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Ist es spießig, jung zu heiraten?

Essays: Pro und Contra Ist es spießig, jung zu heiraten?

Die eigene Hochzeit liegt für die meisten jungen Menschen in ferner Zukunft – „frühestens mit 30“, sagen viele.
 Aber eben nicht alle. Zwei ZiSH-Autorinnen erklären, was für und gegen eine Ehe mit Anfang 20 spricht.

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Die Hochzeit - der schönste Tag des Lebens. Aber gilt das auch für den Rest der Ehe?

Quelle: Fotolia

Pro: Ehe bedeutet Sicherheit

Meine Vorstellung von der Ehe ist nicht besonders romantisch. Das habe ich am eigenen Leib erfahren, als sich meine Eltern trennten. Seitdem denke ich recht pragmatisch über das Thema. Die Ehe gibt mir nichts, was ich nicht sowieso schon habe. Trotzdem werde ich nächstes Jahr heiraten – mit 23 Jahren.

Ich sehe den Bund nicht als Einschränkung, er gibt mir eher Halt, um mich noch freier zu entwickeln. Wenn ich an die Schwierigkeiten denke, die in der Zukunft womöglich auf mich zukommen, zum Beispiel beim Einstieg in den Berufsalltag oder finanzielle Hürden, dann fühlt es sich gut an zu wissen, dass ich diese nicht alleine durchleben werde. Diese Sicherheit nimmt mir Sorgen und Lasten.

Bei einer Ehe geht es nicht darum, einen perfekten Lebensstil zu erreichen, sondern gemeinsam zu wachsen. Viele Menschen haben einfach zu große Erwartungen an die Ehe. Sie erhoffen sich, dass die Beziehung durch die Hochzeit noch mal besser und enger wird und sie den Lebensstil aufpoliert.

Ich habe solche Erwartungen nicht, denn für mich wird sich nichts ändern – bis auf meinen Nachnamen. Mein Freund ist 29, und unser Leben ist schon jetzt eng auf den anderen abgestimmt. Wir fühlen uns längst wie eine Familie. Kennengelernt haben wir uns vor drei Jahren ganz zufällig – am Telefon. Ich arbeitete damals in einem Callcenter in Irland für eine IT-Firma, er in Hannover. Aus dem geschäftlichen Verhältnis wurde schnell eine Freundschaft, aus der Freundschaft Liebe und aus einer Distanz von knapp 1 500 Kilometern ein Leben in unserer gemeinsamen Wohnung.

„Armes Kind, du wirst schon noch sehen“

Trotz oder gerade wegen der anfänglichen Fernbeziehung, bauten wir in den ersten drei Monaten ein sehr inniges Verhältnis zueinander auf, ohne dass wir uns je persönlich getroffen hatten. Wir standen jeden Tag 24 Stunden lang in Kontakt, erzählten uns am Telefon oder im Chat jede noch so kleine Kleinigkeit unseres Alltags und waren schon damals unzertrennlich. Dass die Chemie bei unserem ersten Treffen dann auch noch stimmte, war pures Glück. Wenn man es genau nimmt, haben sich auf diese Weise erst unsere Seelen und dann unsere Körper lieben gelernt. Der Antrag folgte im Juni dieses Jahres, während meines Auslandspraktikums in Spanien.

Die Reaktionen meines Umfelds darauf waren fast alle positiv. Trotzdem gibt es den einen oder anderen, der meint, dass ich mit 23 Jahren viel zu jung bin, um zu heiraten. Für mich hat mein Alter eigentlich nie eine Rolle gespielt. Nicht bei Jobs, Auslandserfahrungen, Partys oder Beziehungen. Deshalb werde ich jetzt, wenn es um eine Ehe geht, nicht damit anfangen, das als Kriterium zu sehen.

Warum wird ein junges Paar, das heiratet, kritisch beäugt, während es vollkommen angebracht scheint, dass man ab dem 30. Lebensjahr schon nach ein paar Monaten heiratet und Kinder bekommt? Man wird schnell als naiv abgestempelt und mit einem „Armes Kind, du wirst schon noch sehen“-Blick bedacht. Klar, es gibt Fälle, in denen die Ehe von jungen Paaren nicht hält. Doch auch Ehen, die im fortgeschrittenen Alter geschlossen werden, sind kein Garant für die ewige Liebe. Ein Geheimrezept gibt es nun mal nicht.

Mein Verlobter und ich haben einfach festgestellt, dass wir für unsere Zukunft die gleichen Ziele verfolgen und sind uns sicher, dass es zu zweit einfacher und viel schöner ist, daran zu arbeiten, als allein. Das Schöne und gleichzeitig Beängstigende ist, dass wir nicht wissen, welche Hürden auf uns zukommen werden – aber da ist auch die Sicherheit, dass wir immer eine Konstante im Leben haben.

Johanna Kruse

Contra: Zu viele Kompromisse

Seit Jahren stelle ich mir vor, wie ich im weißen Spitzenkleid gen Altar schreite. Mein Vater führt mich vorbei an Verwandten und Freunden. Einige heulen ein bisschen, weil sie so ergriffen sind. Mein Freund und ich tauschen Ringe. Alle klatschen. Danach gibt es italienisches Essen, Cocktails und – ganz wichtig – eine Candybar. Ich weiß genau, wie ich heiraten würde. Ich weiß nur nicht, warum ich das in naher Zukunft tun sollte.

Dabei finde ich Hochzeitsfeiern super. Bei der Ehe denke ich aber nicht nur an Liebe. Denn über Jahrhunderte hinweg spielten diese und Gleichberechtigung dabei schließlich gar keine Rolle. Noch bis zum Jahr 1958 konnte der Mann laut Gesetz in Eheangelegenheiten alleine entscheiden.

Heiraten, Kinder kriegen, Haus bauen, Haus abbezahlen und glücklich sterben

Auch wenn meine Großmütter einen Beruf hatten und zeitweise ausübten: Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachten sie damit, Kinder und Mann zu betüddeln. Und auch meine Mutter wurde im Dorf sogar noch schief angeschaut, weil sie Vollzeit arbeitete und dreimal heiratete. Von einer Ehefrau auf dem Land wurde noch in den Neunzigern erwartet, dass sie neben ihrem Teilzeitjob für Kind und Ehemann Abendessen kocht.

Ich weiß, das ist klischeehaft. Aber so habe ich die Ehe nun mal erlebt: in klassischen Geschlechterrollen. Ich finde den Gedanken gruselig, das Leben der Eltern meiner Freunde zu wiederholen: heiraten, Kinder kriegen, Haus bauen, Haus abbezahlen und glücklich sterben. Hoffentlich.

Statistik gegen erfolgreiche Ehe

Mit dem anderen Extrem, der Generation Y, die laut Buchautor Michael Nast angeblich beziehungsunfähig ist, identifiziere ich mich aber auch nicht. Mein Freund und ich haben uns in Prä-Tinder-Zeiten kennengelernt. Wir sind seit fünfeinhalb Jahren zusammen. Bis vor Kurzem haben wir für ein halbes Jahr zusammen gewohnt – und es dann wieder gelassen. Er wäre gern noch geblieben, ich wollte zurück nach Hannover. Denn unser Leben in der Provinzstadt war ein doofer Kompromiss. Wir pendelten beide zur Arbeit oder Uni und fielen abends erschöpft aufs Sofa. Wir lebten wie das sprichwörtliche alte Ehepaar. Das wollte und will ich aber nie.

Ich weiß natürlich, dass man als Ehepaar nicht auf einmal zu Spießern mutiert. Und dass ich nach der Hochzeitsnacht nicht an den Herd gefesselt werde. Meine Gefühle sind da ambivalent. Ich mag den Gedanken, der hinter der Ehe steht. Wer heiratet, hat sich für diese eine, ganz besondere Person entschieden. Man übernimmt Verantwortung füreinander. Für immer. Das ist wirklich romantisch. Es macht mir aber auch Angst.

Denn niemand kann garantieren, dass mein Freund und ich uns in zehn Jahren noch verstehen. Das sagt auch die Statistik: Mehr als jede dritte Ehe wurde im Jahr 2015 laut dem Statistischen Bundesamt geschieden, nach durchschnittlich 15 Jahren. Denn Menschen verändern sich nun einmal. Daran ändert ein Trauschein nichts.

So eine weitreichende Entscheidung zu treffen, ist mit Anfang 20 zu viel für mich. Ich weiß immer nur, was ich nicht will. So wie unsere Beziehung gerade ist, fühlt es sich richtig an – abgesehen davon, dass wir nicht mehr zusammen wohnen. Aber Abstriche muss man immer machen. Vielleicht lerne ich im Laufe der Jahre, dass das auch für das Heiraten gilt. Solange halte ich es mit „21, 22, 23“ von AnnenMayKantereit: „Du bist 21, 22, 23 – und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst.“

Sarah Franke

Ehe in Zahlen

Bis dass der Tod euch scheidet? Die Ehe hat sich in den letzten Jahren ganz schön verändert. Wie, das zeigt
eine Studie des Statistik-Portals Statista:

Während sich in Deutschland die Anzahl der Eheschließungen in den letzten 50 Jahren fast halbiert hat (von 750 452 im Jahr 1950 auf 373 660 im Jahr 2013), nahm die Anzahl der Scheidungen zu. Jede dritte Ehe wird heute wieder geschieden. 


Das Durchschnittsalter bei der ersten Ehe ist in den letzten 25 Jahren deutlich gestiegen. Während 1991 Frauen im Durchschnitt mit 26 Jahren und Männer mit 28 Jahren heirateten, liegt das Heiratsalter heute bei 30 (Frauen) beziehungsweise 33 Jahren (Männer).


Vor der Ehe ist ein Paar im Durchschnitt 4,7 Jahre zusammen (Stand: 2014).


Eine Traumhochzeit im weißen Kleid ist nach wie vor beliebt: 54 Prozent der Frauen würden in Weiß heiraten oder haben es bereits getan.


Im Jahr 2001 legalisierten die Niederlande als erstes Land der Welt die gleichgeschlechtliche Ehe. Mittlerweile gibt es die Homo-Ehe in 21 Ländern, unter anderem auch in Frankreich, Großbritannien und den USA.


Heiraten im bayrischen Märchenschloss Neuschwanstein ist besonders bei Paaren aus Fernost beliebt. Im Jahr 2012 ließen sich sogar 15 chinesische Paare gleichzeitig auf dem Schloss trauen. 

Tim Wegener

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