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Sind wir noch beziehungsfähig?

Beziehungsautor Michael Nast Sind wir noch beziehungsfähig?

Der Autor Michael Nast behauptet, die Generation Y sei nicht in der Lage, sich auf eine Beziehung einzulassen. Wir haben mit ihm über sein neues Buch gesprochen.

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Michael Nast hat gerade sein Buch "Generation Beziehungsunfähig" veröffentlicht.

Quelle: Handout

Michael, in deinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“, das letzte Woche erschienen ist, beschreibst du die Generation Y als ziemlich unzufrieden. Was ist unser Problem?
Es lässt sich letztlich alles darauf herunterbrechen, wie die Wirtschaft funktioniert. Die ist auf Wachstum ausgelegt, man muss sich immer weiter verbessern. Dieses Prinzip haben wir so verinnerlicht, dass wir es auch auf den zwischenmenschlichen Bereich anwenden. Und das braucht die Gesellschaft: unzufriedene Leute, die immer das Gefühl haben, es fehlt noch was.

Sind wir also alle nur Spielfiguren der Gesellschaft?
Ja, klar!

Geht es nicht gerade heute darum, ein individuelles Lebensmodell zu entwerfen?
Was ist denn Individualität? Letztendlich sind wir in unserer Individualität doch alle gleich. Wir haben alle das Gefühl, irgendwie etwas Besonderes zu sein. Dabei denken wir aber total in Idealzuständen und streben nach Perfektion. Bei einem Date können dann schon Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob man sich wiedersieht oder nicht.

Woher kommt denn dieser Druck, gleich beim ersten Date abchecken zu müssen, ob ich mir mit meinem Gegenüber ein Leben mit Reihenhaus und Kindern vorstellen kann?
Moment, nein. Die Leute machen sich ja keinen Druck. Es ist eher umgekehrt: Man bleibt in der Unverbindlichkeit. Wir stecken in einer Übergangsphase und haben ein Bild einer idealisierten Zukunft vor uns: die richtige Wohnung, der richtige Partner und so weiter. Das Problem ist, dass wir uns in dieser Übergangsphase einrichten. Wir zögern die nächste Lebensphase immer weiter hinaus. Das ist ja auch ganz angenehm, eine Form von Sicherheit. Und die Gesellschaft wünscht sich genau solche ichbezogenen Menschen, weil das die am besten funktionierenden Mitglieder der Gesellschaft sind.

In einem deiner Texte vergleichst du das Daten mit Shopping.
Ja, die Partnerwahl funktioniert heute nach den gleichen Prinzipien wie Shopping. Wir konsumieren Menschen. Nie war uns bewusster, wie viele potenzielle Partner es gibt. Und wenn du zu viele Möglichkeiten hast, entscheidest du dich nicht. Das hat man natürlich auch im Hinterkopf, wenn in einer Beziehung die ersten Probleme auftauchen. Dann gehe ich eben zu Tinder.

"Der Weg ist letztendlich, seine Selbstsucht und seinen Egoismus zu überwinden."

Was bewirken deine Texte bei deinen Lesern?
Ganz klar, ich halte den Leuten einen Spiegel vor. Aber ich bin kein Ratgeber, ich schreibe nicht mit erhobenem Zeigefinger. Ich beschreibe das Leben. Was dann passiert, habe ich so nicht geplant, ich bekomme ein extremes Feedback – ich weiß auch nicht, wie das passiert. Eigentlich dachte ich, dass ich über einen sehr überschaubaren Kreis von Leuten schreibe: Mitte zwanzig bis Anfang dreißig, Großstädter, vielleicht im Medienbereich tätig. Es hat mich ein bisschen erschreckt, zu sehen, wie viele Menschen sich in meinen Texten wiederfinden: Das Alter geht von 16 bis 53. Ich glaube, meine Texte helfen den Leuten, ihr Leben zu reflektieren und sich aus eigener Energie heraus zu fragen: Kann ich in meinem Leben etwas ändern?

Kannst du denn als 40-Jähriger überhaupt die Lebenswirklichkeit eines 20-Jährigen verstehen?
Ja. Mir schreiben 16-Jährige, dass sie sich selber darüber wundern, dass ein 40-Jähriger ihr Leben so klar beschreibt. Das ist schon irgendwie heftig, das kann ja wohl nicht wahr sein, dass ich das Leben dieser Leute beschreibe! Wahrscheinlich muss man den Begriff Generation heutzutage sowieso neu definieren: Man kann das nicht am Alter festmachen, weil wir uns heute alle so viel jünger fühlen, dass alles verschwimmt – es ist eher eine Haltung, eine neue deutsche Befindlichkeit.

In deinen Texten kritisierst du viel an der jungen Generation herum. Wie kann es denn nun klappen mit einer Beziehung – oder ist das hoffnungslos?
Der Weg ist letztendlich, seine Selbstsucht und seinen Egoismus zu überwinden. Die meisten Beziehungen gehen aus Selbstsucht kaputt. Und eine Beziehung bedeutet nun mal ein Wir. Ich sage ja gar nicht: Ihr seid die „Generation Beziehungsunfähig“. Ich beschreibe eine Altersgruppe, die sich für beziehungsunfähig hält. Eine gesunde Beziehung ist eine super Möglichkeit, als Mensch zu reifen, weil der Partner dir die ganze Zeit den Spiegel vorhält. Als Single kriegst du ja deine Macken nicht mit, sie stören dich nicht. In einer Beziehung kannst du wirklich als Mensch wachsen.

Das klingt aber auch sehr ichbezogen. Beziehung als Selbstbestätigung also?
Nein. Es geht um das Wir. Man macht das nicht vornehmlich für sich, man macht es für den anderen. Man denkt in einem Wir. Aus meiner letzten Beziehung, die natürlich irgendwann zerbrochen ist, bin ich als reiferer Mensch herausgegangen. Weil ich sehr viel für und über mich gelernt habe.

Warum klappt es bei dir denn nicht mit einer langfristigen Beziehung? Deine längste dauerte nur drei Jahre.
Das liegt an mir. Meine Mutter hat mal gesagt, ich suche mir immer die Attraktiven aus, die aber auch wirklich nicht unkompliziert sind. Ich selbst bin auch sehr kompliziert. Da gibt es natürlich viel Reibungspotenzial. Aber beziehungsfähig sein heißt leidensfähig sein. Wenn du dich verliebst, dich jemandem öffnest, bist du verletzbar. Wenn sich zwei Menschen kennenlernen, ist das mit Konflikten verbunden. Und darauf muss man sich einlassen.

Interview: Dora Volke

Am 15. Februar erschien Michael Nasts Buch „Generation Beziehungsunfähig“ im Edel-Verlag. Am 10. März liest der Berliner in der Medizinischen Hochschule Hannover daraus vor. Die Lesung ist ausverkauft.

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