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Im Doppeljahrgang zum Abitur als Konkurrentinnen im Klassenzimmer

Zwei Schwestern auf dem Weg zum Abi Im Doppeljahrgang zum Abitur als Konkurrentinnen im Klassenzimmer

Sie waren immer ein Herz und eine Seele. Dann kamen die beiden Schwestern 
Katrin (19) und Elisa (17) in den Doppeljahrgang – und ein Wettstreit um die 
besseren Noten begann. 
Was ein Jahr Unterschied
auf dem Weg zum Abitur ausmacht, und wie 
Lernen zur Belastungsprobe für Freundschaften werden kann, erzählen sie auf ZiSH.

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Keine Zwillinge, aber trotzdem auf einer Schulbank: Die Schwestern Elisa (links) und Katrin gehören zum Doppeljahrgang und sitzen zusammen im Mathe-Unterricht.

Quelle: Philipp von Dithfurth

Montag, 10 Uhr, Mathe-Unterricht. Katrin und Elisa sitzen nebeneinander wie gute Schulfreundinnen. Sie lernen gemeinsam, verbringen viel Zeit zusammen und kennen sich, seit sie denken können. Die beiden sind Schwestern. Die 19-jährige Katrin macht im Frühjahr nach 13 Jahren Schule ihr Abitur, ihre knapp zwei Jahre jüngere Schwester Elisa nach zwölf Jahren. Beide sind im Doppeljahrgang. Jetzt sitzen sie im Gymnasium Isernhagen im selben Klassenzimmer.

Elisa gehört zum ersten Jahrgang, der nach acht Jahren Gymnasium das Abitur erreicht. 50.000 Schüler machen 2011 in Niedersachsen Abitur, davon 27.000 nach 13 und 23.000 nach zwölf Jahren. Bis zur ersten Abiturprüfung sind es noch 74 Tage. Aber den Druck merkt man den beiden Mädchen jetzt schon an. „Unser Leben besteht zurzeit nur aus Schule“, sagt Katrin. Sie ist oft spät zu Hause, danach sind Hausaufgaben, Lernen und Nachhilfe dran. Zeit zum Ausruhen, für Freunde oder Sport bleibt ihr nach einem Zwölf-Stunden-Tag erst am Abend.

Früher war das anders. „Ich musste nicht viel machen und hatte trotzdem gute Noten“, sagt Katrin, die sportbegeistert ist. „Ohne Sport könnte ich nicht leben“, sagt sie, und Sport macht das Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz viel: Handball, Weitsprung und Staffelläufe im Leichtathletikverein, wo sie selbst Kinder trainierte. Dazu gab sie Nachhilfe, war babysitten und ging mit Freunden feiern. „Alles easy“, sagt sie lächelnd.

Besonders die 11. Klasse war eine Schonfrist vor der Oberstufe. Dass ihre Noten schlechter wurden, war rückblickend nicht tragisch. „Ich hatte eben keinen Bock auf Schule und war viel mit Freunden unterwegs“, sagt Katrin. Das zweite Halbjahr der 11. Klasse verbrachte sie in Kanada. „Ich war auf mich allein gestellt, musste zurechtkommen, ohne meine Eltern, weit weg von zu Hause“, sagt Katrin, die auch die Sommerferien noch in Vancouver Island blieb – eine Erfahrung, die sie prägte.

Auch Elisa war im Ausland – allerdings nur für drei Monate. In der 10. Klasse fuhr sie nach Australien. Ihr gefiel das Land, und sie wäre gerne länger geblieben, „aber das war nicht drin. Dann hätte ich die 10. Klasse wiederholen müssen.“ Eine 11. Klasse zum Luftholen und Sich-selbst-finden gab es für Elisa nicht. Nach der 10. startete sie direkt in die Oberstufe. „Ein Jahr locker lassen konnte ich mir nicht leisten“, sagt die 17-Jährige mit fester Stimme.

Der Stress begann für sie schon mit der Einschulung ins Gymnasium. Was ihre Schwester in neun Jahren lernte, musste sie in acht schaffen. „Ich habe von Beginn an diesen Druck gespürt“, sagt Elisa. Auch sie hatte Hobbys, spielte Klavier und Handball, ging ins Fitnessstudio – aber die Hobbys kamen immer ein bisschen zu kurz. Im Vordergrund stand die Schule und vor allem die Leistung. Vom „Schnitt“ erzählt die junge Schülerin viel. „Ich hatte schon in der 8. Klasse einen super Schnitt“, sagt sie stolz. Aber dafür musste sie viel tun. Während ihre Schwester der Oberstufe gelassen entgegenblickte, büffelte Elisa denselben Stoff im Zeitraffer.

Die Oberstufe begannen die Geschwister gleichzeitig – für Katrin war es die 12., für Elisa die 11. Klasse. Bisher war Katrin immer die Ältere gewesen, immer ein Jahr voraus. Jetzt saß sie mit ihrer kleinen Schwester im Klassenzimmer. Eine Umstellung für beide. Aber es funktionierte am Anfang. Seit den Monaten im Ausland „waren wir ganz dicke“, sagt Katrin. Sie gingen zusammen feiern, hatten gemeinsame Freunde, unternahmen viel. Sie setzten sich auch in den neuen Kursen von Beginn an nebeneinander, lernten zusammen und hielten gemeinsame Referate. „Wir konnten gut zusammenarbeiten“, sagt Elisa. Für ihre Geschichts-, Englisch- und Deutschreferate bekamen sie immer sehr gute Noten. Sie zogen sich gegenseitig mit, spornten sich an. „Wenn sich Katrin gemeldet hat, dachte ich auch immer, dass ich was Kluges sagen muss“, sagt Elisa.

Je näher das Abi rückte, desto schlechter wurde das Verhältnis der beiden Schwestern. „Wir wurden Konkurrentinnen“, sagt Elisa, die es auf einmal störte, wenn die große Schwester eine bessere Note bekam. „Elisa hatte immer das Gefühl, sich noch mehr beweisen zu müssen“, sagte Katrin. Dieselben Hausaufgaben, dieselben Klausuren, dieselben Partys. „Es hat sich alles gemischt“, sagt Katrin. „Wir waren jetzt immer zwei, nicht mehr alleine.“ In der Schule saßen die beiden nur noch schweigend nebeneinander, konzentriert auf den Unterricht, und auch zu Hause gingen sie sich aus dem Weg. „Manchmal geht die eine morgens fünf Minuten früher aus dem Haus, um nicht mit der anderen zusammen zur Schule gehen zu müssen“, sagt Katrin sachlich und schaut ihre Schwester an. „Es gab eine Phase, da war das richtig schlimm. Ein Referat hätte ich da mit ihr nicht gehalten.“ – „Nein“, stimmt Elisa ihr zu. „Wir haben keinen Streit, aber ignorieren uns“, sagt sie.

Katrin und Elisa wirken wie Freundinnen. Sie hören der anderen zu, lassen sie ausreden, verbessern sich vorsichtig. Aber in dem, was sie sagen, merkt man das zurzeit gespannte Verhältnis, den Druck des Schulalltags, den Wettkampf um die bessere Note und die Angst vor dem Versagen.

Beide haben dreimal die Woche Nachhilfe – früher gemeinsam, inzwischen getrennt. 149 Euro kostet der Zusatzunterricht im Monat für jede der beiden Schülerinnen. „Unseren Schnitt von 1,7 könnten wir sonst nicht halten“, sagt Elisa. Beide fühlen sich nicht in allen Fächern gut genug auf das Abitur vorbereitet. „Wer sich’s leisten kann, nimmt eben Nachhilfe“, sagt Katrin.

Musik und Sport haben beide fast komplett aufgegeben, auch für den Freund bleibt unter Woche kaum Zeit. Trotz ihren guten Leistungen haben beide Angst, durch die Prüfungen zu fallen. „Ich heule manchmal und denke, ich krieg’s nicht hin“, sagt Elisa. „Andere denken ich übertreibe, aber die können das nicht nachvollziehen.“

Elisa hat sich hat ausgerechnet, wie es wäre, wenn sie wirklich schlechte Noten schreiben würde. „Wenn ich in allen Abiturprüfungen nur fünf Punkte mache, habe ich noch einen Schnitt von 2,6.“ Nicht das Ziel, das die ehrgeizige Schülerin anstrebt, aber doch beruhigend. „Wir Zwölfer hatten immer mehr Druck, wir mussten immer mehr geben, um von den Noten her mithalten zu können“, sagt Elisa. „Und die 13er hatten immer das Gefühl, besser sein zu müssen als die Jüngeren“, ergänzt Katrin. Große Unterschiede sehen die beiden zwischen 12. und 13. Jahrgang nicht. Die Oberstufe sei ein gemeinsamer Neustart gewesen. Selbst die Lehrer wüssten nicht, wer im Kurs aus dem G-8- und wer aus dem G-9-Jahrgang komme.

Trotz der Konkurrenz und den unterschiedlichen Voraussetzungen hatten die beiden Schwestern in den ersten drei Halbjahren immer genau denselben Schnitt. Im Juni werden sie wohl beide ein gutes Abiturzeugnis in den Händen halten. Im Herbst wollen sie anfangen zu studieren.

Katrin hat klare Vorstellungen. Sie möchte Lehrerin werden. Elisa ist noch unsicher – Lehrerin, vielleicht Zahnärztin oder Managerin. Ein Abitur mit gutem Schnitt ist das alles überschattende Nahziel. „Es wird eine Spontanentscheidung, was ich studiere“, sagt sie. Eigentlich könne sie noch ein Jahr gebrauchen, um sich selbst besser kennenzulernen die eigenen Stärken und Schwächen zu erfahren, vielleicht noch einmal ins Ausland zu reisen. Aber die bald 18-Jährige will sofort an die Uni. In den nächsten Jahren folgen Doppeljahrgänge in anderen Bundesländern. „Es werden immer weniger Studienplätze“, befürchtet sie. „Ich will das jetzt anpacken.“

Ein paar Monate haben die beiden Schwestern nach dem Abi bis zum Studienbeginn. Eine Zeit ohne Druck, ohne anstehende Prüfungen, ohne Schule und Lernen von morgens bis abends, ohne die gegenseitige Konkurrenz. Elisa könnte sich vorstellen Gitarre zu lernen, will wieder ins Fitnessstudio. Katrin freut sich auf mehr Sport und Zeit mit Freunden. Und vor allem freuen sich beide auf eines: „endlich einfach wieder nur Schwestern sein zu können.“

Manuel Becker und Mareike Zoege

Hintergrund: Viele wollen wiederholen

Gleichzeitig mit Katrin und Elisa büffeln 50.000 Gymnasiasten in Niedersachsen für ihre Prüfungen. Die Landesregierung aus CDU und FDP beschloss 2003 das achtjährige Gymnasium, kurz G-8. In diesem Jahr macht der erste Jahrgang nach zwölf Schuljahren Abitur, gleichzeitig mit dem letzten 13. Jahrgang. Von der fünften Klasse bis zum Abitur muss ein Schüler auf insgesamt 265 Wochenstunden kommen, wenn man die durchschnittlichen Unterrichtsstunden pro Woche aller Jahre addiert – früher in neun, jetzt in acht Jahren.

Das bedeutet einen vollen Stundenplan für die G-8-Schüler, weniger Zeit für Projekttage, Klassenfahrten und Hobbys. Viele sind mit ihren Noten unzufrieden, sie müssen ein Jahr wiederholen oder tun es freiwillig. Zum 13. Jahrgang zählen in Niedersachsen zurzeit 27.000 Schüler, im Zwölften sind es nur noch 23.000. Der aktuelle elfte Jahrgang ist mit 30.000 Schülern deutlich stärker. Einen großen Andrang gab es auch auf Gesamtschulen, wo noch das Abitur nach 13 Jahren galt. Doch jetzt wurde auch für Gesamtschulen das G-8 beschlossen, begonnen mit dem jetzigen fünften Jahrgang, der 2019 Abitur macht.

Die Umstellung von G-9 zu G-8 war chaotisch, kritisieren die Grünen: „Als der erste G-8-Jahrgang an den Gymnasien startete, gab es weder neue Lehrpläne noch Lehrbücher“, sagt der Referent für Schule der Grünen Fraktion im Landtag. Inzwischen gelten zwar neue Kerncurricula mit Vorgaben zu den Lernzielen. Bei der Umsetzung gebe es jedoch Schwierigkeiten: „Viele Lehrer versuchen, zu viele der vorgeschlagenen Themen in den Curricula umzusetzen Dazu werden sie auch durch die Vorgaben für das Zentralabitur gedrängt. Aber dafür ist die Zeit viel zu knapp.“

Mareike Zoege

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