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Wie man sich im Internet benehmen sollte

Ratgeber für soziale Netzwerke Wie man sich im Internet benehmen sollte

Darf man Tinder-Dates ignorieren? 
Sollte man Whatsapp-Nervensägen sagen, was man von ihnen hält? Und sind 
Selfie-Sticks eigentlich peinlich? In seinem Buch „Herrn Knigge gefällt das“ gibt Max 
Scharnigg Etikettetipps. Wir haben ihn gefragt, wie man sich online benimmt.

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Quelle: Kutter

Herr Scharnigg, Sie sind Experte für Etikette in sozialen Netzwerken. Wie würden Sie die folgenden Situationen lösen: Ein guter Freund lädt mich bei Facebook zu einer politischen Demonstration ein. Vor meinen Arbeitskollegen und Vorgesetzten, mit denen ich dort auch befreundet bin, will ich meine politische Einstellung eigentlich nicht zur Schau stellen. Sollte ich trotzdem zusagen?

Zur Person

Max Scharnigg (36) ist Journalist und Romanautor („Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“). Er lebt in München und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Sein Handbuch „Herrn Knigge gefällt das!“ (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 240 Seiten, 15 Euro) gibt Tipps zur richtigen Etikette im Netz. 

Ich wäre bei allen komplizierten Themen vorsichtig. Bin ich mir unsicher, würde ich den Bedenken den Vorzug geben, anstatt „Gefällt mir“ zu drücken. Wenn man Angst vor dem „Marktplatz“ Facebook hat, würde ich bei einem guten Freund auch auf Gute-Freunde-Medien zurückgreifen. Ihn anrufen oder bei Whatsapp schreiben. Facebook hat sich in den letzten Jahren weg vom persönlichen und hin zu einem offenen Medium entwickelt, wo von den Großeltern bis zum Arbeitgeber jeder mitliest.

Mein zweimaliges Tinder-Date lässt mich online nicht in Ruhe und postet mir weiter auf die Pinnwand bei Facebook. Darf ich sie ghosten, also ignorieren?

Da bin ich relativ altmodisch. Wenn es eine Bekanntschaft ist, mit der ich schon virtuell angebandelt habe, dann darf man die auch mit diesen Mitteln wieder ausschalten. Die Leichtigkeit des Algorithmus, mit der man sich verkuppelt hat, mit der darf man sich auch wieder entkuppeln. Warum sollte man es nicht genau wieder so beenden, wie man es angefangen hat? Nur wenn eine Beziehung über das „Sex and drop“-Ding hinausgeht, dann wäre es wenig gentlemanlike, das Gegenüber einfach bei 
Facebook und Tinder auszuschalten. Das birgt eine gewisse Rüpelhaftigkeit.

Lemmy ist tot, Prince auch – 2016 ist das Jahr der toten Popstars. Wie trauere ich eigentlich richtig im Netz?

Ich finde, die Trauer in den sozialen Netzwerken bereichert grundsätzlich. Wenn Freunde zu Prince’ Tod Schnipsel und Videos posten, kann ich mich durch das Lebenswerk eines Künstlers klicken. Nur wenn sich alle in Zerknirschtheit und pathetischen Sprüchen übertreffen und Prince einen eigentlich gar nicht wirklich berührt hat, wird es schwierig. Wenn alle nach dem coolsten Motto nach einem Terroranschlag suchen, kippt es. Da muss jeder sich selbst auch prüfen, ob das noch ehrlich ist oder ob es nicht eigentlich ein bisschen Eitelkeit ist.

Eine Verabredung in der Whatsapp-Gruppe meiner Freunde geht nicht unter 200 Nachrichten. Wie bringe ich ihnen bei, platzsparender zu kommunizieren?

Beim Militär heißt das Funkdisziplin. Das zu wahren ist gerade in größeren Chatgruppen wahnsinnig schwierig – wenn sich Grüppchen zu einem Unterthema bilden, muss jeder mitlesen. Aber ich würde dann trotzdem nicht alle ermahnen, dass es hier nicht um Politik oder Fußball geht. Damit macht man sich zum Hausmeister. Selbst wenn das Handy nonstop blinkt, muss man Contenance wahren können.

Ein entfernter Verwandter, der einige Hundert Kilometer entfernt wohnt und den ich maximal einmal im Jahr sehe, kommentiert jeden meiner Posts. Als Erster. Immer. Wie sage ich ihm, dass er mich in Ruhe lassen soll?

Facebook hat sich verändert, weil der Großonkel dazugekommen ist, vielleicht auch, weil zwei Ex-Geliebte jetzt mitlesen. Und wenn sich der Spielplatz verändert hat, dann kann man vielleicht auch nicht mehr wild rumbolzen, sondern muss gesittet auf ein Tor spielen und das wilde Rumbolzen findet halt woanders statt. Man muss sich dann selbst eingestehen können, dass das Medium vielleicht nicht mehr das Richtige ist. Aber dem Onkel zu sagen, dass er die Posts bitte nicht mehr kommentieren soll, ist ja auch schwierig. Es steht jedem frei in den sozialen Medien mitzumachen, also muss man sich anpassen.

Das heißt, im Zweifel ist man immer selber verantwortlich und sollte sich anpassen?

Ja, das ist ein bisschen wie mit einem Club. Am Anfang, die ersten zwei Jahre, war es total toll und man war mit seinen Freunden unter sich. Aber jetzt wird der Club immer populärer und es sind immer mehr Leute da, die man nicht eingeladen hat, die aber auch von dem Club gehört haben und mitfeiern wollen. Was will man da machen? Man kann jammern oder man zieht weiter und sucht sich einen neuen Club. Im Netz sollte man sich eine gewisse Beweglichkeit und Geschmeidigkeit beibehalten.

Ich bin mit Freunden im Stadion. Ein Freund hat einen Selfie-Stick dabei und will ein Gruppenbild machen. Mir ist der Stock peinlich. Was soll ich tun?

Das ist doch okay. Man signalisiert damit, dass es wichtig ist, mit meinem Handy ein gutes Bild zu machen. Dann lege ich Wert darauf, wie ich auf Instagram wirke, also ist mir meine Netzpräsenz wichtig. So gibt man eine Botschaft, klar. Aber genauso teile ich etwas mit, wenn ich 60 000 Euro für einen Sportwagen ausgebe. Man muss sich nur bewusst sein, dass die Umwelt das registriert und sich ihren Teil dabei denkt.

 
Interview: Ansgar Nehls

So machen’s ZiSH-Autoren

Gratulieren ja – aber nicht allen


Ich finde es super, dass mich Facebook an jeden einzelnen Geburtstag meiner 500 virtuellen Freunde erinnert. Was nicht heißt, dass ich allen gratuliere – da sortiere ich sorgsam aus: Je nach Freundschaftsgrad gibt’s ein „Alles Gute!“ auf die Pinnwand oder eine Nachricht bei Whatsapp. Meine engen Freunde speise ich jedoch nicht mit einem Vierzeiler ab. Wenn die Zeit für eine reale Umarmung nicht reicht, rufe ich zumindest an.

Bitte nicht zumüllen!


Meldet sich ein Facebook-Freund bei Insta­gram an oder habe ich einen neuen Twitter-Follower, checke ich sein Profil. Gefällt es mir, folge ich zurück – wenn nicht, dann nicht. Schließlich soll meine Time­line nicht wie bei Facebook von uninteressanten Fotos oder Posts zugemüllt werden. Auf Twitter und Insta­gram muss ich nicht jedem zurückfolgen. Das überprüft meist sowieso niemand. Und wenn doch, kann er mir ja wieder entfolgen.

Emojis: lächelnd herantasten


Ohne Emojis geht’s für mich nicht. Ich würde mir sonst unhöflich vorkommen. Viele Nachrichten beende ich deshalb mit einem Lächeln. Schreibe ich allerdings mit jemandem zum ersten Mal, teste ich mich vorsichtig heran. Hier und da ein Lächeln, ein Zwinkern für Ironie. Dann warte ich ab, wie die andere Person reagiert. Wer mit vielen Bildchen antwortet, bekommt viele zurück.

Liebe vor Leuten hat nichts zu bedeuten


Wie viel Liebe, Küsse und Tätscheleien verträgt das Netz? Nicht mehr als die Besatzung einer voll besetzten Straßenbahn. Schließlich ist Facebook ein ähnlich öffentlicher Ort. Ein Profilbild, auf dem ich mit meinem Freund zu sehen bin – kann man machen, muss man aber nicht. Worauf ich jedoch verzichten kann, sind gemeinsame Selfies vom Sonntagsspaziergang, die die Liebenden mit brutalen Kitschsätzen („Ich will nie mehr ohne dich leben“) versehen.

Meine Freunde suche ich mir aus


Kommt eine Freundschaftsanfrage vom Nachbarsjungen oder von Partybekanntschaften, die man höchstwahrscheinlich nicht wiedersieht, werden die ignoriert. Kommt hingegen eine vom Chef, nehme ich sie an – besser, als das gute Verhältnis zu riskieren. Dafür passe ich meine Privatsphäre-Einstellungen an, um selbst zu bestimmen, wie viel ich von meinem Profil preisgeben will.

Ehrlich sein


 Macht meine beste Freundin den Fehler, ein unvorteilhaftes Profilbild von sich hochzuladen, geht für mich Ehrlichkeit vor. Wenn der obligatorische ,,sooo hübsch“-Kommentar an eine Lüge grenzt, ist mein kritisches Urteil gefragt. Mit einem "Das vorher war schöner" rette ich diplomatisch die Situation – und ihr Facebook-Profil.

„Gefällt mir“ ist das neue „Danke"


Nach Ewigkeiten lade ich mal wieder ein neues Profilbild hoch. Meine Freunde finden das spitze und kommentieren es mehrfach. Aber mich jetzt für jeden Kommentar zu bedanken, finde ich übertrieben. Dafür sind die Komplimente zu unpersönlich. Gar nicht darauf zu reagieren ist auch irgendwie unhöflich. Am Ende drücke ich für jeden Kommentar „gefällt mir“ – damit ist hoffentlich jeder zufrieden.

Von Theresa Kruse, Sarah Seitz, Katharina Kunert, Mareke Heykn

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