sich deshalb arbeitslos, um sich besser auf den Unterricht konzentrieren zu können. Michael hat beide Möglichkeiten schon ausprobiert. Als er vor einem Jahr in die Oberstufe kam, arbeitete er noch Vollzeit in seinem Ausbildungsberuf als Drucker. „Da hat man schnell mal einen 14-Stunden-Tag beziehungsweise eine 80-Stunden-Woche“, sagt er. Arbeit und Schule waren für ihn nur schwer zu vereinbaren. Zum Schulbeginn schaffte er es häufig nicht pünktlich, denn zusätzlich zu den Überstunden arbeitete er auch noch auf der anderen Seite der Stadt. Die Lehrer waren es schon gewohnt, dass er zu spät kam. „Wenn ich da war, habe ich aber sofort angefangen, mich zu melden.“ Mit mündlicher Beteiligung habe er seine Fehlzeiten wieder ein bisschen wettmachen können. Aber die Doppelbelastung sah man seinem Zeugnis trotzdem an: „Meine Noten waren ziemlich mies.“ Seit diesem Schuljahr, das Anfang August begonnen hat, hat Michael seine Arbeit nach 15 Jahren gekündigt. Jetzt geht er nur noch zur Schule und konzentriert sich erst mal auf das Abitur.

Nicole Sirotsina hat eine andere Lösung gefunden, Arbeit und Abitur zu managen: Im ersten Anlauf schaffte die 20-jährige Tanzlehrerin nur den Hauptschulabschluss und ließ sich danach zur Urban-Street-Dancerin ausbilden. Seit diesem Schuljahr gehört sie zur neuen Online-Klasse des Gymnasiums. Dreimal die Woche kommt sie zur Schule, an den beiden anderen Tagen löst sie Aufgaben auf der Lernplattform der Schule. „Hausaufgaben mache ich auch schon mal nachts bis 4 Uhr“, sagt sie. Dadurch hat sie genügend Zeit, um weiterhin Tanzunterricht zu geben. Denn der überschneidet sich sonst abends mit dem Unterricht. Doch sie wird ihren Beruf nicht ewig ausüben können: „Wir Tänzer haben ein kurzes Leben. Mit 30 können wir in Rente gehen.“ Der Job geht auf Knochen und Gelenke. Wie zum Beweis trägt Nicole eine Kniebandage. Um sich eine Alternative zurechtzulegen, möchte sie das Abitur nachholen, um dann Sportpsychologie oder Choreografie zu studieren.

Auch wenn die Uhrzeiten anders sind: Lernen müssen Abendgymnasiasten dasselbe wie die jüngeren Kollegen an den regulären Gymnasien. Im Stundenplan fehlen nur einige Nebenfächer wie Musik oder Kunst. Hauptfächer wie Deutsch und Mathematik stehen aber ebenso auf dem Stundenplan wie eine zweite Fremdsprache. Schließlich ist der Abschluss genauso viel wert wie das Abitur auf dem ersten Bildungsweg.

Auch sonst ähnelt vieles dem normalen Schulleben: Es gibt Hausaufgaben und Klassenarbeiten – und bevor man redet, hebt man artig den Finger. Aber die Unterrichtsgespräche werden auf einem ganz anderen Niveau geführt. Denn im Unterricht reden Menschen über Geschichte und Politik, die das aktuelle Zeitgeschehen schon etwas länger bewusst miterleben – und die Schüler vergessen auch nicht mehr so leicht ihre Hausaufgaben oder Bücher. Um Arbeit und Schule gleichzeitig zu wuppen, muss man nun mal diszipliniert sein. Das zeigt sich dann auch im Miteinander im Klassenraum. Dann muss man zum Beispiel auch keinen Klassensprecher mehr wählen, um zwischen Schülern und Lehrern zu vermitteln, meint Michael. „Wir sind ja auch alt genug.“

Von Jorid Engler

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