Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
„Humor bringt Menschen zusammen“

Interview mit Nemi El-Hassan „Humor bringt Menschen zusammen“

Mit Scharfsinn gegen die IS-Verführer: Auf ihrem neuen Youtube-Kanal macht sich Studentin und Poetry-Slammerin Nemi El-Hassan über den „Islamischen Staat“ lustig. ZiSH hat mit der Berlinerin über Rassismus und guten Humor gesprochen.

Voriger Artikel
Fortsetzung folgt
Nächster Artikel
Mit Umweg an die Uni

Schlagfertigkeit statt Angst: Auf ihrem neuen Youtube-Kanal „Datteltäter“ macht Nemi El-Hassan sich mit anderen Muslimen über die Terrormiliz "Islamischer Staat" lustig.

Quelle: Nemi El-Hassan

Nemi, im Januar hast du dich auf dem Höhepunkt der Pegida-Demos bei der Gegenveranstaltung „Offen und Bunt“ in Dresden auf der Bühne gegen Rassismus ausgesprochen. Fühlst du dich manchmal fremd im eigenen Land?
Auf keinen Fall. Aber natürlich beschäftigen mich Ereignisse wie Pegida-Demos oder die Proteste gegen das Asylheim in Freital. Wie da mit Leuten umgegangen wird, die vor 20 Jahren meine Eltern hätten sein können. Deshalb überlege ich, wie man den Leuten beibringen kann, dass es nicht schlimm ist, wenn Flüchtlinge kommen. Aber bis auf meine eigene Familiengeschichte verbindet mich ja erst mal nichts mit den Vorfällen in Freital.

Seit einigen Tagen machst du dich jetzt auf deinem neuen Youtube-Kanal „Datteltäter“ über die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) lustig. Der IS rekrutiert auch in Deutschland junge Kämpfer. Gibt es da in deinen Augen keine Grenzen des Humors?
Der IS versucht über die Medien in die ganze Welt Schrecken zu exportieren. Die wissen ganz genau, dass sie Angst verbreiten. Wenn wir in deren Narrativ einfach weitererzählen, sogar deren Material verwenden, dann spielen wir ihnen nur in die Hände. Das muss man versuchen zu brechen, indem man Berichterstattung über den IS anders gestaltet. Aber auch indem man sich über diese Leute lustig macht. Natürlich ist uns bewusst, dass viele Menschen leiden und sterben oder in Gefangenschaft sind und gefoltert werden. Es ist überhaupt nicht unser Anliegen, das kleinzureden. Aber wenn wir zulassen, dass der IS so stark ist und wir Angst vor ihm haben, dann haben wir schon verloren.

Warum nutzt ihr Youtube als Plattform für euren Blog? Geht es darum, das gleiche Medium zu nutzen wie der IS?
Gar nicht unbedingt. Klar, einerseits haben wir auf Youtube auch in Deutschland eine Menge extremistischer Kanäle. Da wollen wir natürlich ein Gegengewicht bilden. Aber Youtube ist auch ein guter Weg, junge Leute zu erreichen. Manche Kanäle sind für die wirklich jungen Leute wichtiger als zum Beispiel die Tagesthemen.

An wen richtet ihr euch denn genau und warum sind junge Leute dabei so wichtig?
Wir richten uns grundsätzlich an alle, die uns sehen möchten. Wir glauben, dass gerade junge deutsche Muslime, die nicht so sehr in Gemeinden, Gruppen oder Organisationen engagiert sind, nicht wirklich merken, wie viele Möglichkeiten es in Deutschland gibt. Wir hoffen, dass die sich von unserem Kanal inspirieren lassen und anfangen, ihre eigenen Sachen zu machen. Wenn man jetzt auf Youtube islamverwandte Begriffe eingibt, findet man nichts wirklich Qualitatives. Wir glauben das fehlt. Mit unseren Inhalten wollen wir diese Lücke schließen.

Auf ihrem neuen Youtube-Kanal „Datteltäter“ stellt Nemi El-Hassan mit anderen Muslimen IS-Szenen satirisch nach.

Gibt es Sachen, über die du dich nicht lustig machen würdest?
Sicher gibt es Dinge, über die ich mich persönlich nicht lustig machen würde. Aber jeder sollte über das lachen und Späße machen dürfen, worüber er möchte. Wenn ich merke, dass ich mit meinem Humor ohne tieferen Sinn anderen Leuten zu nahe trete oder deren Gefühle verletze, würde ich mir zweimal überlegen, ob das unbedingt nötig ist.

Welchen Zweck hat Humor denn für dich?
Humor bringt Menschen zusammen. Wenn man zusammen lachen kann, ist es nicht mehr so wichtig, dass man unterschiedlich aussieht, an verschiedene Dinge glaubt oder aus verschiedenen Ländern kommt.

Wie sieht es mit dem deutschen Humor aus? Hat der irgendwelche Eigenheiten?
Mir ist aufgefallen, dass der deutsche Humor anders funktioniert als der Humor in arabischen Ländern. Dadurch, dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, bin ich ja auch deutsch sozialisiert. Und mir ist aufgefallen, dass ich, wenn ich im Libanon bin, viele Sachen nicht so witzig finde wie alle anderen. Da sind es oft weniger sozialkritische Sachen, über die man lacht. Der deutsche Humor ist trockener. Der geht ein bisschen tiefer. Man traut sich glaube ich auch, über Sachen zu lachen, von denen andere die Finger lassen würden.

Hast du in Deutschland Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht?
Auf jeden Fall. Ich bin aber nicht so gut darin, damit umzugehen. Zum Beispiel haben in Brandenburg mal Neonazis ihre Hunde auf mich gehetzt. Oder bei einem Praktikum wollte der Arzt mich mit Kopftuch nicht hospitieren lassen. Manchmal sag’ ich dann nichts, manchmal versuch’ ich, was zu erwidern. An manchen Tagen geht mir das schon nah, an anderen könnte ich drüber lachen. Aber schön ist es nie.

Kannst du auch von positiven Erfahrungen erzählen, die du im Multikulti-Zusammenleben in Deutschland gemacht hast?
Klar. Mein ganzes Leben ist eine positive Erfahrung. Angefangen von der Schulbildung über Freundschaften über das kulturelle Leben und meine Uni. Ich habe ein Stipendium, das ist alles ziemlich positiv.

Findest du, dass die deutsche Zivilgesellschaft angemessen auf Fremdenfeindlichkeit reagiert?
Grundsätzlich glaube ich, dass gerade viel passiert, was Flüchtlingshilfe angeht. Es gibt zum Beispiel auf Facebook diesen Aufruf, Briefe nach Freital zu schicken, in denen die Leute willkommengeheißen werden. Es wird nur einfach nicht so stark drüber berichtet, wie wenn so ein rechter Mob vor einem Heim aggressive Parolen herumschreit.

Interview: Jacqueline Niewolik

Nemi El-Hassan und der Kampf gegen den IS

Statt „Heavy Metal“ ruft das Publikum bei der „i,Slam“-Reihe immer lautstark „Falafel“, wenn einer der Slammer aus seinem Text fällt und dadurch peinliche Stille entsteht. Auch Nemi El-Hassan trug 2012 ihren ersten Poetry Slam in Bremen bei einem „i, Slam“ vor. Bei dieser Slam-Reihe sollen muslimische Jugendliche für die selbstgeschriebenen Vorträge begeistert werden.

Seit Nemis erstem Dichterwettstreit hat sich einiges getan: Während der Pegida-Demonstrationen in Dresden wurde die 21-Jährige im Januar durch einen Vortrag bei der Gegenveranstaltung „Offen und Bunt“ bekannt. Ihr Text „Der Sommer kommt“, in dem sie sich gegen Rassismus aussprach, wurde auf Youtube bis heute knapp 56 000 mal angeschaut. Darin ruft Nami die Deutschen dazu auf, ihr Denken zu reformieren. „Deutschland hat Angst“, sagt sie – und will, dass sich das ändert, damit Menschen hier friedlich zusammenleben können.

Neben diesem bekannten Video hat Nemi jetzt auch ihren eigenen Youtubekanal „Datteltäter“. Darauf macht sich die Muslima gemeinsam mit anderen Muslimen – unter anderem auch mit dem Mitbegründer der „i- Slam“-Reihe Younes Al-Amayra – über den IS lustig. „Wir versuchen das Thema satirisch aufzubereiten. Aber es soll auch ein Denkanstoß sein“, sagt Nemi über ihren Kanal.

Sie selbst ist zwar in Deutschland aufgewachsen, ihre Eltern aber waren Flüchtlinge: Nach der Flucht aus dem Libanon kamen sie in einem brandenburgischen Flüchtlingsheim in Fürstenwalde unter. Geboren wurde Nemi in Bad Saarow. Mit zehn Jahren kam sie auf ein katholisches Gymnasium. Mit 17 Jahren entschied sie sich ein Kopftuch zu tragen – freiwillig. So ist es bei vielen Schiiten und Sunniten üblich. Ihre Noten auf dem Gymnasium waren so gut, dass sie eine Klasse überspringen konnte. Später schaffte sie ein Einser-Abitur. Für ihr Medizinstudium zog es Nemi nach Berlin. Mit gerade mal 21 Jahren ist sie mittlerweile im achten Semester.

Manuel Behrens und Hannah Scheiwe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr