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„Gewinnertypen sind öde“

Im Interview: Heinz Strunk „Gewinnertypen sind öde“

Kultautor Heinz Strunk hat mit „Jürgen“ einen Loser-Roman geschrieben – und dafür viele Liebesratgeber gelesen. Was er dabei gelernt hat und was Ravioli-Typen damit zu tun haben, verrät er im Interview.

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„Jeder hat sein Päckchen zu tragen“: Die Figuren von Heinz Strunk sind meist tragisch – und trotzdem lustig.

Quelle: Powerline Agency

Hallo Heinz Strunk, Sie sind mit Anfang 40 bekannt geworden. Das Publikum auf Ihren Lesungen und Konzerten ist dagegen eher jung-studentisch. Warum finden junge Leute Heinz Strunk cool?

Ich glaube, weil ich fast der Einzige bin, der abseits des echt öden, einfallslosen und dümmlichen Comedy etwas mit Humor macht, das ein gewisses Niveau erfüllt. Das zieht die klugen, coolen und gut angezogenen Leute an. Ist so. Man kann als Faustformel sagen: Je jünger das Publikum, desto besser ist das.

Heinz Strunk live

Heinz Strunk liest am Dienstag im Kulturzentrum Pavillon, Lister Meile 4, aus „Jürgen“.

Ihre Romanfiguren sind meist alles andere als cool: In Ihrem neuen Roman „Jürgen“ versucht sich die gleichnamige Hauptfigur an so ziemlich allen Möglichkeiten, eine Freundin zu finden. Trotz Speeddating und einer Kennenlernreise nach Polen gelingt ihm das nicht. Warum tut er sich so schwer?

Er gehört zu den Abgehängten, den Verlorenen, die über keine der Attribute verfügen, die für Frauen attraktiv sind: Er sieht nicht gut aus und er hat einen langweiligen Beruf. Noch dazu lebt er im fortgeschrittenen Alter mit seiner Mutter zusammen, hat keinen richtigen Geschmack. Er ist ein Sonderling.

Warum tindert Jürgen nicht?

Das ist nichts für Jürgen. Er kann schon einschätzen, dass er immer weggewischt würde. Ich betreibe kein Tinder – obwohl es mich schon interessieren würde –, aber ich denke, dass Tinder ein Medium für die Jungen ist.

Hätte Jürgen ein Profil bei Facebook oder einem Datingportal – wie würde er sich selbst beschreiben?

Er ist ein Ravioli-Typ.

Ein was?

Er ist außen weich und innen weich.

Und wie würde er sich selbst beschreiben?

Er verzettelt sich sprachlich gerne mal in Redewendungen und Kalendersprüchen. Er würde wahrscheinlich so etwas sagen wie: „Liebhäuslich, zuverlässig, treu“ – Attribute, die ein bisschen veraltet sind. So würde sich heute ja niemand mehr bezeichnen. Jürgen lebt sprachlich in seiner Achtziger-, Neunzigerjahre-Welt. Diese ganzen Redewendungen, wie „Ladies first, James last“ und so weiter, benutzt kein Mensch mehr. Er ist da hängen geblieben.

Heinz Strunk: Vom Schützenfest zum Bestseller

Auf dem Klingelschild seiner Wohnung im Hamburger Schanzenviertel soll angeblich der Name Strunk stehen. Dabei heißt der 54-jährige Autor, Schauspieler und Musiker eigentlich Mathias Halfpape. Zwölf Jahre lang spielte er auf Schützenfesten und anderen Provinzveranstaltungen in Norddeutschland Saxofon und Querflöte bei der Tanzband Tiffany’s. Daraus entstand sein erster Roman „Fleisch ist mein Gemüse“, der Strunk zum Durchbruch verhalf und sich über 400 000-mal verkaufte.

In den Neunzigern gründete er zusammen mit Rocko Schamoni und Jaques Palminger das Gag-Trio Studio Braun. Legendär sind ihre Telefonstreiche und die Fake-Musikdoku „Fraktus“, in der sie abgehalfterte Technopioniere spielen.

Im vergangenen Jahr  erschien Strunks Roman „Der goldene Handschuh“, für den er den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhielt. Darin wird die Geschichte des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka erzählt. Regisseur Fatih Akin („Tschick“) verfilmt den Roman. Und auch „Jürgen“ gibt es demnächst auf der Mattscheibe: Die ARD dreht  die Geschichte als Fernsehfilm – mit Heinz Strunk in der Rolle von Hauptfigur Jürgen.

man

Für das Buch haben Sie einige Ratgeber gelesen, die zitiert werden. In einem Interview haben Sie gesagt: „Ratgeber sind grauenhafte Kackwelten.“ Was hat beim Lesen überwogen: Das Lachen oder der Ärger über den Inhalt?

Nö, ärgern tut mich das nicht. Ich finde es egal, mich über Ratgeberliteratur oder Motivationscoaching zu ärgern. Das Problem an Ratgebern ist, dass ein paar Sachen darin richtig sein mögen. Aber wenn Jürgen oder sein Freund Bernd diese Tipps akribisch berücksichtigen, nützt ihnen das nichts. Uncool bleibt uncool. Da kann man sich noch so viele Tricks aneignen. Wenn man jemand ohne sexuelle Ausstrahlung ist, wird einen das keinen Millimeter weiterbringen. Solche Leute sind zum Scheitern verurteilt – das sieht man schon Tausend Meter gegen den Wind.

Die meisten Ihrer Bücher haben autobiografische Inhalte und spielen zwischen Kindheit und dem jungen Erwachsensein. Auch dort sind ihre Charaktere keine Jungen, die vor Selbstbewusstsein strotzen. Wird Ihrer Meinung nach der Grundstein für den romantischen Kontakt so früh zementiert?

Nö. Ich kenne original keinen einzigen Mann, für den das Leben in Sachen Liebeserfolg ein glatter Durchmarsch gewesen ist. Da hat jeder sein Päckchen zu tragen: Frustration, Demütigung und Niederlagen. Der eine mehr, der andere weniger. In meinen Büchern habe ich das immer offensiv thematisiert. Aber deswegen lesen das die Leute ja gerne: Man findet sich wieder. Außerdem sind Gewinnertypen literarisch öde.

Was würde der heutige Heinz Strunk seinem Jugend-Ich für Tipps in Richtung Liebe und Beziehung geben?

Gar keine. Tipps geben ist vollkommen zwecklos. Souveräne Ausstrahlung, Coolness und Humor muss man sich in einem Jahre, Jahre, Jahre dauernden Prozess aneignen. Durch einen Ratschlag kann man das nicht lernen.

Welche Jugendromane haben Sie gerne gelesen?

Die Klassiker: „Tom Sawyer“, Ravensburger Taschenbücher, „Fünf Freunde“, Astrid Lindgren. Was für mich eine große Rolle gespielt hat war mit 16 Jahren Charles Bukowski. Das hat viel bewirkt.

Schaut man sich die Neuerscheinungen an Jugendbüchern an, stellt man schnell fest, dass ein Großteil Liebesromane sind, die in Fantasy- und Magiewelten spielen. Könnten Sie das schreiben?

Das ist nicht mein Genre. Wenn ich damit ankäme – ich glaube die Leute würden mich echt auslachen. Das sollen andere machen.

Was würden Sie eher schreiben: Einen Fantasyroman, der ewig in den Bestsellerlisten steht, oder einen Single-Ratgeber für eine Million Euro?

Da würde ich natürlich sehr viel lieber den Single-Ratgeber schreiben.

Wie würde der heißen?

(überlegt kurz) „Partnertausch für alleinstehende Männer.“

Interview:  Manuel Behrens

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