Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
„Sinnsuche und Exzess hängen zusammen“

Interview mit Frittenbude „Sinnsuche und Exzess hängen zusammen“

Die Songs der Elektro-Punk-Band Frittenbude sind seit Jahren fester Bestandteil jeder Indie-Playlist. Zur Veröffentlichung ihres vierten Albums haben wir mit Sänger Johannes Rögner über verkopfte Texte und tagelange Partys gesprochen.

Voriger Artikel
Mama und Papa allein zu Haus
Nächster Artikel
Verdiene lieber ungewöhnlich

Haben über zwei Jahre an ihrem vierten Album "Küken des Orion" gearbeitet: Die Elektro-Punker Frittenbude.

Quelle: Perry

Johannes, spätestens seit eurer Hitsingle „Mindestens in 1000 Jahren“ werden Frittenbude auf jeder Indie-Party gespielt. Obwohl ihr auf den großen Festivals auftretet, werdet ihr immer noch mit Deichkind verglichen. Nervt euch das?
Ich habe mir da lustigerweise erst kürzlich Gedanken drüber gemacht. Und ich finde, dass es mit den ganzen Vergleichen langsam reicht. Mir gehen sie tierisch auf den Sack. Das soll jetzt nicht heißen, dass es schlimm wäre, mit Deichkind verglichen zu werden. Aber wir machen nun schon viele Jahre unser eigenes Ding – das kann die Öffentlichkeit auch mal so wahrnehmen.

Eines habt ihr aber mit Deichkind gemein: Ihr packt inhaltlich tiefgründige Texte auf einen elektronischen Disco-Beat. Mit „Mindestens in 1000 Jahren“ definiert ihr den Kunstbegriff kritisch, indem ihr eure Songs auch zum Kunstwerk erklärt – und schmuggelt das den Feiernden einfach unter. Ist das das „Prinzip Frittenbude“?
Auf jeden Fall! Die Message kommt bei unseren Songs beim ersten Hören auf dem Dancefloor meistens nicht an. Aber beim mehrfachen Hören kann durchaus mal etwas hängen bleiben.

Ist euch also der Beat wichtiger als die Message?
Na ja, wir machen ja nicht nur Songs für den Club. Wir haben ja auch ruhigere, nachdenklichere Nummern. Aber in den Club geht man ja auch, um abzuschalten. Da muss man sich dann nicht auch noch mit den restlichen Dingen der Welt beschäftigen, die einen die letzten fünf Tage schon total abgefuckt haben.

Und trotzdem hofft ihr, dass etwas hängen bleibt. Ist elektronische Musik ein Mittel, um die Leute zum Nachdenken anzuregen?
Sobald ein Text darauf ist, klar. Aber elektronische Musik ist ja meistens ohne Text. Da kann es auch sein, dass du davon angekotzt bist, wie schlecht in Deutschland mit Flüchtlingen umgegangen wird und deswegen einen harten, bösen Beat baust. Der kann aber auch einem Nazi, der für den ganzen Mist verantwortlich ist, gefallen.

Habt ihr Angst, dass eure Musik Leuten gefällt, die sie nicht unbedingt mögen sollen?
Nein. Ich glaube, wir grenzen durch unsere Statements genug Leute aus. Das macht es einem natürlich nicht leicht. Man könnte schon alles auf die seichtere Schiene schieben und politische Dinge außen vor lassen. Dann würde man wahrscheinlich auch mehr Leute erreichen. Aber darum geht es uns ja nicht. Wir machen die Mucke ja vor allem, um uns selbst abzureagieren.

Das ist Frittenbude

Band mit Meinung: Ohne ein kaputtes Autoradio hätte es die Elektro-Punk-Band Frittenbude vielleicht nie gegeben. Denn auf der Autofahrt von ihrer Heimat Geisenhausen zum Pfingst-Open-Air in Passau war Martin Steer, Johannes Rögner und Jakob Häglsperger (Bild von links nach rechts) so langweilig, dass sie begannen, ihre eigenen Beats zu singen, zu rappen – und gründeten kurzerhand die Band Frittenbude. Das war vor neun Jahren. Seitdem haben sie ihren Wohnort nach Berlin verlegt, drei Alben herausgebracht und auf Festivals wie dem Immergut-Festival, und dem Melt gespielt. Für ihre Bühnenshow, gewannen sie 2012 die 1-Live-Krone in der Kategorie „bester Plan-B-Act“. Heute erscheint das vierte Album der Band, 
 „Küken des Orion“.

Ihr habt für euer neues Album „Küken des Orion“ fast zwei Jahre gebraucht. War so viel Frust da, dass ihr so viel Zeit zum Abreagieren gebracht habt?
Ja, schon. Eigentlich haben wir sogar noch länger gebraucht. Zum Beispiel war der Beat von „Was am Ende bleibt“ schon vor dem letzten Album da, ist aber nicht mehr rechtzeitig fertig geworden.

Eure politischen Statements sind ziemlich direkt: Zum Beispiel habt ihr euren Auftritt beim Chiemsee Reggae Summer abgesagt, weil dort ebenfalls ein Künstler mit homophoben Texten auftrat. Die Texte auf eurem neuestes Album zeigen sich da schon vager. Warum habt ihr eure Botschaften so versteckt?
Dass es nicht mehr so plakativ sein soll, hat sich mit „Delfinarium“ schon herausgestellt. Ich habe auch einfach einen höheren Anspruch an meine Texte. Es ist natürlich gut, wenn man mit wenigen Worten schon alles sagt und die Leute erreicht. Aber das reicht mir nicht und man wird ja auch besser. Es war meine Idee, dass alles etwas verkopfter und verschachtelter wird. Aber es gibt trotzdem noch genügend Punkte, wo alles straight und klar gesagt wird.

Zum Beispiel bei „The Striz“. Da kritisiert ihr, dass alle lieber Spaß auf Partys haben, anstatt auf Demos zu gehen. Könnte eure Musik nicht auch politischer und weniger Party sein?
Ich glaube, das ist sie schon. Der Beat mag den einen oder anderen ablenken, aber es ist und bleibt Elektro-Punk. Außerdem gehen wir eh davon aus, dass die Leute uns auch viel zu Hause hören.

Auf eurem Album geht es aber nicht nur um Politik, sondern auch um philosophische Themen. Oft fragt ihr zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens. Das verbindet ihr dann mit der Schilderung einer tagelangen Party, zum Beispiel in „Rave ist kein Hobby“ oder „Endlich unendlich“. Wie hängen exzessive Partys und Sinnsuche zusammen?
Das geht auf jeden Fall Hand in Hand. Man muss sich verlieren, um sich wiederfinden zu können. Das sage ich auch in „Rave ist kein Hobby“. Da hilft es auch mal, alle Einflüsse abzuschotten und sich in eine Nacht zu stürzen – oder eben zwei, drei Nächte. Und mal so richtig die Sau rauszulassen.

Du hast also auf einer Party schon mal eine Antwort auf ein Problem gefunden?
Ja, die Probleme werden dann auf einmal ganz klein. Auch, wenn es nur für kurze Zeit ist. Trotzdem öffnet man sich aber neue Horizonte und Welten dadurch.

Das ist dann aber nur eine Lösung für den Moment. Am Montag sind die Probleme wieder da.
Ja, natürlich. Aber man sollte eben mehr im Moment leben. Zumindest auf sich selbst heruntergebrochen, nicht auf politische Dinge. Man sollte schon an die Zukunft denken. Aber trotzdem sollte man viel mehr im Jetzt und Hier sein. Denn das ist das, was zählt und das, was ist.

Interview: Maike Brülls

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Erfrischend strenger Sound-Spaziergang

Frittenbude haben viel zu sagen, wissen es aber zu verstecken. Warum man bei ihrem neuen Album "Küken des Orion" ganz genau hinhören sollte, weiß ZiSH-Autorin Maike Brülls

mehr
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr