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In Muttis Komfortzone

Ausziehen oder nicht? In Muttis Komfortzone

Bei den Eltern lebt es sich entspannt: Die Wäsche und der Einkauf werden erledigt, die Miete fällt weg. Doch lohnt es sich, dafür die Freiheiten des WG-Lebens aufzugeben? Ein Pro und Kontra.

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Stammgast bei den Eltern? Das kann komfortabel und günstig sein oder dazu führen nie wirklich auf eigenen Füßen zu stehen.

Quelle: Surrey

Pro: „Mehr Platz für mich“

Ich habe auch meine eigene Etage, mit eigenem Bad und so.“ So erkläre ich meinen Freunden immer, dass es ja gar nicht so schlimm ist, mit 24 noch bei meinen Eltern zu wohnen. Dass ich auf meiner eigenen Etage eigentlich fast nur zum Schlafen und Arbeiten bin, muss ich ja nicht dazu sagen. Denn wenn ich zu Hause bin – und das bin ich neben der Arbeit und meinen Hobbies sowieso nicht so viel – liebe ich es, einfach im Wohnzimmer oder der Küche abzuhängen. Und eben auch mit meinen Eltern zu quatschen, wenn die gerade da sind.

Ich spüre jedes Mal einen Rechtfertigungszwang

Einen Rechtfertigungszwang, warum ich noch bei meinen Eltern wohne, spüre ich trotzdem jedes Mal, wenn ich jemanden kennenlerne und es auf das Thema kommt. Warum eigentlich? Meine Eltern sind für mich doch eigentlich wie Mitbewohner. Nur dass ich – zugegebenermaßen – nicht so viel im Haushalt machen muss. Aber ein paar Aufgaben habe ich natürlich auch: Müll rausbringen, ab und zu die Spülmaschine ausräumen, sowas eben.

Mir ist auch klar, dass ich in der Hinsicht etwas verwöhnt werde: Schließlich habe ich schon mal zweieinhalb Jahre in einer WG gewohnt. Und da gab es keine Spülmaschine, die ich hätte ausräumen können – stattdessen musste ich abwaschen. Und selbst kochen, jeden Tag. Doch das war – auch wenn das Essen von Papa natürlich das Beste ist – eigentlich gar nicht so schlimm. Viel unangenehmer fand ich, dass es so viel schwieriger ist, zu streiten.

Auch mit meinen Eltern fliegen die Fetzen

Auch mit meinen Eltern fliegen manchmal die Fetzen, dann schreien wir uns an und knallen sogar manchmal Türen. Und ein paar Tränen fließen auch mal. Aber wenn wir dann abends gemeinsam beim Essen sitzen, ist alles wieder gut – auch ohne viele Worte. Ich glaube, die Mitbewohner zu finden, mit denen das möglich ist, ist gar nicht so einfach. Mit denen muss oft alles ausdiskutiert werden. Und weil das viel Überwindung kostet, wird es oft eher ausgeschwiegen – und lange nachgetragen. Das tun meine Eltern nicht. Schließlich hätten die mir sonst meine halbe Kindheit nachzutragen.

Als ich mit meinem Bachelorstudium fertig war und für den Master wieder zu Hause einzog, hat sich das gut angefühlt, befreiend. Ich hatte mehr Platz für mich. Meine Eltern machen ihr Ding, ich mache meins, und wenn wir Zeit und Lust haben, machen wir eben gemeinsam was. Während ich in der WG anfangs oft das Gefühl hatte, etwas mit meinen Mitbewohnerinnen unternehmen zu müssen – nur um irgendwie eine gute Mitbewohnerin zu sein – mache ich das zu Hause nur, wenn ich es gerade will.

Finanziell macht es keinen Unterschied

Finanzielle Gründe hatte der Wiedereinzug bei meinen Eltern nicht. Sie behalten mein Kindergeld und natürlich gehe ich auch mal von meinem Geld einkaufen, aber ich muss zu Hause keine Miete zahlen. Aber auch in meiner WG haben mir meine Eltern die Wohnung während des Studiums finanziert. Für mich hat das also keinen Unterschied gemacht.

So schön – und ja, auch irgendwie unkompliziert – ich es zu Hause finde: Nun ziehe ich bald wieder aus, in eine WG, in eine andere Stadt. Ich freue mich darauf. Schließlich ist es keine Option, für immer bei den Eltern zu wohnen. Aber komisch ist es schon: Eine neue Wohnung, neue Menschen, die mich abends im Schlafanzug zähneputzend durch den Flur laufen sehen: Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen – und an die langen Diskussionen, wenn es mal Streit gibt.

Hannah Scheiwe

WG-Chaos: Wenn der Mitbewohner nichts vom Putzen hält. Foto: Hagemann

Kontra: „Man bleibt Kind“

Ständig hängst du das Handtuch verknittert auf, so bleibt das doch ewig nass.“ Wenn solche Sätze fallen, weiß ich: Ich bin zu Hause. Wo sonst würde sich jemand ernsthaft dafür interessieren, wie ich Dinge zum Trocknen aufhänge? Hier höre ich aber auch „Das Abendessen ist fertig!“ und „Ich habe deine Klamotten gebügelt, bitteschön“. Ich stelle fest: Zu Hause existiert ein Mikrokosmos des Lebens, in dem noch aufeinander geachtet wird. Im positiven sowie im negativen Sinne.

Ich habe früher nie den Drang verspürt, auszuziehen

Bis auf die Momente, in denen mir fehlendes Engagement im Haushalt vorgeworfen wurde, habe ich früher nie den Drang verspürt, auszuziehen. Es gab weder ernste Probleme noch große Streitpunkte. Deshalb zog ich beim ersten Mal auch gar nicht so richtig aus: Während ich 2011 mit 18 Jahren mein Bachelorstudium begann, pendelte ich nach den Vorlesungen trotz eigener Wohnung in Hannover fast täglich eine Stunde nach Hause, weil die gewohnten Familienabende vertrauter waren als ein einsamer Abend in Hannover. Ich entwickelte mich nicht weiter, blieb passiv und übernahm keine Verantwortung für mein Leben. Einiges aus der Zeit schleppe ich noch heute mit mir rum: Meine Kochfertigkeiten blieben dürftig, und die verschiedenen Programme der Waschmaschine sind mir immer noch ein Rätsel.

Da mich nach dem Abschluss in der Umgebung kein Masterfach begeisterte, verlagerte ich meinen Wohnort ins 350 Kilometer entfernte Flensburg. Neben großer Angst vor dem Unbekannten spürte ich, dass sich etwas ändern musste. Ich freute mich auf neue Freunde, mehr Freiheit, aber auch die Selbstständigkeit. Die Alltagsfragen, was es zum Essen gibt und welcher Behördengang nötig war – das alles hat mich früher eingeschüchtert. Das Ziel für die kommenden zwei Jahre: Ich wollte mein Leben entschlossener und aktiver ausrichten, die Universität und Arbeit, das Kochen und Putzen jonglieren können.

Schnell setzte Ernüchterung ein

Tatsächlich setzte schnell Ernüchterung ein. Meine erste WG im Studentenwohnheim war keine Ersatzfamilie, sondern eine schräge Zweckgemeinschaft aus Einzelkämpfern: Während ich mit unzähligen kulturwissenschaftlichen Texten, meinem Heimweh und den Putzlappen zu kämpfen hatte, hielt mein Zimmernachbar nichts von Sauberkeit, dafür aber viel von übel riechenden Kochexperimenten und der lautstarken Offenbarung seines fragwürdigen Musikgeschmacks.
In den ersten Wochen spielte ich ständig mit dem Gedanken, das Masterstudium abzubrechen und mir einen Job in der Heimat zu suchen. Dann wäre aber gleichzeitig auch das Projekt der Selbstständigkeit gescheitert. Aufgeben war da keine echte Option.

Nach der holprigen Startphase und einem Umzug von der schrecklichen in eine hübsche Altbau-WG mit sympathischen Mitbewohnern stiegen meine Selbstsicherheit und Zuversicht, mich im neuen Alltag zurechtfinden zu können. Wer das Unbekannte sucht, muss eben ein Stück Gewohnheit aufgeben. Es lohnt sich, weil dadurch die Persönlichkeit wächst. Meine bisher wichtigste Erkenntnis: Zu jeder Tages- und Nachtzeit zu tun, wonach einem der Sinn steht, ist unvergleichlich gut.

Selbstbestimmtheit und Freiheit haben ihren Preis

Selbstbestimmtheit und Freiheit haben aber auch ihren Preis. Wie teuer das eigene Leben tatsächlich ist, merkt man, sobald Miete und Essenskosten vom eigenen Konto bezahlt werden. Preisschilderkontrolle und Budgetrechnung sind zwar anstrengend, aber auch lehrreich.

Diskussionen über das Trocknen von Handtüchern führe ich bei Besuchen zu Hause immer noch. Und manchmal vermisse ich es, in schwierigen Situationen schnell zu meinen Eltern zu gehen, um ihren Rat einzuholen. Weil ich aber weiß, wie schnell ich dort wieder ins faule Kindsein verfallen würde, ist das keine dauerhafte Wohnlösung mehr. Und das ist auch gut so.

Sophie Leyh

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