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Genetikk im Interview: „Ohne Schaden geht’s nicht“

Erfolgreiches Straßen-Rap-Duo Genetikk im Interview: „Ohne Schaden geht’s nicht“

Mit Straßenrap haben Genetikk die Charts erobert. Im Interview erklärt Rapper Karuzo, warum Kunst nicht authentisch sein muss – und Vegetarier sich seiner Meinung nach selbst belügen.

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Hip-Hop mit Grips: Rapper Karuzo (rechts oder links) und Sikk sind Genetikk.

Quelle: Genetikk

Hannover. Karuzo, als Hip-Hop-Duo Genetikk seid ihr nie ohne Masken unterwegs. Entwerft ihr die für jedes Konzert neu?

Es hat immer kleine Veränderungen gegeben, man will ja einfach auch mal was Neues ausprobieren. Wir legen besonders viel Wert auf die Installierung drumherum, damit darüber möglichst viel transportiert wird, weil man unsere Mimik nicht sehen kann. Die Maske hat für mich jetzt auch viel mehr Vorteile, weil unser Privatleben komplett geschützt ist.
Auf eurem aktuellen Album „Fukk Genetikk“ rappt ihr auf der einen Seite vom großen Geld und auf der anderen Seite davon, dass wahres Glück von innen kommt. Das widerspricht sich doch.

Das sind Genetikk

Die Rapper Karuzo und Sikk (ihre echten Namen verraten sie nicht) kennen sich aus der Schulzeit in Saarbrücken. Mit 13 Jahren machten die beiden das erste Mal zusammen Musik und gründeten Genetikk. Die Gruppe wurde in den folgenden Jahren immer wieder um zusätzliche Mitglieder erweitert und ausgedünnt – bis das Gründerduo übrig blieb und 2010 das erste Album „Foetus“ veröffentlichte. Aufgenommen wurde die Platte in Paris, wo die beiden zusammen mit Freunden Teile ihrer Jugend in den rauen Vororten der Metropole verbracht haben.
Markante Beats, kombiniert mit dem harten, aber gewitzten deutschen Straßenrap des Duos sind es, die Genetikk einen Vertrag beim exklusiven Hip-Hop-Label Selfmade Records eingebracht haben. Dort folgt der Durchbruch: Ihre beiden Platten „D.N.A.“ (2013) und „Achter Tag“ (2015) kletterten auf Platz eins der Charts.

Ich glaube, dass jeder Mensch mit diesen Widersprüchen lebt: Man will teure, funkelnde Sachen und schicke Schuhe haben und gleichzeitig, dass es anderen Menschen, denen es schlechter geht, besser geht. Es scheint so, als wenn viele Leute gerade mit dieser Platte ein Problem damit haben, dass wir genau diese Widersprüche ansprechen. Sie scheuen sich davor, zuzugeben, dass wir auch in diesen Widersprüchen leben.

Gibt es eine Lösung für diesen Konflikt?

Ich glaube nicht, dass es dafür ein politisches Konzept gibt. Jeder muss versuchen, das für sich selbst aufzulösen. Jeder Mensch findet einen Weg, der für ihn funktioniert und dabei möglichst wenig Schaden anrichtet. Ohne Schaden geht es aber nicht, weil Leben anderes Leben auslöscht. Das ist Teil dieses Ökosystems. Jeder Schritt, den man macht, kostet irgendwelchen Kleinstlebewesen das Leben. Auch wenn man nur den ganzen Tag Salat frisst und sich einbildet, als Vegetarier oder Veganer besonders schonend mit seiner Umwelt umzugehen, dann ist das nicht wahr. Da lügen sich alle Menschen selbst etwas vor: Warum ist das Leben eines Regenwurms oder einer Fliege weniger wert als das einer Kuh?

Im März in Hannover

Am Sonntag, 19. März, spielt das Hip-Hop-Duo im Capitol. Tickets gibt es für 35,30 Euro in den HAZ-Ticketshops und unter tickets.haz.de. ZiSH verlost bis Freitag, 16 Uhr, auf www.facebook.com/ZishHAZ zweimal zwei Karten für das Konzert.

Warum denn?

Das hat was mit ganz banalen, unbewussten Gedanken zu tun: Das Säugetier steht mir selbst näher als ein Insekt. Im Endeffekt schadet man seiner Umwelt damit eben auf eine andere Art und Weise. Das soll kein Vorwurf sein. Man schadet, dadurch dass man am Leben ist, seiner Umwelt. Man muss halt versuchen, einen Ausgleich zu schaffen. Und wenn das jeder macht, kann das funktionieren.

Nervt es euch eigentlich, wenn Leute die Widersprüche und Doppeldeutigkeiten in euren Texten nicht erkennen?

Wenn es uns nicht gelingt, verstanden zu werden, dann ist das halt so. Ich will auch nicht immer den anderen die Schuld geben und sagen, dass das alles Idioten sind. Das Leben ist manchmal kompliziert, und man schafft es nicht immer, alle Konflikte aufzulösen. Aber wir können ja auch keine andere Musik machen als die, die wir machen. Wir sind keine Ingenieure und planen eine Maschine, sondern wir sind Musiker und versuchen, eine Platte zu machen, die uns gerade reflektiert.

Euer Album ist sehr amerikalastig: Es geht viel um Indianer, Cowboys und den amerikanischen Finanzbetrüger Jordan Belfort. Hat euch Amerika im letzten Jahr bewegt?

Das hat bestimmt unterbewusst eine Rolle gespielt. Es ist immer schwierig zu sagen, woher das kommt, was am Ende auf der Platte gelandet ist. So wie man manchmal auch nicht erklären kann, warum man sich in ausgerechnet den Partner verliebt hat. Das fühlt sich beim Musikmachen ähnlich an. Amerika ist auch nur ein Symbol. Europa ist nicht grundsätzlich anders als Amerika. Im Gegenteil, wir stehen den USA politisch und kulturell viel näher als vielen anderen Teilen der Erde, weswegen es auch um unsere Lebenswirklichkeit geht. Alles, was man in den Nachrichten und an Popkultur entgegengeschleudert bekommt, spielt eine Rolle und taucht da wieder auf: Kulturkampf, Kulturkannibalismus. Das ist ein großes Thema unserer Zeit.

Spielt neben dem Kampf der Kulturen auch Populismus eine Rolle bei euch?

Ja, auch was das ganze Trump-Ding angeht. Ich finde es immer so merkwürdig, wie darauf reagiert wird im Rest der Welt. Gerade unsere Gesellschaft neigt dazu, sich davon zu entfernen und zu sagen: „Damit haben wir gar nichts zu tun, das sind so ein paar Verrückte.“ Die machen aber offensichtlich über die Hälfte der Wählerschaft aus. Dennoch hat Trump die Wahl gewonnen. Man kann nicht immer wie insbesondere die Links-Intellektuellen in Deutschland so tun, als ob das nicht ein legitimer Bestandteil von gesellschaftlicher und politischer Entwicklung ist. Selbst wenn man andere politische Meinungen vertritt, lebt man gemeinsam in einem System. Da ist man selber auch mitverantwortlich.

Inwiefern?

Es heißt immer, die Demokratie sei der große Selbstzweck, aber wenn einem dann ein demokratisch zustande gekommenes Ergebnis nicht in den Kram passt, sucht man händeringend nach dem Grund dafür. Dabei ist man dafür mitverantwortlich. Vielleicht weil man selber keine besseren Konzepte oder Lösungen angeboten hat. Dass Trump kein guter Mensch ist, ist uns auch klar. Mutter Teresa hätte man lieber.

Im Album sprecht ihr also die Doppelmoral in der Gesellschaft an.

Ja, genau. Es ist nicht so, dass wir diese Doppelmoral nicht auch hätten. Ganz klar. Aber die anderen sollen nicht so tun, als ob auf unserer Platte die große Überraschung ist.

Findet sich Doppelmoral nicht oft im deutschen Hip-Hop? Ihr rappt vom Leben in den brasilianischen Favelas oder den Pariser Vororten, Haftbefehl vom harten Gettoleben. Ist das eigentlich authentisch?

In Paris waren wir beide einige Monate lang und haben mit Jungs von dort erste Sachen aufgenommen. Von denen wurden wir überhaupt an das professionelle Musikmachen herangeführt, und da kriegt man schon einiges mit. Die Sachen tauchen dann auch in der Musik auf, in Brasilien war das genauso. Ich war insgesamt sechs Monate in meiner Jugend dort und habe nicht in irgendwelchen Hotels gewohnt, allerdings auch nicht in der Favela, aber vor Ort mit Familien von dort gesprochen. Die Eindrücke sind einfach da. Außerdem sehe ich überhaupt nicht ein, warum ich mich in irgendeiner Art und Weise beschränken soll. Wenn mir jemand nicht zuhören will, wenn ich davon spreche und diese Dinge verarbeite, dann ist das in Ordnung. Wenn ich nur erzählen darf, was in meiner alltäglichen Lebenswelt passiert, dann gäbe es ja überhaupt keine Kunst. Ich mache ja keinen Song über einen Gebrauchtwagenhändler, sondern es soll um Sachen gehen, die mich berühren. Woher habe ich als Schriftsteller das Recht, einen Kriminalroman zu schreiben? Muss ich dann Mörder und Vergewaltiger sein? Und selbst wenn ich nicht authentisch bin, habe ich als Künstler immer das Recht, meine eigene Sicht dieser Welt zu schildern. Ich glaube, Dinge wie Intuition, Recherche und eigene Erfahrungen legitimieren, das zu machen. Mein Brasilianisch habe ich nicht auf der Schulbank gelernt, sondern auf der Straße.

Interview: Sarah Seitz

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