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Wir müssen hier raus!

Auslandssemester Wir müssen hier raus!

Hannovers Studierende sind Auslandsmuffel, das zeigt eine neue Studie. Doch ist das überhaupt schlimm? Wir haben mit fünf Studis darüber gesprochen, warum es sich lohnt, ins Ausland zu gehen.

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Nicht nur neue Erfahrungen hat Laura Weinert aus ihrem Auslandssemester in Mailand mitgebracht, sondern auch einen Kaffeekocher und einen Rock.

Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Hannovers Studenten sind offenbar Stubenhocker: Nur 20 Prozent der an der Leibniz-Uni eingeschriebenen Akademiker gehen während ihres Studiums ins Ausland, wie die aktuelle Absolventenstudie der Hochschule zeigt. Im Vergleich ist das wenig: Bundesweit sind es 27 Prozent. Eine mögliche Erklärung für den niedrigen Wert ist der hohe Anteil an technischen Studiengängen in Hannover: „Studenten der Ingenieurswissenschaften bekommen derzeit auch ohne Auslandserfahrung gut einen Job“, erklärt Monika Sester, die Vizepräsidentin für Internationales an der Leibniz-Uni. Deshalb gingen sie seltener ins Ausland als Studenten aus anderen Bereichen wie den Kulturwissenschaften.

Außerdem sei es für viele Studenten schwierig, den richtigen Zeitpunkt für einen Auslandsaufenthalt zu finden. „Sie haben Sorge, an der Heimat-Uni etwas zu verpassen oder in zeitlichen Verzug mit dem Studium zu geraten“, sagt Sester. Das soll sich ändern: Die Uni will ein Semester im Bachelorstudium frei von Pflichtkursen halten. Die Studenten können dann ins Ausland gehen, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Internationale Vereinbarungen, sogenannte Learning Agreements, sollen sicherstellen, dass die im Ausland erworbenen Punkte auch in Hannover anerkannt werden.

Doch schon jetzt schadet es nicht, über den eigenen Campusrand hinaus zu gucken: Wer Lust aufs Ausland hat, kann sich im Hochschulbüro für Internationales informieren.

Martin Wiens

Landschaft statt Klausuren

Lange vor ihrem Studium wollte Lena irgendwann einmal nach Irland. Hauptsächlich wegen der schönen Landschaft. Bei einem Erasmus-Semester in ihrem Master-Studiengang Neuere Deutsche Literaturwissenschaft hat es im Herbst 2014 endlich geklappt. Die heute 24-Jährige ging in die zweitgrößte irische Stadt, nach Cork.

Dort wollte sie vor allem ihr Englisch verbessern. Das klappte auch trotz des ausgeprägten irischen Dialekts sehr gut: In der Uni wurde ein Deutsch-Englisch-Mischmasch gesprochen. Ungewohnt war für Lena auch die persönliche Atmosphäre. „Wir haben die Dozenten mit Vornamen angesprochen. Und auch privat hat man sich mal mit ihnen unterhalten“, sagt sie. Überhaupt seien die Iren sehr freundlich: Wenn man jemand nach dem Weg fragt, begleiten die meisten den Suchenden ein Stück, anstatt krude Rechts-links-geradeaus-Anweisungen zu geben. Leider kam der Kontakt zu den Studis für Lena zu kurz: Die meisten fahren jedes Wochenende zu ihren Eltern. Obwohl sie für das Semester keinen ihrer Kurse angerechnet bekommen hat, ist Lena glücklich über die Zeit in Irland: Sie hat eine andere Kultur und viele neue Leute kennengelernt. Und natürlich die Landschaft.

Theresa Kruse

Physik mit Wörterbuch

Das Erste, was sich Theresa in Riga kaufte, war ein gebrauchtes Damenrad. Damit erkundete sie die neue Umgebung. Das Einzige, was sie dabei vermisste, waren die guten Fahrradwege, wie sie die Physik-Studentin aus ihrer Heimatstadt Hannover kannte. „Viele Studis der Naturwissenschaften wollen schnell fertig werden und gehen deshalb nicht ins Ausland“, sagt sie. Theresa war das egal. Sie wollte schon immer in ein baltisches Land. Entschieden hat sie sich für Riga in Lettland. Ihre Kurse und Vorlesungen waren zwar auf Lettisch, doch die Mathe-Formeln an der Tafel verstand sie trotzdem – gerechnet wird schließlich überall gleich. Für den Notfall, wenn Dozenten etwas in der fremden Sprache erklärten, hatte sie immer ein Wörterbuch dabei. Mit einigen Dozenten konnte sich die heute 23-Jährige aber auch gut auf Deutsch verständigen.

In Lettland entscheidet man sich schon in der Schule zwischen den Fremdsprachen Deutsch und Russisch. Im Alltag sprach Theresa trotzdem überwiegend Englisch mit ihren lettischen Kommilitonen. Zeit, ihre Familie und ihren Freund zu vermissen, hatte Theresa kaum: Neben der Uni reiste Theresa oft in andere Städte – oder erkundete Riga, natürlich mit dem Rad.

Ricarda Deutsch

Lange Nächte in Budapest

Ab in den Osten“ war das Motto von Student Thorsten, als es ihn 2013 nach Ungarn zog. „Spanien und Italien waren nicht wirklich interessant für mich. Also habe ich mich für Budapest entschieden“, berichtet der heute 23-Jährige. Für fünf Monate ging er an die renommierte Corvinus-Universität, um dort Wirtschaftswissenschaften zu studieren.

Im fünften Semester wollte Thorsten dort Auslandserfahrungen sammeln. „Ich bin in Ungarn offener und objektiver gegenüber neuen Menschen und Situationen geworden“, sagt der Student. In kleinen Kursen mit gerade mal 20 Studenten aus ganz Europa und hochkarätigen Profs sei teils wild diskutiert worden – eine neue Erfahrung. Doch richtig spannend wurde es nach dem Ende der Vorlesungen: „Das Nachtleben in Budapest ist überragend!“ Der Wiwi-Student schwärmt noch heute von ausgefallenen Bars, die sich in alten Gemäuern befinden. Und von Preisen, bei denen man „auch mal eine Runde ausgeben kann“. In so kurzer Zeit die Landessprache zu erlernen, sei jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Ungarisch gilt schließlich als eine der schwierigsten Sprachen der Welt. Englisch habe für das Erasmus-Semester aber völlig gereicht, sagt Thomas.

Katharina Kunert

Im Urlaubsmodus

Irgendwann war die Abenteuerlust größer als die Angst. „Ich will später nicht sagen, dass ich meine Chance verpasst habe“, sagt Laura. Die Medienmanagement-Studentin wollte eigentlich schon nach dem Abi ins Ausland gehen. Doch zu groß war die Angst vor dem Heimweh, davor, Familie und Freunde zu sehr zu vermissen.

Vor einem Jahr entschied sie sich dann aber doch dafür: Laura lebte vier Monate in Mailand und studierte Politik. Die Sprache, die Kultur – und die Erfahrung, die eigene Komfortzone zu verlassen: In Italien hat die 22-Jährige eine Menge für und über sich gelernt. „Ich weiß jetzt, dass ich Freiheit und Selbstständigkeit brauche“, sagt sie. Als beste Zeit ihres Lebens würde sie ihr Auslandssemester nicht bezeichnen. Denn es fiel ihr schwer, Anschluss zu finden – das konnten andere Studis scheinbar nur mit Alkohol: „Ich wollte mich nicht ständig zukippen“, erzählt sie. Laura wollte sich weiterentwickeln und nicht monatelang feiern – so wie viele Kommilitonen.

Trotzdem: „Man ist da schon ein bisschen im Urlaubsmodus“, sagt die Studentin. Laura erkundete Mailand, sonnte sich im Park oder reiste in andere Städte. Und stillte so ihre Abenteuerlust.

Sarah Franke

Welcome to England

Isabelle kann verstehen, warum so viele Studenten nicht ins Ausland gehen: Es ist teuer. Und in den meisten Fällen muss man länger studieren, weil Kurse nicht angerechnet werden. Was also bringt das? „Bei uns an der Medizinischen Hochschule (MHH) fragen sich das viele Studenten“, sagt sie. Außerdem findet Isabelle, dass die MHH zu wenig Austauschplätze in englischsprachigen Ländern anbietet. Wenn sie ihren Platz in Manchester nicht bekommen hätte, wäre sie wohl gar nicht ins Ausland gegangen. In anderen nicht englischsprachigen Ländern hatte sie Sorgen, wegen der Sprachprobleme kaum Kontakte knüpfen zu können.

Doch ihre Zeit im englischen Manchester hat sich mehr als gelohnt: Im Vorort Preston hat sie keinen anderen Deutschen getroffen und konnte ausgiebig Land und Leute kennenlernen. An der Uni konnte sie alle Kurse belegen und auch eine praktische Prüfung absolvieren. „Ich hatte Patientenkontakt vom Anfang bis zum Ende. Hier in Deutschland steht man meistens nur daneben.“

Sie durfte in England Patienten aufnehmen, eine Diagnose stellen und sogar eine Therapie anordnen. Doch nicht nur deswegen hat sich ihre Zeit in England gelohnt: Man lerne, offen für Neues zu sein. So hat die angehende Ärztin schnell viele neue Freunde kennengelernt – und mit ihnen lange Abende im Pub verbracht.

Jacqueline Niewolik

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