Navigation:
HAZ-Shop AboPlus Online-ServiceCenter
so riecht hannover

Immer der Nase nach


Alkohol, Apfeltabak, 
Abstiegsangstschweiß:
 Wie duftet die schönste Stadt der Welt? 
ZiSH-Autor Florian Lange 
hat auf seinem Rundgang
 durch Hannover die 
spannendsten Gerüche 
eingesammelt. Hier ist 
sein Bericht.
Abenteurer in Hannover: Florian „Indy“ Lange auf der Jagd nach dem Heiligen Gral der Nasen.

Abenteurer in Hannover: Florian „Indy“ Lange auf der Jagd nach dem Heiligen Gral der Nasen.

© Steiner

Morgens um vier, Linie 4. Katerstimmung in allen Blicken, es riecht nach nassem Hund, Schweiß und Dosenbier. Ich bin fertig, völlig überduftet. Kaputt. Ich will nicht mehr. Meine Nase schreibt an ihrem Abschiedsbrief.

Viele Stunden und Gerüche zuvor: Ich gehe unbedarft an den Tag heran. Will mal schauen, wie die schönste Stadt der Welt so riecht, und lasse mich an der Nase durch Hannover führen. Meine Reise beginnt am Ernst-August-Platz. Angelockt vom Duft der Ein-Euro-Bratwurst, die mittlerweile 1,20 Euro kostet, finde ich mich plötzlich im Elektrogroßmarkt wieder. Elektrosmog mischt sich mit aufsteigenden Filzteppichschwaden. Mein Hals wird trocken. Ich vermeide den Erstickungstod und wechsele von Filzteppich auf beregneten Asphalt. Das riecht fast schon nach Frühling.

Menschen sollen etwa 10 000 Gerüche unterscheiden können. Im Bahnhof scheint es mir, als seien sie alle in einem Gebäude vereint. Ich gleite durch den Geruch von zuckrigen Eiswaffeln, betörenden Vanillekerzen und industriell gefertigter Currysoße. Ich rieche Bier, dampfende Bockwurst und stechenden Bremsstaub der Züge. Am Blumenladen muss ich kurz stehen bleiben. Töpfe voller Primeln schleudern mir ihren süßen Bienenlockstoff entgegen. Ich reiße mich los und wittere Sauerkraut und geschmolzenen Analogkäse neben Formschinken, Kaffee, Backfisch, Leder, Glutamat – und wieder: Wurst. Ich erinnere mich an die Extrawurst vom Schlachter meiner Kindheit. Ach, sorgloses Senfgetunke.

Über dem schockgefrorenen Abfallarrangement an der Raschplatz-Baustelle schwebt eine Wolke abgestandenen Urins. Ich atme durch den Ärmel meiner Jacke – Anorak gegen Ammoniak, sozusagen – und flüchte in den Osten. Der türkische Obsthändler auf der Lister Meile ist eine Oase für meine Nasenschleimhaut. Mit seinem Sammelsurium des Weltgartens scheint er direkt der fabelhaften Welt der Amélie entsprungen, so bunt und schön und herrlich duftend ist es hier. Ich entscheide unvermittelt, eine Orange zu kaufen. Ausgiebig rieche ich an ihr und betrete mit mediterranen Gedanken die Buchhandlung von Ingeborg Becker. Schlage eine vergilbte Ausgabe Nietzsches „Unzeitgemäßer Betrachtungen“ auf und hülle mich in den süßlich-antiquierten Duft der Intellektualität. Plötzlich steht eine Frau neben mir. Mmh, Lavendel. Parfüm oder Schaumbad, das weiß ich nicht. Fast übertüncht es die Pheromone, die Sexuallockstoffe, die zu mir sprechen wollen. Ich nicke ihnen zu, nicke ihr zu – aber sie nickt nicht zurück. Egal, meine Augen sind eh nicht so begeistert wie meine Nase.

Eilenriede. Matschiger Waldboden, nasses Laub, aufgeweichtes Holz – dennoch riecht es mehr frisch als vermodert. Nehme erst mal die Kopfhörer aus den Ohren – Ablenkung stört jetzt nur – und werde prompt von den Ausdünstungen eines vorbeischnaufenden Joggers überwältigt. Hab mal gelesen, dass die Geruchsbelastung eines Sportlers 30-mal so stark ist wie die einer ruhenden Person. Puh. Als der Duft sich verrannt hat, wird es wieder gut. Ich atme durch und durch und noch mal durch.

Geld stinkt anscheinend wirklich nicht. Zumindest hebt sich die Hohenzollernstraße im finanzstarken Zooviertel geruchlich nicht vom gewöhnlichen Asphalt-Abgas-Hundekot-Geruch ab, kein aristokratisches Bouquet in der Luft, keine Louis-Vuitton-Kopfnote. Komme allerdings an einer Dixi-Toilette vorbei, öffne die Tür und bin plötzlich zurück im Sommernachtstraum eines Rock-Festivals, in der sich Plastik und Desinfektionsmittel als steriler Schleier über den fäkalen Unterbau legen.

Um meiner Nase eine Pause zu gönnen, halte ich sie mir auf dem Rückweg durch den Hauptbahnhof zu. Die kulinarische Vielfalt dringt trotzdem durch alle Poren, setzt meine Endorphine frei und steigert meinen Speichelfluss. Ich bleibe stark und gehe weiter. Unter dem Dach der Passerelle hängt Anisduft. Duftkerzen und Wokgerichte sind hoffnungslos unterlegen, die Olfaktorik in Hannovers unterirdischer Hauptschlagader wird eindeutig vom Kräuter-Basar dominiert. Wollte mal kurz bei Kaufhof reinschauen, inhaliere etwas staubsaugerbeutelähnlichen Luftschleusenmuff und entscheide, dass ich mich hierzu auch zu Hause über die Heizung hängen kann.

Der süßliche und wirklich nur leicht faulige Kröpcke-Odeur wird von Backshops kaschiert. Ich schreite geruchs- und gedankenvoll weiter, wo der Candy Shop mit dem Duft gebrannter Erdnüsse und karamellisierter Kinderträume auf mich wartet. Beschließe, 50 Cent für einen Lutscher auf den Kopf zu hauen.

Ich stolpere in die Parfümabteilung von Karstadt und bekomme ausgiebiges Nasenbluten. Akute Rezeptorenüberforderung. Ich suche ein geruchsärmeres Milieu. Wie gerne wäre ich jetzt in Jean-Baptiste Grenouilles Höhle auf dem Plomb du Cantal. Ich brauche einen Ort ohne menschliche Gerüche, eine Ruhestätte für meine Nase. Mein Wortschatz kann mit den Gerüchen nicht mehr mithalten. Ich kann die Bilder nicht mehr beschreiben, die in meinem Kopf entstehen.

Wortlos stolpere ich über den Flohmarkt am Hohen Ufer. Dachbodenmoder umgibt mich. Das vertraute Aroma macht mir Mut. Bernd Begemann hat einmal gesagt: „In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung.“ Der Geruch nach Algen, Fischmarkt und Schwefelwasserstoff findet sich auch am Maschsee. Hoffnung liegt aber nur wenig in der Luft, dort, wo bald Tausende 96-Fans in Richtung Arena pilgern werden, hinein in eine Dunstwolke aus Plastikbecherbier, Salzbrezeln und salzigen Tränen. Sturmböen kündigen Frühlingsluft an – vielleicht so etwas wie der Wind of Change?

Ich nehme mir vor, später am Waterlooplatz an ein paar Ultras zu schnüffeln, auch wenn das wieder zu Nasenbluten führen könnte. Vorher will ich aber noch kurz zum Friederikenstift, Mullbinden abgreifen. Vorsorge ist wichtig. Ein aggressiver Sagrotan-Schleier treibt mich jedoch schnell weiter. In den Straßen Lindens, wo Dönerdreher und Shishashops sich abwechseln, befinde ich mich inmitten eines Duftcocktails aus gebratenen Zwiebeln, Fleisch und Apfeltabak. Unter den letzten Schneeresten kommen alte Knallkörper zum Vorschein. Der Duft von Schießpulver ist längst verflogen, stattdessen riecht es nach nassem Papier. Aber wie riecht eigentlich nasses Papier? Ich kann es riechen, aber nicht beschreiben.

Es wird dunkel. Mache mich auf den Weg zurück in die Innenstadt. Die Picaldi-Billigjackenträger vor mir parfümieren die Straße. Ihnen folgen ein paar Junggesellinnen mit einer Wodka-Red-Bull-Fahne. Sie sprechen mich an. Ich schenke ihnen meinen Lolli, wünsche mir die Picaldi-Prolls zurück und flüchte ins Rockhouse. Großrockdisko – smells like teen spirit. Kalter Teenagerschweiß wabert durch den Raum. Dazu Wein, Leid und Gesang. Rammstein skandieren „Du riechst so gut“. Ich verkrieche mich in eine Ecke, reibe an der Orange, lasse los.

Endspurt. Im grünen Schienentaxi reihe ich mich in die Riege der Gestrandeten dieser Nacht ein. Taschentuchtampons in der Nase verhindern weiteren Input. Ich kann nicht mehr. Als ich endlich zu Hause bin, strömt der Geruch von frischem Hefeteig durch die hannoversche Peripherie. Ich rieche an meiner Jacke, die den Tag in ihren Fasern aufgenommen hat. Das ist Duft der großen, weiten Welt.

Manuela Materne (34) arbeitet als Parfumerin im Henkel Fragrance Center in Krefeld.
ZiSH-Autorin Sarah Kniep hat mit der Duftexpertin gesprochen.

Frau Materne, sind Düfte Kunst? Wenn ja, warum?

Düfte sind Kunst, Lifestyle und für unser Leben ganz wichtig. Das ist uns nur nicht immer so bewusst, weil wir ja ständig etwas riechen. Aber spätestens bei der Wahl des Parfüms merkt jeder, dass Düfte einen hohen Stellenwert haben. Und für Menschen wie mich ist es wie bei einem Komponisten oder einem Maler. Die einen haben Noten, die anderen Farben. Ich benutze halt ätherische Öle.

Woraus ziehen Sie Ihre Inspiration?

Mir kommen Ideen eigentlich ständig und überall. Bei Ausstellungen, im Theater, auf Messen, bei Modenschauen oder in der Natur.

Was ist der abgefahrenste, interessanteste Duft für sie?

Total angesagt sind fruchtige und frische Noten. Mädchen stehen gerade sehr auf Mango und Litschi. Jungs bevorzugen eher einen Melonen-Duft. Ich mag es klassisch. Bei mir muss es nach Rosen und Jasmin riechen.

Wie beeinflussen Düfte Menschen? Wie ausgeliefert sind wir Ihnen?

Unsere Nase können wir nicht abschalten. Und weil unsere Riechzellen direkt mit dem Gehirn verbunden sind, beeinflussen uns Düfte schon ziemlich heftig.

Das Einsatzgebiet von Düften liegt nicht nur im ästhetischen Bereich, sondern auch im nützlichen. Kann man Düfte zur Heilung von erkrankten Menschen einsetzen?

Ja, zum Beispiel mit einer Aromatherapie. Lavendel und Jasmin beruhigen. Seltene Blumen aus China und Japan machen glücklich und vertreiben Depressionen.

Kann man Düfte als sensorische Lernhilfe einsetzen und wie funktioniert das?

Auch darüber gibt es Untersuchungen. Besonders Bergamotte und Pfefferminz erhöhen die Konzentration.

Verändert sich die Duftwahrnehmung im Laufe des Lebens?

Der Geruchssinn nimmt im Alter ab. Frauen können übrigens besser riechen als Männer.

Gibt es regionale Duftpräferenzen? (andere Länder, andere Düfte?)

Es gibt auf der Welt die unterschiedlichsten Geschmäcker. Schweden und Norweger mögen eher wenig Duft, Westeuropäer verlangen nach Orange, Zitrone oder Lavendel. Deutsche kaufen Kloreiniger mit Zitronenduft. In Italien wäre das Produkt ein Ladenhüter. Hier wird das Klo mit einem Duft geputzt, der an Chlor erinnert.

Ist Ihre Nase über die Jahre hinweg abgestumpft?

Ich trainiere täglich und atme immer wieder unsere 2.000 Riechstoffe ein. Das ist wie Vokabeln lernen – macht aber viel mehr Spaß.

Wird Ihnen bei schlechten Gerüchen übel?

Bis jetzt nur ein einziges Mal. Und zwar im Urlaub. In Vietnam besuchte ich eine Fabrik. Dort wurde Fischsoße hergestellt. Der Fisch lagert da in großen Fässern für viele Monate in der Sonne. Wenn ich daran denke, wird mir heute noch übel.

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel
  • Nase voll? Monsti – 09.03.10
    Ein gelungener Artikel, der alles beschreibt, was einem in Hannover in die Nase steigt. Als Leser kann man die Wege des riechenden Autors förmlich nachverfolgen.Doch was hat Amelie damit zu tun?
Anzeige

Kinomagazin

Die Fernschreiberinnen

Ariane und Alisa haben die Rucksäcke gepackt – für neun Monate Australien. Ausgerüstet mit einem Jeep und einer großen Landkarte wollen die beiden Down Under erkunden.

Anzeige

Fernschreiber

Ein halbes Jahr lang waren Malte und Jonas in Australien unterwegs. Ausgerüstet mit Neugier auf die Menschen, die ihnen zwischen Youth Hostels und Bananenplantagen über den Weg laufen, haben die Abiturienten aus Down Under berichtet.



Top