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Jugend ohne Anschluss


Sie speichern unsere Musik, zeigen uns den Weg und wissen alles – elektronische Geräte beherrschen unseren Alltag. Doch was passiert, wenn Handy und Computer kaputtgehen? ZiSH berichtet vom unfreiwilligen Verzicht auf die digitalen Helfer.
Verzicht auf die digitalen Helfer.

Verzicht auf die digitalen Helfer.

© Illustration: Stefan Hoch

Technologie hilft uns Menschen, Probleme im Alltag zu lösen. Deswegen habe ich vor Jahren angefangen, meine CD-Sammlung komplett auf dem Computer zu speichern. Nun kann ich, anstatt mit einem Walkman immer nur Portionen meiner Musik mit mir herumzutragen, mit meinem MP3-Player immer und überall alles hören. Der Soundtrack meines Lebens passt in meine Hosentasche.

Über die Jahre sind so mehr als 40 Gigabyte an Musik zusammengekommen – rund 10 000 Lieder. Wenn ich wollte, hätte ich ohne Unterbrechung tagelang Musik hören können. Doch dann war plötzlich alles vorbei.

Nach ein paar Neueinstellungen an meinem Computer klaffte eine Lücke in meinem MP3-Ordner. Da, wo sich sonst die Beatles, Justice, Pet Shop Boys und Jan Delay tummelten, war gar nichts mehr. Auch im Papierkorb fanden sich die Lieder nicht wieder. Ich kam mir vor wie Momo in der gleichnamigen Geschichte von Michael Ende, jeglicher Lebensfreude und -farbe beraubt.

In meinem Freundeskreis erntete ich nur Schulterzucken. Sicher hätte ich doch von allen Liedern Sicherheitskopien angefertigt, war der einzige Kommentar. Hatte ich natürlich nicht – mein blindes Vertrauen in die Kräfte der Technik überwog seit jeher meine Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen.

Ich bin mit Gameboys groß geworden, habe Schulreferate im Internet recherchiert, meine Freundschaften seit der Pubertät über Handy koordiniert, Fotos digital geschossen und seit dem Studium mehr Menschen über Web-Communitys wie StudiVZ, Facebook oder Myspace kennengelernt als in der Mensa oder im Seminar. Ich bin ein perfektes Beispiel für die digitale Generation. Und wie die meisten meiner Altersgenossen verbringe ich zu viele Stunden im Internet.

In Deutschland hat laut dem Faktenbuch des amerikanischen Geheimdiensts CIA mehr als die Hälfte der Bevölkerung Zugang zum Internet. Weltweit, so schätzen Experten, nutzt fast jeder fünfte Mensch das Internet. Anfang 2009 waren das mehr als 1,35 Milliarden, die surfen, chatten, E-Mails verschicken oder digital einkaufen konnten. Für die meisten ist das Internet dabei so etwas wie ein Werkzeug, mit dem sie ohne Beschränkungen rund um die Uhr an Informationen kommen: Referate über den König von Schweden, Hausarbeiten über die kubanische Wirtschaft, Fußballergebnisse aus China oder die neueste Band aus England – zu allem gibt es Informationen, innerhalb weniger Klicks verfügbar.

„Jugendliche sind inzwischen daran gewöhnt, immer Zugang zu Informationen zu haben“, sagt Nicolas Apostolopoulos, Leiter des Centers für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin und dort vor allem für E-Learning, also Lernen mit elektronischen Medien, zuständig. „Der uneingeschränkte Zugang macht bequem. Junge Menschen erwarten, dass die Dinge, die sie wissen wollen, nicht nur in der Bibliothek oder von zu Hause aus verfügbar sind, sondern, überspitzt gesagt, auch aus dem Urlaub.“

Die Menschheit verlässt sich immer stärker auf das Internet als Quelle von Informationen und Speichermedium für alles, und das eigentlich auch aus guten Gründen. „Durch die Verlagerung von Informationen ins Internet werden Kultur und Information wesentlich zugänglicher. Ich muss nicht mehr nach Paris in den Louvre fahren, um mir einen Eindruck von der Mona Lisa verschaffen zu können, sondern kann das vom Schreibtisch aus machen“, sagt Jo Bager, Redakteur des Computermagazins „c’t“.

Auch ich kann Stunden damit verbringen, per Google-Maps den nächsten Urlaub zu planen und bei Wikipedia Wissenswertes über eine Stadt herauszufinden. Meine eigenen Daten stelle ich dagegen nur ungern ins Netz. Ganz im Gegensatz zu vielen meiner Altersgenossen.

„Jugendliche verlagern ihre Kommunikation verstärkt in virtuelle Welten. Wir Älteren kennen die soziale Interaktion noch aus den Zeiten ohne Handy und Computer, als man sich noch normal traf und verabredete. Viele Jugendliche haben das nie gelernt“, sagt Christoph Möller, Kinder- und Jugendpsychologe und Leiter der Teen Spirit Island, der Therapiestation für suchtkranke Jugendliche am Kinderkrankenhaus auf der Bult.

„Rund zehn Prozent der jugendlichen Nutzer zeigen inzwischen ein Suchtverhalten gegenüber Medien, vor allem bei Computerspielen und dem Internet“, sagt Möller. Auch die Handynutzung könne ein suchtähnliches Verhalten fördern. „Für Jugendliche ist ein Handy nicht nur Telefon, sondern gleichzeitig Freundesliste, Stereoanlage, Statussymbol. Selbst in unseren Therapiestunden fällt es den jungen Menschen schwer, für eine kurze Zeit nicht auf ihr Handy zu schauen.“ Auch ich verlasse mich komplett auf mein Handy, Nummern auswendig lernen – Fehlanzeige.

In Deutschland sind Jugendliche ohne eigenes Handy inzwischen deutlich in der Unterzahl: Laut Shell-Jugendstudie besaß bereits 2006 fast jedes zweite Kind im Alter von sechs bis zwölf Jahren ein Mobiltelefon. Für die Älteren sind die Zahlen noch deutlicher: Rund 92 Prozent der Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 Jahren besitzen ein eigenes Handy.

Das hat Auswirkungen, nicht nur auf die Kommunikation, sondern auch auf das Verhalten der Schüler und Studenten: So wie früher Kinder gehänselt wurden, die die falsche Kleidung trugen, werden nun Kinder ausgegrenzt, die kein Handy haben. Früher schrieb man während langweiliger Schulstunden Briefchen an seinen Schwarm, nun schickt man eine Nachricht. Ja, nein, vielleicht – statt eines Kreuzes hinter die klassische „Willst du mit mir gehen?“-Frage zu setzen, antwortet man nun mit einem Emoticon, also einem Smiley, das Gefühle zeigen soll. Nach der Schule wird dann im Internet getratscht, und für das Wochenende werden Pläne geschmiedet.

Technologie soll uns in unserem Alltag zur Seite stehen. In der Wissenschaft nennt man einen Menschen, dessen Leben von Maschinen unterstützt wird, einen Cyborg. Im Hinblick auf den exzessiven Gebrauch von Handys, Computern, Internet oder Navigationsgeräten sind wir alle Cyborgs.

Fällt dann einmal eines der Geräte aus, auf das wir uns jahrelang verlassen haben, ohne das wir uns gar nicht mehr vorstellen konnten zu leben, dann fühlen wir uns zurückgeworfen in die Steinzeit. Recherchieren mit Büchern, lockere Gespräche von Angesicht zu Angesicht, eine Verabredung einzuhalten und nicht in letzter Minute per SMS verschieben – alles Dinge, die man dank seiner Helferlein nie lernen musste. „Jugendliche flüchten sich in mediale Welten, wegen ihrer eigenen körperlichen Grenzen, abgekoppelt von Raum und Zeit“, sagt Psychologe Christoph Möller. „Verliert ein junger Mensch die Möglichkeit der Kommunikation via Internet oder Handy, dann hat er das Gefühl, auch komplett den Kontakt zu seiner Welt zu verlieren.“

Verliert jemand seine Daten, die er nur digital abgespeichert hat, dann steht er da, als hätte es sie nie gegeben. Keine Fotos erinnern mehr an die Schulzeit, keine Songs mehr an die eigene Band, und der Kontakt zu dem Freund, der in England studiert, schläft ohne E-Mails ein. Wenn Archäologen in Tausenden von Jahren über unsere Zeit forschen, werden sie ab dem Punkt, als wir anfingen, alles online zu stellen, nichts mehr über uns herausfinden. Von Weitem muss das so aussehen, als ob eine Zivilisation einfach aufgehört hat, Kultur zu schaffen und etwas zu hinterlassen.

So weit will ich es nicht kommen lassen: Ich gehe jetzt wieder in den Plattenladen und kaufe mir Alben – auf Vinyl.

von Costa Alexander

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