Leben ohne Navigationsgerät
Orientierungslos
Ich kenne jeden Winkel der A 7 – dank vieler Familienurlaube und des Verkehrsfunks spielt es für mich keine Rolle, ob ich nach Flensburg oder nach Füssen will. An diesem Nachmittag überführe ich einen Neuwagen nach Hamburg.
Entspannt fahre ich los. Die einzige Herausforderung auf dieser Fahrt ist der Übergang zur A 1. Aber ich bin zuversichtlich. Für den Fall der Fälle habe ich ja mein Navigationssystem dabei. Vor mir liegen noch 45 Minuten stures Geradeausfahren. Gedanklich schalte ich auf Autopilot. Kurz vor dem Horster Dreieck werde ich doch nervös, denn plötzlich schweigt die freundliche, aber bestimmte Frauenstimme des Navis, und das Display ist schwarz. Ausgerechnet jetzt. Ich verfluche die Technik neben und die GPS-Satelliten weit über mir, während sich auf der rechten Spur Lastwagen Stoßstange an Stoßstange reihen und ich so die richtige Ausfahrt verpasse. Ich merke schnell, dass viele Straßen nach Hamburg-Billstedt führen. Kilometer später fahre ich ab und frage mich in meiner Not durch. Jeder Hamburger gibt mir eine andere Auskunft. Viel zu spät und völlig entnervt erreiche ich mein Ziel. Ich stecke das Navi in meine Tasche, gebe die Fahrzeugschlüssel ab und mache mich mit der Straßenbahn auf den Weg zum Hauptbahnhof. Da ertönt aus meiner Tasche die zuvor herbeigesehnte Stimme: „Bitte links abbiegen!“ Jetzt ist es auch zu spät.
von Felix Klabe
Leben ohne Handy
Ohne Anschluss
Der Bildschirm vom Handy wird schwarz. Ich fluche, schalte das Gerät aus und wieder an. Immer noch schwarz – das Handy ist hin. Ich wünsche mir das gute, alte Adressbuch zurück. Dann hätte ich wenigstens noch die Telefonnummern meiner Freunde. Innerhalb kürzester Zeit bekomme ich zahllose E-Mails – alle wollen wissen, warum ich nicht ans Telefon gehe. Ich scheine untergetaucht. Nur die Telefonnummern der wichtigsten Menschen bleiben mir. Nach ein paar Tagen, in denen ich erfolglos versuche, mir einzureden, dass Handys nicht lebensnotwendig sind, gebe ich auf und besorge mir einen Ersatz. Handys sind vielleicht nicht lebensnotwendig, aber eben sehr praktisch.
von Julia Karrasch
Leben ohne Internet
Rückfall ins Zeitalter der Bücher
Theoretisch müssten Sie jetzt wieder eine Verbindung haben“, sagt die Stimme am Telefon so entnervt, wie ich mich fühle. Nach drei Monaten internetlosen Lebens und durchschnittlich zehn Service-Hotline-Anrufen pro Woche hatte sich der kleine Unterschied zwischen „theoretisch“ und „praktisch“ noch immer nicht aufgelöst. Fraglich, wer unter dieser Situation mehr litt: der arme Mensch im Callcenter, der keine Abhilfe schaffen konnte, oder ich, der ich mich mit endlosen Tetris-Spielen vor Computerentwöhnung zu schützen versuchte.Der Callcenter-Typ hatte wenigstens seine Suchmaschine, ich dagegen war ins graue Zeitalter der Bücher zurückgeworfen worden. Wann immer mir eine Frage unter den Nägeln brannte oder ich für eine Schulaufgabe recherchierte, befragte ich aus Gewohnheit zuerst immer das Internet. Die Antwort auf meine Fragen war jedes Mal gleich ernüchternd: „Keine Verbindung möglich.“
Auch den Kontakt zu Freunden im Ausland zu halten, wurde schwieriger. Briefe brauchen zu lange, und Telefonate werden auf Dauer ganz schön teuer. Aber je länger das Internet auf sich warten ließ, desto mehr freute ich mich über jede analoge Nachricht aus der Ferne und selbst über die kürzesten Anrufe. Ein bisschen Distanz hat manchmal auch etwas Gutes.
von Malte Mühle